„Dumme OSSIs“ und „BesserWESSIs“ noch heute!?

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Bald ist wieder Oktober, jährt sich der Tag der Deutschen Einheit und am Vorabend der Politische Polterabend. Die TV-Sendungen lassen Eigenerlebtes wieder aufleben. Was hat man in diesen 90-er Jahren alles geschafft! Wie aktiv und ereignisreich waren diese Jahre! Statt Fragezeichen stehen Ausrufezeichen, weil ich dies alles heute kaum mehr glauben kann in seiner Vielfalt und Kraftanstrengung.

Wie oft ich mit unter „Dumme OSSIs“ eingeschlossen betitelt wurde, kann ich nicht mehr sagen. Es war sehr oft und sehr deprimierend, wenn ich sah, wer das sagte und selbst mitunter noch keine Lebenserfahrung haben konnte – also einfach nachplapperte – oder soviel Gift in diese beiden Worte goss, wie er es selbst nicht im Entferntesten hätte belegen können. Ja man wollte das nicht einmal sondern stellte diese Charakteristik erst einmal in den Raum.

Anfangs habe ich mich aber auch ertappt, verallgemeinernd von den „BesserWESSIs“ zu sprechen, was großenteils auf den gehörten „Erfahrungen“ Bekannter und Kollegen basierte und nicht im Entferntesten eigener Erfahrung entsprach.

Dienstlich ergaben sich die ersten echten und bis heute bestehenden Kontakte zu „diesen WESSIs“. Als ich 1994 sogar in Kassel zu arbeiten begann, stellte ich schnellstens fest, dass beide Charakterisierungen nicht der Wirklichkeit standhielten!

Während ich den Kollegen als Beispiel für undumme OSSIs täglich vor Augen war, gab es mit der Zeit menschlich hochwertvolle Beziehungen zu gar nicht BesserWESSIs.

Während ich anfangs täglich heim nach Gotha fuhr, nahmen die Fahrtanzahlen ab mit der Belegung einer kleinen Wohnung in Kassel – von dortigen Kollegen vermittelt. In Gotha gab es genug Gelegenheiten, dafür einzutreten, dass man nicht mehr verallgemeinert in OSSI und WESSI – ganz gleich welcher zusätzlichen Bezeichnung. Oft fragte ich nach diesen genannten BesserWESSIs und wollte sie gern kennen lernen – hörte dann Einwände und Rückzugsworte. So war ich daheim auch gegen Unwissenheit der OSSIs tätig.

Heute haben viele Bekannte und frühere Kollegen (wie ich selbst) zahlreiche persönliche Verbindungen zu ehemaligen BRD-Bürgern. Dumme und Besserwissende gab es immer und gibt es auch heute noch zahlreich aber in allen Teilen Deutschlands! Aber man muss sie fairer Weise mit Namen benennen und nicht ganze Menschengruppen darin zusammenfassen.

Am schwersten erscheint mir mitunter, die krassesten gelebten Jahre von Mitmenschen zu akzeptieren. Das betrifft die schweren Erlebnisse wie auch das Nichterleben unwürdiger Lebenssituationen. Oft glaubt man einfach nicht, dass es solche Unterschiede gegeben hat, dass gerade die jüngste deutsche Geschichte so riesig unterschiedlich gewesen ist. Vorurteile gehen aber erst weg, wenn man gewillt ist, dem Anderen zuzuhören und ihn umfassend zu akzeptieren. Nachfragen auf der einen Seite und nachvollziehbare Beschreibungen auf der anderen Seite werden das Leben der „so Anderen“ verständlicher machen und die Echtheit bestätigen helfen.

Während OSSI und WESSI immer seltener zu hören ist, höre ich noch immer „bei Euch drüben in der ehemaligen DDR“ oder sage selbst hin und wieder „bei uns war das …“.

Es gibt noch viele Dinge und ist noch reichlich Zeit nötig, bis das gegenseitige Verstehen gelernt wurde. Die Kinder, welche nur in der Deutschen Einheit aufleben, werden dabei sehr helfen, wenn man ihnen nichts vormacht und eigene Vorurteile durch echtes interessiertes Hinterfragen verdrängt werden.

Für mich gab es eine DDR und eine BRD als Teile des heutigen vereinten Deutschland, die sich seit 1989/90 beide sehr verändert haben und werden.

In dieser bewegtesten Zeit meines Lebens aus dem Erlebten einen eigenen Beitrag für die Überwindung bestehender Verschiedenheiten und Unverständnisse geben zu können, gibt einen gewissen Stolz und stärkt meinen unverwüstlichen Optimismus. Eine besonders liebenswerte Zeit – mit all ihren Unwegbarkeiten und vor allem sozialen Einschnitten.

Ich werde von Celler wunderbaren Menschen erzählen, den politischen Polterabend am 02.10.1990 zu schildern versuchen und von meinem „Mitmachen“ bei den Wahlen vor und nach der Wende berichten wollen.

Die damaligen Kasseler Kollegen werden sich dabei an gemeinsame Diskussionen und meine Schilderungen erinnern können, sollten sie es lesen. Der Kommentator eines meiner Einträge, der im Ruhrgebiet lebt und vieles somit nicht so erleben konnte, wird die „gelebten DDR-ler“ noch klarer sehen können.

16:52 22.08.2010
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Geschrieben von

udz

Freundliches und achtungsvolles Begegnen sind mir Leitfaden.
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