Die Faust im Dach

Ostukraine In Debalzewe tragen viele stets eine Tasche mit den wichtigsten Dokumenten bei sich. Sie wollen auf alles vorbereitet sein

„Ein halbes Jahr saßen wir im Keller“, erzählt mir Anna Schulschenka, Lehrerin für Russisch und Literatur an der Schule Nr. 6 in Debalzewe. Wegen der Gefechte zwischen ukrainischen Truppen und Verbänden der Separatisten lebten die Menschen dieser Stadt von Juli 2014 bis Februar 2015 oft tagelang unter der Erde oder ergriffen die Flucht. Von denen, die sich anderswo in Sicherheit brachten, kommen inzwischen einige zurück. „Manche bringen ihre Gewohnheiten mit und übernachten immer noch im Keller“, sagt Anna.

Obwohl in ihrer Schule vier Klassenräume völlig zerstört sind, kann sie seit Anfang April wieder unterrichten. „Wir haben uns in den Armen gelegen und geweint, als es so weit war.“ Daran ist kein falscher Ton, keine Übertreibung. Man braucht sich nur umzusehen, um zu begreifen, warum diese Rückkehr zur Normalität derart bewegt. Das Loch im Dach der Schule wirkt erschreckend groß. Wie eine Faust ist das Geschoss eingeschlagen. „Zuerst kamen die Granaten aus der Richtung, in der die Ukrainer ihre Stellungen hatten“, erinnert sich Schuldirektor Sergej Kiritschenko. Danach sei man auch ins Sperrfeuer der Aufständischen geraten. Vor dem Gebäude ragt eine Uragan-Rakete schräg aus dem Schulrasen. Man erkennt das breite graue Geschoss an den hinteren vier Lenkflossen. Wer die Rakete zündete, befand sich in relativer Sicherheit, denn die Uragan fliegt bis zu 35 Kilometer weit. „Überall hier stecken noch Raketen im Boden“, sagt Anna, „die meisten sind wenigstens entschärft.“

Kiritschenko, ein stämmiger Sportlehrer und Fußball-Experte, ist um die 60 Jahre alt. „Uns fehlen Geld und Handwerker für die Reparatur“, klagt er. Es könne doch nicht so schwer sein, diese Hilfe zu geben. „Immerhin hat diese Schule bekannte Professoren und Helden der Sowjetunion hervorgebracht. Sehen Sie sich nur die Tafel mit unseren Berühmtheiten an.“

Anna wird den 26. Juli 2014 nie vergessen. „An diesem Tag gab es die ersten Kämpfe. Alle flüchteten in die Keller. Es war schrecklich, weil niemand damit gerechnet hatte. Aber besonders die Kinder waren tapfer. Wir haben mit ihnen Gedichte gelesen und gebetet. Wenn es einmal ruhig blieb, konnte man schnell hoch in die Wohnungen laufen, um etwas zu kochen oder auf die Toilette zu gehen. Im Badezimmer schien es am sichersten. Es gab dort kein Glas, das zerbrechen konnte.“ Anna erzählt, dass während der Kampfhandlungen etwa 100 Bewohner Debalzewes umgekommen seien. Weil es immer gefährlicher wurde, habe sie Mitte Januar ihre 80-jährige Mutter in Sicherheit gebracht „Sie sträubte sich zuerst, weil sie ihren Hund und die Katze nicht alleinlassen wollte. Schließlich habe ich es geschafft, ihr eine vorübergehende Zuflucht im benachbarten Slawjansk einzureden. Ich selbst will aus Debalzewe auf keinen Fall weg, auch wenn ich zu meinem Sohn gehen könnte, der in der Nähe von Moskau lebt.“

Der Zweite Weltkrieg sei „nicht so schlimm gewesen“, bekomme man von den Pensionären in Debalzewo zu hören. Damals sei nicht so viel zerstört worden wie heute. „Vor einem Jahr, wenn gefeiert wurde, saßen wir noch alle zusammen an einem Tisch und haben unsere Lieder gesungen“, erinnert sich Anna. Mit „wir“ sind Russen und Ukrainer gemeint. Vermutlich sei es zu früh, um zu begreifen, wie es zu diesem Krieg kommen konnte.

