Na dann mal noch Einen drauf geben!

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehr gut kann ich mich noch an die Vorlesung im Mathematikstudium erinnern, in der uns der 15-dimensionale Raum dargestellt wurde und tafellange Abhandlungen wieder hinunter zum 3-dimensionalen Raum gelangten. Nach dem Schreck über die 15 und dem damit verbundenen völligen Unverständnis meinerseits (es leuchteten wohl nur bei 3 von 40 die Augen) „wachte“ ich erst wieder bei Erwähnung der 3 auf.

Länge, Breite, Höhe, Zeit, Politik – einen 5-dimensionalen Raum kann ich mir heute schon gut vorstellen. Doch da gibt es noch den der „intellektuellen Interpretation“, einen sehr gewöhnungsbedürftigen „6.Raum“.

Vielleicht kennen Sie auch den Spruch: „Keiner hat mich verstanden! Nur einer – und der hat mich missverstanden.“

Das ist gewissermaßen die Vorstufe und bezieht sich immerhin noch auf direkt Gesagtes.

Eine noch lächelnswerte Steigerung liegt vor, wenn man bei (un)absichtlichen Doppeldeutigkeiten einen moralisch erhobenen Zeigefinger zu spüren vermag und das Kopfschütteln anderer darauf hinweist, dass die Worte zuerst eine sexuelle Auslegung bekamen – ein gedanklicher „Sex-Raum“. „Wie kann man nur?!!!“

Die Vollendung erfährt dieser 6.Raum, wenn die ähnliche Wirkung einzelner Ereignisse / eigener Erlebnisse dargestellt werden und, was ja auch nicht so üblich ist, keine Abgrenzungen gegenüber Missdeutungen sowie politischen Auslegungen eingebaut oder hinzugefügt wurden. Einfach geschildert, das Anliegen deutlich gemacht und – das ist das Erwähnenswerte! – auch verstanden worden, verselbständigt sich das Gesagte/Geschriebene in die Höhen des Raumes „intellektueller Interpretationen“.

Total interessant ist es, zu lesen, in welche Zusammenhänge die eigenen Worte gebracht und völlig anders gesehen werden. Nein! Gesehen werden müssen!

Schier wissenschaftliche Ausarbeitungen in schöpferischer Umsetzung von „Was will uns der Dichter damit sagen?!“ sind mitunter spannender und interessanter als der eigene ursprüngliche Text!

Dann allerdings stutzt man, weil eben diese hochintellektuellen Darstellungen sich im gegenseitig befruchtenden Miteinander anderer Wortgewaltiger verselbständigen und man weder den Bezug auf den Ursprung finden oder herstellen kann, noch zu erkennen ist, wer wem nun eigentlich was in Frage stellt und betonend wie erklärend in ein ganz anderes Licht rückt. Hauptsache scheint: Nochmal Einen drauf geben!

In diesem Moment fühle ich mich wieder in die ungewollte 15.Dimension gehoben, lasse jene, die das wollenund wohl auch brauchen (eine Art Sprachvampire), mit sich alleine und finde andere geschilderte Erlebnisse/Ereignisse/Meinungen, die ich nun heißhungrig lese und bei denen ich mir nur überlege: Habe ich das selbst schon mal ähnlich erlebt oder erkenne ich die gegebenen Hinweise für ein derartig mögliches eigenes Erleben.

Sollte ich gerade nix finden, dann erfreue ich mich einfach an der Natur, schaue mir Blumen an und spüre wohltuend diese Bodennähe.

http://a.imageshack.us/img829/2690/grblu272.jpg

08:24 28.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

udz

Freundliches und achtungsvolles Begegnen sind mir Leitfaden.
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 1

Avatar
hagen-schumacher | Community