In Artek bleibt Lenin der beste Überblick

Ferien in Russland Für nahezu die Hälfte aller Kinder gibt es keine Urlaubsreise

Schenja, Wlad und Nikita sind drei Moskauer Jungen im Alter von zwölf Jahren. Ich treffe sie vor einem Supermarkt im Westen der Stadt. Aufgeregt erzählen von ihren Sommer-Plänen. Wlad fährt in ein Ferienlager seiner Schule auf die Krim. "Ich werde im Schwarzen Meer baden und Fußball spielen". Die Reise bezahlt der Staat, womit Wlad zu den zehn Prozent russischer Kinder gehört, denen nach einer Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums heute noch eine derart subventionierte Erholung zuteil wird. Wer hingegen höhere Ansprüche stellt und finanzkräftige Eltern hat, für den kommen Lager der gehobenen Kategorie und ein Programm mit Sport, Sprachen oder Literatur in Betracht. Je nach Reiseziel, Angebot und Ausstattung kostet das umgerechnet zwischen 100 und 1.000 Euro. Wem das eigene Land nicht reicht, der schickt sein Kind zu einem Sprachkurs ins westliche Ausland und zahlt dafür einen ansehnlichen Preis.

Einmal Sewastopol

Die beiden anderen Jungen, Schenja und Niktia, fahren mit ihren Familien auf die Datscha wie etwa 15 Prozent ihrer Altergefährten. Zwei Autostunden von Moskau entfernt, gäbe es Wiesen, Wälder und einen See zum Baden. In der Datschen-Siedlung warteten schon die Freunde, und die Eltern hätten alles generalstabsmäßig vorbereitet, erzählt Schenja. "Am Montag um acht Uhr geht es los. Als ich klein war, glaubte ich, es sei eine weite Reise bis zur Datscha, aber das war früher, eigentlich ist die fahrt dorthin so etwas wie ein Ausflug."

Und was unternehmen die anderen? Nach den Erkenntnissen und Hochrechnungen von Lewada fährt jedes 14. russische Kind mit den Eltern ans Schwarze Meer, jedes 20. zu Großeltern und Verwandten. Nur jedes 50. Kind geht auf Tour ins westliche Ausland, nach Italien, Frankreich, Griechenland oder Spanien. Der größte Teil aber - genau sind es 45 Prozent - bleibt im Sommer zuhause, es fehlt das Geld.

Wie auch bei Tatjana (35), die ihre 13-jährige Tochter Polina gerade für 20 Tage ins Ferienlager verabschiedet hat. "Der Austausch mit den anderen Kindern dort ist das Wichtigste", sagt die Mutter, "wichtiger als die Spiele und Ausflüge, die sie in diesen Wochen veranstalten. Manchmal erinnert sich eben die Sozialbehörde an mich. Und dann winkt meinem Kind ein kostenloser Urlaub, weil ich alleinstehend bin." Tatjana ist also zufrieden? "Der russische Staat kümmert sich nicht so gut, wie ich es mir wünsche, aber er kümmert sich." Einmal sei Polina schon in Sewastopol auf der Krim gewesen. Angst um ihre Tochter kenne sie nicht. "Polina schließt schnell Freundschaften."

Lila - ein Mädchen mit langen schwarzen Locken und genau so alt wie Polina - berichtet selbstbewusst, sie fahre einen Monat zur Großmutter nach Odessa und danach mit der Mutter zwei Wochen nach Griechenland. Die Eltern haben also genug Geld? "Wenn meine Mutter nach Griechenland fahren kann, wird das wohl so sein", antwortet Lila kokett. Ihre Mutter sei Buchhalterin, der Vater arbeite als Jurist. In die kostenlosen Ferienlager der Schulen würden nur Kinder fahren, die sonst keine andere Möglichkeit hätten. Für sie habe sich das erledigt. "Ich war einmal in einem solchen Lager in der Nähe von Moskau, es war kalt und regnete die ganze Zeit" Im Ausland sei man da entschieden besser aufgehoben.

Weiß, blau und türkis

Das Lager Artek, die berühmte Ferienstadt für Kinder an der Südküste der Krim, wohin man zu Sowjetzeiten über ein strenges Auswahl-Verfahren kam, ist immer noch in Betrieb, auch wenn die Zukunft wegen hoher Schulden ungewiss erscheint. Längst haben Immobilien-Makler einen sehnsüchtig gierigen Blick auf das 200 Hektar große Gelände mit seinen Kinderdörfern, Schwimmbädern, Sportplätzen und einem acht Kilometer langen Strand geworfen. Im Vorjahr verbrachten hier - betreut von etwa 1.500 Mitarbeitern - über 17.000 Kinder ihre Ferien, ein Drittel davon aus Russland.

Das riesige Lenin-Denkmal auf dem Artek-Gelände steht noch. Man würde das 42 Meter hohe Monument - es soll das höchste seiner Art in der Ukraine sein - gern demontieren, aber die Schulden verhindern es. Die Artek-Kinder singen weiter von ewiger Freundschaft in glücklichen, unvergesslichen Ferientagen, blicken verträumt ins Lagerfeuer und tragen immer noch Halstücher - nicht mehr in Rot, sondern in Weiß, Blau und Türkis. Die Preise für einen Aufenthalt in diesem Quartier freilich beschränken den Zugang. Man zahlt umgerechnet zwischen 600 und 2.500 Euro, doch schreckt das viele Eltern nicht. Artek genießt immer noch einen vorzüglichen Ruf.

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