Mit Nahrungsmitteln versorgt werde sie, beteuert Anna. Wer die liefert, wisse sie nicht. Wahrscheinlich Russland. Die Angst, dass die Kämpfe wieder beginnen, sei geblieben. „Jeder hier trägt immer eine kleine Tasche bei sich. Darin sind Geld, Ausweise, andere wichtige Papiere, ein Handy und ein Aufladegerät – unser ganzer Reichtum.“ Ein verzweifeltes Grinsen huscht über ihr Gesicht.

Beim „Geister-Bataillon“

Anna Schulschenka trägt schicke Sachen. Lederstiefel, Ledertasche und Wollmütze leuchten in einem modischen Rostbraun. Sie freut sich über den blühenden Jasmin. „Im Krieg braucht man das Schöne erst recht.“ Die Fenster ihrer Wohnung im Erdgeschoss sind vernagelt. Die Nachbarn haben Ikonen in die Fensternischen gestellt. „Als Schutz“, erklärt Anna. Wir steigen in den dritten Stock, der mit Mauersteinen und geschmolzenem Glas übersät ist. Über uns ziehen Wolken. Regen fällt auf den Schutt und die abgewetzten Stufen im Treppenhaus. Die Feuchtigkeit, die jetzt ungehindert ins Mauerwerk eindringen kann, ist für Anna das kleinste Problem. Es ist für sie viel wichtiger, dass ihr Haus wieder Strom hat.

Ich fahre weiter in die Nachbarstadt Altschewsk. Ein großes Metalltor öffnet sich. In einem kasernenartigen Gebäude geht es Betonstufen hinauf. An einem langen Tisch sitzen die Kommandeure des Prisrak-, des Geister-Bataillons. Einige rauchen, fast alle haben graue Gesichter, wirken müde und abgekämpft. Die Basis des Bataillons liege in der „Volksrepublik Lugansk“ (LNR), ist zu erfahren, nicht weit von der Demarkationslinie. Dahinter würden die ukrainischen Truppen das Gebiet kontrollieren, das normalerweise zum Verwaltungsbezirk Lugansk gehöre. Nach Meinung der Männer müsse dieses Terrain erobert werden, um möglichst bald bis nach Kiew vorzudringen und „die Faschisten dort“ zu verjagen. Nur dann seien die Menschen in der Ostukraine wieder sicher. Vom Minsker Abkommen halten die Freiwilligen nichts, die Ukrainer würden die Waffenruhe ständig brechen, fast täglich müssten Menschen wegen der gegnerischen Artillerie sterben.

Während dieses Gesprächs ist noch nichts von dem Vorfall zu ahnen, der sich am 23. Mai ereignet. Auf der Straße Altschewsk-Lugansk wird Alexej Mosgowoi, der Kommandeur des Prisrak-Bataillons, bei einem Anschlag auf sein Fahrzeug zusammen mit Leibwächtern, Fahrer und Pressesekretärin getötet. Erst explodiert vor dem ungepanzerten Jeep eine Mine, dann wird das Fahrzeug von vier Seiten mit Maschinengewehren unter Feuer genommen.

Zur Beerdigung in Altschewsk strömen über tausend Menschen. Der 40-jährige Mosgowoi, in der Ostukraine geboren, war beliebt, weil er sich um die Alltagssorgen der Bevölkerung kümmerte, beim Aufbau von Suppenküchen half, Kindergärten mit Lebensmitteln und Windeln versorgte. Sein Bataillon galt als eine der kampfstärksten Einheiten. Mosgowoi war an der Schlacht um Debalzewe beteiligt, als dort im Januar gut 7.000 ukrainische Soldaten eingekesselt wurden. Seine Leute kamen aus der Stadt mit viel erbeutetem Militärgerät zurück. Auf dem Hof des Stützpunktes in Altschewsk stehen zwei Panzer, Jeeps und ein kolossartiger Transporter mit Schießscharten.

Als Soldaten des Prisrak-Bataillons zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai durch die Stadt marschierten, angeführt von einer Blaskapelle und Trommlerinnen in kurzen Röcken, gefolgt von Antifaschisten aus Griechenland, Spanien und Italien, klatschten die Zuschauer und riefen „Danke“ und „Prachtkerle“. Kinder und Frauen drängelten sich zum Gruppenfoto mit Mosgowoi. Der hatte, nachdem er vor einem Jahr damit begann, Freiwillige um sich zu scharen, stets erklärt, man müsse erst gegen die „Faschisten aus Kiew“ kämpfen und werde sich dann die Oligarchen sowie Beamten vornehmen, „die auf das Volk spucken“. Dies hatte Mosgowoi viel Respekt verschafft. Freiwillige aus Russland, aber auch aus Westeuropa wollten unbedingt in seinem Bataillon kämpfen, in dem es sogar eine „kommunistische Einheit“ gibt.

