Ulrich Heyden
25.10.2016 | 14:13 14

"Der Großteil versteht die Sanktionen nicht"

Russland-Sanktionen Der ehemalige deutsche Staatssekretär Willy Wimmer war gestern Stargast beim Fernsehkanal Rossija 24.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Ulrich Heyden

Nein, an etwas Ähnliches kann ich mich nicht erinnern. Fast eine halbe Stunde lang wurde Willy Wimmer gestern Abend live im Moskauer Studio des Fernsehkanals Rossija 24 interviewt (ab Minute 21:40 https://www.youtube.com/watch?v=hXf_DlwfVBA&feature=youtu.be&t=21m41s). Solch lange Interviews mit Politikern zur besten Sendezeit sind höchst ungewöhnlich, insbesonder bei Ausländern.

Hier ein paar Stichpunkte zur Sendung: Wimmer wurde als ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der OSZE (1994 bis 2000) und ehemaliger Bundestagsabgeordneter vorgestellt. In Deutschland gäbe es eine "sehr starke Stimmung gegen jede Art von Sanktionen" gegen Russland, erklärte der Gast. Das Volk verstehe nicht, wozu die Sanktionen dienen, "zur Kriegsvorbereitung oder um bestimmten Staaten wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen".

Der Gast nahm Merkel in Schutz, als er sagte, wenn die Kanzlerin nicht in Minsk mit einer anderen Meinung (als der amerikanischen) aufgetreten wäre, dann "hätten wir jetzt vielleicht schon einen großen Krieg".

Die Wahlen in den USA hätten diesen Namen nicht verdient. Das sei "wie Krieg, bei dem keine Gefangenen gemacht werden". Der gesamte Sicherheitsapparat stehe hinter Hillary Clinton.

Deutschland habe seine Entscheidungsfreiheit an Brüssel abgegeben. Das sei nicht mehr das Europa von Kohl und Mitterand. "Europa dient nur noch den Konzernen."

Polen und die baltischen Staaten bauten eine Mauer vor Russland auf und verhinderten damit eine Zusammenarbeit zwischen Westeuropa und Russland.

Zu den deutschen Medien: Wenn es RT und Sputnik nicht gäbe, würde man nur noch "die Kriegstrommeln" hören. "Wir stehen zwei Schritte vor dem Abgrund."

Zu der Frage, welche Rolle er selbst im deutschen Establishment spiele, sagte der Gast, seit dem Jugoslawien-Krieg werde seine Meinung in den deutschen Medien ignoriert. Heute versuche er zusammen mit Albrecht Müller dahin zu wirken, "dass kein Unglück über Deutschland kommt."

Als Deutscher in Moskau war ich froh über diese nüchternen aber klaren Worte. Deutsche und russische Propaganda-Themen wie "Putins Herrschaft" und "Flüchtlingswelle in Europa" wurden in dem Interview nicht angeschnitten. Es ging um nüchterne Analysen, nicht um Bauch-Gefühle. Wimmer wirkte souverän und ruhig, wie ein Außenminister der guten Sache.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (14)

Achtermann 25.10.2016 | 16:16

Heute versuche er zusammen mit Albrecht Müller dahin zu wirken, "dass kein Unglück über Deutschland kommt."

Wer solche Maßstäbe an sich legt, hat mindestens ein gesundes Selbstvertrauen. Was mich irritiert, ist, dass Wimmer so eine Art Hausautor des Kopp-Verlages ist, der mindestens einen zweifelhaften Ruf hat. Auch sein Buch lässt er dort verlegen.

Der Kopp-Verlag bringt Bücher zur Ufologie oder etwa zum Kreationismus heraus. Autorinnen wie Eva Hermann sind dort willkommen. Wer eine Verschwörungstheorie oder Esotherik publizieren will, ist beim Kopp-Verlag an der richtigen Adresse. Wäre interessant zu erfahren, wie Nachdenkenseiten-Müller und seine Mitarbeiter dazu stehen. Das Querfront-Argument liegt anlässlich dieser Fakten in der Luft.

Stine 25.10.2016 | 17:16

Wimmer, der wohl immer noch in der CDU ist und früher hohe politische Funktionen inne hatte und über diverse Insiderkenntnisse verfügt, vertritt seit dem Jugoslavienkrieg einen kritische Standpunkt zur transatlantischen Agenda.

Ich vermute, dass die Zusammenarbeit mit dem Zeitgeistverlag evtl. auch eine Notlösung ist. Auch Hochhuth hatte in einem Interview gesagt, dass es sehr schwer sei, einen Verleger und ein entsprechendes Umfeld zu finden, wenn man grundlegende Kritik äußern will.

Uns allen täte es gut, die Scheuklappen abzulegen und uns nicht durch Denkklischees einzuengen. Was nicht heißt, dass ich ein Fan von Esotherik bin.

h.yuren 25.10.2016 | 18:20

Uns allen täte es gut, die Scheuklappen abzulegen und uns nicht durch Denkklischees einzuengen. Was nicht heißt, dass ich ein Fan von Esotherik bin.

liebe stine,

solche komposita, die das denken mit etwas negativem verbinden, wie in denkklischee, denken m. e. ziemlich schlecht - übers denken. denken ist doch so positiv, dass kein klischee dazu passen sollte.

wenn ich die formel "rechtes gedankengut" höre oder lese, muss ich mich auch jedesmal wundern, wie es möglich ist, das denken an rechte armleuchter zu verkuppeln.

scheuklappen kenne ich von pferden. selbst kann ich keine ablegen, weil ich keine trage.

dass wimmer seit dem jugoslawienkrieg umgedacht hat, spricht für ihn. dass er trotz möglicher cdu-mitgliedschaft so öffentlich auftritt, spricht auch nur für ihn, finde ich.

