Auf dem Weg nach Atlantis

Ukraine Für die Aufständischen im Osten und Süden sind Verhandlungen mit der Regierung bestenfalls ein Übergangsstadium – zum Staat Noworossija
Auf dem Weg nach Atlantis
Kampfpause im Regierungsgebäude von Donezk

foto: viktor drachev/afp/getty images

Slowjansk und Kramatorsk liegen seit Tagen unter Dauerbeschuss der ukrainischen Artillerie. Russische Fernsehkanäle berichten ausführlich aus den beiden Städten, mit Liveschaltungen und Videosequenzen, über zerstörte Straßenzüge, Wohn- und Krankenhäuser, tote Zivilisten und Mütter mit Kindern, die in Städte wie Rostow und Woronesch jenseits der Grenze fliehen. Vorerst ist ihre Sicherheitsschleuse kein „humanitärer Korridor“, wie Präsident Petro Poroschenko versprochen hat. Dass man darüber in Deutschland nicht berichtet, hat sicher etwas damit zu tun, dass kaum noch Korrespondenten im Donezbecken ausharren. Natürlich könnte man vom Bildmaterial her auf russische Medien zurückgreifen, doch gelten die als nicht vertrauenswürdige Quelle. Bei deutschen Abnehmern wohlgelitten sind dagegen ukrainische Journalisten, unter anderem die „Kämpfer gegen Kriegslügen“ mit ihren Texten auf der Webseite StopFake.org. Allerdings sezieren sie nicht die Propaganda beider Seiten, sondern sind auf russische Fakes spezialisiert. Auch wird von keinem ukrainischen Fernsehsender über Proteste von Müttern in Kiew oder anderswo berichtet, die nicht wollen, dass ihre Söhne in einen unmoralischen Krieg geschickt werden. Bei StopFake.org findet man dazu ebenfalls keine Zeile, kein Video.

Der Missionar

Die Leerstellen sind groß und geeignet, jeden Blick auf die Führer der Aufständischen, ihre Vita und ihren Hintergrund zu vermeiden. Sie werden pauschal als Separatisten oder Terroristen abqualifiziert. Welche politische Gesinnung sie vertreten, wer ihnen zuhört und wer nicht, bleibt ausgespart. Das Verdikt des Verschweigens gilt erst recht für Ereignisse wie das Noworossija-Meeting im Jugendpalast von Donezk und den Auftritt des Noworossija-Sprechers Pawel Gubarew.

Als der 31-Jährige auf die Bühne kommt – im schwarzen T-Shirt, in Jeans und mit Headset –, sind die 1.500 im Saal begeistert. „Gubarew, Gubarew!“, wird gerufen und applaudiert. Seit der ersten großen Demonstration in Donezk am 1. März, als im Zentrum der Stadt 20.000 Menschen gegen die Regierung in Kiew protestierten, ist Gubarew so etwas wie ein Volksheld. Der Inhaber einer Werbeagentur und Vater von drei Kindern war an der ersten Besetzung der Gebietsverwaltung von Donezk beteiligt und musste danach wegen eines „vorsätzlichen Umsturzversuchs“ für zwei Monate ins Kiewer Untersuchungsgefängnis. Er kam zurück und stellte sich an die Spitze der Aufrührer.

Der 1983 im ostukrainischen Sjewjerodonezk geborene Gubarew bezeichnet sich selbst als einen russischen Patrioten und Kämpfer für Gerechtigkeit. „Die Oligarchen, die einst in den 90er Jahren Betriebe klauten, müssen jetzt Steuern zahlen“, ruft er seinen Zuhörern im Jugendpalast zu und erntet spontanen Beifall. Der schwillt noch an, als der „Volksgouverneur“ kundtut, „die Oligarchen, die sich auf die Seite unserer Gegner in Kiew schlagen, werden enteignet“. Es solle in der Ostukraine eine „Volksmacht“ und einen Staat geben, „der so aufgebaut ist, dass er nicht gekauft werden kann“. Gubarew spricht dann von einer „neuen russischen Mission“, die jetzt im Osten stark sei und eine multipolare Welt wolle, in der nicht ein Land alle Ressourcen aufkaufe. Gubarew beendet seine Rede mit dem Ruf: „Der Sieg wird unser sein, weil wir Russen sind und Gott mit uns ist!“ Um wen handelt es sich bei diesem Volkstribun?

In seiner Jugend war Gubarew – schreibt die Internetplattform Lenta.ru – Mitglied der rechtsextremen Organisation Russische Nationale Einheit (RNE). Als ich nachfrage, will Gubarews Pressesprecher in dieser Sache keinen Kommentar abgeben. Im Moment jedenfalls nicht. Nach 2000 suchte Gubarew dann sein Glück bei der Progressiven Sozialistischen Partei der Ukraine (PSPU), wurde für diese Formation in einen Bezirksrat von Donezk gewählt und gab das Mandat 2007 wieder zurück, weil er einsehen musste, dass gegen korrupte Beamte nur wenig auszurichten war. Offenbar riss der Kontakt zu russischen Rechten nie ab. Wie Gubarew selbst erzählt, gehören zu seinen Beratern der Moskauer Eurasien-Ideologe Alexander Dugin und der linksnationale Schriftsteller Alexander Prochanow. Letztgenannter schwärmt in einer Videobotschaft, gerichtet an die Protagonisten von Noworossija, in der Ukraine sei eine russische Welt wiedererstanden.

Prochanow bezieht sich auf das 882 von dem Adeligen Rjurik in Kiew gegründete Großreich Rus, das Russland bis heute als Ursprung seiner Staatlichkeit gilt. Der neue Staat Noworossija entstehe genauso „im Feuer des Krieges“ und werde sich behaupten, ist Prochanow überzeugt. Ähnlich emphatisch fällt ein Aufsatz aus, den der Eurasier Dugin über Noworossija verfasst hat. Er beschwört darin einen „vierten russischen Weg, abseits der gescheiterten Ideologien Liberalismus, Sozialismus und Nationalismus“. Es ist sicher kein Zufall, wenn die Monarchie dabei nicht als ein gleichfalls gescheitertes System auftaucht.

Noworossija bezieht sich auf das gleichnamige Gebiet im Südosten der heutigen Ukraine, das nach russischer Kolonisierung und dem Ende des Türkisch-Russischen Kriegs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Teil des russischen Imperiums wurde. Die Renaissance von Noworossija vollzieht sich bisher nur im äußersten Osten der Ukraine, rings um Luhansk und Donezk. Das Ziel Gubarews und seines Anhangs ist ein Staat, der von Luhansk bis zur Republik Moldau reicht.

„Ein neuer Staat braucht nichts so sehr wie eine Tradition. Und die gibt es“, sagt die Off-Stimme eines Geschichtsfilms, der im Donezker Jugendpalast gezeigt wird. „Das Wort Noworossija ist aus den Lehrbüchern verschwunden. Wir kannten unsere Geschichte nicht. Doch jetzt haben wir unser Atlantis gefunden“, erklärt die Stimme, während auf dem Bildschirm eine zweigeteilte Ukraine erscheint. Der zentral westliche Teil mit Kiew ist grün eingefärbt und trägt die Bezeichnung Ukraine. Der südöstliche Teil findet sich in ein heftiges Rot getaucht und heißt Noworossija. „In diesem Raum lebten immer Krieger, die wussten, wofür sie kämpfen. Viele Völker sind hier entlanggezogen, vor allem Türken und Slawen“, endet der Filmkommentar

Genetisch deformiert

Im Gebiet Donezk würden Einzeller leben, sagte mir Ende März eine Pro-Kiew-Demonstrantin, die ich am Denkmal des ukrainischen Schriftstellers Taras Schewtschenko in Charkiw traf. Ein anderer Pro-Maidan-Aktivist kam hinzu und meinte, die Russen in der Ostukraine seien genetisch deformiert und ließen sich kaum in einen ukrainischen Staat integrieren.

Donezk revanchiert sich gerade für diesen Hochmut, hat man den Eindruck. Für viele dort bleibt die Regierung in Kiew faschistisch. Was sei es sonst als Faschismus, wenn man ganze Stadtteile und die eigene Bevölkerung mit Granaten beschieße, fragt mich eine Frau, die zusammen mit einer Bekannten auf einer improvisierten Bank vor der Gebietsverwaltung in Donezk sitzt. In Slowjansk seien bereits eine Schule und ein Kinderhospital von Granaten beschädigt worden. Immer häufiger würden auch Zivilisten an der Peripherie von Donezk, in Kramatorsk und Luhansk Opfer von Artilleriebeschuss durch ukrainische Truppen. „Wenn der Faschismus bei uns siegt, kommt er auch zu euch nach Europa“, ruft mir die Frau mit einer Stimme hinterher, die keinen Widerspruch duldet.

Nach dem Film über die wechselvolle, bizarre Geschichte von Noworossija wollen die Leute im Jugendpalast wissen, was sie selbst tun könnten. Ob man überhaupt noch Steuern an Kiew zahlen solle, fragt eine Frau und will einen konkreten Rat. „Fragen Sie das lieber die Regierung der Donezk-Republik“, weicht Gubarew aus. Ein eigenes Finanzministerium sei noch im Aufbau und verstehe sich nicht als Steuereintreiber. Er selbst, so Gubarew, zahle schon seit Dezember keine Abgaben mehr. Aus dem Publikum kommt beifälliges Lachen. Plötzlich ruft eine Frau: „Gebt uns Waffen!“

Jahre im Gefängnis

Gubarew nickt, ja, das habe man vor. Ein kühnes Unterfangen. Tatsächlich ist Noworossija nicht mehr als ein Netzwerk regierungskritischer Bewegungen und bewaffneter Milizen im ukrainischen Süden und Osten. Die Aufständischen kontrollieren die Region nur zum Teil. Aber davon lässt sich Volksgouverneur Gubarew nicht beirren. „Noworossija wird eines Tages zu der von Russland geführten Zollunion gehören.“ Keine Frage, selbstverständlich müsse man um diesen neuen Staat noch kämpfen. Das könne auch Verhandeln heißen, aber erst wenn die ukrainischen Truppen abgezogen seien.

Viele Menschen in der Süd- und Ostukraine stehen zwar der Regierung in Kiew ablehnend bis feindlich gegenüber, wollen aber selbst nicht für Noworossija aktiv werden. Igor Strelkow, Oberkommandierender der „Slowjansker Selbstverteidigung“, hat sich gerade in einer Videobotschaft über die Passivität vieler Männer im Donezbecken beschwert und angekündigt, man wolle jetzt auch Frauen in die Freiwilligenbataillone aufnehmen.

Ob man irgendwann werde aufgeben müssen, will ich von Wladimir Kosolapow, dem Bezirkschef der KP im Woroschilow-Bezirk von Donezk, wissen. Kosolapow, der im selbsternannten 150-köpfigen Rat der Donezk-Republik sitzt, will so weit nicht gehen. Viele würden weiter auf ein Eingreifen der russischen Streitkräfte hoffen. Aber das sei nicht erforderlich. „Es gibt genug militärisch ausgebildete Anhänger, allein in Donezk. Nur haben viele die Angst, etwas zu tun, noch nicht richtig überwunden.“ Immerhin seien Leuten, die wie er das Stadthaus von Donezk gestürmt hätten und besetzt hielten, Jahre im Gefängnis angedroht worden.

Ulrich Heyden ist Korrespondent in Moskau und arbeitet zurzeit im Donezbecken

06:00 20.06.2014

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