Voller Freude an den Wahlen

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Als Kind begleitete ich meinen Vati und fand den Tag im Wahllokal spannend – von der Blumenübergabe an den ersten Wähler über die feierliche Form bis hin zu meiner Aufgabe, stets den Kopierstift in der Wahlkabine spitz zu halten.

Mit der eigenen Familie dann nach Gotha gezogen erklärte ich mich gern bereit, in einem Wahllokal mitzuarbeiten. Da der erste Wahltag dort allerdings nicht mehr zu feierlich – eher etwas lieblos – ablief und auch der erste Wähler keinen Strauß bekam, gab ich mit für die Zukunft eine Aufgabe, die ich bis in das Heute gern und mit wahrer Begeisterung umgesetzt habe und es weiter tun möchte:

  • Jeder Wähler ab 85 bekam eine Blume (meist Nelke)
  • Jeder Erstwähler bekam eine Blume
  • Jeder, der am Wahltag Geburtstag hatte, bekam eine Blume

Das sprach sich schnell herum. Einige freuten sich darüber sehr. Und jeder, der das Wahllokal mit einer Blume verließ, erinnerte vielleicht andere ans Wählen und lief Reklame für „mein“ Wahllokal.

Inhaltlich kann ich bestätigen, dass unsere Auszählungen zu DDR-Zeiten exakt und nicht verfälscht waren und im Rathaus abgegeben wurden. Was danach passierte, kann ich nicht sagen.

Die erste Wahl nach der Wende sah mich wieder in der Gruppe des Wahllokals. Verständlich die Fragen, was ich denn dort wolle, wo ich doch in der DDR schon Wahlen mit verfälscht hätte. Das Letztere verbat ich mir, weil ich nicht global mit verurteilt werden wollte und ich mir konkret nicht zu Schulden kommen ließ!

Und warum ich mich überhaupt trauen würde, mitzumachen. Wahlvorsteher sollte ich mir wirklich nicht einbilden. Das war mir auch so klar. Doch als ich von den Blumen und davon sprach, dass ich in dem Betrieb arbeite, in dem das Wahllokal war, und somit wüsste, wo was sei vom Wasser und Licht bis zur Krankentrage, da kam nur noch die Nachfrage, woher den die Blumen kämen? Als ich sagte, dass ich sie selbst kaufen und mitbringen würde, erntete ich zweifelhafte Blicke. Prompt kam, dass ich nicht glauben solle, mich damit „freikaufen“ zu können. Ach diese engstirnig Denkenden!

Nun bin ich schon jahrelang Wahlvorsteher, gestalte „mein“ Lokal so, dass dessen Besuch allein eine Freude ist und als Dank an die Wähler gesehen werden kann. Mit Blümchen dekoriert, mit den 30-40 Nelken, mit einem stets nachgefüllten Teller mit Gummibärchen für mitkommende Kinder kann ich mich voll ausleben.

Da meine Mitstreiter den ganzen Tag schließlich in dem Wahllokal zubringen, sorge ich mich natürlich auch um ihr Wohl und biete an Kaffee / Tee / MilchWasser / Plätzchen / am Nachmittag Kleinigkeit (Eis oder Melone oder Kuchen). Dazu dezente Musik, die selbstverständlich ausgestellt wird, wenn sich davon ein Wähler beeinflusst fühlen sollte – was noch nie der Fall war.

Bei der letzten Wahl warf ich erstmals Blumenbilder mit einem Beamer an die Wand, so dass Wartende und eben die Mitstreiter sich auch daran erfreuen konnten.

Und wie sieht das inhaltlich aus? Na wie immer! Korrekt und keinerlei Wahlfälschung zulassend.

Was passiert mit den Blumen, die übrig bleiben? Sind es mehrere, dann schenke ich einen Teil den weiblichen Mitstreiterinnen. Die Übrigen nehme ich mit ins Rathaus und verteile sie an die dortigen fleißigen Mitarbeiter, die ja alles sammeln, prüfen und weiterleiten müssen.

http://a.imageshack.us/img839/7203/wahl20090607.jpg

16:14 29.08.2010
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Geschrieben von

udz

Freundliches und achtungsvolles Begegnen sind mir Leitfaden.
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