Blick in den Abgrund totaler Institutionen

Internatserziehung | Von Einzelfällen wird gern gesprochen, wenn Schreckensmeldungen aus der angeblich heilen Welt der Internate dringen. Doch damit macht man es sich offenbar zu einfach.
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Nichts ist so, wie es scheint. Zwischen der metaphorischen "Spitze des Eisbergs" und der "Dunkelzahl" der Statistik gibt es mehr, "als unsere Schulweisheit sich träumt" (frei nach Hamlet, 1.Akt, 5. Szene). "Das Böse ist immer und überall", sang einst die Austro-Kultband EAV. Und Charles Brauer, alias Kommissar Brockmüller aus dem NDR-Tatort, spitzt es auf die Natur des Menschen zu: "Der Mensch is a Sau!" Dies gilt - so vermuten es jedenfalls manche - in besonderem Maße für diejenigen Menschen, die es "zu etwas gebracht" haben. "Du musst ein Schwein sein in dieser Welt", besingen die "Prinzen" das Rezept für den Erfolg beim anderen Geschlecht wie im Geschäftsleben. „Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen“, lehrt uns Honoré de Balzac. "Die Ehrlichen sind immer die Dummen", beklagt "DIE WELT" den Verfall der Steuermoral bei Hoeneß und Konsorten. Und unter den Führungskräften der Wirtschaft, so weiß DIE ZEIT, sind mit weit überdurchschnittlicher Häufigkeit gefährliche Psychopathen oder gefühlskalte Despoten. Und weil das schlechte Beispiel der Eltern die Persönlichkeit der Kinder entscheidend prägt, bleibt das natürlich nicht ohne Auswirkungen auf den Nachwuchs der Reichen, deren charakterliche Entwicklung zusätzlich durch soziale Privilegierung, materielle Verwöhnung bei gleichzeitiger Vernachlässigung oder schichtspezifisches Erziehungsversagen der Eltern beeinträchtigt wird. Am oberen Ende der Gesellschaft findet man daher ähnliche Formen der Verwahrlosung wie am untersten.

Elend hinter makelloser Fassade

Mit so genannten Eliteinternaten hat sich die Oberklasse in vielen Ländern Orte geschaffen, in denen der eigene Nachwuchs unter sich bleibt. Natürlich durften diese Einrichtungen nicht in den Ruch geraten, dass dort Kinder und Jugendliche konzentriert wurden, die den Stempel der Schwererziehbarkeit oder psychischen Krankheit trugen. Nach außen hin musste immer eine makellose Fassade präsentiert und der Nimbus eines besonders anspruchsvollen Erziehungs- und Unterrichts- konzepts erzeugt werden. So schreibt die Neue Zürcher Zeitung:

"Die Gefahr jeder Elite ist die Überheblichkeit. Das Interesse und die persönliche Energie gelten mit der Zeit nicht mehr den Herausforderungen, für die der Elitestatus geschaffen wurde, sondern dienen der Selbsterhaltung. Man schreibt sich ausserordentliche Eigenschaften zu, um einen Statusverlust zu verhindern und nicht auf Privilegien verzichten zu müssen. Elitäre Kreise entwickeln oft ein Selbstbild, das sich nicht mit ihren Leistungen und Fähigkeiten deckt. [...] Eliten haben ein Interesse an der Weitergabe ihrer Position an die Nachkommen. Viele Mitglieder der Elite träumen davon, eine Dynastie zu gründen. Die eigenen Söhne und Töchter sollen auch der Elite angehören. Wichtig sind darum Institutionen, die den eigenen Kindern den Einstieg in elitäre Kreise ermöglichen. Dank einer guten Bildung und Erziehung soll der eigene Nachwuchs auch Entscheidungsträger werden und Machtpositionen übernehmen. Eliteschulen kommen diesem Bedürfnis entgegen. Es wird suggeriert, dass dank einem hochprofessionellen Unterricht und Top-Lehrern aus dem Nachwuchs künftige Führungspersönlichkeiten geschmiedet werden können. In den Beschreibungen von Eliteschulen erkennt man die Rhetorik der Selbstlegiti-mation elitärer Kreise. Es wird eine hochkarätige Ausbildung versprochen, meist in einem internationalen Setting und einem geschützten Raum. Eliteschulen passen sich dem Selbstbild elitärer Kreise an. Oft wird behauptet, dass sie außerordentliche Begabungen erkennen und adäquat fördern können."

Wo es - wie zum Beispiel in den angelsächsischen Ländern - gelang, den Zugang zu hohen Positionen in Politik, Wirtschaft usw. exklusiv an den Besuch privater Eliteinternate zu binden, war eine Auswahl der Schüler nicht nur nach "Kaufkraft" und Herkunft, sondern auch nach Intelligenz und charakterlicher Eignung vielleicht noch eben möglich, wenn auch in englischen oder nordamerikanischen Eliteschulen eine "Auffrischung" mit minderbemittelten, aber besonders talentierten "Stipendiaten" immer notwendig gewesen zu sein scheint.