Mit gezogener Pistole

Später treffe ich Anastasija Solomatina, die sich für die „Mütter von Altschewsk“ engagiert und einräumt, dass die Lage für die Kleinkinder der Stadt trotz aller Hilfen ziemlich katastrophal sei. „Altschewsk wurde nicht beschossen, vermutlich deswegen bekommen wir aus Russland keine Hilfe, nur Beistand von Privatinitiativen.“ Für die Kindergärten fehle es an Obst und Milch. Die Preise dafür seien astronomisch hoch und die Eltern hätten kein Geld. „Das Metallurgische Kombinat von Altschewsk steht still. Alle leben jetzt von den Renten der älteren Leute, deren Bezüge mühsam aus der Zentralukraine abgeholt werden müssen. Ein direkter Weg dorthin ist versperrt – man muss über Russland fahren“, sagt sie.

Beim Gang durch die Kaserne im Prisrak-Stützpunkt fallen die zahlreichen Löcher in den Wänden auf. Warum das? „Unsere Leute brauchen im Notfall mehrere Fluchtmöglichkeiten“, wird mir erklärt, bevor es durch einen langen Korridor zur Unterkunft von Wladimir Jefimow und zwei anderen Kämpfern geht. Alle drei kommen aus dem russischen Jekaterinburg, einer Stadt im Ural. Jefimow trägt einen Rauschebart und ist um die 60 Jahre alt. Nach der Auflösung der Sowjetunion diente er bei den „Schwarzen Wölfen“, einer russischen Spezialeinheit, die sich unter anderem auf Befehl des damaligen Präsidenten Boris Jelzin im Oktober 1993 am Sturm auf das Parlament beteiligt hat, um die dort verschanzte Opposition auszuheben. Jelzin, der ebenfalls aus Jekaterinburg stammte, verehre er bis heute, lässt der Bärtige durchblicken. Menschen wie er hätten zu den Waffen gegriffen, „als sie die Massaker in Odessa und Mariupol sehen mussten“.

Jefimow erzählt, dass er in Jekaterinburg Vorsitzender eines Verbandes sei, der etliche Veteranen aus Spezialeinheiten vereine. Seit einem Jahr schon organisiere er humanitäre Hilfe und Geldsammlungen für die Bevölkerung der „Volksrepublik Lugansk“. Um sicherzustellen, dass die Transporte auch bei den Bedürftigen ankommen, werden sie von Freiwilligen aus Jekaterinburg begleitet, die dann in der Volksrepublik meist eine Zeit lang selbst die Waffe in die Hand nehmen und kämpfen. Geld bekommen die Soldaten von Prisrak nicht, nur die Verpflegung stellt das Bataillon, finanziert aus Geldspenden von Unternehmern und sogar vom Chefarzt einer Klinik in Jekaterinburg. Um welche Firmen es sich handelt, will man mir freilich nicht sagen. Die Eigentümer möchten ihre Namen in keiner Zeitung lesen.

Ich fahre über Debalzewe zurück nach Donezk. Alle paar Kilometer gibt es Kontrollposten der Volksrepublik. Jedes Mal muss mein Fahrer seine Papiere vorzeigen und erklären, wen er da transportiert. In einem Städtchen kurz hinter Debalzewe wird es kritisch. Wir haben in der Dunkelheit den Weg verloren, halten an einem Marktplatz und fragen einen Taxifahrer, wo es nach Donezk geht. Die nächtliche Ausgangssperre hat noch nicht begonnen. Unser Stopp erregt offenbar Misstrauen. Zwei zivile Autos rauschen heran und bremsen scharf. Ein Mann in Zivil fordert von mir mit gezogener Pistole Ausweis und Akkreditierung. Im schummrigen Laternenlicht erkenne ich ihn kaum. „Das kreative Gesicht ist mir sofort aufgefallen“, raunt der Zivilpolizist seinem Kollegen zu. Ich habe Angst. Was will er von mir? Doch nach der Passkontrolle gibt es keine weiteren Fragen. Wir können weiterfahren.

06:00 16.06.2015
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