Ja, mach nur einen Plan

Klimaschutz Der britische Ökonom Nicholas Stern präsentiert ­seine Forderungen für den ­Klimagipfel in Kopenhagen

Es gab einmal eine Zeit, das war das Wetter in Europa viel schöner als heute. Der Kontinent schwelgte im Sonnenschein. Die Temperaturen lagen um drei Grad höher. An Norddeutschlands Küsten war es so warm wie heute in Rimini. Die Zeit jenes Idealklimas ist noch gar nicht lange her. Erst um 500 vor Christus wurde der Kontinent nach mehr als tausend schönen Jahren durch eine globale Witterungsverschiebung aus dem sonnigen Paradies vertrieben. Angenommen, wir beherrschen die gewaltige Wettermaschinerie der Erde – können wir hoffen, uns im Eigenbau vielleicht wieder jenes Traumklima zu schaffen?“

Dieses heute befremdlich erscheinende Zitat stammt aus einem Buch, das vor gerade einmal 35 Jahren ein populärer Bestseller war und eindrucksvoll die damals vorherrschende Meinung unter Wissenschaftlern dokumentiert: Zukunft. Das Bild der Welt von morgen von Ulrich Schippke. Die Hybris, das Erdklima durch geplante Eingriffe kontrolliert verändern zu wollen, ist geblieben. Aber die Utopie hat sich in ihr Gegenteil verkehrt: von der Erschaffung eines Paradieses zur Abwendung der Hölle.

Es ist unbestreitbar, dass die Wissenschaft in den vergangenen 35 Jahren objektive Fortschritte gemacht hat, nicht bloß ihre Mode geändert. Die heutigen Schreckensvisionen der Klimaforscher, die einen Anstieg der globalen Temperatur um drei Grad für kaum noch vermeidbar halten, müssen ernst genommen werden. Und das macht in bemerkenswerter Konsequenz der britische Ökonomieprofessor Nicholas Stern.

Das Unbedingte und Absolute

Vermutlich ist Stern, der gerade von der TU Berlin mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet wurde, der einflussreichste Klimaschützer überhaupt. Seine Vernetzung mit den höchsten Kreisen aus Wirtschaft und Politik wird auf jeder Seite seines Buchs deutlich. Ebenso seine diplomatische Erfahrung im Umgang mit endlosen Sitzungen und bürokratischen Textvorlagen in hölzerner Sprache, die manchmal auf seinen eigenen Stil abfärbt. Stern war unter anderem Chefökonom der Weltbank, Regierungsberater und hat zuletzt, bevor der sich dem Klimaproblem zuwandte, eine diplomatische Initiative zur Bekämpfung des Hungers in Afrika geleitet.

Seit einigen Jahren ordnet Stern alle Menschheitsprobleme dem Klimaproblem unter: „Das zentrale Ziel besteht darin, die Konzentration bei oder unter 500 ppm CO2e zu halten, das bedeutet eine Senkung der weltweiten Emissionen bis 2050 um mindestens 50 Prozent gegenüber 1990. Dieses Ziel ist allem übergeordnet, und seine Konsequenzen stehen im Zentrum der Verhandlungen.“ Doch selbst in dieser Themenverengung geht er vielen anderen Klimaschützern nicht weit genug, denn vor Beginn der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert lag die Konzentration an Kohlendioxid-Äquivalenten („CO2e“ – wohinein auch andere Klimagase wie das Methan eingerechnet werden) bei 285 Teilen pro einer Millionen Luftteilchen (ppm) und heute sind es schon 430. Aber schon das Ziel „nicht mehr als 500 ppm“ benötigt nach Stern nicht weniger als die „Neuorientierung der Volkswirtschaften“ aller Länder.

Man sollte meinen, dass, wenn man wirklich den Anstieg von Kohlendioxid in der Atmosphäre begrenzen will, es nur einer einzigen drastischen Maßnahme bedürfte: Die Ausbeutung neuer fossiler Lagerstätten verbieten! Alle fossilen Energieträger, die wir aus der Erde fördern, werden früher oder später zu CO2 verbrannt. Die Verknappung des Angebots an sowieso nur begrenzt auf der Erde vorhandenen fossilen Energieträgern wird den Verbrauch dann über steigende Preise drosseln.

