Freiheit in Zeiten des Brainscans

Wissen Der Hirnforscher John Dylan Haynes wird vor dem Deutschen Ethikrat die Zukunft der Hirnforschung erklären. Im "Freitag"-Interview gibt er eine Vorabinformation

der Freitag: Das Jahr 2020: Folter ist endlich weltweit geächtet. Stattdessen werden Terrorverdächtige einfach in einen von Ihnen konstruierten Hirnscanner geschoben. Auf einem Bildschirm sehen dann die Sicherheitsbeamten sofort, ob und wo der Verdächtige die Bombe versteckt hat – eine realistische Zukunftsvision?

John Dylan Haynes:

Für das Jahr 2020 ist das sicherlich keine realistische Zukunftsvision. Aber wir müssen damit rechnen, dass in den nächsten Jahren aus Messungen der Hirnaktivität immer genauer auf die Gedanken einer Person geschlossen werden kann. Das liegt daran, dass jeder Gedanke mit einem unverwechselbaren Muster der Hirnaktivität einhergeht, den man wie einen Fingerabdruck verwenden kann, um den Gedanken zu identifizieren. Diese Methoden sind heute natürlich noch sehr begrenzt. Wir sind noch nicht dazu in der Lage, die Gedanken einer Person in beliebiger Detailschärfe auszulesen. Allerdings sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass man selbst mit den einfachen Verfahren, die es heute gibt, bereits recht erfolgreiche Anwendungen verwirklichen kann. Das liegt daran, dass einfache ja/nein-Entscheidungen reichen um zum Beispiel festzustellen ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt. Oder ob jemand ein Auto kaufen wird oder nicht. Wir müssen uns also bereits heute um die ethischen Implikationen dieser Anwendungen Gedanken machen.

Hat der Verdächtige eine Chance, die Messung zu verhindern oder zu verfälschen?

Inwiefern man bei einem praktischen Einsatz solcher Techniken dazu in der Lage wäre, bewusst die Ergebnisse zu verfälschen, darüber ist noch sehr wenig bekannt. Bei der klassischen Lügendetektion mittels Polygraphie ist die Manipulation sehr leicht, indem man lernt, sein Erregungsniveau gezielt zu beeinflussen. Man kann sich dazu im Internet vielfältige Anleitungen runterladen. Das Problem ist, dass Erregung ein indirektes Maß für Lügen ist und sich sehr leicht manipulieren lässt. Im Gegensatz dazu würde eine moderne Lügendetektion direkt im Gehirn ansetzen und quasi die kognitiven Prozesse bei der Produktion einer Lüge aufdecken. Der Spielraum für Manipulation sollte dann viel niedriger sein. Allerdings benötigt man hierzu immer noch die Kooperation des Befragten, er darf sich im Scanner zum Beispiel nicht zuviel bewegen, ansonsten kann man keine Daten messen. Solche Tricks wären auch sehr schnell erkennbar. Trotzdem wäre eine intensive Erforschung von Anwendungssituationen erforderlich, um die Wirksamkeit solcher moderner Verfahren zu belegen.

Schauen wir auf andere Science-Fiction-Szenarien. Total Recall mit Arnold Schwarzenegger: Wird es möglich sein, die Erinnerungen eines Menschen nachträglich zu verändern?

Man kann ja mit psychologischen Tricks bereits heute falsche Erinnerungen erzeugen. Es ist aber noch nicht möglich, die Gedankenwelt einer Person mit Hirntechnik gezielt umzuprogrammieren. Alle Methoden, mit denen man heute in das Gehirn „hineinschreiben“ kann, sind sehr unpräzise und ermöglich höchstens die Erregung oder Hemmung großer Nervenpopulationen. Um spezifische Gedankeninhalte zu verändern oder auszulöschen, müssten wir ein Verfahren haben, mit dem wir sehr präzise in das Verschaltungsmuster neuronaler Netze eingreifen können – bis auf das Level einzelner Nervenzellen und Synapsen. Dies ist heute noch nicht möglich.

The Manchurian Candidate: Eine kleine Sonde im Gehirn und ein anständiger Bürger wird zum Sklaven fremder Mächte.

Das ist aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich. Zum einen können wir heute wie gesagt noch keine detaillierten Inhalte in das Gehirn einprogrammieren. Heute sind nur sehr unspezifische Stimulationen möglich, die es nicht erlauben, bestimmte Programme in ein Gehirn einzuspielen. Zum anderen wissen wir heute noch nicht genau wie Absichten und Handlungspläne vom Gehirn realisiert werden. Wir haben zwar zeigen können, dass auch unbewusste Handlungstendenzen aus der Gehirnaktivität ausgelesen werden können. Aber diese Tendenzen sind stets mit den anderen Überzeugungen und Wünschen einer Person kompatibel. Es ist heute noch nicht klar, ob eine Absicht erzeugbar wäre, die den Kern-Überzeugungen einer Person zuwidergeht, wie etwa der Überzeugung, einem anderen Menschen keine Gewalt anzutun.