In Deutschland bestand eine vollkommen andere Bildungs-tradition. Hier hatte sich - ausgehend von den preußischen Staatsreformen - im 19. Jahrhundert der Typ des hochselektiven staatlichen Elite-Gymnasiums durchgesetzt. Die zuvor überwiegend privaten (zumeist kirchlichen) "Lateinschulen" und das Adelsprivileg, auch ohne "Abitur" an einer Hochschule studieren zu können, wurden abgeschafft. Der Hochschulzugang war nun ausschließlich denjenigen vorbehalten, die eine Reifeprüfung an einem staatlichen Gymnasium abgelegt hatten. Über die Zahl der Gymnasien und die Höhe der Anforderungen steuerte der autoritäre Ständestaat die Zahl der Universitäts- absolventen, die zur Erfüllung der gesellschaftlichen Aufgaben gebraucht wurden.

Der Impuls zur Gründung eines privaten Schulwesens mit elitärem Anspruch neben dem öffentlichen entsprang dem Leiden, häufig genug sogar dem Scheitern an der Staatsschule. Dies betrifft sowohl etliche der Gründer1 von Landerziehungsheimen selbst als auch ihr typisches Eltern- und Schülerklientel2. Eine gegen das hochselektive staatliche Gymnasium gerichtete Reformbewegung, wie sie die Gründung der ersten "Landerziehungsheime" durch Hermann Lietz (Ilsenburg 1889, Haubinda 1901, Bieberstein 1904) darstellte, musste "Elitebildung" notwendigerweise neu definieren. Die rein "akademischen" Anforderungen traten in den Hintergrund. Stattdessen wurden gesundes Landleben, Charakterbildung, praktische Fähigkeiten und körperliche Ertüchtigung betont ("Lernen mit Kopf, Herz und Hand"). Solche vermeintlich fortschrittlichen Reformkonzepte und der Anspruch, nur "das beste Kindermaterial" aufzunehmen3, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schülerrekrutierung der privaten Eliteschulen in einer Negativauslese von Schulversagern oder aus anderen Gründen im öffentlichen Bildungssystem nicht tragbaren Kindern und Jugendlichen bestand. Den Gründern der ersten Generation dürfte insgeheim auch bewusst gewesen sein, wo die Marktchancen ihrer Landerziehungsheime lagen. Dies ergibt sich aus Kontakten von Lietz, Geheeb und anderen zu der 1892 bei Jena eröffnete "Sophienhöhe" des Bremer Volksschullehrers Johannes Trüper. Deren Konzept eines heilpädagogischen Heimes wurde dann verbunden mit der Idee der englischen "Independent Schools" sowie Gedanken der deutschen Jugendbewegung und Lebensreform, als deren ideale Verwirklichung die "New School of Abbotsholme" (gegründet 1889) des exzentrischen Pädagogen Cecil Reddie galt.

Geburtsfehler der Landerziehungsheime

Eine Verbindung von Heilpädagogik (zu der man sich aber aufgrund gewisser Empfindlichkeiten der Zahlkundschaft nie offen bekennen durfte) und englischer Oberklassenschule war keineswegs unproblematisch. Durch diesen "Geburtsfehler" wird erklärlich, warum die Landerziehungsheime eher neue Probleme verursachen als die bestehenden zu beheben. Im Grunde wird hier das Autoritätsproblem der Lehrer und Erzieher bzw. das Problem der Erziehungsresistenz von Oberschichtkindern dadurch verschleiert, dass man die Widersetzlichen der Tyrannei des "Wolfsrudels", sprich: der Willkür älterer Mitschüler aussetzt, um sie notfalls mit körperlicher Gewalt oder beschämenden Ritualen zur Unterordnung zu zwingen. Die "schmutzige Arbeit" erledigen hierbei sogenannte Schüler-Präfekten, die selbst dieses System durchlaufen und verinnerlicht haben, während die Pädagogen sich vornehm im Hintergrund halten. "Erziehung" bedeutet hier nicht Vermittlung von Werten, sondern Unterwerfung unter das Recht des Stärkeren (vgl. die Beschreibung der Erziehungsprinzipien englischer Public Schools von Adrian Itschert4).

Dementsprechend waren die deutschen Adaptionen englischer Oberklasse-Erziehung im Gegensatz zu ihren oft hochtrabenden und überspannten Gründungsmanifesten alles andere als pädagogische Leuchttürme5. Doch die Geringschätzung intellektueller Bildung bei gleichzeitiger Kritik am staatlichen Schulbetrieb, gepaart mit megalomanischer Selbstaufwertung, die auch den Verlierern und Gescheiterten ein Gefühl der Auserwähltheit vermittelte, kam den Bedürfnissen adeliger und großbürgerlicher Eltern bzw. ihren "missratenen" Kindern sehr entgegen, die aufgrund von Minderbegabung, Entwicklungsstörungen, körperlicher und seelischer Beeinträchtigungen oder erziehungsbedingter Verhaltensprobleme nicht mit den notwendigen "elitären" Attributen ausgestattet waren und sich aufgrund dessen weder für das "normale" Gymnasium noch für die traditionellen Formen elitärer Erziehung in Kadettenanstalten oder Ritterakademien eigneten.

