LA LE LU – Wir schauen alle zu

Kommentar Warum die hohe Wertschätzung für LA LA LAND sinnbildlich dafür ist, wie verloren wir sind.
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Im La La Land ist es laut und bunt. Die Story ist die Beziehung zweier Künstler, die sich verwirklichen wollen und vermeintlich darum und um ihre Liebe zueinander kämpfen. Der Erfolg wird exorbitant und die Liebe scheitert tragisch-melancholisch. Naturgegeben wären mir die singenden Dödel aus dem La La Land näher als alles, was in den Nachrichten berichtet wird.Sie leben in einer Welt, in der das höchste Gut das eigene Ego ist und das wichtigste Ziel der eigene Erfolg. Der Weg dorthin ist nicht von Bomben gepflastert, sondern von persönlichen Krisen aus einer wohlständigen Überforderung heraus. Wie es die Hauptfigur aus Fight Club im Jahr 1999 bereits richtig zusammenfasst und heute gesehen deutlicher denn je warnend formuliert: „We have no great war, no great depression. Our great war is a spiritual war, our great depression is our lives“ – Wir haben keinen großen Krieg, keine große Krise. Unser großer Krieg ist ein innerlicher, unsere große Krise ist unser Leben. Damals und heute spiegeln Tyler Durden’s Worte sehr deutlich das Empfinden und den Umgang der privilegierten westlichen Welt gegenüber den tatsächlichen Zusammenhängen und Entwicklungen darin wider. Im Gegensatz zu Fight Club, in dessen Erzählung genau darauf hingewiesen wird, versinnbildlicht uns La La Land wegen des Fehlens einer tatsächlichen Erzählung, dass wir die Welt noch immer so wahrnehmen, beziehungsweise so wahrnehmen wollen: bunt, laut und sorgenfrei.

Damals und heute lassen wir dabei etwas aus – eine Realität, die von Intoleranz, Nationalismus, Ausgrenzung und Faschismus unterwandert wird und deren Farbe vor diesem Hintergrund zunehmend verblasst. Eine Weltgemeinschaft, die sich erneut Abgrenzungsmechanismen zu verschreiben scheint und in einzelne Teile zu zerbrechen droht.

Das Kino hat in der Vergangenheit auf weltpolitische Tendenzen destruktiver Natur stark reagiert, aktiv daran teilgenommen gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern und gemeinsame menschliche Nenner zu finden und aufzuzeigen. István Szabó hat bei der diesjährigen Preisverleihung des österreichischen Films davon gesprochen, dass Zeiten wie diese die besten und entscheidenden Filme der Geschichte hervorgebracht haben und unterstrich das mit dem Beispiel Der Große Diktator, bevor er mit seiner hohen Erwartung gegenüber dem Kino der Zukunft abschloss. Hoffentlich wird er nicht enttäuscht. Einige Tage zuvor spricht der Macher von La La Land beim Entgegennehmen seines dritten Golden Globes einen Dank dafür aus, dass unter denjenigen, die ihn ausgezeichnet haben, Menschen waren, die daran geglaubt haben, dass sein Film eine Zuschauerschaft finden wird. Diese Sorge ist unbegründet und wäre es ohne Auszeichnung gewesen. Szabó hat Recht, das Kino gab uns Filme, in denen die Kunst Film seine höchste Bedeutung zur Geltung gebracht hat – die Erzählung, deren Inhalt uns packt, weil sie uns die Welt von heute versinnbildlicht und sie auf das herunter bricht, worauf wir unseren Blick schärfen sollen – wir sehen etwas mehr, wir denken etwas mehr, wir fühlen etwas mehr und so tun wir eventuell etwas mehr. Das ist es, wohin das Kino zurück muss, denn dort, wo es ist, muss sich La La Land nicht darum sorgen gesehen zu werden.

Das entscheidende Problem an La La Land ist also nicht der Film, die Unterhaltung an sich, sondern vielmehr die Zeit, in die dieser Film hineingesetzt und in der er bedingungslos gefeiert wird. Denn was sagen wir anderes mit hoher Wertschätzung in Form einer Auszeichnungen, als: das ist die Kunst unserer Zeit, das ist, was uns bewegt und das ist, was ihr alle sehen solltet. Es ist legitim abgelenkt werden zu wollen, unterhalten werden zu wollen. Das ist eine Kernaufgabe des Kinos und durchaus eine gleichberechtigte. Auszuzeichnen jedoch bedeutet hervorzuheben und geht daher mit einer Verantwortung einher. Ist es das, könnte man fragen, was die Menschen zu diesen rauschenden und tosenden Lobesbekundungen bewogen hat – haben sie vielleicht La La Land als so relevant empfunden? Hatten sie im Kino endlich kurz Pause von der schweren Last, die sie täglich im Tragen des Weltschmerzes erleben? Indem wir auszeichnen, beschließen wir diese Pause als etwas Notwendiges und geben der Unterhaltung und Ablenkung Vorrang gegenüber der Auseinandersetzung. Mit La La Land geben wir grünes Licht an alle jene, die sich nicht auseinandersetzen wollen. Wir setzen das Signal: es ist okay, Du kannst es eh nicht ändern. Wir müssen uns aber gleichzeitig fragen, was wir übersehen, wenn wir nur uns sehen oder, genauer gesagt, eine illusorische Version von uns und der Welt in der wir leben?

Ich kann nicht sagen, das ist weit weg von mir, weil es das einfach nicht ist. Es ist mir sicher nicht so nah, wie dem größten Teil der restlichen Weltbevölkerung, was einzig einer privilegierten Ausgangslage zu danken ist. Trotzdem und vor Allem ist es falsch, die Entwicklungen auf der Welt weit von sich weg zu weisen, zu glauben, sie beträfen einen nicht. Zunächst wäre das naiv und kurzsichtig und zum anderen betreffen sie mich und das in diesem Zusammenhang verwendete „wir“, aus einer anderen Perspektive heraus betrachtet, sehr stark. Ich denke hier an die Freiheit des Denkens und in dieser Konsequenz der Meinung, die wir haben. Ich denke an die Möglichkeit des Ausdrucks und die Verfügbarkeit der Mittel dazu, die wir haben. Und ich denke an die Drehbücher und Filme, die unübersehbar sein könnten, die wir machen und die wir auszeichnen könnten. Aus dieser Sicht betrachtet, könnte man also sagen, diese Entwicklungen betreffen genau uns – diejenigen die Filme machen, die Bücher schreiben, die Philosophen und die Journalisten, diejenigen die jene auszeichnen und insbesondere und nicht zuletzt diejenigen, die sie dann sehen, lesen und die sie weiterdenken. Diese Macht liegt in unseren Händen.

Das alles ist leider kein Film. Auch wenn es so scheint, so surreal wie im Kino. Es wird nicht irgendwann einfach und wie von Zauberhand das Licht angehen, so dass wir nicht verloren gehen. Deshalb erfordert das alles unsere vollständige Aufmerksamkeit. Im Kino. In unseren Köpfen. Im Leben.

22:21 05.02.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ula Okrojek

Ula wird in Polen geboren, wächst in Deutschland auf und studiert Filmwissenschaft in Wien. Sie lebt seither dort und arbeitet in der Fimproduktion.
Ula Okrojek

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