Der "Salemer Geist" und das Dritte Reich

Eliteinternat Salem| An der Schule Schloss Salem wird die Charakterbildung hoch gehalten. Der Salemer Geist und die Salemer Tugenden sollen selbst die NS-Zeit überstanden haben. Eine Legende?
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Die im Jahr 1920 eröffnete Schule Schloss Salem als erste der Hahn'schen Gründungen war ausersehen, eine neue, durch charakterliche Integrität und selbstlose Hingabe an das Gemeinwohl legitimierte "Führungsaristokratie" (Birsner 2012, S. 55) hervorzubringen, nachdem die "alten Eliten" nach Auffassung Kurt Hahns und seines Gönners Prinz Max von Baden versagt und das deutsche Kaiserreich verspielt hatten.

Die Salemer Erziehung sollte den SchülerInnen einen „ganzen Katalog von zu erlernenden Eigenschaften“ (Poensgen 1996) vermitteln und so den „Salemer Geist“ als eine „innere Haltung“ einpflanzen, die auf den Prinzipien Selbständigkeit, Zivilcourage, Dienst am Nächsten, Verantwortung und Ehrlichkeit aufbaute. Die akademische Ausbildung seiner Schüler sah Hahn dagegen als zweitrangig an. Folglich entwickelte sich der hochtrabend "akademisch" genannte Unterricht zum Stiefkind Salems.

Im Netzwerk der alten Eliten

Um es ganz deutlich zu machen: Die Intention Max von Badens und Kurt Hahns war nicht die Schaffung einer neuen Elite, sondern die Bewahrung der alten Führungsschicht des untergegangenen Kaiserreichs! Diese sollte angesichts ihres Machtverlusts durch die gesellschaftlichen Umbrüche der "Novemberrevolution" von 1918/19 und der Demokrati-sierungstendenzen des Weimarer Staates vor weiterem Niedergang bewahrt werden. Hierbei galt die besondere Aufmerksamkeit ihrer Jugendgeneration, deren privilegiertes Aufwachsen Hahn als Quelle von Dekadenz identifizierte, durch die der Elitenachwuchs seine Lebens-tüchtigkeit einbüßte. Die objektive Funktion der Schule Schloss Salem bestand darin, die Jeunesse Dorée den asketischen Lebensbedingungen einer "Erlebnistherapie" auszusetzen, die den Ansätzen von Verweichlichung, Selbstsucht und Lasterhasftigkeit entgegenwirkte. Zugleich galt es, den Erwerb bestimmter formaler Qualifikationen sicher zu stellen, ohne die eine Behauptung gesellschaftlicher Privilegien kaum möglich war. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte hierzu auch ein staatlich anerkanntes Abitur (bis dahin hatten Adelssprösslinge unabhängig von ihrer Vorbildung freien Zugang zu den Universitäten).

Wie insbesondere aus dem letzten der "Sieben Salemer Gesetze" zu ersehen ist, in denen Kurt Hahn die wichtigsten Prinzipien seiner Pädagogik niederlegte, stand bei der Bekämpfung der "Dekadenz" des Oberschichtnachwuchses, die er als "eine absichtliche Verschwendung eines großartigen Erbes" beklagte, die Herstellung von sozialer Heterogenität des Erziehungsmilieus an oberster Stelle. Als Ursache dekadenter Fehlentwicklungen glaubte Hahn die Tatsache ausgemacht zu haben, dass "die 'armen' Jungen und Mädchen der Reichen [...] auf ihre Kreise beschränkt" blieben und hierdurch keine Möglichkeit hätten, zu Erwachsenen zu reifen, "die überleben können".