Die Landerziehungsheime boten den Erhalt des Sozialstatus zu „leichteren“ Bedingungen, verkörperten als angebliche Modellschulen und Musteranstalten aber gleichzeitig den vermeintlichen pädagogischen Fortschritt. Dies brachte ihnen nicht nur erhebliche Vorteile in Konkurrenz mit der „Staatsschule“, sondern erst recht gegenüber den schon zu Kaisers Zeiten zahlreichen „Notenpressen“ oder „Winkelschulen“ privater Bildungsunternehmer, die in sehr geringem Ansehen standen. „Die Landerziehungsheime schafften es“, so urteilt Jürgen Oelkers in einem Beitrag der FAZ, „ein eigentlich sehr profanes Nischenprodukt mit einem Geniekult zu umgeben, der alle anderen Schulen schlecht aussehen ließ.“

Die Dekadenz der Oberschicht

Kurt Hahn, ein glühender Anhänger von Hermann Lietz, musste allerdings bereits nach zehnjähriger Praxis seiner Salemer Landheimgründung (Eröffnung 1920) erkennen, dass die Dekadenz der Kinder aus Adels- und Großbürgerdynastien, die das Gros seiner Eleven stellten, weder einen erfolgreichen Unterricht noch eine Charakterformung im Sinne einer Verantwortungselite zuließ. Hahn, der zuvor Privatsekretär des letzten Kanzlers des Kaiserreichs vor der Novemberrevolution 1918/19, Prinz Max von Baden, war und seinen Gönner als Financier der Schulgründung gewonnen hatte, schwebte ein vom Geist der Antike inspirierter „Schulstaat“ vor, der weniger durch die Belehrung herkömmlichen Unterrichts, den Hahn für ein notwendiges Übel hielt, als durch das Erlebnis von Gemeinschaft, sozialem Handeln und sportlichem Wettkampf wirken sollte6. Auf diese Weise wollte er den Nachwuchs der alten Eliten auf künftige Führungsaufgaben in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft vorbereiten, ausdrücklich übrigens "in Nachfolge ihrer Väter", also nicht etwa durch sozialen Aufstieg! Entlarvend ist hier sein 1930 verfasster Kommentar zu dem "7. Salemer Gesetz":

"Dekadenz ist nicht immer ein unabwendbares Naturgesetz, häufiger ist sie eine absichtliche Verschwendung eines großartigen Erbes. Solange sie auf ihre Kreise beschränkt sind, haben die "armen" Jungen und Mädchen der Reichen keine Möglichkeit, sich zu Männern und Frauen zu entwickeln, die überleben können. [...] Keine Schule kann eine Tradition von Selbstdisziplin und tatkräftiger, freudiger Anstrengung aufbauen, wenn nicht mindestens 30 Prozent der Kinder aus Elternhäusern kommen, in denen das Leben nicht nur einfach, sondern sogar hart ist."

Aus der Verzweiflung über die Eigenschaften des Elite-Nach- wuchses entsteht hier ein Programm der Instrumentalisierung von Kindern und Jugendlichen aus weniger begüterten Familien zu Hilfspolizisten der Pädagogen. Dies gleicht allerdings nur scheinbar dem englischen Vorbild7. Denn in Salem sollten Schüler mit niedrigem Sozialstatus die Kinder der Reichen erziehen oder positiv beeinflussen. Dies ist wohl heute noch so. Karl-Heinz Heinemann berichtet in einem SWR-Feature aus dem Jahr 2004:

"Die Leistungsträger unter den Schülern, die sich in den sozialen Diensten engagieren, Schulsprecher sind oder im Schülerrat mitmachen, sind in der Regel Stipendiaten. [...] Sie werden sorgfältig ausgewählt. Wer jedoch voll zahlt, wird unbesehen genommen. Man wirbt um die „Vollzahler“, denn sie sichern den Bestand der Schule, und mit ihren Gebühren bringen sie auch die Kosten für die Stipendiaten auf. In puncto Leistungs- verteilung ist es in Salem genau umgekehrt wie an anderen Schulen. Hier gibt es nicht die übliche Normalverteilung mit viel Durchschnitt, wenigen Spitzen und ein paar Versagern, sondern mehr Extreme: Hohe Leistungen und diejenigen, die durchgeschleppt werden müssen."

Orte des Bösen

Dass Stipendiaten ohne finanziellen Background als Miterzieher der dekadenten Reichen geeignet wären, indem sie diesen als "Vorbild" dienen, ist durch zahlreiche Beispiele aus der Literatur hinreichend widerlegt. Zudem widerspricht es der Lebenserfahrung, dass Kinder und Jugendliche durch Modelle zu sozialisieren sind, mit denen sie sich nicht identifizieren können. Dies gilt sowohl für das pädagogische Personal der Internate als auch für die in der sozialen Hierachie ganz unten stehenden "Streber" aus ärmlichen Verhältnissen. Dementsprechend negativ sind in aller Regel die Erfahrungen von Kindern, deren Eltern Kostenermäßigungen in Anspruch nehmen müssen. Die gezielt lancierten Berichte über "glückliche Stipendiaten", die durchweg aus der Leitungsetage der Luxuswohnschulen stammen und den Zweck verfolgen, Bewerber anzulocken, deren Leistungen das Niveau heben, bestätigen diese Tatsache eher als sie zu widerlegen.

