1985: Steife Milch

Zeitgeschichte Vor 30 Jahren wird Michail Gorbatschow KPdSU- Generalsekretär und will die Sowjetunion reformieren. Unser Autor hat damals das Land bereist und die Stimmung erlebt
Ulrich Heyden | Ausgabe 12/2015 1
1985: Steife Milch
Der Markt war kein guter Platz für Gorbatschow

Foto: Itar-Tass/Imago

Im Sommer 1983 brummt unser roter VW-Bus mit dem Hamburger Kennzeichen durch das Stawropoler Gebiet, vorbei an von Pappeln gesäumten Alleen und riesigen Getreideschlägen. In der Ferne glänzen die schneebedeckten Gipfel des Kaukasus in der Sonne. Stawropol ist eine fruchtbare Region, mit viel Schwarzerde, Bienenstöcken, Mineralwasserquellen und Kurorten. Aus dieser Gegend stammt Michail Gorbatschow. Hier beginnt er in den sechziger Jahren seine Karriere als Parteisekretär für Kolchosen und Sowchosen.

Knapp Jahre nach dieser Tour, am 15. März 1985, wird Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt. Er hat den Sprung an die Spitze der sowjetischen Staatspartei besonders seinem Förderer und einstigen KGB-Chef Juri Andropow zu verdanken. Von 1982 bis zu seinem frühen Tod Anfang 1984 holte der als Parteichef zu durchgreifenden Reformen aus. Die Wirtschaft stagnierte, während die Gesellschaft in Lethargie zu versinken drohte. Doch es blieb bei Anfängen. Als Gorbatschow antrat, hatte sich kaum etwas geändert.

Je südlicher wir auf unserer Tour kommen, desto schwüler wird es. Das Klima erinnert ans Mittelmeer. Immerhin liegt Stawropol auf dem gleichen Breitengrad wie Florenz. Am Horizont sieht man die majestätischen Berghänge des Kaukasus. Wir streunen über Kolchos-Märkte und kaufen Milch, die so frisch ist, dass sie schon nach ein paar Stunden steif wird. Eine unerwartete Exotik für einen Westdeutschen wie mich.

Michail Gorbatschow war stolz auf seine Heimat. Im Juli 1990 empfing er im Kaukasus, auf einer Datscha in den Bergen von Archys, Kanzler Helmut Kohl, um ihm zu versichern, die Sowjetunion habe nichts dagegen, wenn das vereinte Deutschland seine „volle und uneingeschränkte Souveränität“ erhalte. Dazu werde man die eigenen Truppen aus der DDR vollständig abziehen. Ein Zugeständnis, das vielen Russen zu weit ging. Es gab keine vergleichbaren deutsche Gegenleistungen.

1983 führt unsere Reise von Stawropol bis nach Jerewan, der Hauptstadt der armenischen Sowjetrepublik. Wir sind Nutznießer der Entspannung zwischen Bonn und Moskau. Parallel zu den Gas-gegen-Röhren-Geschäften mit der UdSSR hat in den sechziger Jahren der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) in Hamburg begonnen, Gruppenreisen in die Sowjetunion zu organisieren. Später kann man als Westdeutscher sogar mit dem eigenen Auto auf vorgegebenen Routen durch den europäischen Teil Russlands fahren. Es lockt der Blick hinter den Eisernen Vorhang. Dabei kommt es vor, dass irgendwo in einem Motel an der M4 im Stawropoler Gebiet eine vorzügliche Jazzkapelle spielt und West und Ost auf einmal nah beieinander sind. Spontan hole ich meine geliebte Pat-Metheny-Kassette aus dem Auto, um sie den Musikern zu überreichen. Das Geschenk beeindruckt. Wer von Herzen schenkt, den mögen die Russen.

Gorbatschow startete als Generalsekretär mit einem ambitionierten Reformprogramm. Im Februar 1986 hielt er eine Grundsatzrede zur Perestroika auf dem XXVII. KPdSU-Kongress. Ich las sie seinerzeit in einem dünnen Rororo-Bändchen nach und war beeindruckt. Gorbatschow forderte eine Demokratisierung und Wahlen mit Alternativkandidaten, wollte aber am Ein-Parteien-System festhalten.

Arbeitsplatzverlust und leere Regale

1969, als 15-Jähriger, hatte ich, inspiriert von der Studentenbewegung, häufig die dünnblättrige Peking-Rundschau studiert. Sie wurde direkt aus Peking nach Hamburg geliefert und von der Post deutschen Abonnenten zugestellt. Man las Lobgesänge auf Mao Zedong und die Roten Garden, die Parteibürokraten als Reaktionäre aus den Ämtern jagten. Eine solche Radikalität schien mir damals durchaus gerechtfertigt. Hatte sich doch auch die westdeutsche Studentenbewegung 1968 an ähnlichen Aktionen versucht.