Hinter dem Versuch, diese Beschränkung aufzulösen, stand die Einsicht, dass eine noch so "tugendsame" Erziehung gegen die Subkultur der "dekadenten" Adels- und Großbürgersprösslinge machtlos war und man gegen die zusätzlichen "sittlichen Gefährdungen", die die Auflösung der wilhelminischen Gesellschaftsordnung mit sich brachte, unter den Bedingungen einer sozial homogenen Lebens- und Lerngemeinschaft nicht anerziehen konnte. Nicht anders sind seine nachfolgenden Ausführungen zu verstehen:

"Keine Schule kann eine Tradition von Selbstdisziplin und tatkräftiger, freudiger Anstrengung aufbauen, wenn nicht mindestens 30 Prozent der Kinder aus Elternhäusern kommen, in denen das Leben nicht nur einfach, sondern sogar hart ist."

Der Salemer Deal

Aber einen solchen Anteil von Kindern aus "einfachsten Verhältnissen" hat es in Hahns "Erziehungsschule" nie gegeben. Attraktiv war die Schule Schloss Salem vor allem für das (jüdische) Großbürgertum und den durch die Weimarer Verfassung teilweise entmachteten und seiner Einkommensquellen verlustig gegangenen Adel, der seit der russischen Revolution zudem in ständiger Angst vor der "Diktatur des Proletariats" lebte.

In Salem fand selbst verarmter "Etagenadel" noch ein standesgemäßes Rückzugsmilieu, das er sich nur dank der Kostenermäßigungen leisten konnte, zu deren Finanzierung - ungeachtet der nach dem 1. Weltkrieg in adeligen und gehobenen bürgerlichen Kreisen aufflammenden neo-antisemitischen Ressentiments (=> Juden als "Spekulanten und Kriegsgewinnler") - glücklicher-weise das an gesellschaftlicher Aufwertung interessierte jüdische Großbürgertum mit ins Boot geholt werden konnte.

Die gemeinsame Schulgründung des "Reichskanzlers für 37 Tage" und bekennenden Antisemiten, Prinz Max von Baden, und Kurt Hahns als Sohn aus jüdischer Industriellenfamilie stellte das Paradigma dieses bizarren Zweckbündnisses dar. Die Person Max von Badens zog die adelige Kundschaft an, während die Person Hahns der jüdischen "Zielgruppe" die Schwellenangst nahm. Die Abkömmlinge jüdischer Fabrikanten, Bankiers und Freiberufler stellten bis in die 1930er Jahre hinein einen erheblichen Anteil der Salemer Schülerschaft, insbesondere der Voll- und Mehrzahler, mit deren Beiträgen die Kostenermäßi- gungen und Freistellen der renommierteren, aber häufig deutlich geringer bemittelten Adelskundschaft quersubventioniert wurden. Die Verdrängung der jüdischen Großbürgertöchter und -söhne unter dem Eindruck nationalsozialistischer Repressalien stürzte die Schule in erhebliche wirtschaftliche Turbulenzen (vgl.Poensgen 1996, S. 46).

Zwiespältiges Verhältnis zum NS-Regime

Sowohl die jüdische als auch die adelige Stammkundschaft Salems waren der heraufziehenden national-proletarischen Massenbewegung ein Dorn im Auge und zogen bereits im Vorfeld der nazistischen Machtergreifung den erbitterten Hass überzeugter Parteigänger auf sich.

Doch die Tatsache, dass die nationalsozialistische Gleichschaltung Salems erst Anfang 1944 erfolgte und die Schule sich fast bis zum Ende des 2. Weltkriegs "durchwurschtelte", ist ein starkes Indiz dafür, dass die frühe Verankerung Salems in den Beziehungsnetzwerken der alten Eliten sich auch unter den neuen Machthabern bewährte bzw. sogar ausgebaut werden konnte. Immerhin machten u.a. Nazi-Größen wie der Reichsjugendführer von Schirach, Reichssportführer von Tschammer-Osten, Reichserziehungsminister Rust, SS-Sturmbannführer Pein und SS-Obergruppenführer Heißmeyer der - allerdings immer misstrauisch überwachten - Internatsschule am Bodensee ihre Aufwartung.