Für SchülerInnen, die wirtschaftlich und gesellschaftlich nicht mithalten können, sind Internate wie Salem, Neubeuern, Louisenlund usw. Orte des Schreckens. Das gilt übrigens nicht nur für die besonders verhassten "Streber", die sich ihre Stipendien zu gleichen Teilen durch herausragende Schulleistungen und durch "Engagement für die Gemeinschaft" verdienen müssen. Noch unbeliebter sind diejenigen Mädchen und Jungen, die über Ämter in hochpreisigen Internaten untergebracht werden. Da die Jugendhilfesätze höher liegen als die Beiträge der Selbstzahler, füllt man einerseits mit solchen "Jugendamtskindern" gern unbesetzte Belegplätze auf. Andererseits hängt man diese Tatsache wegen der oft heftigen Reaktionen in der Öffentlichkeit und verständlicher Besorgnisse der Selbstzahler-Klientel nicht gern an die "große Glocke".

Wie "Strebern" und "Opfern" (= Sozialfällen) das Leben schwer gemacht wird, gelangt nur selten an die Öffentlichkeit, weil die Betroffenen aus Scham schweigen. Die Beteuerungen der Schulleitungen, gegen jegliches "Mobbing" energisch durchzugreifen, sind nichts wert, weil sie die Mobbing-Opfer, die "petzen", nicht wirklich schützen können. Von der Seite schulradar.de stammt nachfolgender Bericht einer Schülerin:

"Die Stimmung ist unter den Schülern nicht besonders gut . Die Schüler gehen nicht respektvoll mit einander um. Das Mobbing ist dort besonders schlimm grade bei Neuen und die nicht so besonders Geld haben. Normale Kinder, die an staatlichen Schulen recht beliebt waren, werden in Schloss Neubeuern Probleme haben. Sie werden da sogar zum Teil als sogenannte "asslacks" bezeichnet. Neuen wird auch zum Beispiel einfach Rasierschaum in der Nacht ins Gesicht gesprüht. Sie versuchen, Neue oder auch unbeliebte Schüler mit allen Mitteln raus zu mobben. Die Lehrkräfte und Schulleitung weiß nicht, wie sie damit umgehen soll, und greift meist zu den falschen Mitteln, so dass sich die Situation nur noch verschärft."

Die katastrophale Situation von "Außenseitern"wurde dem Verfasser erst kürzlich durch Berichte von Eltern, Schülern und ehemaligen Mitarbeitern bestätigt. Deren Erlebnisse können hier vorerst nur angedeutet werden, um die Quellen zu schützen. Die "Eliteinternate", um die es hier geht, werden aus diesem Grund auch namentlich nicht genannt.

Fall 1: Als eine Jugendliche ankündigte, sie werde demnächst die XY-Schule als externe Schülerin besuchen, bedeuteten ihr einige Internatsschüler, die sie aus der örtlichen Discothek kannte, man werde sie wegmobben, es sei denn, sie erkläre sich bereit, eine ganze Zimmerbelegschaft regelmäßig oral zu befriedigen.

Fall 2: Ein ehemaliger Mitarbeiter eines ähnlichen Instituts wusste zu berichten, dass wirtschaftlich schlecht gestellte Mädchen von Söhnen reicher Eltern häufig in eine Art Kurtisanenrolle gezwungen würden. Es bestünden an der Schule mehrere "Bordelle". Zudem sei eine SchülerIn, die mit Morbus Asperger über ein Jugendamt in dem Internat untergebracht gewesen sei, manipuliert worden, sich gegen Zahlung mehrerer Hundert Euro von einer Gruppe männlicher Schüler anpinkeln oder einkoten zu lassen, wobei dies mit Handys gefilmt worden sei.

Fall 3: Der Bericht "Urspring - arme Schule für Reiche" eines anderen Ex-Internatslehrers, der ins Netz gestellt wurde, offenbart einen solchen Abgrund an Desorganisation und Korruption, dass es Außenstehenden schwer fallen dürfte, diesen als seriös einzustufen. Auszug:

"Die evangelische Kirche schirmherrt also das Internat, in welchem ca. 240 Schüler untergebracht sind – davon die eine Hälfte aus sozial schwachen Familien, meist gefördert durch das hiesige Jugendamt, die andere Hälfte aus reich bis stinkreichen Familien, wo der Sohnemann auch mal mit dem Chauffeur zur Schule gefahren wird. Soweit so gut.
Es bilden sich häufig Cliquen, in denen Geld gleich unserer ach so sozialen Marktwirtschaft die Strukturen bestimmt. Mit den meisten Schülern war ich schon in diversen Clubs in Ulm und Stuttgart; ihr Alter reichte von 16 bis 20. Es wurde gefeiert und getrunken, als VIP mit Grey Goose. Gegen Müdigkeit halfen Koks und Pep, man kann ja schließlich nicht schon um 3 zurück, das fiele ja auf.
Doch relativ gesehen wäre daran wenig auszusetzen, wenn die Schüler ihrem Pensum nachkämen. „Hausaufgaben?!“ Die gibt es auf Urspring nicht, genauso wenig wie es im Geschichtsunterricht Klausuren gibt. Was als alternative Unterrichtsmethode gepriesen wird, soll lediglich die miserablen Zustände kaschieren und solvente Kunden locken. Vor allem Eltern von AD(H)S-Kindern machen große Augen und Ohren ob der kleinen Klassengrößen; dass dennoch kein Wissen vermittelt wird, soll folgendes Beispiel erläutern: es gibt eine Austausch-Community mit China und bald auch eine Schule in China selbst, welche als Plattform internationalen Austauschs genutzt werden soll. Die Realität ist eine andere. Von den insgesamt zehn Chinesen kommt erstmal keiner in den Unterricht. Nach einem Monat Physik in der Oberstufe schaffte ich es, zwei Chinesen in meinen Unterricht zu locken, doch meine Überraschung war groß als ich feststellen musste, dass diese kaum Deutsch verstanden, geschweigedenn selber sprechen konnten. Ich erkundigte mich nach dem Wissensstand der anderen bei der Gruppenleitung und musste erfahren, dass dies keine Ausnahme darstelle. Nebenbei bemerkt habe ich nie Physik studiert oder sonstige Erfahrungen im Unterrichten dieses Faches erlernt und mich drei Male geweigert dieses Fach zu übernehmen."

