Kalte Schlucht, schwarzes Gold

Donbass Trotz des Bürgerkrieges fördern in der „Volksrepublik Donezk“ die Bergwerke Steinkohle und beliefern die Ukraine
Ulrich Heyden | Ausgabe 29/2015 2

Im Lichtkegel unserer Grubenlampen wird Kohlenstaub aufgewirbelt. Besser die Atemmaske aufsetzen?, frage ich mich. So dicht scheint die Wolke noch nicht zu sein. Schließlich lässt einen der schlecht beleuchtete Schacht beim Marsch unter Tage völlig außer Atmen kommen. Ich werde durch die Schächte des Steinkohlebergwerks Cholodnaja Balka (Kalte Schlucht) geführt, dessen Kohleadern sich bis zur Stadt Makejewka hinziehen, 20 Autominuten östlich von Donezk. Über mir wölben sich Stahl- und Holzverstrebungen, die das Gestein des Schachtes zurückhalten, doch gilt die Anfang 1957 in der Zeche begonnene Förderung nicht als besonders sicher. Immer wieder bricht einer der Stützbalken. Die gesamte Anlage dieses staatlichen Unternehmens ist veraltet.

Unter anderem deshalb finde sich kein Investor, der den Schacht übernehmen wolle, erzählt Vera Laschenko, Pressesprecherin des jetzigen Betreibers Makejewugol. Bei der Privatisierung des Bergbaus in den 90er Jahren hätten sich die privaten Erwerber „nur Filetstücke herausgepickt, bei denen sie nicht so viel Geld reinstecken mussten“.

Für Makejewugol fuhren vor 20 Jahren noch 40.000 Bergarbeiter ein – heute sind es knapp 14.000, die in neun Schächten Kohle fördern. Was abgebaut wird, geht an die Elektrizitätswerke der Region oder wird als Koks für die Stahlwerke in und außerhalb der ‚„Volksrepublik Donezk“ geliefert. Vera Laschenko sagt, dass viele der jüngeren Bergleute mit ihren Familien die Gegend verlassen hätten. Sie selbst habe mit ihrem Sohn und vier Enkeln in Makejewka bleiben wollen. Sie lasse sich die Hoffnung nicht nehmen, dass es bald Frieden gäbe, und bestreitet, dass die Menschen beim Referendum im Mai 2014 für den Anschluss an Russland gestimmt hätten. „Wir wollten eine Autonomie für den Osten der Ukraine – darum ging es.“

Vor der Einfahrt in den Schacht haben die Frauen im Magazin Helme mit Grubenlampen und Akkumulatoren zum Umschnallen verteilt. „Erzählen Sie unseren Leuten bloß nicht, wie es in deutschen Schächten aussieht“, wird gescherzt. Dass es in Deutschland kaum noch Steinkohlenbergbau gibt, scheinen die Frauen nicht zu wissen. Bevor es in den Förderkorb geht, wird dem Gast eine Alu-Marke in die Hand gedrückt, die beim Verlassen des Schachts wieder abzugeben ist, sodass sich feststellen lässt, ob jemand unter Tage verloren ging.

Unten sicherer als oben

2015 ist die Zahl der tödlichen Unfälle in den Bergwerken des Donbass um die Hälfte gestiegen. Allein bei einer Havarie im Schacht Sasjadko kamen am 4. März 34 Kumpel ums Leben. Russische Fernsehkorrespondenten behaupten dennoch hartnäckig, auf dem Gebiet der „Volksrepublik Donezk“ sei es unter Tage sicherer als darüber, denn sechs Bergleute starben seit Februar durch ukrainischen Artilleriebeschuss. Auch das sei ein Grund dafür, dass viele abwandern, meint Vera Laschenko. Das erschwere die Lage enorm, denn unter der Wirtschaftsblockade gegen die Volksrepubliken leide die Förderleistung erheblich. Es fehle an Bauholz für die Schächte und Schmierstoffen für die Kompressoren. Bisher habe man Akkus für die Grubenlampen aus Charkiw bezogen, doch seit Monaten gäbe es Lieferprobleme, wodurch zwei Grubenarbeiter mit dem Schein einer Lampe auskommen müssten.

Für alles, was aus der Zentralukraine über die Demarkationslinie in die selbsternannten Volksrepubliken geschafft wird, muss an ukrainische Nationalgardisten Schmiergeld gezahlt werden. Für ein dringend benötigtes Zahnrad würden als Aufpreis 1.000 Dollar fällig, erzählt Vorarbeiter Sergej Anatolijewitsch. Dabei profitiere Kiew vom Kohleabbau im Donbass. Von März bis Juni sei eine halbe Million Tonnen Kohle in die Zentralukraine geliefert worden, die sonst auf teure Importe aus Südafrika zurückgreifen müsse.

Unser Ziel unter Tage ist ein neu erschlossenes Flöz in 750 Meter Tiefe, wo seit März Kohle abgebaut wird. Der Weg dorthin dauert eine geschlagene Stunde. Erst geht es in einem klapprigen Aufzug 180 Meter in die Tiefe und dann anderthalb Kilometer durch einen sich immer wieder verzweigenden Stollen. Damit die Arbeiter nicht durch ausströmendes Methan-Gas gefährdet sind, wird ständig frischer Sauerstoff in den Schacht gepumpt. Aus dem schummrigen Licht kristallisiert sich irgendwann ein Trupp Vermessungsingenieure heraus, darunter eine Frau. Weshalb sie unter Tage arbeite, frage ich. „In den 90er Jahren sind viele Männer wegen eines zu geringen Gehalts nicht mehr eingefahren. Frauen sahen das anders. Für sie war es ein angemessener Lohn, der in den Gruben gezahlt wurde“, erklärt die Ingenieurin, die sich im trüben Grubenlicht kaum von ihren männlichen Kollegen unterscheidet.

