Da fehlte mir echt etwas aus der DDR

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Erinnerungen an DDR-Zeiten, in denen sich für mich Kindheit, Jugend, Ausbildung, Beruf, Familie abspielten, werden nicht selten als „Nostalgie“ betitelt oder führen zu der Frage, ob ich einer der ewig Gestrigen sei und „die alte DDR wiederhaben möchte“?

Dies zeigt mir dann immer erneut, wie leichtfertig und oberflächlich man über einen Teil der Geschichte und auch mein Leben hinweg geht und nur das zu zählen scheint, was andere getan haben und heute schaffen, denn auch das Gefühl wird vermittelt, dass ich mit meinen Erinnerungen nicht so richtig in das Heute Deutschlands passe.

Anders gesagt, stehe ich praktisch neben der Rolle – ob nun gefühlt oder nicht.

Als ich 1994 nach Kassel gebeten wurde und dort fast zehn Jahre arbeitete, fehlte mir bereits 1996 etwas, was ich zuerst nicht beschreiben konnte aber mir schließlich in der Vorweihnachtszeit wie Schuppen von den Augen fiel!

Es fehlten mir kollektiv besuchte oder eigene kulturelle Veranstaltungen – das gewohnte Brigadeleben in der DDR und auch den ersten Jahren der deutschen Einheit im Gothaer Betrieb.

Da höre ich förmlich sofort den Aufschrei einiger gewesener DDR-Bürger, welche vom ZWANG und SCHRECKLICH sprechen und schon gar nicht an KOLLEKTIV (=Team) oder BRIGADE (=dienstlich zusammenarbeitende Gruppe) erinnert werden möchten – es war alles zumindest bei ihnen eine einzige Farce.

Das mag für diejenigen zutreffen. Doch (zumindest in meinem DDR-Berufsleben) hingen Brigadeveranstaltungen von den sie machenden Menschen ab. Das waren wir selber und gestalteten somit Dinge, bei denen wir uns wohlfühlen wollten und konnten. Dass es da auch mal für Diesen oder Jenen einenTheaterbesuch gab, zu dem er weder wollte noch das Erlebte ihn beglückte, das hat man immer und überall und ist keineswegs eine DDR-Zwangserscheinung.

Um auf das mir „im Westen“ fehlende Gemeinsame zurück zu kommen: Vereine lernte ich einige kennen, deren Vereinsleben je nach Inhalt ganz schön und lebendig war. Aber in der Firma innerhalb eines Bereiches oder gar bereichsübergreifend – das war fremd.

Wie „früher“ gewohnt, bot ich einen (Vor-)Weihnachtsnachmittag an, bekam die Kantine dafür und brachte alles mit, was für mich einen Weihnachtsnachmittag ausmachte. Darunter Pyramide, Adventskranz, Schwibbogen, Räuchermännchen, Stollen, Gebäck, Obst, Nüsse, Kaffee und Tee. Die Tische mit Servietten und kleinen Knabbereien und Obst gedeckt ergab es einen Nachmittag, den wir alle Jahre wiederholten und ich ausgestaltete. Die Größe der Kantine wurde retuschiert durch den Weihnachtsbaum der Kantine, der uns Licht gab und den Rest in ein Dunkel hüllte.

Beim Singen der Weihnachtslieder beim ersten Mal merkte ich, dass 2-3 nicht bekannt waren. Den mir gegebenen Hinweis, dass es sich wohl um reine DDR-Weihnachtslieder handeln würde, hätte man wegstecken können, weil das garantiert nicht zutraf.

Auch Wanderungen der Kollegen (bereichsübergreifend) schob ich an und gehörten bald zum kulturellen Wohlbefinden. Dass dies so war, zeigte sich nach dem Niedergang der Firma. Danach erinnerten sich die Kollegen gern immer mal wieder an die erlebte und mitgelebte Kultur.

Bei all dem lernten sich die Kollegen untereinander besser kennen und achten, was wiederum dem Betriebsklima und damit der Firma selbst zu Gute kam.

Und ich hatte und lebte das, was mir anfangs fehlte.

Herz, was willst du mehr!

10:48 21.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

udz

Freundliches und achtungsvolles Begegnen sind mir Leitfaden.
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 2

Avatar