Getarnte Jugendhilfe-Einrichtungen

Salem & Co. waren immer schon getarnte Jugendhilfe-Einrichtungen und "Rütli-Schulen für Reiche" (Julia Friedrichs8). Schon vor Jahrzehnten prägte Heinrich Kupffer, ehemaliger Salem-Schüler, langjährige Landheim-Lehrer und nachmaliger Professor für Sozialpädagogik in Kiel, den Begriff "Fürsorge erster Klasse". Gemeint ist hier, dass auch die vermeintlichen Eliteinternate im Grunde Aufgaben der Jugendhilfe wahrnehmen, ohne allerdings hinsichtlich Ausstattung und Personalaufwand auch nur annähernd den Anforderungen zu entsprechen, die an Einrichtungen der Jugendhilfe gestellt werden.

Mittlerweile befinden sich viele Internate der gehobenen Preiskategorie in einem Übergangsprozess vom Internat zur Jugendhilfe-Einrichtung. Den Hintergrund bildet in der Regel ein steigender Prozentsatz von Belegungen über die Ämter. Dies führt zu Auflagen, die sich an den Standards der Jugendhilfe orientieren. Doch scheint es schwierig zu sein, die mit den Fachbehörden abgeschlossenen Leistungsvereinbarungen umzusetzen. Verantwortlich hierfür ist vor allem das Festhalten des Stammpersonals an der Internatstradition.

Die Sozialpädagogin Afsane Ghoreichi widmete unter dem Eindruck leidvoller Erfahrungen ihre Bachelor-Arbeit (Thema: "Die Landschulheimbewegung zwischen Anspruch und Wirklichkeit") den Schwierigkeiten einer vom Internat zum "Heim" mutierenden Einrichtung. Gegenstand ihrer Beschreibung ist das "Landschulheim Burg Nordeck" im hessischen Allendorf/Lumda, das Mitglied desselben Internatsverbands ist wie die weiter oben genannten Institute. In der Burg Nordeck überwiege mittlerweile bereits die Zahl der "Jugendamtskinder" (ca. 60% der SchülerInnen), die aber dennoch gegenüber den Selbstzahlern diskriminiert würden. Dies sei um so unverständlicher, als die Kinder der Wohlhabenden oft weitaus "schwieriger" seien als die Jugendhilfe-Fälle (vgl. Seite 44). Inzwischen (Schuljahresende 2015) musste "Burg Nodeck" den Unterrichstbetrieb einstellen und fungiert unter einem neuen Träger nur noch als Einrichtung der Erziehungshilfe.

Solche Feststellungen konterkarrieren das Selbstbild der Internate, nicht ausschließlich "Problemkinder" zu betreuen, sondern auch anspruchsvollen Eltern und Schülern eine gute Alternative zu bieten. Zugleich wird hier die Legende zerstört, dass "schwierige Kinder" aus "gutem Haus" im Gegensatz etwa zu Heimkindern aus sozial schwachem Milieu keine gewöhnlichen "Asozialen", sondern "hoch interessant" seien, wie dies ein Interview nahelegt, das der ehemalige Leiter der Schule Schloss Salem im Juli 2000 der Zeitung "Die Welt" gegeben hat. Auszug:

>> WELT: Staatsschüler haben ein klares Bild von Internatsschülern: Das sind Schulversager mit reichem Papa.

Bueb: Ja, leider ist es so; das Image des Internats ist in Deutschland immer noch negativ. [...] Wir sind keine Reparaturanstalt für die Produkte gescheiterter Erziehung.

WELT: Und kein Auffangbecken für schwarze Schafe?

Bueb: Was sind schwarze Schafe? Das sind oft nur schwierige Kinder, und die können hoch interessant sein. Mich interessiert ein solches Kind mehr als ein langweiliger Klassenprimus. Was wir allerdings nicht wollen, sind wohlstandsverwahrloste Kinder. Die bekommen wir natürlich auch, aber da sorgen ihre Mitschüler schnell für die nötige Korrektur. <<

Kaum glaubhaft, dass hier die "interessanten" schwierigen Kinder die Wohlstandsverwahrlosten erziehen, die man im Internat angeblich gar nicht haben will (Frage: Warum eigenlich, wenn "die nötige Korrektur" doch gar keine große Sache ist und von den Mitschülern im Alleingang geregelt werden kann?). Zudem scheint sich das Problem des "Auffangbeckens für schwarze Schafe" nicht nur auf die SchülerInnen zu beziehen, sondern auch die Auswahl der Pädagogen zu betreffen. Dies zeigte sich im März 2010, als etliche "Elite"-Schulen und -Internate - allen voran die als Unesco-Modellschule und Keimzelle des pädagogischen Fortschritts weithin gerühmte Odenwaldschule - aufgrund zahlreicher Fälle sexuellen Missbrauchs in den Focus der medialen Berichterstattung gerieten. An der hier sichtbar gewordenen Gefährdungssituation hat sich übrigens trotz aller "runden Tische" und angeblicher Vorbeugungsmaßnah-men bis heute praktisch nichts verändert. Denn die Täter sind inzwischen hauptsächlich in der Gruppe der jugendlichen Internatsbewohner zu finden. Wie das DJI in München erst kürzlich festgestellt hat, werden heute weitaus häufiger Mitschüler der Übergriffigkeit beschuldigt als Lehrer, Erzieher oder sonstiges Internatspersonal.

