Arsch hoch!

ZDF-Anstalt | Den Anstalts-Satirikern Priol und Pelzig "volkt" ein verjüngtes Team mit Lust an beißender Realsatire nach. Gelungene Wachablösung im zweiten Mainzer Kabarett-Format.
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Erinnern Sie sich noch an Dieter Hildebrandts Satire-Magazin Notizen aus der Provinz, das vom Zweiten Deutschen Fernsehen zwischen 1973 und 1979 66 mal ausgestrahlt wurde? Zur Bundestagswahl 1980 verordnete der damalige Programmdirektor Stolte der Sendereihe eine „Denkpause“, was Hildebrand zur ARD wechseln und den Kukident-Sender aus der Rheinland-Pfalz-Metropole zur satirefreien Zone verkümmern ließ.

Der Turnaround kam erst nach neunundzwanzig mageren Jahren mit Stephan Denzer, dessen "Heute-Show" sogar bei der senderuntypischen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen einen Volltreffer landete. Die gelungene Adaption des US-Spaßformats "The Daily Show" räumte seit 2009 so ziemlich alle wichtigen Fernseh-Trophäen ab, darunter den Deutschen Comedypreis (bisher fünf Mal), den Grimme-Preis und den "Zuschauerpreis für die beste Sendung aus 50 Jahren ZDF".

Auch "Neues aus der Anstalt" wurde von Denzer entwickelt. Allerdings stand das Format, sechs Jahre und 62 Folgen lang von Urban Priol und Georg Schramm, später Priol und Erwin Pelzig (bürgerlich Frank-Markus Barwasser) präsentiert und von der Kritik als eines der letzten deutschen TV-Formate verehrt, das "den Geist Dieter Hildebrandts atme", nicht nur nach der Zahl der errungenen Preise im Schatten der "heute"-Parodie mit Oliver Welke als erfolgreichem Anchorman.

Priol und Barwasser plagte zuletzt ersichtlich der Burnout, trotz ebenfalls passabler Quote. Dies kündigte sich an, seitdem Georg Schramm abgesprungen war, der bereits in Hildebrandts ARD-Exil "Scheibenwischer" gedient und dann 36 Sendungen lang bei den Mainzelmännern in Paraderollen wie der des Pharmareferenten, des "Presunöffnichkeitsoffziers" Oberstleutnant Sanftleben sowie des kriegsversehrten Patientensprechers Lothar Dombrowski brilliert hatte. Die Figur des Ersatzmanns Pelzig war demgegenüber doch oft zu einfältig angelegt.

Jetzt also (am 4. Februar 2014) der Neustart der Reihe unter dem deutlich verjüngten "Odd Couple" Max Uthoff und Claus von Wagner, beide beileibe keine Fernsehneulinge und bereits mit eigenem Profil in der Spitzengruppe der TV-Satiriker etabliert.

Sehr gelungen schon die Eingangsszene, in der die Chef-Satiriker - eine Anstaltsbesetzung vortäuschend - auf allen Vieren die dunkle Empfangshalle der TV-Klinik entern, um im aufblitzenden Scheinwerferlicht als Klone des stets elektrostatisch frisierten Hawaiihemdenträgers Priol und des misanthropischen Prothesenträgers Dombrowski/Schramm zu erscheinen. Letzterem wird beim Abgang denn auch gleich so herzhaft die kriegsversehrte Kunsthand geschüttelt, dass von Wagner beinahe eine (Tabu)-Verletzung an der camouflierten Behinderung davonträgt.

Nachdem die Traditionslinie zur alten Anstalt durch derlei Handgreiflichkeiten hergestellt war, entfaltete sich ein gepfeffertes Pointengewitter, bei dem den Zuschauern so manches Mal das Lachen im Hals stecken blieb. Mit künstlerischer Verfremdung und feingeistiger Metaphorik hielt sich das neue Anstaltspersonal nicht lange auf. Satire direkt, sozusagen. Oft waren die Sätze dem normalen Wahnsinn aus Politikermund direkt abgelauscht oder steigerten Original-Zitate aus der Welt der Konzernvorstände und der mit deren Geschäftstätigkeit befassten Rechtspflege ins schreiend Groteske. Im Ergebnis war das knüppelharte Realsatire, allerdings dankenswerterweise ohne jenen didaktischen Unterton des welterklärenden resp. -rettenden Gutmenschentums, der sich bei den Vorgängern zuweilen einzuschleichen pflegte und den Satirespaß bremste.

Für frischen Wind sorgten neben den Protagonisten auch die Mitstreiter Simone Solga, Nico Semsrott und Matthias Egersdörfer, die - mit Ausnahme von Solga - bisher nicht unbedingt im Politsatirefach anzutreffen waren. Aber die von ihnen dargestellten Persönlichkeitsstörungen und Marotten ließen sich nahtlos in den groben Spott implementieren, der den Berufskabarettisten angesichts einer geisteskranken Gesellschaft als letzte Ausdrucksform ihrer vollständigen Verzweiflung verblieben ist. Insofern kann die angesäuerte Kritik der Frankfurter Rundschau, das Anstaltsteam habe sich "einen Sport daraus" gemacht, "bekannte Politiker mit lachdienlichen Beschimpfungen zu traktieren", nicht als berechtigter Einwand gelten. Wie anders kann der sensible Künstler noch auf den unterirdischen Zustand dieser Welt reagieren? Und nein, zu Dieter Hildebrandts Zeiten war die politische Satire auch nicht durchweg intellektueller.

Im Übrigen sorgten die nicht ganz so hochpolitischen Comedy-Einlagen dafür, dass die Konzentrationsfähigkeit der Zuschauer durch das hohe Tempo der scharfzüngigen und -sinnigen Anspielungen nicht überfordert wurde. Und Egersdörfers pöbelndes "Arsch hoch!" passte als pauschaler Weckruf bestens auf die am medialen Horizont heraufdämmernde Schläfrigkeit einer harmoniesüchtigen GroKo-Gesellschaft, fast möchte man sagen: wie die sprichwörtliche Kehrseite auf den sprichwörtlichen Eimer.

"Die Anstalt" dürfte das Stammpublikum von Priol und Barwasser um einige Fangruppen erweitern und neue Freunde für das politische Kabarett im ZDF gewinnen. Der Einstieg jedenfalls lässt hoffen.

01:02 05.02.2014
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