Drei Liter Birkensaft

Russland Der Staatsstreich vor 30 Jahren wird zum Brandbeschleuniger einer neoliberalen Schocktherapie
Drei Liter Birkensaft
20. August 1991, Moskauer reichen der Panzerbesatzung heißen Kaffee

Foto: Alexander Nemenov/AFP/Getty Images

Als Nikolai Platoschkin am 19. August 1991 in der Innenstadt von Bonn unterwegs ist, sieht er Unglaubliches. Der damals 25 Jahre alte Attaché der sowjetischen Botschaft in Bad Godesberg schaut wie gebannt in ein Schaufenster. „Man stellte dort Fernsehgeräte zum Verkauf aus, plötzlich sah ich Panzer auf dem Roten Platz in Moskau und war total überrascht. In der Sowjetunion war gewöhnlich alles stabil und die Biografie vorgezeichnet. Schule, Hochschule, Arbeit. Arbeit gab es in Hülle und Fülle, ein bisschen langweilig, würde ich sagen. Über einen Staatsstreich berichtete unser Fernsehen, wenn es um die westliche Welt oder Entwicklungsländer ging. Und nun Panzer in Moskau?“

Am 17. März 1991 hatten die Sowjetbürger über einen Erhalt der UdSSR als Föderation „gleichberechtigter souveräner Republiken“ abgestimmt. Dieses Votum sei ein klares Signal für den Erhalt der Sowjetunion gewesen, meint Platoschkin, der später Bücher zu historischen Themen schrieb, auch wenn sechs Republiken mit zehn Prozent Sowjetbevölkerung (Aserbaidschan, Armenien, Moldau, Litauen, Lettland, Estland) das Plebiszit boykottierten. In der Ukraine stimmten 80 Prozent zu, mehr als in Russland mit 77 Prozent Ja-Stimmen. In Mittelasien lag die Quote zwischen 93 und 97 Prozent. Am schlechtesten waren die Zahlen in Moskau, wo Boris Jelzin als Regierungschef der Russischen Sowjetrepublik sehr populär war.

Als nächsten Schritt plante Gorbatschow einen Vertrag, der den 15 Republiken mehr Selbstständigkeit garantieren sollte. Platoschkin, der 2019 in Russland die „Bewegung für einen neuen Sozialismus“ gründete, erinnert sich: „90 Prozent der Menschen waren für den neuen Vertrag. Hauptsache, die Sowjetunion blieb bestehen. Die Unionsbürokratie hingegen meinte, dass dieses Dokument in Wirklichkeit die Auflösung der Sowjetunion bedeutete. Auf dem Papier hätte sie zwar weiter existiert, aber ohne Vorrechte für die föderalen Institutionen. Der sowjetische Staat hätte praktisch nicht mehr existiert – und die Unionsbürokratie hatte Recht.“

Am 19. August 1991, einen Tag vor der geplanten Vertragsunterzeichnung, holten die Altkommunisten, die ausnahmslos zur sowjetischen Führung zählten, zum Gegenschlag aus. Um sechs Uhr morgens verkündeten Radio und Fernsehen den Ausnahmezustand. Ein Notstandskomitee unter dem damaligen Vizepräsidenten und Gewerkschaftssekretär Gennadi Janajew, Verteidigungsminister Dmitri Jasow und KGB-Chef Wladimir Krjutschkow übernahm die Macht in Moskau, wo 4.000 Soldaten und 362 Panzer einrückten. Abends gab das Notstandskomitee eine Pressekonferenz, doch zeigten die Mitglieder statt Angriffslust eher Unsicherheit. Janajew machte keinen entschlossenen Eindruck, die ganze Welt sah, wie seine Hände zitterten.

Nach Meinung von Nikolai Platoschkin war Gorbatschow in den Putsch eingeweiht. „Mitglieder des Notstandskomitees hatten ihn am Tag zuvor auf der Krim besucht. Sie erklärten, wir probieren es mit dem Ausnahmezustand, wahrscheinlich werden wir dann den Staat kontrollieren.“ Gorbatschow habe erwidert, machen Sie, was Sie wollen. Im Falle des Scheiterns zählen Sie nicht auf mich. „Viele in der Sowjetunion meinten damals, es habe einen verfassungsfeindlichen Staatsstreich gegen Gorbatschow gegeben, deshalb füllten sich in Moskau die Straßen. Die Menschen wollten Jelzin verteidigen, der sich nicht als Gegner von Gorbatschow, sondern dessen Verteidiger darstellte. Für den KGB war deshalb Wladimir Krjutschkow der Meinung, man müsse das Weiße Haus in Moskau stürmen, in dem sich Jelzin verschanzt hatte. Der stelle sich gegen das Notstandskomitee. Aber die Mehrheit im Komitee sagte, wenn wir stürmen lassen, wird es Opfer geben, das möchten wir nicht. Wir wollen die Sowjetunion erhalten, aber ohne Blutvergießen. Die Leute waren nicht gewillt, Waffen gegen das eigene Volk einzusetzen.“ Sie unterließen es zugleich, die Gewerkschaften als Unterstützer zu mobilisieren. Auch verweigerten Armee- und KGB-Sondereinheiten ihren Kommandeuren die Gefolgschaft, sodass Verteidigungsminister Jasow am Morgen des 21. August den Befehl gab, die Truppen aus der Hauptstadt wieder abzuziehen. Drei Tote waren zu beklagen, junge Männer, die vor dem Weißen Haus unter Schützenpanzerwagen gerieten. Als Boris Jelzin im Oktober 1993 die Beschießung des Weißen Hauses anordnete, in dem eine gegen ihn gerichtete parlamentarische Opposition Zuflucht gesucht hatte, starben mehr als 200 Menschen.