Alles nur Einzelfälle?

Wenn der „Spiegel“ (Heft 13 vom 29.03.2010) im Zusammen-hang mit dem geschilderten Missbrauchsskandal allerdings von „Ausnahmeereignisse[n] in Ausnahmesituationen“ spricht, die „für die Bildungslage in Deutschland ungleich weniger bedeutend“ seien als „die desolaten Zustände“ in den „überforderten Grund- und Hauptschulen der Republik“, werden nicht nur Dimension und Tragweite der Missbrauchsproblematik verkannt. Es geraten die Strukturen aus dem Blick, die nicht nur einen idealen Nährboden für diejenigen Fehlentwicklungen bereiten, die Salem & Co. zu Orten des Schreckens werden lassen, sondern gleichzeitig [zumindest über große Zeitspannen] verhindern, dass typische Phänomene wie pädokriminelle Übergriffigkeit, ausufernder Drogenkonsum oder Gefährdung der Kinder und Jugendlichen durch Mitschüler mit gravierenden Persönlichkeitsstörungen aufgedeckt werden können. Das Dunkelfeld der Internatssubkulturen wird hier zum blinden Fleck der medialen Berichterstattung, weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Dabei wäre längst öffentlich die Frage zu diskutieren, ob Landerziehungsheime und ähnliche Einrichtungen als totale Institutionen überhaupt geeignete Orte für die Erziehung und Bildung junger Menschen sein können. Vor dem Hintergrund der oft nur zufällig ans Licht kommenden Scheußlichkeiten von "Einzelfällen" zu reden, entspricht einer allgemeinen Schläfrigkeit dieser Wohlfühlgesellschaft. Was da hinter den Mauern totaler Institutionen - gleichgültig ob in der Altenpflege, in der Psychiatrie, in Einrichtungen der Jugendhilfe, in Internaten oder Jugendstrafanstalten - vor sich geht, möchte man am liebsten nicht zu Kenntnis nehmen. Die Dunkelzahlen unzureichender statistischer Erhebungen und die auf Nichtwissen gestützten öffentlichen Verlautbarungen derer, die eigentlich ein wachsames Auge auf diese Bereiche haben sollen, breiten sich wie ein Mantel der Barmherzig-keit über das bereits von den täglichen Katastrophen-meldungen betäubte öffentliche Gewissen. Alles nur Einzelfälle. Doch würde man jede einzelne Beschwerde oder jeden negativen Erfahrungsbericht so ernst nehmen, wie dies in anderen Bereichen der Wirtschaft üblich ist, hätte man allen Grund aufzuschrecken. "Im Marketingstudium lernt man", schreibt Maren Müller, die Initiatorin der Petition gegen den diskriminierenden Moderationsstil des ZDF-Talkmoderators Markus Lanz, "dass ein einziger Kunde, der sich offen beschwert, 220 potentielle Beschwerdeführer repräsentiert."

Wieviele Missbrauchs- oder Mobbingfälle hätte also beispielsweise die Schule Schloss Salem als "Flaggschiff der deutschen Privatschulen" und Inbegriff des "Eliteinternats" einzugestehen, die - wie anlässlich der Enthüllungen über die pädokriminellen Übergriffe in zahlreichen Elite-Instituten - zumeist reflexartig in Verteidigungsposition geht oder sich - nach anfänglichem Leugnen und anschließender Verharmlosung - dann gerade mal zu einem einzigen schwerwiegenden Vorkommnis bekennt? Man erinnert sich in diesem Zusammenhang an die ausländerfeindliche Schülerrevolte kurz nach Gründung des (inzwischen gescheiterten) "Salem International Collegs" oder die Vorgänge im Vorfeld der Kündigung des Mietvertrags für das Schloss Salem durch Max von Baden.

Wer in den Abgrund totaler Institutionen schauen will, muss zunächst einmal die Nebelschwaden der Selbstbeweihräucherung und Geschichtsklitterung sowie der systematischen Desinformation verscheuchen. Hinter ihren stolz präsentierten "Erfolgsgeschichten" verbirgt sich zumeist viel Elend und wenig Glanz. Wie schrieb doch Honoré de Balzac unter dem Titel "Verlorene Illusionen - Glanz und Elend der Kurtisanen":

„Es gibt zwei Arten von Geschichte: Die eine ist die offizielle, geschönte, jene die gelehrt wird, eine Geschichte ad usum delphini; und dann ist da die andere geheime Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt, eine beschämende Geschichte.“