MisterMischa 26.10.2016 | 00:18

Als Deutscher in Moskau war ich froh über diese nüchternen aber klaren Worte. Deutsche und russische Propaganda-Themen wie "Putins Herrschaft" und "Flüchtlingswelle in Europa" wurden in dem Interview nicht angeschnitten.

Kann ich verstehen. Bei Merkels letztem Besuch in Moskau stand ich gerade im Foyer des Hotels "National" am Kreml, als sie glaubte, anläßlich des Tags des Sieges von der "verbrecherischen Annexion der Krim" sprechen zu müssen. Da lief die Übertragung im TV, wurde zum Glück nicht übersetzt.

Wer Wimmer nicht kennt.. so ähnlich wie Kujat. Kenntnisreich aber vom Mainstream verstoßen. Die beiden wünschen sich die NAto des Kalten Krieges und der 90er zurück. Damals sollen die Zeiten entspannter und friedlicher gewesen sein.

Heinz 26.10.2016 | 18:17

Das sind ja nicht nur die Sanktionen gegen Russland, die unverstanden bleiben, sondern das gesamte Management der Fluchtbewegungen nach Europa, die lange bekannt waren ist ungenügend.

Aktuell winselt die Bundesregierung bei Erdogan um Gnade, statt ordentliche Politik zu machen.

Die Sanktionen gegen Russland sind eine Folge der dümmlichen Politik in der Ukraine, mit der die fragile Sicherheitsarchitektur wider besseres Wissen beschädigt worden ist. Wider besseres Wissen und im Interesse der USA, die den Bürgerkrieg mit 5 Mrd US$ vorbereitet hatte, einer USA, die fürchtete, die EU könne den Deal noch stören: "Fuck the EU," entschlüpfte Victoria Nuland – das ist die Meinung der USA-Regierung über die EU.

Vor allem unsere Interessen in Europa wurden mit diesem Deal der USA beschädigt – nachhaltig beschädigt.

Krysztof Daletski 26.10.2016 | 21:59

Wimmer ist ein Konservativer, der sich aber (übrigens neben Peter Gauweiler(!)) konsequent gegen militärische Interventionen ausgesprochen hat und auch die Zustimmung im Bundestag verweigerte. Er war für die CDU im Bundestag, und die hat als Volkspartei eine große inhaltliche Überschneidung mit der SPD, für die Albrecht Müller im Bundestag war.

Was ist also daran verwunderlich, dass die beiden in einem existenziellen Thema wie Krieg oder Frieden einer Meinung sind und sich auch gemeinsam für Frieden einsetzen (z.B. traten sie am Vorabend der "Stopp Ramstein" Demo zusammen auf, und Wimmer war auch mal beim Pleisweiler Gespräch)?

Anstatt von "Querfront" zu oraklen, wäre eher Freude darüber angebracht, dass auch Konservative die gegenwärtige risikoreiche Konfrontationspolitik ablehnen. Ein anderer Konservativer in dieser Kategorie ist übrigens Jürgen Todenhöfer (der sogar früher mal zur "Stahlhelm-Fraktion" der CDU gehörte!), der sich thematisch auf den arabischen Raum konzentriert.

Stine 29.10.2016 | 23:35

scheuklappen kenne ich von pferden.

Die Pferde sollen nicht alles wahrnehmen und merken, weder die Geschehnisse am Wegesrand noch die Peitsche des Gespannführers. Die Scheuklappen - als Machtwerkzeuge - helfen somit die Pferde zu steuern und zu kontrollieren.

Analog können auch bestimmte, negativ assoziierte Begriffe und Zuordnungen das Denken einschränken und der Offenheit und Neugier, dem Wissensdurst entgegenstehen.

Wenn das linke Gedankengut sorodiert und das rechte Gedankengut tabuiert ist, das Verstehen oft nicht gewünscht wird, bleibt nicht viel über;-(

Oliver Kloss 29.10.2016 | 23:38

Seit Jahren redet Willy Wimmer nur das, wovon er sicher sein darf, es werde in RT oder ähnlichen Putin-Propaganda-Medien gern gesendet. Es sei dahingestellt, ob Altersfrust oder ein guter Nebenverdienst für den Politik-Rentner die Motivation bilden mögen. Man darf wenigstens letztere Möglichkeit hoffen, um ihn für zurechnungsfähig halten zu können.

Stine 30.10.2016 | 01:22

um ihn für zurechnungsfähig halten zu können.

So eng sehe ich das nicht. Jeder hat seine spezielle Biografie. Sie auch und die Selbstzeugnisse, Essays, Bücher. Reden usw. haben mit diesen Erfahrungen zu tun.

Es gibt doch mehrere ältere ehemalige Funktionäre, die sich -ähnlich wie Wimmer - öffentlich äußern. Ich denke an Teltschick, Kujat, Jochen Scholz, früher auch Egon Bahr.

Aufgrund ihrer Erfahrungen aber auch der jetzigen Distanz und Unabhängigkeit leisten sie meines Erachtens wertvolle Beiträge zur öffentlichen Diskussion.

RT ist auch interessant weil diese Plattform inzwischen einen hohen Veröffentlichungsgrad im Internet bietet.

Wimmer schreibt aber auch z.B. bei Cashkurs und tritt auch bei politischen lokalen Veranstaltungen auf.