Das Phantom der Wattestäbchen

Kriminalität Die Blamage der Polizei bei der Suche nach dem Polizistenmörder von Heilbronn ist nur ein weiteres Indiz für den grassierenden Dilettantismus von vermeintlichen Experten

Ein feiger und hinterhältiger Mord an einer Polizistin im Dienst. Ihr Kollege überlebt schwerverletzt einen Kopfschuss. Es ist offensichtlich, dass bei einem solchen Verbrechen die Polizei alles einsetzt, was ihr zur Verfügung steht. Keinen Aufwand, keine Kosten scheut, um den oder die Täter zu fassen. Eine Elite-Sonderkommission wird eingesetzt, Polizeibehörden aus dem In- und Ausland werden miteinander vernetzt. Jeder gibt sein Bestes. Tatsächlich sind bald zusätzlich zu den Millionenbeträgen, die in die Ermittlungsarbeit gesteckt wurden, 16.000 Überstunden angehäuft.

Erste Erfolge bleiben nicht aus: DNA-Spuren vom Tatort in Heilbronn finden sich bald auch im Zusammenhang mit anderen Straftaten. Es ist die DNA einer Frau. Gleiche DNA-Spuren an zwei Tatorten deuten auf einen Kausalnexus. Beispielsweise einen gleichen Tatbeteiligten. Oder einen gleichen Ermittlungsbeamten, eine gleiche Laborkraft im DNA-Labor oder - wie es sich jetzt herausgestellt hat – eine gleiche Person, die die Wattestäbchen eingepackt hat, mit denen die DNA-Spuren an den verschiedenen Tatorten gesichert wurde. – Eine Trivialität. Der erste Schritt eines jeden Ermittlungsbeamten: diesen Kausalnexus ergebnisoffen, unvoreingenommen und schnell aufzuklären. Im vorliegenden Fall besonders simpel: Alle Wattestäbchen des „Pantoms“ kamen vom gleichen Hersteller. Für zwei Jahre hat niemand unter den Ermittlungsbeamten diese Offensichtlichkeit untersucht.

Was lernen wir daraus? Dass ganze Berufsfelder von Experten, auf deren wissenschaftliche Ausbildung man sich eigentlich verlassen müsste, mittlerweile von Heerscharen von Dilettanten unterwandert sind. Da gibt es heute in Deutschland vereidigte Baustatiker, die nichts bemerken oder nichts dagegen tun können, dass ganze Straßenzüge in Köln zusammenbrechen. Diplomierte Sozialpädagogen, die es in die Führungsebene der Bremer Jugendfürsorge geschafft haben, aber nicht wissen, dass ein schwer drogensüchtiger Kleinkrimineller von den Fürsorgepflichten für einen zweijährigen Säugling möglicherweise überfordert ist. Investmentbanker, die offenbar an das perpetuum mobile glauben und meinen, durch bloße Umschichtung von faulen Krediten eine seriöse Anlageform konstruieren zu können.

Dies ist ein Aufruf zu einer grundlegenden Reform der Universitätsausbildung. Wir brauchen objektivierbare Mindeststandards. Wir brauchen eine persönliche Verantwortung der Professoren für die akademische Qualifikation ihrer Absolventen. Und vielleicht am wichtigsten: Wir brauchen Pflichtkurse in Wissenschaftsphilosophie und in logischem Denken für sämtliche Studienfächer. Wer am Ende seines Studiums nur irgendwelche Stoffmengen in sich reingepaukt hat, die er dann ohne Sinn und Verstand für den Rest seines Lebens anwendet, ohne Fähigkeit zur Kritik des eigenen Erkenntnisvermögens, ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft.


Die größte Kostenlawine, die jetzt auf uns zukommt, hat bisher noch niemand erwähnt: Dass wahrscheinlich Tausende von Strafprozessen neu aufgerollt werden müssen, weil das Vertrauen in die polizeiliche Ermittlungsarbeit verloren ist. Dass überhaupt alle zukünftigen Prozesse, die mit DNA-Beweisen arbeiten, ungleich umständlicher und kostenintensiver werden, und wohl bald auch in Deutschland teure Spitzenanwälte in der Lage sein werden, Schwerverbrecher mittels der berühmten O.-J.-Simpson-Verteidigung auf freien Fuß zu setzen. Wie unendlich preiswert ist dagegen die Wissenschaftsphilosophie.


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Geschrieben von

Ulrich Kühne

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