Das große Schweigen

Russland Der Kreml redet nicht mehr viel über die Oktoberrevolution. Zum 90. Jahrestag erinnern in Moskau nur kleine Ausstellungen an das Ereignis

Es hilft alles nichts. Für eine Führung müsste ich einen schriftliche Antrag bei der Direktorin stellen, meint die Leiterin des Exkursionsbüros im Moskauer Museum für Zeitgeschichte, dem früheren Revolutionsmuseum. "Warum?" - "Weil Sie Vertreter einer Zeitung sind." Für Journalisten gelten Sonderregeln. So kaufe ich mir für 100 Rubel (2,80 Euro) eine Eintrittskarte und wandere ohne Begleitung durch die Ausstellungssäle.

Früher war das ganze Haus der Oktoberrevolution gewidmet, heute gehört ihr nur noch ein einziger Saal, auch wenn es dort immer noch eher feierlich zugeht. Den Raum beherrscht ein wuchtiges Stahlgerüst, das einem fünfzackigen Stern aus rotem Stoff als Rückgrat dient, flankiert von einem Maschinengewehr. Plakate verkünden die unaufhaltsame Weltrevolution. In Glasvitrinen findet sich die Hinterlassenschaft der Revolutionäre - Matrosen-Kittel, der Schreibtisch von Organisator Jakow Swerdlow, darauf ein Marx-Porträt, darunter Pistolen und Gewehre unterschiedlicher Größe.

"In unser Museum kommen vorrangig Ausländer", meint Vera Naumowna, die den Saal betreut. Die Jugend interessiere sich leider nur für "Babki" (Geld). Dabei sei doch "nicht alles schlecht gewesen, damals." Die Revolutionäre liebt sie wie Filmstars und zeigt auf das Bild des Matrosen Pawel Dybenko. "Sieht er nicht gut aus?" Der kräftige Mann mit dem Kinnbart dirigierte im Oktober 1917 die Verlegung der Kriegsschiffe in die damalige Kapitale Petrograd. Der einfache Matrose war später mit Alexandra Kolontai verheiratet, einer Revolutionärin, die aus einer Adelsfamilie kam und zum intimen Kreis um Lenin gehörte. Der Soldat und die Adelige - die Revolution machte es möglich. Während des Bürgerkriegs war Dybenko im Süden Russlands stationiert. Dort habe er es "mit den Frauen wild getrieben". Vera weiß einiges mehr, als die Vitrinen offenbaren. Die betagte Dame führt mich zu anderen Porträts, das von Lenins Geliebter zum Beispiel, der hübschen Inessa Armand, und von Lenins Frau, der etwas herben Nadjeschda Krupskaja.

Der Nachbarsaal ist dem Bürgerkrieg gewidmet, der mit der Revolution ausbrach. "Hier hängt alles durcheinander", schimpft Vera. Früher sei alles ordentlich getrennt gewesen, Leo Trotzki, Oberkommandierender der Roten Armee, auf der einen und der "weiße" General Kornilow auf der anderen Seite. In einer Ecke hängen Bilder der Zarenfamilie, darunter eine Zeichnung des Kellers, wo alle erschossen wurden. "Auf Beschluss der sowjetischen Macht in Jekaterinenburg", steht im Begleittext.

Mit viel Herzblut

Nicht weit vom einstigen Revolutionsmuseum liegt in einer unterirdischen Einkaufspassage an der Metro-Station Puschkinskaja der Parfümerieladen Arbat-Prestige. Im riesigen Schaufenster der Parfümerie werben revolutionäre Matrosen auf roten Transparenten für eine "Oktober-Preis-Revolution", doch scheint das die Passanten nicht weiter zu beeindrucken. Symbole der Revolution haben ihren festen Platz in der russischen Werbung. Nicht nur das. Trotz allen Wandels, den das Land durchlaufen hat, gelten die Männer der Oktoberrevolution noch immer als Helden. Andere Heroen aus jener Zeit sind nicht überliefert, und der Zar eignet sich kaum, er dankte nach der Februarrevolution von 1917 kraftlos ab.