Sterns Vorschlag sieht anders aus. Er möchte ein weltweites System des Emissionshandels etablieren: Die Menge der „noch zulässigen“ CO2-Verschmutzung wird international festgelegt und auf Länder verteilt. Anschließend bringen die Länder diese Verschmutzungs-Erlaubnis-Zertifikate an eine globale Börse, wo sie wie ein Wertpapier frei gehandelt werden. Jeder Verursacher von klimaschädlichen Emissionen – nicht nur durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe sondern auch durch das Roden von Wald oder den Besitz von methanausstoßenden Milchkühen – muss die entsprechenden Zertifikate kaufen, sonst macht er sich strafbar.

Alle Macht der Klimabörse

Sterns Vorschlag für den Klimaschutz wird einen gewaltigen neuen Wirtschaftszweig erschaffen, der die CO2-Emission ohne Rücksicht auf alle anderen Probleme und Ziele der Menschheit reduzieren wird – sei es durch den Bau von energieintensiven Anlagen zur CO2-Abscheidung, die so zu einem sogar gesteigerten Verbrauch von fossilen Brennstoffen führen, sei es durch Meeresalgendüngung oder den Bau von Atomkraftwerken. Stern schreibt: „Atomkraft und CO2-Abscheidung und -Speicherung haben mächtige Kritiker innerhalb von Umweltorganisationen, die für entschiedenes Handeln beim Klimawandel eintreten. Meine persönliche Auffassung ist, wir werden alle verfügbaren Technologien brauchen. Jede hat andere Vor- und Nachteile.“

Sterns Verengung der Debatte auf die Reduktion von Klimagasen gründet sich auf der Einschätzung, dass der Schaden der zukünftigen Klimakatastrophe alles anderen überwiegen wird. Und auf der Behauptung, dass die Schäden zukünftiger Generationen moralisch nicht wesentlich geringer bewertet werden dürfen als unsere gegenwärtigen Nachteile, die wir jetzt in Kauf nehmen müssen, wenn wir den zukünftigen Schaden verhindern wollen.

Aber stimmt das? Wie hoch bemisst sich unser heutiger Schaden von beispielsweise den beiden großen „Mandränke“-Fluten von 1362 und 1634, die große fruchtbare Flächen dauerhaft in das verwandelt haben, was wir heute als norddeutsches Wattenmeer kennen – und unter Naturschutz gestellt haben? Welchen Preis hätten unsere Ahnen zahlen müssen, um das zu verhindern, wenn es möglich gewesen wäre? Der Common sense sagt, dass es eine solche über die Generationen hinausgreifende Schadensersatzhaftung nur in einem sehr begrenzten Maß geben kann.

Weil Stern die kommende Klimakatastrophe mit dem Absoluten, mit dem unendlichen Schaden gleichsetzt, verlieren alle relativen Güterabwägungen – Kompromisse, die man zugunsten der ökologischen Nachhaltigkeit, der Schonung endlicher Ressourcen oder bloß der ökonomischen Effizienz schließen müsste – ihren Sinn. Die Vision eines gigantischen bürokratisch-industriellen Komplexes schleicht sich beim Lesen ein – vergleichbar vielleicht mit dem monströsen Sicherheitsapparat, der nach 9/11 zur Rettung vor der terroristischen Bedrohung erschaffen wurde – und der doch keinen größeren Erfolg haben wird als Sterns frühere Initiative gegen den Hunger in Afrika.

Es ist wichtig, dass Sterns Buch von vielen Menschen gelesen wird. Aber hoffentlich findet jemand einen besseren Ausweg aus der Klimakatastrophe.

Der globale Deal. Wie wir dem Klimawandel begegnen und ein neues Zeitalter von Wachstum und Wohlstand schaffen Nicholas Stern. Deutsch von Martin Richter. C.H. Beck, München 2009. 287 S., 19,90

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15:00 12.11.2009
Geschrieben von

Ulrich Kühne

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Ausgabe 37/2021

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