(1) Über Paul Geheeb, den Gründer der Odenwaldschule, berichtete die Frankfurter Rundschau: >>Er war 14 Jahre alt, als seine Mutter starb. Ihren Tod bezeichnete Geheeb später "als die größte Katastrophe (...). Ich war eine Reihe von Jahren danach gemütskrank, so dass man mich heute in ein Psychopathenheim gesteckt haben würde".<< Über den Mitbegründer der Schule Schloss Salem, Kurt Hahn, berichtet sein Freund und Biograph Jocelin Winthrop-Young: "Sein gesamtes Erwachsenenleben litt er an zwei ernsten Krankheiten. Wie so viele andere große Männer war er manisch-depressiv und litt an unregelmäßigen Anfällen. [...] Die zweite Krankheit war in seinem Kopf. [...] 1955 stellte Professor Riechert in Freiburg [wo Hahn sich einer zweiten Gehirnoperation unterzog] fest, dass das Problem [der von Hahn ständig beklagten starken Kopfschmerzen] in einer Psychose liege.

(2) 1925 schreibt der Mitbegründer der deutschen Heilpädagogik, Prof. Ernst von Düring:

„Eine eigenartige Beobachtung kann man in Landerziehungsheimen machen. Bestimmt ist doch nur ein Teil der Zöglinge deshalb in diesen Heimen, weil die Grundsätze der Erziehung den Grundsätzen der Eltern entsprechen. Der größere Teil ist dort, weil die häuslichen Verhältnisse Erziehungsschwierig-keiten in sich bergen, in irgendeinem Sinne, oder weil die Kinder Erziehungsschwierigkeiten machen“ (Ernst v. Düring: Grundlagen und Grundsätze der Heilpädagogik. Erlenbach-Zürich 1925, S. 272).

(3) "Eine Musteranstalt", [...] die durch die Tat beweisen will, was Erziehungskunst unter den günstigsten Bedingungen mit dem besten Kindermaterial zu leisten vermag" kündigte etwa OSO-Gründer Paul Geheeb 1909 in seinem Genehmigungsantrag an das Kultusministerium des Großherzogtums Hessen-Darmstadt an.

(4) "Das private Eliteschulwesen des angelsächsischen Raums lässt sich am besten verstehen, wenn man sich die historischen Umstände seiner Entstehung vor Augen führt. Die Oberschicht des 18. Und 19. Jahrhunderts (vgl. Weinberg 1967, Cookson/Persell 1985, Kalthoff 1997) hatte schlechte Erfahrungen mit Privatlehrern gemacht. Der Status des Kindes als Oberschichtmitglied erwies sich meist als dominanter als die rollenspezifische Autorität der Erzieher. Diese waren nicht in der Lage, ihre Zöglinge konsequent zurechtzuweisen oder zu bestrafen. Die Folge waren verwöhnte Oberschicht- kinder ohne Karriereorientierung, die in der späteren Laufbahn versagten. Zur Kompensation dieses schichtspezifischen Sozialisationsdefektes richtete man dann seltsamer Weise um eines erwünschten Sozialisationseffektes willen Internate ein, also totale Institutionen, in denen die Kinder dort wohnen, wo sie auch erzogen werden. Man muss nur an Goffmanns Liste von Sozialisationseffekten totaler Institutionen denken wie Hospitalismus, Regression u.a., um das Bizarre dieses Arrangements würdigen zu können. [...]

(5) Vgl. hierzu auch Jürgen Oelkers:

"Die Schulen waren wie gesagt teure Privatschulen, sie nannten sich „neu“ oder „modern“ und machten mit Konzepten der Erziehung auf sich aufmerksam, die gut klangen, aber noch gar nicht ausprobiert waren, weil sie einen Markt bedienen mussten und dafür ein gut klingendes Label brauchten. Dieses Label orientierte sich sehr stark auch an der zeitgenössischen Medizin und deren Vorstellungen von Gesundheit. Landerziehungsheime wären nie plausibel gewesen ohne die medizinischen Postulate der Lebensreform, also Körperkultur, Abstinenz, Rohkost, naturgerechte Kleidung, Luftbäder oder eben Landleben."

Und an anderer Stelle heißt es über die Lietz'schen Heime:

"Seine Schulen zogen oft die Verlierer des Bildungssystems an, die hier eine zweite Chance erhielten, doch noch das Abitur zu machen. [...] Was den Heimen die Geschäftsgrundlage sicherte, war nicht die Pädagogik von Hermann Lietz, sondern das hoch selektive deutsche Gymnasium. [...] Sie sollten die Vertreter einer sehr ambitionierten Pädagogik sein, die von einer Mission kaum zu unterscheiden war. Das Sendungsbewusstsein, eine „neue“ und „ganz andere“ Pädagogik der Nähe begründet zu haben, führte zu einer maßlosen Selbstüberschätzung. Die Landerziehungsheime wähnten sich an der Spitze des pädagogischen Fortschritts, obwohl ihre Zahl klein, ihre Mischung bunt, die Konflikte heftig und die Leistungsbilanz durchaus bescheiden war."

(6) Vor diesem Hintergrund erscheint die Anekdote von dem Salemer Schüler, „der zwar gelernt habe, Menschen zu retten und Feuer zu löschen, aber als Analphabet die Schule verlassen habe“ keineswegs übertrieben.