Selbst Kurt Hahn hatte sich nach seiner Entlassung aus kurzer "Schutzhaft" (11. bis 16. März 1933) noch der Illusion hingegeben, auf Intervention seiner Freunde und Gönner als "guter Hofjude" wieder in seine Salemer Leitungsfunktion eingesetzt zu werden. Dies mag zunächst erstaunen, hat aber eine eigene verquere Logik, wie Tilmann Lahme in der FAZ feststellt:

"Hahns Schule sei unverträglich mit dem Nationalsozialismus gewesen, lesen Eltern in Schulprospekten. Dagegen trug sein Schüler Golo Mann, Salemer von 1923 bis 1927, nach einer Begegnung mit Hahn kurz vor dessen erzwungener Emigration 1933 ins Tagebuch ein:

'Es hat etwas Tragisches und ungeheuer Bezeichnendes, diesen Mann, seit zwanzig Jahren den reinsten Formulator und Praktiker der nationalsozialistischen Ideen, Praktiker in Politik und Erziehung, der hundertfach nachweisen kann, dass seine Schule die ideale Hitler-Schule sei, in dessen unterdrücktem, heimlich brennenden Judentum ein furchtbarer Widerspruch liegt, der sich nun rächt - diesen Mann verfolgt, in jeder Tätigkeit mit sadistischem Raffinement gelähmt, verbannt, ruiniert zu sehen.'"

Poensgens Feststellung, die Schule habe „ihre Arbeit bis in die letzten Kriegsjahre fortsetzen“ können, weil „ihr Fortbestehen für den NS-Staat von Bedeutung“ gewesen sei, vermag allerdings nicht voll zu überzeugen. Sicherlich bestand ein gewisses Interesse an den Deviseneinnahmen, die durch die damals bereits recht hohe Zahl von Schülern aus dem Ausland erzielt werden konnten. Bei realistischer Abwägung der tatsächlichen Motivlage der beteiligten Akteure sieht man die Vorteile aber vor allem bei der Oberschichtkundschaft, die ihren Nachwuchs in der pädagogischen Provinz am Bodensee in Sicherheit bringen konnt. Die alten Eliten, die die proletarische Massenbewegung der "Braunhemden" im Grunde verachteten und zunächst zu ignorieren versuchten, sich dem NS-Staat aber mit den Jahren opportunistisch anbiederten und zumindest äußerlich anpassten, fanden in Salem eine "Insel" vor, die ihren Nachwuchs vor den gröbsten Zumutungen völkischer Gleichmacherei und militaristischer Indienstnahme bewahren und ihnen - vor allem während der Kriegsjahre - in der Bodensee-Idylle die Erfahrung von Zerstörung und Tod, die in den bombardierten Großstädten unvermeidlich war, ersparen konnte.

Erhaltung der Schule um jeden Preis

Sozial exklusive Internatsschulen wie die Schule Schloss Salem sind für die Bewahrung von Einfluss und Lebensstil traditioneller Eliten unter allen denkbaren gesellschaftlichen Bedingungen offensichtlich derart bedeutsam, dass ihrer Fortexistenz selbst dann noch oberste Priorität eingeräumt wird, wenn hierzu alle hehren Erziehungsprinzipien und Traditionen geopfert werden müssen. Die Geschichte der Schule Schloss Salem und die Biografie ihres Mitbegründers Kurt Hahn liefern hierfür den anschaulichsten Beleg:

„Die für Salem verantwortlichen Kräfte begriffen bald“, schreibt Poensgen (a.a.O.), „dass die weitere Existenz des Internates entscheidend davon abhing, ob die neuen Machthaber Deutschlands in der Schule einen systemkonformen Geist erblickten.“ Und so war es schließlich der 1933 aus seiner Gründung vertriebene Jude Kurt Hahn selbst (sein Gönner Max von Baden war bereits 1929 verstorben), der Anfang Juni 1933 demonstrativ von seinen bisher öffentlich geäußerten Erkenntnissen über den faschistischen Staat und dessen Erziehungsideale abrückte und seinen Schülern „ohne Zögern“ den Rat gab, der Salemer könne „heute in die SA und die SS eintreten" und der Alt-Salemer „sich heute zur Verteidigung unveräußerlicher Grundsätze auf den Kanzler Hitler berufen, auf seine Worte und Taten.“

