Politischer Polterabend 02.10.1990 – und der Tag danach

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Noch heute denke ich mit gemischten Gefühlen an diesen „Polterabend“.

Anfang 1990 brachte ich mich ein, um mein bisheriges Leben in all dem gehörten und gelesenen Schlamm der DDR nicht einfach mit weggeworfen zu sehen. Gern hätte ich damals eine bessere DDR gehabt, in der die Hoffnungen all derer auch aufgehen, die nach dem Krieg ein wirklich neues Deutschland aufbauen wollten. Nun schloss sich „meine DDR“ an die BRD an.

Wir Linken – unterschiedlichster Motivationen für ein Mitnehmen des eigenen ICH und eigener Gedanken / Vorstellungen – hatten uns in der Gothaer Mauerstraße („Kreml“) zusammen gefunden, saßen zusammen, diskutierten, machten uns einen gemütlichen Abend mit Tanz und Quiz, nahmen Abschied von einem Kapitel eigener 40 und mehr Lebensjahre. So konnte ich da und dort schon eine Träne sehen. Was würde uns baldige Ex-DDR-ler erwarten?

Kurz vor Mitternacht ersteigerte ich die letzte DDR-Fahne des „Kreml“. Dann kam der Tanz in den Tag der Deutschen Einheit. Alle wünschten wir uns gegenseitig eine gute Zeit und ich machte mich so gegen 01 Uhr auf den Heimweg.

Der anbrechende Tag ließ überall Glückwünsche und Hoffnungen in die neue Zeit hören.

Mag es daran gelegen haben, dass ein Schlussstrich unter meine Kindheit / Jugend / Schul- und Studienzeit / Familiengründung und 19 Arbeitsjahre gezogen war und ich dem doch etwas stark hinterher hing, jedenfalls nahm ich an diesem Tag einige Dinge wohl besonders deutlich wahr, die ich gar nicht gut fand.

Da wurde von „endlich Freiheit“ und „nun können Die uns nichts mehr sagen“ gesprochen, welche sich zu DDR-Zeiten jede Freiheit herausgenommen hatten und, weil sie sich nichts sagen ließen, die Arbeit durch andere nicht selten mit gemacht wurde. Es waren die Gleichen, welche damals wie heute wieder riefen, dass sich endlich was ändern muss und „man müsste mal“ (ohne inhaltliche Angaben und den Willen, sich daran selbst zu beteiligen).

Doch es war ein Tag, an dem die Vorfreude auf da Neue überwog.

Was würde ich nun anders machen? Eigentlich alles so weiter wie von Anfang des Jahres und in der Arbeit sowieso, da sich dort ja mit der Einheit nichts Grundlegendes geändert hatte. Dass ich bald darauf im Arbeitsbereich erste Entlassungen vornehmen musste, dass ich Jahre später selbst arbeitslos sein würde, von all dem wusste ich an diesem Tag nichts.

Trotz intensivem und vorurteilsfreiem Einbringen in die neue Zeit bedurfte es sicher zwei Jahre, bis ich die neue BRD als „meinen Staat“ verinnerlicht hatte.

Wer mag es mir verdenken, wenn ich das Gute der ersten 40 gelebten Jahre in mein Heute holen möchte, sobald ich spüre, dass es auch in die heutige Zeit passt und nicht selten eine Lücke füllen kann..

Doch schon steht eine neue Lebensveränderung an. Ehe ich voll und ganz in dem gemeinsamen Deutschland Fuß gefasst habe, sind wir seit Jahren schon auf dem „globalen Weg“, „Europäer“ zu werden. Da sehe ich mich einem Kapitalismus gegenüber, von dem Brecht deutlich schrieb aber sicher viele andere wie ich sich kein Bild machen konnten inseiner großen Menschenverachtung. Und doch muss es auch da eine Chance für das Gute und mich geben!

09:53 05.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

udz

Freundliches und achtungsvolles Begegnen sind mir Leitfaden.
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare