Auferstanden aus Ruinen Postsowjet-Drama

Tschetschenien Mit ihren Wolkenkratzern, Alleen und Moscheen ist die Stadt Grosny kaum wiederzuerkennen
Auferstanden aus Ruinen Postsowjet-Drama
Die Tradition lässt sich auf jeden Background ein

Foto: Saidt Sarnayev / Reuters

Ich komme vom Flughafen und fahre durch die Innenstadt von Grosny. Es ist Ende Juli und die Sonne scheint. In der Mitte der Allee stehen junge Bäume. Ist das wirklich dieselbe Straße, durch die ich im Februar 2000 schon einmal fuhr? Damals war es feuchtkalt, der Himmel schimmerte grau. Die Bäume in der Straßenmitte waren bis auf ein paar zersplitterte Stämme von Granaten und Bomben zerfetzt, die Fassaden der in den 1950er Jahren erbauten vierstöckigen Häuser schwer beschädigt. Seinerzeit hatte die russische Armee Grosny, unterstützt von tschetschenischen Freiwilligen, gerade von radikalislamischen Milizen befreit. Ich saß mit anderen Korrespondenten auf einem Truck des russischen Notstandministeriums. In Mosdok, einer Stadt nördlich von Grosny, war ich auf den Laster gesprungen. Ich sei Journalist, ob ich bis Grosny mitfahren könne? Eine knappe Kopfbewegung, die so viel bedeutete wie „Spring auf!“, war die Antwort.

Nun aber sitzt man in einem bequemen Bus, gechartert vom russischen Außenministerium, und junge tschetschenische Journalisten fragen nach Eindrücken von der Stadt. Ich mache kein Hehl aus meinem Erstaunen, in ein friedliches, wiederaufgebautes Grosny zurückgekehrt zu sein. Das Einzige, was man noch von den beiden Kriegen zwischen 1994 und 2000 sehen kann, sind Baulücken wie am Minutka-Platz, wo es bis zuletzt Gefechte zwischen den föderalen Truppen und den nach Südwesten abziehenden Aufständischen gab. Dort steht heute lediglich ein großes Einkaufszentrum, das Minutka heißt.

Kein Alkohol, keine Pornos

Ich werde im Hotel Grosny City und damit einem der sieben, seit 2011 erbauten Wolkenkratzer untergebracht. Zum Mittagessen fährt man in die 32. Etage, um den Blick auf die auferstandene Stadt und das Panorama monumentaler Bauten zu haben wie die 2008 eingeweihte Moschee „Herz Tschetscheniens“, finanziert wie drei der Hochhäuser von der Aсhmat-Kadyrow-Stiftung. Sie ist nach dem 2004 bei einem Anschlag umgekommenen Präsidenten Tschetscheniens, dem Vater des jetzigen Republikchefs Ramsan Kadyrow, benannt und erhält ihr Geld von tschetschenischen Geschäftsleuten wie Abubakar Arsamakow, der als Allrounder im Öl- und Baugeschäft zu den 200 reichsten Unternehmern Russlands gerechnet wird.

Ich weiß, dass viele Moskauer die ehrgeizige Rekonstruktion Grosnys mit gemischten Gefühlen sehen. Das werde alles aus dem russischen Haushalt bezahlt, so die verbreitete Meinung, die nur zum Teil stimmt. Übersehen wird, dass die russische Ölgesellschaft Rosneft das qualitativ hochwertige Öl der Kaukasusrepublik fördert und verkauft. Tschetscheniens Ölvorräte belaufen sich auf geschätzte 60 Millionen Tonnen. Schon zu Sowjetzeiten gehörte die autonome Republik zu den wichtigsten Reservoiren.

Ich sehe wie Hunderte Männer die neue Moschee nach dem Mittagsgebet verlassen. Die religiöse Erziehung sei sehr wichtig, erklärt mir ein tschetschenischer Kollege. Jugendliche würden keinen Alkohol mehr trinken. Pornografie werde gemieden, Drogenkonsum hart bestraft. Man sollte gegen Ramsan Kadyrow keine Vorbehalte hegen, lieber bedenken, dass er die Tschetschenen wieder an sich selbst glauben lasse. Die Bräuche, um die Jugend zu erziehen, erscheinen mir freilich zweifelhaft. Abends im Hotel sehe ich in den Nachrichten von Grosny TV, wie ein 16-Jähriger minutenlang unter Tränen bereut, dass er „extremistische Posts“ verfasst hat. Der Onkel des Jungen – einen Vater hat er nicht – verspricht vor laufender Kamera, sich mehr um den Neffen zu kümmern. Tatsache ist, dass es jahrelang Versuche von Terrorgruppen gab, die Befriedung der Republik zu stoppen. Inzwischen seien Anschläge in Grosny die Ausnahme, bekomme ich ständig zu hören, es gäbe hier nicht mehr Terror als in Europa.

In der russisch-orthodoxen Kirche am Achmat-Kadyrow-Prospekt, der noch im Jahr 2000 nach Lenin benannt war, treffe ich einen bärtigen älteren Mann, der die Aufsicht führt und mir erklärt, in die Kirche kämen nach wie vor viele Russen, auch Touristen. Im Hof treffe ich auf drei russische Polizisten, die mir freimütig erzählen, aus dem nordrussischen Komi-Gebiet abkommandiert zu sein. Ich fühle mich sofort an die Zeit der Tschetschenien-Kriege erinnert. Damals gab es in den Polizei- und Armeeeinheiten, die in der Kaukasusrepublik im Einsatz waren, viele Russen, die aus weit entfernten Regionen Sibiriens kamen und den nötigen Abstand zum hier ausgetragenen Konflikt zu haben schienen. Gleich neben der Pforte zum Gotteshaus hängt eine Tafel aus schwarzem Marmor, die daran erinnert, dass zwei Polizisten aus der Stadt Samara bei einem terroristischen Angriff auf die Kirche im Mai 2018 (!) starben. Ansonsten scheint die russische Präsenz in Grosny auf dem Rückzug. Waren 1989 noch 52 Prozent der damals 390.000 Einwohner Russen, sind es jetzt bei einer Einwohnerzahl von 290.000 gerade noch vier Prozent. Viele Russen verließen Grosny schon, als tschetschenische Nationalisten in den 1990ern eine anti-russische Stimmung schürten.

An den Torbögen, die in Russland traditionell die Einfahrtsstraßen zu Großstädten überwölben, hängen die Porträts von Wladimir Putin und Ramsan Kadyrow. Die lokalen Fernsehkanäle senden bilingual, in Russisch und Tschetschenisch, und am Muhammad-Ali-Prospekt gibt es weiter das 2012 wieder eröffnete Dramatische Russische Theater. Schließlich wird Ramsan Kadyrow, der als 20-Jähriger mit den Separatisten gegen die russische Armee kämpfte, nicht müde zu erklären, dass Tschetschenien ein Teil Russlands sei. Im Herbst 1999 wechselte er das Lager und ging zusammen mit seinem Vater, damals Mufti von Tschetschenien, zum Widerstand gegen die aus arabischen Ländern finanzierten Dschihadisten über, die aus Tschetschenien ein Kalifat machen wollten.

Achtspuriger Autobahnring

Es geht auf einer achtspurigen Autobahn von Grosny aus Richtung Westen in die acht Kilometer entfernte Nachbarstadt Argun. Dass Moskau über einen achtspurigen Autobahnring verfügt, verwundert nicht, aber Grosny? Der Verkehr ist überschaubar. Argun beherbergt ebenfalls eine neue riesige Moschee und wirkt wie eine Kopie von Städten in den Golfemiraten, wenn nachts alles hell erleuchtet bleibt und entlang moderner Boulevards Tankstellen und Einkaufszentren geöffnet haben. Im Zentrum von Argun steht kein Lenin mehr auf dem Sockel, sondern ein riesiger Halbmond mit goldenem Stern. Einer meiner Begleiter meint, Geld für derartige Monumente sei aus den Emiraten gekommen, Genaues wisse man nicht. Tatsächlich hat sich das politische Verhältnis zwischen Russland, den Emiraten und Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren verbessert, seit Tschetschenien befriedet ist und sich der Vorwurf an saudische Clans erübrigt hat, sie würden wahhabitische Kämpfer im Kaukasus alimentieren.

Dass es Tschetschenen nicht mögen, mit Terrorismus assoziiert zu werden, merke ich im Freiluftmuseum des Bergdorfes Itum-Kali. Dessen junger Direktor Ruslan erklärt mit einem Lächeln: „Wir sind ganz gewöhnliche Menschen, einfach und sehr arbeitsam. Und das Wichtigste: Wir sind friedliebend.“ Itum-Kali liegt im Süden auf 770 Meter Höhe, umgeben von steinernen vierkantigen Türmen, die seit Jahrhunderten als Verteidigungsanlagen, doch ebenso als Wohnhäuser genutzt werden. Itum-Kali passierten einst die Karawanen auf der Seidenstraße, die von Dagestan aus durch den Kaukasus führte, wobei man auf einer Route durch die Berge auch Georgien erreichte.

Von dort erhielten die Separatisten im zweiten Tschetschenien-Krieg 1999/2000 (s. Glossar) militärischen Nachschub. Um den zu unterbinden, landeten Ende 1999 russische Spezialeinheiten in den Bergen, riegelten die Route ab und besetzten dabei auch das Dorf Itum-Kali, das damals unter der Kontrolle von Amir ibn al-Chattab, einem saudischen Kommandeur, stand.

Als ich Ruslan frage, ob die jungen Leute mit Rucksäcken, die wir auf unserem Weg in die Berge gesehen haben, heute gefahrlos wandern, antwortet der Museumsdirektor: „Tschetschenien ist heute die sicherste Region der Russischen Föderation. Gerade gestern sei ein Pole angekommen. „Wir haben ihn bei uns zu Hause aufgenommen und versorgt. Wir haben ihm von unserer Republik erzählt, und er war glücklich.“ Man könne durchaus ohne ortskundigen Führer die Berge durchstreifen – doch da schaltet sich unser Fahrer ein, das sei nicht ratsam, es gebe Bären und Wölfe.

Während des Besuchs im Ski-Zentrum Vedutschi auf 2.000 Meter Höhe kommt es überraschend zum Treffen mit Dschambulat Umarow, Minister für Nationale Politik und Auswärtige Beziehungen. Das Verhalten des Westens gegenüber Tschetschenien sei nicht anständig, rügt er. „Man umgibt uns mit roten Signalflaggen und tut so, als herrsche bei uns tiefes Mittelalter. Es wäre besser, beim Aufbau unserer Industrie zu helfen.“ Ramsan Kadyrow und seine Regierung hätten einen Schutzwall gegen den Terror errichtet, wovon auch Europa profitiere. Als ich auf die vor zehn Jahren ermordete Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa zu sprechen komme, meint Umarow, „in Tschetschenien gibt es außer der verehrten Natalja Estemirowa noch Zehntausende von Vermissten. Warum spricht keine von denen? Wir suchen nach allen.“

Die letzte Station meiner Tour ist ein Ausbildungszentrum für den Anti-Terror-Kampf unweit der Stadt Gudermes. Der Kommandeur Daniil Martinow zeigt einen Windkanal zum Üben für Fallschirmspringer und nachgebaute Wohnhäuser für Anti-Terror-Übungen. Eine Spezialeinheit – auf Russisch „Speznas“ – demonstriert mit viel Feuerwerk, wie man ein solches Gebäude stürmt, wenn sich darin Terroristen verschanzt haben. Man sei bereit, die einmaligen Erfahrungen im Anti-Terror-Kampf mit anderen Ländern zu teilen, beteuert der Kommandeur. Ob man Angst habe, dass die 3.000 IS-Kämpfer aus Russland zurückkehren, die jetzt in Syrien stehen? „Wir sind zu allem bereit“, so Martinow. Die „Speznas“ würden inzwischen 50.000 Mann rekrutieren. „Und wir trainieren täglich und lassen uns auch von Geiselnahmen nicht überraschen.“

Ramsan Kadyrow sei in diesem Fall ein sehr guter Verhandler, wie sich das erst jüngst beim Überfall auf eine Schule in Grosny gezeigt habe.

Postsowjet-Drama

Tschetschenien-Kriege Zwischen 1994 und 1996 versucht eine teils islamistische Rebellenbewegung die Kaukasusrepublik aus der Russischen Föderation zu lösen und die „Republik Itschkeria“ auszurufen. Die Gefechte mit russischem Militär enden im August 1996 durch den Vertrag von Chaasawjurt, der den Status der Region jedoch ausklammert. Der zweite Krieg beginnt im Sommer 1999 mit dem Überfall tschetschenischer Freischärler unter dem Warlord Schamil Bassajew auf das zu Russland gehörende Dagestan. Die erneut eingreifende russische Armee stürzt den Präsidenten Maschadow, dem Unterstützung dschihadistischen Terrors vorgeworfen wird, und nimmt Grosny ein, dazu Teile der Kaukasusrepublik. Die Kampfhandlungen dauern bis Mitte 2000, doch kommt es in den Jahren danach immer wieder zu Anschlägen tschetschenischer Guerilla-Gruppen in Russland.

06:00 24.08.2019
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