Ehrlich färbt am längsten

Salvarsan 100 Jahre wissenschaftliche Medizin: Eine Lobrede auf Paul Ehrlich, den deutschen Chemiker, Arzt und Serologen, der ein Mittel gegen die Syphilis entwickelte

Vor hundert Jahren ist in einem Labor in Frankfurt am Main etwas Spektakuläres passiert. Ein Mensch synthetisiert eine chemische Substanz nur aufgrund einer selbsterfundenen Theorie, ohne ein Vorbild in der Natur, und sie funktioniert: Die Substanz vergiftet ausschließlich Bakterien der Gattung Treponema, aber Säugetiere lässt sie am Leben. Das erste wirksame Medikament gegen die Syphilis ist erfunden.

Die Idee von Paul Ehrlich (1854-1915) war von genialer Einfachheit: Am Anfang standen die Anilinfarben, eine große Familie von chemischen Stoffen, die man seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus Steinkohleteer destillieren konnte. Wie alle Textilfarben haben sie eine bemerkenswerte Eigenschaft: Anfangs wird die Farbe in Wasser gelöst. Dann gibt man die Tier- oder Pflanzenfasern, die man färben möchte, hinzu. Und anschließend haftet die Farbe an den Fasern – im Idealfall so fest, dass sie sich auch bei Kochwäsche nicht löst.

Anilinfarbe besitzt also eine natürliche Neigung, sich an organische Stoffe zu kleben. Aber nicht immer: Für jede Art von Fasern benötigt man die passenden Anilinfarben; wählt man eine falsche, dann löst sich die Farbe wieder. In den 1880er Jahren kam Paul Ehrlich auf die Idee, diese Selektivität der Anilinfarben in der Mikroskopie und medizinischen Dia­gnostik nutzbar zu machen. Beispielsweise fand er einen Farbstoff, mit dem sich die fast durchsichtigen Tuberkuloseerreger leicht sichtbar machen lassen. Und einen anderen Farbstoff, der als „Ehrlich-Reagenz“ dazu dient, durch eine Farb­reaktion mit Urin eine Leberschädigung zu diagnostizieren. Schon damals spotteten die Kollegen über das nachtaktive Genie „Ehrlich färbt am längsten“.

Sex, Schuld und Syphilis

Überhaupt hat Paul Ehrlich noch einige andere Entdeckungen gemacht, beispielsweise entwickelte er die Theorie der Serumtherapie – grob gesprochen ist das die Methode, „Gegengifte“ zu produzieren, indem man ein robustes Pferd mit zunehmend größeren Dosen des Gifts traktiert, bis es sich daran gewöhnt hat, und man dann aus seinem Blutserum „Antikörper“ herausfiltern kann, die Menschen vor dem Gift schützen. Zusammen mit Emil Behring entwickelte er so das Heilserum gegen Diphtherie. Paul Ehrlich ist die seltene Ausnahme, dass jemand noch nach der Verleihung des Nobelpreises, den er 1908 verliehen bekam, eine sehr viel größere wissenschaftliche Leistung erbringt.

Die große Idee würde man heute „Payload“ nennen, Ehrlich nannte sie die „Zauberkugel“: Man sucht den Anilinfarbstoff, der sich spezifisch nur an den Krankheitserreger heftet. Und dann verbindet man ihn mit einem universellen Gift, quasi als Nutzlast des Anilinfarbstoffs. Fertig ist das Medikament. Der Anilinfarbstoff trägt das Gift zum Krankheitserreger und verschont den Körper des Wirts. Das Schwermetall Arsen ist so ein universelles Gift, das bei hinreichender Dosis von der Mikrobe bis zum Menschen alle Lebewesen töten kann.

Paul Ehrlich fängt 1903 zusammen mit seinen Assistenten Alfred Bertheim und Sahachiro Hata an, systematisch Anilin-Arsen-Verbindungen zu synthetisieren und in Bakterienkulturen von Treponema auf Giftigkeit und an Laborratten auf Ungiftigkeit zu testen. Am 31. August 1909, nach 605 gescheiterten Versuchen, hatten sie mit der Substanz Arsphenamin Erfolg. Ein Jahr später kommt die Substanz, hergestellt von der Firma Hoechst, unter dem Markennamen „Salvarsan 606“ in die Apotheken. Oft genügte eine einzige Spritze um einen Menschen vollständig von Syphilis zu befreien. Die katholische Kirche reagierte mit offener Feindschaft, weil Salvarsan sich in die göttliche Strafe für sexuelle Ausschweifungen einmische. Gerade wegen der gesellschaftlichen Ächtung der Kranken war die Syphilis in den Jahrhunderten zuvor eine der grausamsten Seuchen überhaupt. Sie war noch weiter verbreitet als heute Aids, und noch stärker als bei Aids gibt es auch bei Syphilis nichtsexuelle Übertragungswege, wie etwa von Müttern auf ihre ungeborenen Kinder, die gleichwohl zur Stigmatisierung der Opfer führen. Im letzten Stadium des langen Siechtums zerstören die Treponema-Bakterien mit dem Nervengewebe der Patienten ihre Persönlichkeit und Erinnerungen – wie bei Friedrich Nietzsche, der seine letzten elf Jahre in geistiger Umnachtung lebte.

Tatsächlich musste sich Paul Ehrlich sogar vor Gericht verteidigen. Salvarsan wurde in Glasampullen ausgeliefert, weil es an der Luft in seine Bestandteile zerfällt und damit die selektive Giftigkeit für Trepo­nema-Bakterien einbüßt. Falsch gelagertes Salvarsan und dann wegen der ausbleibenden Wirkung überdosiert, hat in einigen Dutzend Fällen zum Tod des Syphilis-Kranken durch Arsenvergiftung geführt. Salvarsan war das erste Medikament, dessen Wirkungsweise durch eine chemische Theorie erklärt werden konnte – und damit auch sein gelegentliches Therapieversagen.

Paul Ehrlich hat nicht bloß das erste Medikament mit einer weit über die traditionellen Heilpraktiken hinausreichenden Wirksamkeit erschaffen. Und er hat nicht bloß der Syphilis den Schrecken genommen. Ihm verdanken wir – weit mehr als das – die Methode, nach der praktisch sämtliche heute bekannten Wirkstoffe gegen Infektionskrankheiten und Krebs entwickelt wurden. Dank seiner Ideen ist die Medizin heute keine bloße auf Erfahrung gegründete Heilkunst, sondern eine Wissenschaft.

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13:30 03.09.2009
Geschrieben von

Ulrich Kühne

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Ausgabe 38/2021

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