Wendegeschichte: Unerlaubt 1990 vor Weimaer Schillerhaus

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Sonntag schlenderten wir durch Weimars Straßen und kamen natürlich auch in die Schillerstraße und zum Schillerhaus. Da erinnerte ich mich an ein Erlebnis in der Wendezeit.

In Gotha stand noch die „Wermutsäule“, wo früher einmal das Gothaer Theater gestanden hatte und heute das Kaufhaus Kressner Kunden einlädt. In Diesem Hochhaus wohnte eine Vielzahl von gehbehinderten Senioren, die von Frau Bischof (Ortsgruppen-vorsitzende der Volkssolidarität) betreut wurden. Wir überlegten gemeinsam, wie wir in dieser gesellschaftlich unruhigen Zeit, gerade diesen Menschen eine Freude machen konnten.

Da ich in einer Firma arbeitete, die einen Barkas hatte, einen Kleintransporter, in dem man bis zu acht Personen transportieren konnte, war die Idee geboren. Zuerst übte ich das Fahren mit diesem Barkas, wobei ich beim leichten Anecken an mein eigenes Auto schnell lernte, dass man erst weiter vor fahren muss, um dann in die Kurve zu gehen und nicht mit dem „Hinterteil“ anzuecken.

Unsere erste Fahrt mit den Gehbehinderten führte uns in den Thüringer Wald. Aber das ist eine andere Geschichte.

Als wir ein anderes Mal einen Abstecher nach Jena machten und den herrlichen Ausblick vom „Landgrafen“ genossen, fuhren wir über die Schlachtfelder der ‚Schlacht bei Jena und Auerstedt/ 1806’ zurück und kamen durch das Mühltal nach Weimar.

Wohl kaum anders wären diese Behinderten mit ihren teilweise offenen verbundenen Beinen hierher gekommen und würden die Kulturstätten Weimars gewiss nicht sehen. So entschied ich mich, nachdem wir am Goethehaus vorüber waren, in die Schillerstraße einzubiegen. Ganz langsam fuhr ich ebenso vorsichtig wie unerlaubt zum Schillerhaus, wo das Staunen sowie die strahlenden Augen der Mitfahrenden mein Herz erfüllte. Auf dem Theaterplatz musste ich natürlich einmal von links nach rechts und dann umgekehrt am Denkmal für Goethe und Schiller vorüber fahren, damit alle – ohne aussteigen zu müssen – dieses Denkmal voll auf sich wirken lassen konnten.

Wieder auf legalen Weg zurückgekommen, waren die Kilometer bis Gotha kaum ausreichend, um sich gegenseitig ins Bild zu setzen, was und wie man gesehen hatte.

Die Angehörigen werden später sicher gedacht haben, dass ihnen leidenschaftlich ein Märchen erzählt wurde. Auch lebten einige der Mitfahrer durch unsere Fahrten regelrecht auf. Wir boten unerwartete Lebensfreude. Nachdem ich bei der ersten dieser Fahrten eine „Fahrerspende“ erfolgreich zurückgewiesen hatte, gewöhnten sie sich alle schnell und dankend daran, bei Ankunft am Hochhaus eine Blume oder ein kleines Kompottglas überreicht zu bekommenund mitnehmen zu können. (Alle entstandenen Kosten waren nicht festgehaltene Spenden von Frau Bischof und mir – klein aber eben effizient eingesetzt.)

Frau Bischof und ich waren ganz sicher die Glücklichsten, weil wir etwas gegeben hatten, was diese Menschen so nicht erleben würden. Damals waren Zeiten, in denen ehrenamtlich mit Herz und Wärme für die Schwachen unserer Gesellschaft seitens der Volkssolidarität so direkt und einfach gegeben wurden.

21:31 13.09.2010
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Geschrieben von

udz

Freundliches und achtungsvolles Begegnen sind mir Leitfaden.
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