Mit Mühe drücken wir uns an brusthohen Pressluft-Generatoren vorbei, die den Durchgang zum neuen Kohleflöz versperren. Es herrscht ein unglaublicher Lärm. Angst scheinen die Arbeiter nicht zu kennen. Mit ihren Presslufthämmern kriechen sie auf den Knien durch den nur 90 Zentimeter hohen Schacht, der nur mit vertikalen, hochschraubbaren Stahlstreben abgestützt ist. Wer hier arbeitet, betreibt Raubbau an seiner Gesundheit. Immerhin gibt es im Jahr 62 Tage Urlaub und ab 50 eine Pension, auch wenn als Monatslohn umgerechnet nur 300 Euro abfallen.

„Aufhören“, schreit Sergej Anatolijewitsch. Der stämmige Obersteiger im untersten Flöz der Zeche hat 240 Mann unter sich. Jetzt schweigen die Presslufthämmer, und wir können uns unterhalten. Schon sein Vater sei durch diesen Schacht gekrochen, erzählt Sergej, aber das seien andere Zeiten gewesen. „Bisher haben sich zehn Bergarbeiter aus meiner Abteilung als Freiwillige zur Front abgemeldet. Ich kann sie verstehen, denn vor einem guten Jahr habe ich selbst in Donezk gegen den Maidan in Kiew demonstriert. Ich bin nun einmal in einem großen Land wie der Sowjetunion geboren worden und träume davon, wieder in einem großen Land mit verschiedenen Republiken zu leben.“ Putin könne den Donbass „zurzeit“ nicht aufnehmen. Dafür hat Sergej Verständnis, der eine Rückkehr der „Volksrepublik Donezk“ in die Ukraine für unmöglich hält. „Das ist unumkehrbar.“

Direktor aus Georgien

Über Lohnrückstände redet Sergej nicht. DAN, die Nachrichtenagentur der „Volksrepublik“, meldete Ende Juni: Wegen fehlender Ersatzteile und des Mangels an Bauholz arbeiten die Bergwerke im Moment nicht mit voller Kraft. Deshalb konnten in den ersten drei Monaten des Jahres nur 70 Prozent des Lohnes gezahlt werden. Dass jedoch im Kriegsgebiet überhaupt mit einem einigermaßen sicheren Einkommen gerechnet werden kann, ist die Ausnahme. Viele Fabriken sind beschädigt oder ohne Strom und stehen still, sodass nicht wenige Familien von den Renten der Großeltern leben, die sie im ukrainischen Gebiet abholen müssen, weil Kiew eine Finanzblockade gegen den Donbass verhängt hat.

Dass die Bergwerke im Osten immer von staatlichen Subventionen abhängig waren, bestreitet Vera Laschenko nicht. „Das Thema haben die Medien in Kiew ausgeschlachtet, um sich an der Rückständigkeit der Ostukraine zu weiden. Die Realität sieht etwas anders aus. Sehen Sie: Ich habe meine teuren Ringe an der linken Hand und die nicht so teuren an der rechten.“ So wie ihre Hände zu einem Körper gehörten die Industriebetriebe im Donbass zu einem Produktionsverbund. Und da seien die Bergwerke immer von staatlichen Alimenten abhängig gewesen. „Die von ihnen gelieferte Kokskohle war unverzichtbar für die Stahlproduktion, mit der sich ukrainische Oligarchen auf dem Weltmarkt eine goldene Nase verdient haben.“

Auch wenn sie von ihrer Herkunft her Ukrainerin sei, stehe sie doch zur „Volksrepublik Donezk“, sagt Vera. Allein in der Stadt Makejewka lebten 101 Nationalitäten. „Wir waren dort immer gegen Nationalismus und Faschismus. Und unsere Bergleute haben in Kiew dafür demonstriert, dass es so bleibt.“ Tatsächlich war das Industrierevier Donbass während der vergangenen 150 Jahre ein Magnet für Arbeitskräfte aus Russland und später der Sowjetunion. Hier konnten auch Nicht-Russen Karriere machen, wie der Georgier Tejmurasa Meladse, Direktor des Schachtes „Kalte Schlucht“, den bisher nichts vertrieben hat.

Als wir wieder oben sind, fragt uns ein Begleiter: „Na, wie fühlt ihr euch?“ – „Wie neugeboren“, platzt es aus mir heraus. Der Betreuer, ein Angestellter mit Bäuchlein aus der Finanzverwaltung, stellt uns ein Altbier der örtlichen Brauerei hin. Es schmeckt so gut wie das erste Bier nach 100 Jahren.

Man ruft mich zum Büfett. Die Chefsekretärin feiert ihren Geburtstag. Man sitzt an einem langen, reichlich mit Hauptspeisen gedeckten Tisch. Wodka wird ständig nachgeschenkt. Die Stimmung ist ausgelassen. Es wird getanzt, als ich aber ein Erinnerungsfoto von allen machen will, sieht eine jüngere Buchhalterin, die aus der Region Mariupol angereist ist, hartnäckig nach unten. „Meine Verwandten wohnen in der Ukraine. Ich will nicht erkannt werden.“

06:00 29.07.2015

Ausgabe 14/2020

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