Die Folge: ein Hungersommer

Die Akten über den Augustputsch sind bis heute nicht öffentlich zugänglich. Nur soviel ist sicher, die drei Tage im August hatten den marktradikalen Reformern von Jelzins Gnaden um Jegor Gajdar und Anatoli Tschubais einen mächtigen Schub verschafft, sie wirkten als Brandbeschleuniger. Bis zum 16. Dezember 1991 riefen alle 15 Sowjetrepubliken ihre Unabhängigkeit aus, sodass die Sowjetunion am 31. Dezember abdanken musste. Nach Meinung Platoschkins war Gorbatschow entscheidend dafür verantwortlich, dass es so weit kam. Geradezu verheerend habe sich ausgewirkt, dass die Staatsbetriebe, die Monopolisten waren, per Gesetz ab Anfang 1989 selbst entscheiden konnten, was sie produzieren wollten, und den Gewinn einbehalten durften. Allein in der Lebensmittelversorgung war Chaos die Folge. Platoschkin: „Früher gab es eine festgesetzte Menge an Brot, die am Tag produziert werden musste. Nun sagte die Betriebsführung, wieso sollen wir Brot für 20 Kopeken backen? Plötzlich verschwanden Brot und Haushaltsseife für zehn Kopeken aus den Regalen. Die Fabriken produzierten nur noch Seife bester Qualität für zwei Rubel, denn das brachte den größten Profit. In den Lebensmittelgeschäften gab es drei Liter Birkensaft, sonst nichts. Wenn man in ein Lebensmittelgeschäft ging, fragte man nicht, ob es Käse oder Brot gibt, sondern ob man etwas zum Essen kaufen könne. Im Sommer 1991 kämpften die Menschen wirklich ums Überleben. Das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wurden in Moskau wieder Lebensmittelkarten eingeführt. Plötzlich gab es keinen Zucker mehr, alles wurde rationiert. Sie können sich vorstellen, wie die Stimmung in der Bevölkerung kippte.“

So begann die Marktwirtschaft in Russland wie ein schlechter Silvesterscherz am 2. Januar 1992, als Vizepremier und Finanzminister Jegor Gajdar eine Freigabe der Verbraucherpreise verfügte mit den Ausnahmen Brot, Milch und Dienstleistungen, soweit sie den öffentlichen Nahverkehr betrafen. Dies war der erste Schritt zur Schocktherapie, um Russland in kurzer Zeit von einer Plan- in eine Marktwirtschaft zu dirigieren. Dabei setzte die Regierung Jelzin auf den Überraschungseffekt für eine weitgehend unvorbereitete und unwissende Bevölkerung. Auf die Preisfreigabe folgten die Aufhebung des staatlichen Außenhandelsmonopols und die Privatisierung der Staatsbetriebe. Die Läden füllten sich nun zwar wieder mit Waren, aber die Bürger hatten kein Geld, um diese zu kaufen. Die Inflationsrate kletterte 1992 auf unvorstellbare 2.600 Prozent, womit sich die Sparguthaben der Sowjetzeit erledigt hatten. Ein Grund für die grassierende Geldentwertung war der Versuch, die Produktion in Industrie und Landwirtschaft durch Kredite anzukurbeln, sodass die Geldmenge drastisch zunahm.

Neben Gajdar versuchte sich auch der erst 36-jährige Anatoli Tschubais in der Funktion eines Vizepremiers als Wirtschaftsreformer und verantwortete eine erste Privatisierungswelle bei Staatsbetrieben. Da die Produktionsmittel in den Augen der Bevölkerung Eigentum des Volkes waren, mussten die anlaufende Entstaatlichung notgedrungen die Bürger einbeziehen. Jeder bekam, soweit volljähriger Staatsbürger Russlands, einen Anteilsschein am Staatsvermögen („Voucher“) im Nominalwert von 10.000 Rubel, was damals 17 Dollar entsprach. Tschubais versprach, der Wert eines Vouchers werde in kurzer Zeit auf 200.000 Rubel ansteigen, dann könne man sich dafür eine Limousine der Marke Wolga kaufen – es war nichts weiter als Täuschung und Betrug. Als 1992 das erste Gesetz zur Privatisierung von Staatseigentum in Kraft trat, war der Staat bereits bei gut 2.000 Unternehmen ohne juristische Grundlage enteignet.

2007 erklärte Tschubais in einem Interview, es habe zur Radikalität des Wirtschaftsumbaus keine Alternative gegeben. „Ohne Reformen wäre ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Wie so oft in der russischen Geschichte hätten Hunderttausende ihr Leben gelassen. Das beschreibt den wahren Wert unserer Reformen und nicht, dass Oligarchen heute Milliarden besitzen.“

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06:00 19.08.2021

Ausgabe 37/2021

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