1961, 1968 - heute Afghanistan: belogen – nichts besser / nur anders

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(Vielleicht lag es am Freitag den 13., dass ich gestern diesen Eintrag nicht in den Freitag bringen konnte.)

Als mein Vater am Sonntag, dem 13. August 1961 schon sehr zeitig auf den Beinen war, fragte ich ihn nach dem Grund und weshalb er denn fast ins Radio kriechen würde. Gegen 05 Uhr sei er über einen Kampfgruppenalarm geweckt worden. Man solle sich bereithalten, gegebenenfalls nach Berlin zu fahren. Laut Radio wurden die Grenzen zu Westberlin dicht gemacht. Fast vierzehnjährig war das freilich ein tolles Ereignis. Allerdings würde meine „nach den Westen abgehauene“ Schwester nun wohl nie mehr wieder oder uns auch nur besuchen kommen, stellten meine Eltern fest. Dass aber auch der Abwerbung der Intelligenz ein Riegel vorgeschoben wurde, fand ich gut wenn auch im Fall meines prima Hautarztes zu spät. Die Gründe für den Bau dieser Mauer leuchteten mir ebenso ein, wie später diejenigen, weshalb die Mauer dem Lauf der Geschichte im Wege stand. Letzteres gibt die klare Sicht auf die unnötig an der Mauer getöteten. Bei manchen frage ich mich allerdings, was sie denn erwartet hatten, wo sie doch wussten, dass und wie dort Menschen getötet wurden?

Heute scheint alles klar zu sein, auf der Hand zu liegen. Aber die Geschichtsschreiber schauen meines Erachtens meist nach wie vor einseitig auf diesen Teil deutscher Geschichte.

August 1968 hatte ich meine damalige Verlobte soweit, dass sie es wagte, mit mir per Anhalter von Jena nach Meerane zu fahren. Als wir die Autobahnauffahrt hinauf gingen, kam uns ein Polizist entgegen. Wir machten Kehrt und liefen zügig aber bestimmt zurück zur Landstraße. Von dort sprachen wir dann mit diesem Polizisten. Er meinte, dass es eine schlechte Tramperzeit wäre. Überall in den Wäldern stünden Raketeneinheiten und an allen Autobahnauffahrten stände Polizei. Militärfahrzeuge der drei Westmächte würden möglicht nicht auf die Autobahn bzw. herunter gelassen. Es stünde sicher etwas Größeres bevor. Gern würde er uns ein Auto anhalten, welches uns dem Ziel näher bringen könnte.

Wir verzichteten, fanden selbst eines und sahen tatsächlich an allen Autobahnausfahrten Polizei.

Am kommenden Tag hörten wir im Radio, dass der Warschauer Pakt in Tschechien eingefallen sei. Damit sei man einem möglichen Ziel der NATOübung „Panthersprung“ auf westlicher Seite zuvor gekommen, hieß es zur Begründung.

Die Gegenwart wird geprägt vom Einsatz der Bundeswehr „in aller Welt“ – zumindest und ganz besonders in Afghanistan. Zahlreiche Tote sind zu beklagen. Dass Deutschland dort mit einschreiten müsse, um das Land und die Welt vom Terrorherd zu befreien, wurde als Begründung gegeben. Nun ändern sich die Begründungen mit den Jahren, so dass man sich auch hier zumindest fragen muss, ob man nicht wieder nach Strich und Faden betrogen wird?!

Man müsste eigentlich stolz sein, in einer solchen Zeit Deutschlands zu leben, die Umbrüche mitzuerleben und sich einbringen zu können in die Gestaltung deutscher Zukunft.

Doch ich kann das nicht!

Stolz bin ich allein nach wie vor, guten Gewissens täglich vor den Spiegel treten zu können, weil ich immer aktiv für den Erhalt von Kultur auch im Umgang miteinander und die Beachtung der Menschenwürde eingetreten bin und auch heute diese Fahnen hoch halte.

Zu wenig? Mag manchem so erscheinen. Doch es sind die Grundwerte, die es vor allem zu schützen gilt, damit darauf eine gute Zukunft errichtet werden kann.

15:57 14.08.2010
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Geschrieben von

udz

Freundliches und achtungsvolles Begegnen sind mir Leitfaden.
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walter-ter-linde | Community
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