Der Angelfreund

Porträt Sergej Schojgu steht als Verteidigungsminister hinter der Syrien-Politik Wladimir Putins und gilt als Präsident in Reserve
Ulrich Heyden | Ausgabe 48/2015 3
Der Angelfreund
Seit mehr als 20 Jahren bekleidet Sergej Schojgu fast ununterbrochen hohe Ämter

Foto: Itar-Tass/Imago

Das Gesicht grimmig, die Stimme grollend. So kennen russische Fernsehzuschauer den Verteidigungsminister Sergej Kuschugetowitsch Schojgu. Am 20. November erstattet der im ostsibirischen Tuwa geborene Politiker dem Oberkommandierenden Putin Bericht über die Lage in Syrien. Er liest mit strenger Stimme vom Blatt – in den zurückliegenden vier Tagen habe es 522 Starts von Militärjets gegeben, dazu 101 abgefeuerte Lenkraketen und 826 zerstörte Ziele. Gemäß den Anweisungen des Präsidenten habe man „Kontakt zu den französischen Streitkräften aufgenommen“.

Seinen Bericht erstattet Schojgu per Video-Schaltung aus dem vor Jahresfrist neu eingerichteten militärischen Lagezentrum an der Moskwa, das mit seinen riesigen Monitoren und einem respektablen Mitarbeiterpulk wie eine Leitzentrale für Weltraumflüge anmutet. Die Anordnung, einen solchen Kommandostab einzurichten, gab Wladimir Putin am 10. Dezember 2013. Es war in der Zeit, als auf dem Maidan in Kiew die Konfrontation zwischen Protestgruppen und Polizisten in Straßenschlachten überging und es nicht sicher war, wie lange sich der russlandfreundliche Staatschef Viktor Janukowytsch noch halten würde. Putin sah in dieser Eskalation auch eine Bedrohung für Russland.

Dass er 2012 dem einstigen Katastrophenschutz-Minister die nationale Verteidigung übertrug, war kein Zufall. Putin war mit Sergej Schojgu dank gemeinsamer Exkursionen und Angeltouren in Ostsibirien befreundet und wollte ein strategisches Ressort mit einem Vertrauten besetzen, den eine Aura von Stärke und Willenskraft umgab. Kein Wunder, dass inzwischen recht häufig der Name Schojgu fällt, wenn potenzielle Nachfolger Putins aufgezählt werden. Sich für den Staat ins Zeug zu legen, ist Schojgu schon aus familiären Gründen nicht fremd. Bereits sein Vater übernahm hohe Verwaltungsposten in der an Seen und Beeren reichen Gegend Ostsibiriens.

Seine Berufslaufbahn begann der ausgebildete Bauingenieur Sergej Schojgu 1977 als Vorarbeiter und Betriebsleiter in der Baubranche. 1988, in der Hochzeit der Perestroika, übernahm er eine erste politische Funktion als Zweiter Sekretär des Parteikomitees der KPdSU in der ostsibirischen Stadt Abakan. Ende 1991 – Boris Jelzin war bereits Präsident Russlands – wurde Schojgu Leiter des neu gegründeten Komitees für Katastrophenschutz und 1994 schließlich Minister für außerordentliche Situationen.

Dieser Politiker, schreibt das Wochenblatt Sobesednik, liebe Geselligkeit und genieße es, Freundschaften zu pflegen. Gern verabrede er sich zum Banja-Schwitzbad. Andere Stimmen bemerken, dass der Verteidigungsminister noch stoischer und introvertierter wirke als früher. Selten sehe man ihn lächeln.

Es mag nicht zuletzt eine lange Dienstzeit sein, die dem 60-Jährigen im Nacken sitzt. Seit 1991 bekleidet Schojgu fast ununterbrochen hohe Positionen im Rang eines Ministers. Für Pausen blieb nie Zeit. Der Übergang von der sowjetischen Planwirtschaft zu einem archaischen Kapitalismus ließ die Zahl technologischer Katastrophen rapide steigen. Fabriken gerieten in Brand, Munitionslager explodierten, dann stürzte im Februar 2004 auch noch ein in aller Eile gebautes Moskauer Erlebnis-Schwimmbad in sich zusammen. Eine Havarie, bei der 25 Menschen ums Leben kamen.

Im Mai 2012 schien für Schojgu endlich eine ruhigere Zeit zu beginnen. Er wurde Gouverneur des Moskauer Umlandes. Doch nach nur sechs Monaten Amtszeit ereilte Wladimir Putin akuter Kader-Bedarf, und der Präsident besann sich auf seinen alten Freund.

Der Grund: Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow war in den Sog einer Korruptionsaffäre geraten und musste umgehend ersetzt werden. Die 2008 angelaufene Modernisierung der Streitkräfte drohte zu stocken. Serdjukow hatte die zentrale russische Steuerbehörde geleitet, bevor er zu Ministerehren kam. Von ihm erwartete die Regierung, dass er die aufgeblähten Verwaltungsapparate beim Militär zu verschlanken wusste. Serdjukow verringerte wohl die Zahl der Offiziere, zugleich aber wurden unter seiner Verantwortung wertvolle Armee-Immobilien in Innenstadtlage zum Schleuderpreis und gegen Schmiergelder an private Investoren verkauft. Als das ruchbar wurde, war Serdjukow erledigt. Nachfolger Schojgu kassierte einige Reformen, holte einen Teil der entlassenen Offiziere wieder zurück und testete die tatsächliche Kampfkraft der Armee, indem er Truppenteile zu vorher nicht angekündigten Manövern ausrücken ließ.

Dass es „grüne Männchen“ – russische Soldaten ohne russisches Emblem – waren, die im Frühjahr 2014 das Krim-Referendum über eine „Wiedervereinigung mit Russland“ bewachten, hat dem Ansehen von Schojgu in Russland nicht geschadet – im Gegenteil. Dass die Krim wieder zur Föderation gehörte, hatte sich ein großer Teil der Russen sehnlich gewünscht. Groß war die Furcht, die NATO könnte sich auf ein Ersuchen aus Kiew der Schwarzmeerflotte und ihrer Basen auf der Halbinsel bemächtigen. Dass die Übernahme aus russischer Sicht so reibungslos vonstatten ging, zeugte – nach Meinung vieler Russen – von einer professionellen Führung durch den Verteidigungsminister. Doch der winkte ab, Lobeshymnen sind Schojgu ebenso suspekt wie Journalisten.

Der Autor erinnert sich an eine Begegnung im Februar 2000 in der von Separatisten schwer zerstörten tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Wir Journalisten hatten nicht weit von dem Zelt übernachtet, in dem Schojgu schlief. Als der morgens seine Zeltplane zurückschlug, klickten die Fotoapparate. Der Minister reagierte unwirsch. Er sagte, wenn ich mich recht erinnere, nur ein Wort: „Won!“ (Haut ab!).

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