Erst als ich mich in der Erinnerung daran eingehender mit der Perestroika beschäftigte, wurde mir klar, dass Gorbatschow auch deshalb radikale Reformen wollte, weil ihn besonders die sowjetische Intelligenz dazu drängte. Eine breite Schicht von gut ausgebildeten Ingenieuren und Wissenschaftlern verlangte neben der Demokratisierung auch eine ökonomische Liberalisierung. Gorbatschow gab dem nach und setzte durch, dass ab 1987 Betriebe auf eigene Rechnung wirtschaften konnten, ohne sich dem staatlichen Außenhandelsmonopol zu unterwerfen. Nur hatte er offenbar unterschätzt, wie weit die innere Abkehr vom Sozialismus in einem Teil der sowjetischen Elite schon fortgeschritten war.

Von den Reformen profitierte vor allem die urbane Mittelschicht. Für die große Masse der Bevölkerung bedeuteten sie schon Ende der achtziger Jahre oft Arbeitsplatzverlust und leere Regale. Kein Wunder, dass viele von der Perestroika enttäuscht waren. Dies galt erst recht, als auf den allgemeinen sozialen und moralischen Abwärtstrend Ende 1991 die Auflösung der Sowjetunion folgte. Die von Radikalreformern wie dem damaligen russischen Premier Jegor Gaidar forcierte Preisliberalisierung entwertete Sparguthaben und die Lebensleistung von Millionen Pensionären. Fabriken machten dicht, Löhne wurden gar nicht oder verspätet ausgezahlt. Wer einen Datschengarten hatte, konnte froh sein, dank eigener Ernte zu überleben.

1981, bei meiner ersten Reise in die Sowjetunion, hatte ich Silvester bei einer jüdischen Familie in einem Leningrader Plattenbau gefeiert. Im zehnten Stock lief in einer Zwei-Zimmer-Wohnung eine rauschende Party mit Klavier, Geige und Gesang, dem traditionellen Salzhering und Wodka. Wir stritten damals auf Englisch über Hitler und Stalin. Alexander, der junge Gastgeber, erklärte mir eindringlich, dass Stalin und Hitler ein und dasselbe seien. Ich war schockiert über die Gleichsetzung, doch meiner Feierlaune trat das keinen Abbruch. Mitte der neunziger Jahre, erfuhr ich dann, dass die Familie aus dem Plattenbau nach Israel ausgewandert war. Sie hatte wohl jede Geduld mit der Heimat verloren. Nur weg aus einer verarmten und inzwischen anarchischen Gesellschaft.

„Die Globalisierung spielt nur auf ein Tor“

Ende November 2001 saß ich Gorbatschow zum ersten Mal direkt gegenüber. Zehn Jahre nach seinem Rücktritt als Präsident der Sowjetunion war er ein Politiker geworden, der nur noch im westlichen Ausland Lorbeeren einsammelte. In Russland hatte er an Reputation verloren. Ich traf ihn auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo. Er wollte zu einer Konferenz nach Tokio fliegen, um sich dort unter anderem mit Henry Kissinger zu treffen. Ich hatte eine halbe Stunde Zeit für meine Fragen und notierte danach: „Wenn er redet, ist er emotional wie immer, aber ein bitterer Ton lässt sich nicht überhören.“ Einen Krieg in Afghanistan würden die USA nicht gewinnen, sagte er mir. „Um bei einem solchen Feldzug zu triumphieren, müsste man das ganze Land zerstören. Aber wer wird soweit gehen?“ Über den Westen war er enttäuscht. „Der Kalte Krieg wurde beendet. Es gab viel Gerede von einer Neuen Weltordnung, aber nichts davon ist umgesetzt worden. Kaum war die Sowjetunion zerbrochen, begannen geopolitische Spiele.“ Ein Versäumnis sei es gewesen, die UNO nicht zu reformieren und dadurch zu stärken. „Die Globalisierung spielt nur auf ein Tor und nützt allein den entwickelten Staaten. Die Politiker im Westen verhalten sich eben wie Kapitalisten und sagen nur ‚Gib her!‘ Und auch wir Russen haben bekommen, was wir bekommen sollten.“

Über den seinerzeit gerade zwei Jahre regierenden Wladimir Putin war Gorbatschow voll des Lobes. Der habe Russland, das unter Boris Jelzin kurz vor dem völligen Niedergang stand, wieder stabilisiert und dem Westen durch sein Angebot zum gemeinsamen Anti-Terror-Kampf nach 9/11 „einen Riesenschritt näher gebracht“. Bei diesem Sympathiebonus ist es bis heute geblieben, auch wenn Gorbatschow nach wie vor zu den Finanziers der liberalen, kremlkritischen Zeitung Nowaja Gaseta gehört.

Ulrich Heyden berichtet seit Ende 1990 für den Freitag aus Russland

06:00 25.03.2015

Ausgabe 08/2020

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