Ist das der Geist in der Maschine Gehirn? Vermutet der Hirnforscher hier etwa doch das Wirken der freien und unerforschlichen Seele?

Die Naturwissenschaft beruht natürlich auf Grundannahmen, zum Beispiel, dass sich zumindest im Prinzip alle mentalen Phänomene mit Hirnprozessen erklären lassen sollten. Das hat natürlich noch niemand im Detail bewiesen und es ist auch schwer vorstellbar wie man dies beweisen wollen würde. Man müsste dazu den Zustand des Gehirnes bis in den kleinsten Quantenzustand kennen, da gibt es prinzipielle Grenzen. Die heutige Forschung hat die Existenz eines von der Materie unabhängigen Geistes nicht endgültig widerlegt, aber sie hat ihn sehr unplausibel gemacht. Die entscheidende Frage ist: Warum haben wir als Menschen solche Probleme mit der Determination unseres Ichs durch das Gehirn? Wenn sich der neurowissenschaftliche Determinismus immer mehr bewahrheitet, brauchen wir vielleicht alle so etwas wie eine Selbstbildtherapie, die uns hilft, mit dieser neuen Sicht umzugehen und nicht in einen Fatalismus zu verfallen. Ein tolles Berufsfeld für Psychologen.

Nächstes Beispiel:

Solche Science-Fiction Utopien haben natürlich eine interessante Funktion. Sie zeigen uns, welche komplexen Probleme die Forschung lösen müsste, um derartige Phantasiemaschinen zu realisieren. Die Gedanken aufzuzeichnen würde erfordern, dass man für jeden beliebigen Gedanken, den eine Person hat, bereits weiß mit welchem Aktivitätsmuster im Gehirn er zusammenhängt. Das ist heute noch nicht möglich, da man erst wenige alternative Gedanken auslesen kann. Ein weiteres Problem wäre die Übertragung. Dazu müsste man einen Weg finden, gezielt ganz bestimmte Gedankeninhalte in ein Gehirn einzuspielen. Dazu reichen die heutigen Verfahren wie gesagt bei weitem nicht aus.

Aber prinzipiell?

Rein hypothetisch könnte es eine Maschine geben, die Gedanken aufnehmen und abspielen kann. Und diese könnte dann auch genutzt werden, um dieselben Gedanken an eine andere Person in der Ferne zu übertragen. Allerdings ist das noch Zukunftsmusik.

Die unglaublichste Technik entnehme ich keinem Science-Fiction-Film, sondern einer Pressemeldung aus Ihrem Institut. Darin wird behauptet, Sie könnten sieben Sekunden im Voraus aus dem Gehirn einer Versuchsperson herauslesen, welche vermeintlich spontane Willensentscheidung sie treffen wird. Was hat es damit auf sich?

Wir haben ein sehr simples Entscheidungsexperiment durchgeführt. Wir haben Menschen in einen Scanner gebracht und sie gebeten, zu einem beliebigen Zeitpunkt ihrer freien Wahl eine Entscheidung zu treffen und entweder mit der linken oder der rechten Hand eine Taste zu drücken. Parallel haben wir dann gemessen, wann sich jemand entschieden hat. Es zeigte sich, dass sich die Entscheidung bis zu sieben Sekunden früher aus der Hirnaktivität vorhersagen lässt. Diese Vorhersage ist zwar nicht perfekt, sie bedeutet jedoch, dass unsere Entscheidungen mindestens über Sekunden von unbewussten Hirnprozessen beeinflusst werden. Das führt uns zwar nicht zurück zu Freud, dessen Theorie den Einfluss des Unbewussten überschätzt hat. Allerdings zeigt es, wie wichtig ein Verständnis unbewusster Prozesse ist, wenn wir unsere Entscheidungen verstehen wollen.

Was sind die Dinge, an denen Sie im Augenblick forschen?

Eine wichtige Frage ist, wie Gedanken im Gehirn kodiert sind. Dazu müsste man die „Sprache“ des Gehirns verstehen. Eine weitere Frage ist, wie bestimmte Hirnaktivitäten zu bewussten Erlebnissen führen. Bei genauem Hinsehen sind die Hirnprozesse in allen Gehirnregionen sehr ähnlich. Wie werden dann aber aus einigen Aktivitätsmustern von Nervenzellen Farben, aus anderen Töne, Gerüche, Erinnerungen oder Gefühle?