Im Kreml gilt beim Thema Oktoberrevolution die Devise: Am Besten nicht weiter drüber reden. "Der Oktober begann schon im Februar, weil die reale Macht schon vor dem 7. November 1917 in den Händen der radikalsten Gruppen in Russland lag", befindet Putin-Berater Wladislaw Surkow. Mehr will er nicht sagen.

In der Ära Jelzin war der Revolutionsfeiertag in "Tag der Eintracht und Versöhnung" umbenannt worden, im Jahr 2004 dann kippte Wladimir Putin den Feiertag ganz und führte stattdessen den 4. November als "Tag der Nationalen Einheit" ein, weil Moskau am 4. November 1612 von polnischer Despotie befreit wurde. Trotz aller Verdrängung: Als Export-Schlager eignet sich die Oktoberrevolution noch immer. Eduard Danilowitsch, Archiv-Leiter des vormaligen Lenin-Museums am Roten Platz, bedauert, dass es in Moskau keine größere Ausstellung zum 90. Jubiläum gäbe. Wenigstens sei man ständig mit Exponaten im Ausland unterwegs, zuletzt bei der großen Exposition Traumfabrik Kommunismus in Frankfurt/Main. Eduard Danilowitsch hängt mit viel Herzblut an seinen Exponaten - Lenins Mantel, seinem Rolls Royce, dem Holzmodell des ersten Mausoleums.

Das Einzige, was der Öffentlichkeit zum 7. November geboten wird, ist im Moskauer Haus der Föderalen Archive die kleine Sonderschau Mythen der Revolution. Als Mythos gilt etwa der Sturm auf das Winterpalais, wie ihn Sergej Eisenstein in seinem berühmten Film Oktober zeigt - ein Ereignis, das es so nicht gegeben haben soll, weil die Kerenski-Regierung sich kampflos ergab. Inzwischen grassieren ganz andere Mythen - die Revolution sei etwas "Fremdes", von außen Eingeschlepptes gewesen, das Werk von "Juden und Freimaurern", sie habe Russland von seinem "natürlichen Weg" abgebracht. Auch die Tatsache, dass der deutsche Generalstab den Sturz des Zaren finanziert hat, wird heute bestritten.

1927 und 1935

Vor zwei Ölgemälden in der Ausstellung über die Revolutionsmythen hat sich eine Gruppe amerikanischer Studenten mit ihrem Lehrer versammelt und veranstaltet ein Ratespiel. Die beiden Bilder zeigen das gleiche Ereignis - Lenins erster Auftritt vor dem Arbeiter- und Soldatenrat von Petrograd - und stammen beide von Konstantin Juon, der das Motiv zunächst 1927 und dann noch einmal 1935 verarbeitete. Auf dem Bildnis von 1927 stehen hinter Lenin zehn führende Bolschewiki, unter ihnen Trotzki und Kamenew - acht Jahre später ist der Tross der Kampfgefährten auf vier Personen geschrumpft, unter ihnen Stalin und der spätere Außenminister Molotow. Die Getilgten waren entweder bereits verhaftet oder mussten damit rechnen, verhaftet zu werden.

Am Ausgang komme ich mit Wladimir Alexandrowitsch ins Gespräch. Der 53-jährige Ökonom ist ein Geschichts-Narr. Was ihm der 7. November 2007 bedeute? Vor allem "Erinnerung an meine Jugend", sinniert er. In Moskau habe es früher an diesem Tag eine große Demonstration gegeben. "Wir liefen von der Universität in einem Sternmarsch zum Stadtzentrum. Mancher mit eine Flasche Wodka zum Aufwärmen. Abends feierte ich bei einem meiner Großväter, sie waren Zeitzeugen der Revolution." Beim diesjährigen Jahrestag werde er wenigstens abends ins Programmkino Illusion gehen, wo Revolutionsfilme gezeigt würden. Das Jubiläum einfach übergehen, wolle er nicht.

Bald nach meinem Besuch im ehemaligen Revolutionsmuseum ruft mich die Direktorin an, sie habe die Genehmigung für eine Führung erteilt - der Rundgang koste 3.500 Rubel (100 Euro) inklusive Foto-Genehmigung. Ich bedaure, das sei doch etwas teuer.

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