Loyaler Waffenbruder

Ungarn Militärausbildung für Exiliraker unter US-Regie

Auf dem früheren gemeinsamen Stützpunkt der Ungarischen Volksarmee und der Sowjetarmee bei Taszár im Süden Ungarns herrscht heute mehr Betriebsamkeit als je zuvor. Die Sicherheitsvorkehrungen lassen ein Treffen von Staatsoberhäuptern vermuten, ein Sperrkreis schirmt die Luftwaffenbasis hermetisch von der Umwelt ab. Ungarische Soldaten und US-amerikanische GI´s haben die Bewachung perfektioniert, denn in diesen Tagen beginnt hier die Ausbildung irakischer Oppositioneller. Nach offizieller Lesart sollen die beim Aufbau eines Nach-Saddam-Regimes zwischen den US-Truppen und der irakischen Bevölkerung vermitteln: Als Dolmetscher, Staatsbedienstete und Polizisten. Die dafür abgestellten Offiziere der US-Army sind bereits eingetroffen - etwa 3.000 Iraker werden erwartet, Saddam-Gegner aus allen möglichen Exilorten weltweit An einem Krieg im Irak sollen sie jedoch nicht aktiv teilnehmen, versichert das offizielle Budapest.

Das Pressezentrum - es lag während der Balkankriege unmittelbar in der Siedlung neben dem Stützpunkt - ist in die nahegelegene Komitatskapitale Kaposvár verlegt. Dort bedienen Ungarn und Amerikaner die Telefone. Die Arbeit ist so aufgeteilt, dass letztlich niemand Auskunft gibt. Nach der Vorwahl 82 und der Nummer 500-000 meldet sich die US-Pressestelle. Fragt man, warum die Iraker ausgerechnet hier, im Zentrum Europas, gedrillt werden und nicht irgendwo im amerikanischen Mittelwesten, verweist der ungarische Mitarbeiter am Telefon an den zuständigen US-Presseoffizier. Der wiederum teilt mit, man solle die ungarische Seite fragen.

Währenddessen vermittelt der Streit im Parlament über die Irak-Frage einen eher akademischen Eindruck. Werden parteitaktische Floskeln herausgefiltert, sind sich alle Fraktionen einig in der Gefolgschaft gegenüber Amerika. Die sozialistisch-liberale Regierung legt wert auf exponierte Bündnistreue. Als junges NATO-Mitglied habe man eben gewisse Verpflichtungen. Statuspflege ist angesagt, seit nach dem Prager NATO-Gipfel vom Herbst 2002 in Aussicht steht, dass in den kommenden Jahren regionale Rivalen wie Rumänien, Bulgarien und Slowenien in das Bündnis aufgenommen werden. Loyalität gegenüber den USA wird sich dann auszahlen, kalkuliert Premier Péter Medgyessy, der nicht zuletzt bedenken dürfte, wie sehr eine Schutzmacht von der Statur der USA am Rande des Balkans von Nutzen sein kann.

Auch die konservative Opposition spielt ihre Rolle perfekt: sie opponiert. Doch niemand hegt ernsthafte Zweifel, dass die Bürgerlichen die gleiche Haltung wie die Regierung beziehen würden, müssten sie eben nicht die Bänke der Opposition drücken. Allerdings scheinen nicht alle Mitglieder und Funktionäre der Sozialistischen Partei (USP) mit ihrer Führung auf dem gleichen Kurs. Das bestätigt auch Annamária Artner, Vorsitzende der erst vor einem Jahr gegründeten ATTAC-Filiale in Ungarn. »Die Sozialisten haben sich als erste für einen Krieg ausgesprochen.« Die Bemerkung von Donald Rumsfeld, der Europa nach alt und neu sondiert, betrachtet sie als bedauerlichen Ausrutscher. Ähnlich sieht es der Mikrobiologe György´ Köteles, Vorsitzender der Ungarischen Friedensgesellschaft. »Wissen Sie, Rumsfeld ist eben kein Diplomat, er war offenbar verärgert über die Position der deutschen und der französischen Regierung.» Seine Gesellschaft wolle nicht zu Massenaktionen aufrufen, er sei jedoch dezidiert gegen jede Militäraktion. Die Ausbildung in Taszár sehe er als Gefahr für Ungarn: »Taszár ist leider ein Beitrag zum Krieg.«

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