Spiel auf ein Tor

Michael Gorbatschow Michael Gorbatschow über Afghanistan und die Bumerang-Effekte der Neuen Weltordnung

Punkt sechs steht Michail Sergejewitsch in der schummrigen VIP-Lounge. Ohne Hut mit schwarzem Mantel und - trotz des Moskauer Schmuddelwetters - glänzenden schwarzen Schuhen. Braungebrannt, mit randloser Brille und schwarzem Designerpulli wirkt der Ex-Präsident überaus zeitgemäß. Seine Vorliebe für lange Antworten ist geblieben, er extemporiert und sieht dem Gesprächspartner unverwandt in die Augen, als wollte er ihn ganz für sich einnehmen.

Ja, man müsse gegen den Terrorismus entschlossen und hart vorgehen, aber sich auf keinen Fall der Methoden der Terroristen bedienen. "Denen ist es egal, wenn Tausende sterben." Gorbatschow ist überzeugt, die Koalition, die sich jetzt aus Solidarität mit dem amerikanischen Volk gebildet hat, werde zerfallen, sobald sie das vom UN-Sicherheitsrat zuerkannte Mandat verlasse. Als ihn Journalisten aus den USA gefragt hätten, ob man den Krieg in Afghanistan gewinnen könne, habe er geantwortet: "Nein, um diesen Krieg zu gewinnen, muss man das Land vollständig zerstören. Soweit kann man natürlich nicht gehen ..."

Gorbatschow ist dieses Jahr 70 geworden, doch er zeigt keine Ermüdung, liest Unmengen politischer Literatur, organisiert Forschungsprojekte und nimmt weltweit an Konferenzen teil. Wenn er redet, ist er emotional wie immer, wiegt den Oberkörper und ringt mit den Händen. Seine Stimme klingt manchmal ernst und staatsmännisch, dann ironisch, sarkastisch, spöttelnd - ein bitterer Ton lässt sich nicht überhören.

"Sehen Sie konkrete Fehler der Amerikaner in Afghanistan?" Nein, meint Gorbatschow, man müsse die Antwort woanders suchen. "Der Kalte Krieg wurde beendet. Es gab viel Gerede von einer Neuen Weltordnung, aber nichts davon ist umgesetzt worden. Kaum war die Sowjetunion zerbrochen, begannen geopolitische Spiele. Eine Chance verstrich." Ein Versäumnis sei es gewesen, die UNO nicht zu reformieren und dadurch zu stärken. Anstatt in den weltweiten Prozessen an Steuerungsmöglichkeiten zu denken, habe man diese Möglichkeiten kaltblütig ignoriert. Die Globalisierung "spiele nur auf ein Tor", nütze nur den entwickelten Staaten. "Viele unterentwickelte Länder sprechen von einem ›neuen Kolonialismus‹. Die Politiker der westlichen Länder haben sich eben wie Kapitalisten verhalten. Sie sahen eine Möglichkeit, sich zu bereichern, und sagten nur ›Gib her!‹. Und auch wir Russen haben bekommen, was wir bekommen sollten ..."

Was man jetzt erlebe, sei ein "Bumerang-Effekt". Terroristen kämen zwar oft aus reichen Familien, aber Terrorismus und religiöser Extremismus würden vor allem auf dem Boden von Armut und Unterentwicklung gedeihen.

Als unserer Gespräch auf Wladimir Putin kommt, ist Gorbatschow voll des Lobes. "Putin hat Russland dem Westen nach dem 11. September einen Riesenschritt näher gebracht."

"Welcher Part bleibt da für Sie, Michail Sergejewitsch?" - "Ich bin da, wo ich gebraucht werde", antwortet er ausweichend und lacht. "Ich fliege nach Japan, um mit Kissinger die Probleme der pazifischen Region im globalen Kontext zu diskutieren."

Dem heutigen Kreml-Chef fühlt sich Gorbatschow offenkundig mindestens ebenbürtig, daran lässt er keinen Zweifel. Für einen jungen Politiker mache Putin eine sehr mutige und kluge Politik, meint er fast väterlich. Er suche gegenüber dem Westen nach einer "neuen Chance". Aber es bestehe auch die große Gefahr, dass man in Europa nach ein paar Kampagnen gegen die Terroristen zur Tagesordnung übergehe und Russland die Beachtung, die es heute genieße, wieder verlieren werde.

"Eines sage ich Ihnen ganz deutlich, wenn Politiker im Westen glauben, dass andere für sie in den Wald gehen und die Pilze und Kastanien einsammeln, werden wir nicht weit kommen."

Wer Gorbatschow nicht unterbricht, ist zum Zuhören verdammt. Ein Gedanke reiht sich an den nächsten. Kostbare Minuten verrinnen. Plötzlich springt er auf. Das Flugzeug wartet. Seine Begleiter - Wissenschaftler der Gorbatschow-Stiftung, sein Pressesprecher und ein Protokollchef - schließen den Ex-Präsidenten, den sie fast hingebungsvoll "Chef" nennen, in ihre Mitte, der nächste Termin wartet.

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