(7) Wenn Itschert es als "Raffinement" der englischen Boarding Schools bezeichnet, das gesamte Disziplinarwesen an die Schüler zu delegieren, während die Lehrer sich auf die angenehme Position des verständnisvollen "good cops" zurückzogen, die gelassen zusahen, wie die Schüler in eine Hierachie der »Newcomer«, »Midlings« und »Prefects« gepresst und durch erbarmungsloses Bullying und Fagging an die Normen der Internatsgemeinschaft angepasst wurden, so spielt sich dies unter Kindern und Jugendlichen von gleichem sozialen Status ab. Diesen werden die "Allüren" brutal abgewöhnt und sie müssen einiges an Erniedrigung und Beschämung erdulden, doch hat jeder die Möglichkeit, sich in der Hierachie hochzudienen. Als Neuling noch in der Opferrolle, verfügt der "Midling" zwar noch nicht über die formale Autorität der Präfekten, kann sich aber bereits an den Neulingen abreagieren. Als
»Prefects« genießen sie dann eine große Unabhängigkeit, da sie einerseits mit fast unbeschränkter Gewalt über die Jüngeren ausgestattet sind, selbst aber kaum noch einer Überwachung und Disziplinierung ausgesetzt sind.

Die Salemer Hilfserzieher von niedrigem sozialen Rang bleiben jedoch in der Hierachie ohne entsprechende Autorität. An ihnen lassen die Reichen - als Vergeltung für Reglementierungen und Ordnungsmaßnahmen durch die Capo-Schüler - heimlich ihre Aggressionen aus, insbesondere wenn es sich um Leistungsstipendiaten handelt, die ihnen geistig überlegen sind und die besseren Noten bekommen. Eine Salemer Stipendiatin berichtet:

"Zu den Lehrern kann ich nur sagen: In meinen 9 Jahren auf Salem hatte ich nur 4 Lehrer, die man respektieren konnte, die souverän waren, ihren Stoff solide rüber-gebracht haben und sich nicht von den verwöhnten Fratzen, die da meine Mitschüler waren, haben einschüchtern lassen. Alle anderen waren nur dauernd bemüht, ja nicht auf die falsche Seite zu geraten und es sich mit den "Coolen" , den Cliquenchefs, zu verderben, denn dann wäre der Unterricht fast unmöglich gewesen. So sahen Lehrer seelenruhig zu, wie meine Schulsachen regelmässig aus dem Fenster flogen und anderer Unfug mit mir oder anderen armen Hanseln getrieben wurde.Die Mentoren auf den Flügeln - zuständig für Ordnung und Disziplin außerhalb des Unterrichts - waren noch schlimmer. So ziemlich alle litten unter Minderwertigkeitskom-plexen. Kein Wunder wenn die Sprösslinge dort schon im zarten Alter von 12 mit Geld nur so um sich schmeissen, wärend man selbst ein eher mageres Gehalt bekommt und dafür 24 Stunden lang mit pubertierenden Prinzen und Prinzessinnen zu kämpfen hat, die noch nie gelernt haben, andere zu respektieren."

(8) Julia Friedrichs: "Gestatten Elite" (Textauszug S. 143 f.):

>> Einer aus dem Kollegium, der nicht genannt werden möchte, formuliert es drastischer: "Viele unserer Schüler leiden unter der Wohlstandskrankheit." "Was ist das, die Wohlstandskrankheit?" "Dieses Verhalten, das aus dem Gefühl entsteht: Mir fehlt es an nichts. Mir geht es gut. Macht ihr mal. Und wenn es mir gefällt, mache ich vielleicht mit. Und wenn nicht, dann nicht. Die kommen aus einem Hintergrund, wo immer Geld da ist. Die haben sich meistens noch nie in ihrem Leben für irgendetwas anstrengen, für irgendetwas kämpfen müssen." [...] Vielen seiner Schüler, klagt jemand aus dem Kollegium, fehlten der Schwung und die Motivation für eine ganz normale schulische Arbeit. "Die haben das Gefühl, dass nach dem Abitur schon alles geebnet ist, dass Papas Unternehmen wohl auch noch die nächsten dreißig Jahre Bestand hat, dass Geld da ist und eigentlich gar nichts passieren kann. Das ist sicherlich an einer staatlichen Schule, wo ein Aufstiegswille motivierend wirken kann, anders." Ich bin verwirrt. Erste Zweifel melden sich. Die Lehrer erzählen von antriebslosen Kindern, vom Kampf um Disziplin. Von Schulkarrieren, die es zu retten gilt. Das klingt nach Hauptschuldiskussion. Bin ich tatsächlich an einem Internat, das von sich behauptet, Eliten auszubilden? "Unsere Schüler wissen, dass Papas Chefsessel wartet", beschwert sich ein Lehrer. Im Prospekt der Schule finde ich eine Tabelle der Schul- und Internatsgebühren und plötzlich begreife ich. Nach Neubeuern kommen nicht die, die in meiner Welt reich waren. Die Arzttöchter, die zum Abitur einen Golf bekamen, oder die, die mit der Familie jedes Jahr zum Skifahren reisten. Neubeuern kann sich nur leisten, wer richtig viel Geld hat - ein paar Adlige, Kinder aus traditionellen Unternehmerfamilien, neuerdings auch welche, deren Väter mit Aktien viel Geld gemacht haben. Und zwei Prominente sind auch da: Ein Kind und ein Enkel zweier Schlagerstars.<<

21:26 20.02.2014
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