Unwissenheit – Ignoranz – Desinteresse ?

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Dienstreise nach Konstanz, zwei abendliche Gespräche in unterschiedlichen Restaurants zeigten mir den OSSI wieder sehr drastisch.

An meiner Sprache konstatierte man jeweils, dass ich doch sicher aus den – naja, gut – neuen Bundesländern komme.

Die eine Gesprächsrunde erging sich gleich darin, wie toll die Straßen nun drüben seien und alles immer schöner und besser werde, wo doch dagegen gar keine entsprechende Wirtschaft sei und die marode DDR immer noch überall hervorgucken würde. Da fragt man sich wirklich ernsthaft, weshalb man Denen den Solibeitrag immer noch nachwerfen muss. Sollte man doch endlich wieder was für uns (den Westen) tun. Das wäre wahrlich gescheiter!

Oder? Na, woher kommen denn Sie? Gotha? Kennt das jemand hier? Na sehen Sie! Und was fahren Sie für ein Auto – nach 20 Jahren sicher eines von uns – hihihi!?

Lächelnd warf ich ein, dass in ganz Deutschland der Solibeitrag gezahlt wird! (Lachen!) Ich: Sie können es ja nachlesen und in der Partei nachfragen – müssen mir ja nicht glauben.

Ach so! Aha! Sie sind wohl so ein LINKER, der alles besser weiß und uns sagen will, wie wir und was wir zu tun haben?! Kümmern Sie sich erst einmal darum, dass bei Ihnen drüben …

Und wenn man bedenke, was wir (vom Westen) alles an Geld in den Osten gepumpt haben und noch pumpen, da fragt man sich wirklich … Ja, versuchte ich einzuwerfen, das mag sein – doch die Gewinne gingen in den Westen, so dass viele am Osten reichlich verdienten. (Kann mich da an einen Zeitungsartikel vor Jahren erinnern, wo von bis zu 1000% Umsatzsteigerung der Supermärkte durch den Osten geschrieben wurde – wobei die Firmen ihren Sitz im Westen Deutschlands haben.)

Doch es zeigte sich, dass ich der willkommene Gast war, bei dem man so kurz nach dem Jahrestag der Einheit sein wahres Herz ausschütten konnte, wollte und sich da nicht durch Einwürfe in die Parade fahren lassen wollte.

Es ist nicht ganz einfach, in derartigen Gesprächsrunden in eine Ecke der Geschichte gestellt zu werden und immer das Gefühl zu haben, dass man verhöhnt oder auch bestraft wird dafür, dass Deutschland nicht mehr die „alte BRD“ ist.

Dass alle Deutschen aus allen Himmelsrichtungen den Solibeitrag zahlen, ist Tatsache. Dass man das in den ersten Jahren der Einheit im Westen nicht wahrhaben wollte und es auch in der Argumentation nicht so klang, habe ich ja erlebt. Aber nach 20 Einheitsjahren es noch nicht zu wissen oder zu ignorieren, wirft kein gutes Licht auf die Lernbereitschaft der WESSIs und Akzeptanz politischer Gegebenheiten.

Als ich anbot, den einen Hitzkopf gern in Gotha begrüßen zu wollen, ihm Unterkunft und das Wochenende (ohne Reisekosten) spendieren wolle, war Ruhe, sah er mich erstmals voll an, sah wohl, dass ich es ernst meinen würde, schloss dann aber zu den anderen gewandt nuschelnd mit den Worten, dass ich es ja haben müsse! In diese bereits geahnten Worte fiel ich mit: Das nicht, aber Sie wären mir das wert!

Damit war das einseitige Gespräch beendet. Keine Rede mehr von meinem im Raum stehenden Angebot. (Nunja, ein bisserl hatte ich mit dieser Reaktion gerechnet. Aber hätte er zugesagt, hätte ich freilich zu meinem Wort gestanden.)

Die zweite Gesprächsrunde führte über meine Aussprache und den Hinweis auf Gotha dazu, dass man mich fragte – weil selbst noch nicht dort gewesen – was die Stadt denn zu bieten habe, wie Thüringen mit seinem Eisenach und Weimar so sei und was ich empfehlen könne? Wissen wollend ohne heraushängende Vorurteile! Gern kündigte ich den 13.Thüringentag 2011 in Gotha an und konnte so Einiges an die vier interessierten Gäste am Tisch „loswerden“.

Gedanken zurEinheit wurden ausgetauscht. Da ich in den 90-er Jahren in Kassel gearbeitet und auch sonst schon recht weit in Deutschlands westen herumgekommen bin, konnte ich ihre Darstellungen gut verstehen und aus eigenem Erleben weitestgehend bestätigen.

Dass nicht nur der Westen den Solibeitrag bezahlt, wussten immerhin drei der vier Tischnachbarn.

Eine der Frauen schloss mit der Bemerkung, dass sie froh sei, im Westen aufgewachsen und verwurzelt zu sein. Wie sie diese 40 Jahre drüben ausgehalten hätte, könne sie sich nicht vorstellen.

Nun ist es ja erfreulich, wenn jeder seine Heimat hat und sich dort wohl fühlt. Aber hier lukten doch wieder einige der Vorurteile oder der einseitigen Sicht auf diese DDR-Jahre hinter den Worten hervor.

Noch viel zu tun, um die wechselseitige Geschichte gegenseitig zu Verinnerlichen! Wenn man die Deutsche Einheit nicht mehr an einem Datum oder 1989/1990 festmacht sondern im Heute sieht und sie allgegenwärtig ist, dann mag sie wirklich Einzug gehalten und von den Menschen getragen werden.

Bis dahin werden noch viele Erzählungen die Vielschichtigkeit des Lebens der 40 getrennten Jahre illustrieren müssen, ist es wichtig, zu berichten aber auch zuzuhören, wird man mit Unwissenheit und Ignoranz sich selbst ins Abseits stellen.

Ein spannendes schönes Leben, mag mir scheinen!!!

09:23 09.10.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

udz

Freundliches und achtungsvolles Begegnen sind mir Leitfaden.
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rahab | Community
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