Ist das Menschenbild, das hinter Ihrer Forschung steht, nicht deprimierend?

An der komplexen Natur unserer Gedanken ändert sich durch unsere Forschung nichts, genausowenig wie sich an der Schönheit einer Beethoven-Symphonie etwas ändert, wenn man erkennt, dass sie aus Schallwellen besteht.

Was ist Ihr schlimmster Albtraum, wie Ihre Forschung missbraucht werden könnte?

I

ch halte es für ethisch unverantwortlich in die mentale Privatsphäre eines Menschen einzudringen, um zum Beispiel Werbung zu optimieren. Die Anwendung für kommerzielle Zwecke sollte meines Erachtens nicht erlaubt sein. Schließlich könnte man damit eines Tages womöglich eine Werbung so verbessern, dass sie optimal auf die Belohnungszentren des Gehirns einwirkt und uns nach dem Produkt süchtig macht. Ein anderes Beispiel sind militärische Anwendungen, etwa wenn man die Reaktionszeit eines Kampfpiloten, auf „Feuer“ zu drücken, reduzieren möchte und ihm einen Vorteil verschafft, indem man seine Entscheidung vorhersagt. Das wäre sehr problematisch, da nicht klar ist, ob die unbewussten Determinanten unserer Entscheidungen in solch komplexen Situationen gute Vorhersagen erlauben. Das sind natürlich beides Schreckensszenarien und technisch so vermutlich auf lange Zeit nicht zu realisieren. Trotzdem sollte man gerade wegen des enormen Potentials dieser Methoden genau über die möglichen Gefahren jeder Anwendung nachdenken.

Sollte der Ethikrat nicht besser im Namen der Menschlichkeit Ihre Arbeit ganz verbieten?

Forschung zu verbieten würde kein gutes Vorbild schaffen. Wie bei jeder Forschung muss man sorgfältig Gebrauch und Missbrauch unterscheiden. Wir brauchen ein differenziertes Bild der möglichen Anwendungen dieser Forschung. Auf der einen Seite stehen Anwendungen, die wir ethisch auf jeden Fall unterstützen müssen. Es will sicherlich niemand verhindern, dass an Maschinen für bewegungsbehinderte Patienten geforscht wird, mit deren Hilfe man allein mit Gedankenkraft einen Rollstuhl oder eine Prothese steuern oder einen Brief tippen kann. Auf der anderen Seite stehen eher umstrittene Anwendungen wie die Lügendetektion oder das Gehirnmarketing. Wir brauchen eine breite Diskussion darüber, welche Techniken wir erlauben wollen und welche nicht. Solche Entscheidungen sind nicht immer so leicht, wie sie auf den ersten Blick aussehen. So dringt ein Lügendetektor in die mentale Privatsphäre eines Beschuldigten ein. Er kann aber auch verwendet werden, um einen unschuldigen Menschen zu entlasten.

Was werden Sie dem Ethikrat empfehlen?

W

ir benötigen klare ethische Richtlinien, die festlegen, welche Anwendungen neurowissenschaftlicher Technik wir anstreben wollen und welche nicht. Es muss einen Dialog zwischen Forschung, Politik und Öffentlichkeit geben über die Möglichkeiten unserer Forschung. Dazu müssen wir als Forscher vor allem die Öffentlichkeit differenziert informieren, welche Anwendungen wann realistisch zu erwarten sind. In den USA gab es seit 20 Jahren Gesetze, die verbieten, dass Lügendetektoren von Arbeitgebern verwendet werden, um zum Beispiel herauszufinden, ob ihre Mitarbeiter Diebstähle begehen. Dies zeigt, dass man sich vor Auswüchsen und Missbräuchen dieser Forschung wirksam gesetzlich schützen kann.

Das Gespräch führte Ulrich Kühne

Pionier der Hirnforschung

John Dylan Haynes gelangen im Jahr 2005, damals noch als Post-Doc am University College in London, die ersten Durchbrüche beim Auslesen und Entschlüsseln von Gedanken aus der Hirnaktivität von Versuchspersonen. Geboren 1971 und aufgewachsen in Niedersachsen, hat er an der Universität Bremen studiert und promoviert. Heute forscht er als Professor für Theorie und Analyse weiträumiger Hirnsignale am Bernstein Center for Computational Neuroscience in Berlin und als Projektleiter am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

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05:00 28.05.2009
Geschrieben von

Ulrich Kühne

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chrisamar | Community