Ulrich Kühne

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RE: Hallo Apokalypse | 25.03.2009 | 12:41

@ Joachim Losehand:

Ich habe nie verstanden, warum Menschen dieses unglaubliche Bedürfnis haben, anderen Menschen in ihre Religion reinzureden. Der Codex iustinianus verlangt für die kleinsten Abweichungen von den religiösen Riten, die durch dieses Werk zur Staatsreligion institutionalisiert wurden, die Bestrafung „wie von einem Mörder“, und hat sich überhaupt sehr ausführlich und detailverliebt um die Behandlung von Häretikern, Heiden und Juden gekümmert, als hätten die Menschen damals keine drängenderen Rechtsfragen gehabt. http://en.wikipedia.org/wiki/Corpus_Juris_Civilis

Ist es nicht erstaunlich, dass dieses Werk, das in der Disziplingeschichte der Juristerei als Krönung und Vollendung der antiken Rechtslehre gefeiert wird, exakt mit dem Beginn des wirtschaftlichen und kulturellen Totalverfalls der Gesellschaft einherging? Das sollte den Juristen eigentlich zu denken geben. Jedenfalls wirft es einen Schatten auf das schöne Selbstbild von der zivilisationsstiftenden Kraft eines formvollendeten Rechtssystems. – Aber vermutlich werden sich die Winkeladvokaten mit einem dem üblichen Hinweis auf den propter-hoc-Fehlschluss aus der Verantwortung winden.

Was Sie zum Neuplatonismus sagen, scheint mir leider alles wahr und richtig. Und obwohl auch alles stimmt, was Sie über die Platonische Akademie schreiben: Warum hatten die Menschen damals diesen unbändigen Drang, selbst eine solch harmlose Narrenveranstaltung mit brutaler Gewalt niederzuwalzen?

PS: Ich bin übrigens hellauf begeistert, dass dieser Artikel, der ja mittlerweile in den verborgenen Tiefen der Freitag-Website versickert ist, immernoch gelesen und kommentiert wird. Wunderbar!

RE: Hallo Apokalypse | 24.03.2009 | 19:54

@tearex: Dass Justinian ein „schlichtes Gemüt“ hätte, wollte ich nicht behaupten. Ich sehe seinen verheerenden Einfluss auf die weitere Geschichte gerade eher in seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten als Führer und Stratege begründet. Beispielsweise war es durch seine Kodifizierung des Rechts im codex justinianus (den ich eher als Vorläufer der Schari’a, denn als Krönung des Römischen Rechts verstehe) ungleich effizienter als zuvor möglich, die Religion im Reich zu vereinheitlichen und den zuvor praktizierten Pluralismus mit staatlicher Gewalt zu beseitigen.

Dass Justinian in den Ruinen des vom Nika-Aufstand 532 n.Chr. niedergebrannten Konstantinopel noch einmal in der Lage war, alle Ressourcen seines Reichs zu plündern, um das eine religiöse Großprojekt zu realisieren, den Neubau der Hagia Sophia, von der Justinian meinte, sie garantiere ihm einen Platz im Himmelreich, hat vielleicht den allgemeinen Kultur- und Wirtschaftsverfall eher beschleunigt.

Aber ich halte es auch für möglich, dass im Osten der Zivilisationsbruch einige Jahre später eingesetzt hat und vielleicht auch insgesamt eine Spur milder ausgefallen ist.

Den Neuplatonismus kann ich hier nicht verteidigen. Aber ich glaube, die Platonische Akademie war doch ein Ort des Meinungspluralismus, auch wenn der Neuplatonismus in der Spätantike dort offensichtlich eine Hochburg hatte. – Ihr Hinweis ist jedenfalls sehr nützlich. Und die Wirklichkeit komplexer, als man sie in nur einem Zeitungsartikel bannen kann.

@schkid: Wo behaupte ich, dass die „die Krise vom Himmel gefallen ist“? Ihre Ausführungen halte ich für sehr interessant, bin aber etwas ratlos, warum Sie sie im Zusammenhang mit meinem Artikel erwähnen. Dass man sich in Krisenzeiten nicht mit Beten begnügen soll, sondern Analyse und Aufklärung betreiben soll findet jedenfalls mein ungeteilte enthusiastische Zustimmung.

@ exotec: Dankeschön!
@ joerg53: Großer Dank!
@ maverick: Hatte ich eigentlich erwähnt, wie anfällig ich für freundliche Kritik bin?

RE: Geschichten aus der Internet-Steinzeit | 25.02.2009 | 20:22

O, Nostalgie! Die gute alte Zeit! Danke für die romantische Erinnerung!