Truppenaufgebot für den Nordpol

Operation Arktis Die neue russische Sicherheitsdoktrin für die Arktis sieht vor, Armeeeinheiten an den Polarkreises zu verlegen, um Rohstoffe und Schifffahrtswege zu sichern

Nicht weit vom Nordpol kreiste ein russisches Militär-Transportflug vom Typ Iljuschin 76. Die Heckklappe öffnete sich. Verschnürte Lasten – Traktoren, Treibstoff und Zelte - stürzten in die Tiefe. Nach kurzer Zeit hängen sie an riesigen Fallschirmen. Dann springt ein Teil der Crew hinterher. Diese Expedition ist unterwegs, um in diesen Tagen auf einer mehrere Kilometer großen Eisscholle die neue russische Drift-Station Barneo aufzubauen und die Wetterbeobachtung am Nordpol fortzusetzen. Die Erforschung der klimatischen Bedingungen in dieser Erdzone wird wichtiger, denn Russland beansprucht einen Teil der Region als eigenes Rohstoff-Reservoir. Am Nordpol vermuten Experten 20 Prozent der weltweit noch unerschlossenen Öl- und Gasvorkommen. Was das in den nächsten Jahrzehnten an Macht auf den Weltrohstoffmärkten verheißt, bedarf keiner weiteren Erklärung.

Auf dem Lomonossow-Rücken

Ohne weiter ins Detail zu gehen, meint ein Fernsehkommentar in Moskau, solche Landemanöver, wie sie für den Bau der Drift-Station Barneo nötig seien, würden sich in Zukunft des öfteren wiederholen. Dass der Nordpol nicht nur für die Forschung, sondern auch die russische Sicherheitspolitik von Bedeutung ist, das zeigte im Vorjahr die Reise von Nikolai Patruschew, dem ehemaligen Geheimdienst-Chef und Leiter des russischen Sicherheitsrates, der sich stolz am Nordpol ablichten ließ. Das unmittelbar Präsident Medwedjew zugeordnete Gremium veröffentliche inzwischen eine Arktis-Doktrin, die sich auch dem Aufbau spezieller Arktistruppen der Armee widmet. Nach dem Grundsatz-Papier, das seit zwei Wochen kursiert, soll diese Formation fähig sein, „die militärische Sicherheit in unterschiedlichen militär-politischen Situationen sicherzustellen“. – Wie der Doktrin zu entnehmen ist, soll parallel dazu der Inlandsgeheimdienst FSB den Küsten- und Grenzschutz in der Arktis-Region verstärken. Eine in sich logische Option, denn durch das Abtauen des ewigen Eises in nicht allzu ferner Zeit könnte die Arktis nicht nur als Rohstoffdepot, sondern ebenso als Domäne der internationalen Handelsschifffahrt entdeckt werden.

Bis 2016 – so das Grundsatzpapier – sollen die „Außengrenzen der Arktischen Zone der Russischen Föderation“ in Verhandlungen zwischen den fünf Nordpol-Anrainern USA, Russland, Kanada, Norwegen und Dänemark, geregelt sein. Russland begründet seinen Anspruch auf den größten Teil des Nordpols mit dem vom eigenen Festland kommenden unterseeischen Lomonossow-Rücken, der sich bis zum Nordpol erstreckt. „Natürlich wird die Aufteilung nicht auf militärischem Wege stattfinden“, meint Nordpol-Experte Konstantin Sajzew. Sollten die Gespräche erst einmal beginnen, sei nicht mit schnellen Ergebnissen zu rechnen. Das könne „drei bis vier Jahre“ dauern.

Eine Flagge aus Stahl

Zwar beteuern alle fünf Nordpol-Anrainer ihre friedlichen Absichten und die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit, aber Machtdemonstrationen sind nicht auszuschließen. Im Januar hatten die USA ihre Sicherheitsdoktrin für die Arktis veröffentlicht. In dem noch von George Bush unterzeichneten Dokument heißt es, die USA hätten „grundlegende Interessen der nationalen Sicherheit in der Region“. Man sei bereit, „unabhängig und zusammen mit anderen Staaten zum Schutz dieser Interessen“ zu handeln. Russland beobachtet argwöhnisch, was am Nordpol geschieht. Außenminister Sergej Lawrow erregte sich jüngst über ein norwegisches Manöver. Und sein Sprecher Andrej Nesterenko meinte, die Aktivität der NATO in der Arktis könne das „konstruktive Verhältnis“ zwischen den Anrainer-Staaten „unterhöhlen“.

Wenn es um den Nordpol geht, kennt die patriotische Begeisterung in Russland keine Grenzen. Im August 2007 hatte der Duma-Abgeordnete Artur Tschilingarow, der daran beteiligt war, am Nordpol eine russische Flagge aus Stahl auf dem Meeresboden zu verankern, kurzerhand zu Protokoll gegeben: „Die Arktis gehört uns.“ Nordpol-Experte Konstantin Sajzew merkt an, eine Flagge am Nordpol zu hissen, heiße nicht, das gesamte Territorium zu beanspruchen. „Die Amerikaner haben ja auch eine Flagge auf dem Mond gehisst und nicht erklärt, der Mond sei jetzt amerikanisch.“

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