Acht Meter pro Sekunde fallend bei Nebel ohne ILS.

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Ich bin kein Pilot.

Was ich aber als Laie weiss, ist, dass man bei Nebel Sichtverhältnissen von 50 Metern in einem Flugsimulator unter Sichtflugbedinungen nur eine geringe Chance hat, sich an das Bodenterrain heranzutasten. Vorausgesetzt natürlich, man hat die Höhenmeter auf den Umgebungsdruck der Landebahn getrimmt und man kennt das Umgebungsterrain:

Man sinkt minimal (max.2-4 m/sek) und hält eine Sicherheitsflughöhe ein, die sicherstellt, unbeschadet davon zu kommen. Dann überfliegt man erstmal die Landebahn und prüft, ob man überhaupt Bedingungen vorfindet, um sicher landen zu können. Ist die Landebahn ausreichend durch Sichtfeuer zu erkennen, ..bekomme ich überhaupt visuellen Bodenkontakt?

So könnte man es zur Not mit einer Cessna oder ähnlichem machen.

Nun stellen wir uns vor, wir fliegen in einer Passagiermaschine, die natürlich sehr viel träger reagiert, als ein kleines Sportflugzeug mit Propellerantrieb.

http://img683.imageshack.us/img683/4793/tu154v.jpg

Wie, um Himmels Willen, kann sich ein Pilot einer Staustrahltriebwerksmaschine, die mit über 50 Menschen besetzt ist, darauf einlassen, einen Sichtanflug mit mindestens 8 m/sek Fallgeschwindigkeit (vertical speed) unter Instrumentenflugbedingungen (Nebel, Milchsuppe) einlassen und sich dann auch noch unterhalb des 100m Limes desjenigen Höhenmeters sacken lassen, der die Sicherheitseichung (Luftdruck mindestens auf Landebahn) darstellt?

In diesen letzten Sekunden hat das Flugzeug etwa 130 Knoten Geschwindigkeit und ist kaum kurzfristig manövrierbar, weil eigentlich schon zu langsam und herrjeh,..8 Meter pro Sekunde?

Ein acht Meter hoher Baum reichte aus, um die Maschine zu touchieren und später vollständig zerschellen zu lassen. Und zu diesem Zeitpunkt war man noch 1200 m von der Landebahn entfernt.

Kein Pilot, der verantwortungsvoll ist, würde so fliegen, denn beim Fliegen zählt nur eines vor allen anderen Dingen: Sicher wieder herunterkommen.

Nun ist dieser Typus des Chrash ein bereits kategorisierter: Controlled Flying into Terrain. CFIT heisst soetwas bei Fachleuten.

Dagegen helfen Warnsysteme, die dich als Pilot daran erinnern, dass du dem Boden gefährlich nahekommst. Ein Radar nach unten tastet den Boden ab und bestimmt die Entfernung zwischen Maschine und Terrain für den Fall, dass die Altimeter mit den Druckangaben der Landebahn falsch gefüttert wurden. Jene Abstürze, bei denen kein maschineller Defekt vorliegt, der das Steuern der Maschine unmöglich macht, sind dennoch immer wieder zu beobachten und sind dem psychologischen Druck auf den Piloten geschuldet: Wirtschaflichkeitszwänge der Airline, Prestige der Piloten.

Hier entzaubert sich aber der Absturz von Smolensk auf Grund der Fakten des Flugschreibers und des Voice Recorders: Hier war es nicht Wirtschaftlichkeit sondern der Anspruch der begleitenden Passagiere, in personam, der Luftwaffen Chef, leicht alkoholisiert, der nachweislichen Druck auf den Entscheidungsträger am Stick der Maschine ausübte, denn wohlgemerkt, ein Flyby mit exakt geeichtem Höhenmeter hätte in der Situation, in der man nicht durch ILS (eine Art vertikales wie horizontales Radar-Leuchtfeuer der Runway, kurz Istrument guided Landings System) geführt hat landen können, die gesicherte Erkenntnis erzeugt, dass man schlicht nichts sehen hätte können und damit die erfolgreiche, sichereLandung zu jenem Zeitpunkt unmöglich sein musste.

Dies wäre mit Sicherheit fachlich auch vor dem Luftwaffenchef und auch vor weiteren Größen an Bord zu vertreten gewesen. Auch jene mussten wissen, dass eine Tupolew nunmal kein Sportflugzeug ist, mit welchem man über Wipfel eines Baumes mal eben hinweg hüpfen kann. Bei 130 knots und 8m/sek dauert es aber mehr als einen Wimpernschlag, bis die Turbinen das Leistungsmoment in Aufwärtsschub umsetzen.

Die Reaktion des Kaczynsiki Bruders in der Presse ist mir absolut unverständlich. Was hätte eine polnische Delegation anderes aus den zwei geborgenen Black-Boxes schliessen können? Etwa, dass es der alleinige Fehler eines Piloten der polnischen Luftwaffe war? *Kopfschüttel* Kein Pilot auf der ganzen Welt trifft solche Entscheidungen ohne einen gewissen Druck im Nacken, denn alle Ausbildung, alle Schulung und alle bis dato gesammelte Erfahrung im Cockpit eines Staustrahlflugzeuges schreien geradezu: " No Go!"

Nicht nur, dass man soetwas nicht machen darf (mit einer Cessna zum Beispiel), nein,..wenn man es denn macht, dann eben nur auf Grundlage eines Flyby wie von der russischen Bodenstation durch das Kommando "stand by (sic!) for landing" vorgeschlagen. (siehe oben)

Quellen/Links:

www.youtube.com/watch?v=ucfMbPt8xRw&;;;;

Videosimulation in voller Länge des Approach on Smolensk

www.youtube.com/watch?v=kb-ayk4Do70&;;;;

Landeanflug im Detail mit Cockpit Instrumenten

(darunter Analoger und digitaler Vertical Speed Anzeiger, auf verschiedenen Druck getrimmt...)

Russia Today, Simualtion der letzten Minuten anhand der Fluginstrumente, Radaraufzeichnung und Cockpit Voice Recorder. Warnung!!! Explzite Cockpit Aufzeichnung. Kann auf den Magen schlagen.

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www.flightglobal.com/articles/2010/04/16/340631/questions-loom-over-disastrous-polish-presidential-flight.html

Flight Global com Artikel vom 16.04.2010

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de.wikipedia.org/wiki/Flugzeugabsturz_bei_Smolensk#Flugzeug_und_Avionik

Wikipedia Artikel zum Absturz

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www.welt.de/politik/ausland/article12116123/Kaczynski-nennt-Absturz-Bericht-eine-Verhoehnung.html

Welt Artikel zur den Reaktion des Kaczynski Bruders.

11:12 13.01.2011
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Geschrieben von

Tycho

It's all now.
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