Auch Kurt Hahn handelte unter dem Druck der politischen Verhältnisse genauso pragmatisch, man könnte mit vollem Recht auch von Charakterlosigkeit und Verantwortungslosigkeit sprechen, wie die von ihm kritisierte politische Führungsschicht des wilhelminischen Deutschland. Der "Salemer Geist" war entweder pseudo-elitäres Getue oder reine Heuchelei.

Selbstlos im Sinne des Gemeinwohls handelt letztlich wohl nur derjenige, der nichts zu verlieren hat. Für die Elite der Reichen und Einflussreichen gilt dies gerade nicht. Sie vertreten ihre Interessen seit biblischen Zeiten mit den ewig gleichen Mitteln: Nach außen wird an die hehren Ideale appelliert, aber hinter den Kulissen wird skrupellos gegen diese verstoßen, wenn's nur dem eigenen Vorteil dient.

Bizarre Allianzen auch nach 1945

Nach dem Zusammenbruch des NS-Staates im Mai 1945 fanden sich die alten Offiziers- und Adelseliten, die insbesondere im Auswärtigen Amt, dem Diplomatischen Dienst oder den NS-Geheimdiensten beschäftigt waren und häufig um die Fortsetzung ihrer Karrieren fürchten mussten, weil sie durch ihre Mittäterschaft bei der Judendeportation und -vernichtung, beim systematischen Raub von Kunstgegenständen und Pretiosen oder andere Kriegsverbrechen zum Teil schwer belastet waren, auf der einen und die Landerziehungsheime als die Standesschulen dieser Gesellschaftskreise, die tiefer in den braunen Sumpf verstrickt waren als sie zugeben durften, auf der anderen Seite in einer ähnlichen Situation wieder. Es ergab sich eine Art Interessen-Allianz im Rahmen der Transformationsbestrebungen der alten Eliten. Ging es bei den belasteten Eliten um die Verwendungsfähigkeit im neuen Staat, mussten die Landerziehungsheime ihren Fortbestand sichern, indem sie eine privatschulfreundliche Gesetzgebung beförderten. Hierzu gehörte es, das Sonderungsverbot des Artikels 7 GG in der Privatschulgesetzgebung der neu entstehenden Bundesländer aufzuweichen und eine Befreiung von der Umsatzsteuerpflicht zu erwirken.

"Die Diplomaten des Holocaust" und die angebräunten Elite-Pädagogen , deren Anschauungen viele der Landerziehungsheime in der NS-Zeit durchaus "anschlussfähig" gemacht hatten - waren häufig durch Familienbande oder traditionelle Geschäftsbeziehungen untereinander verbunden. Nun einte sie das Bemühen um Entlastung, zu der vor allem die Legende verhelfen sollte, man sei eigentlich immer "dagegen", im Grunde "anständig" und ohnehin ein Hort des (heimlichen) Widerstands gewesen.

Wie hier Elitetransformation und Landerziehungsheim-Lobbyismus nach 1945 ineinander griffen bzw. durch ihre Akteure verzahnt waren, wird anhand Annette Weinkes Rekonstruktion des Wilhelmstraßenprozesses (vgl. Eckart Conze u.a.: "Das Amt und die Vergangenheit - Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und der Bundesrepublik") sichtbar, "in dem 1948/49 die außenpolitische Elite auf der Anklagebank saß, darunter Ernst von Weizsäcker (vgl. DIE ZEIT). Dort heißt es weiter:

"Virtuos agierten dessen Verteidiger, darunter vor allem der junge Hellmut Becker, nachmaliger Justiziar des Instituts für Sozialforschung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, später Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung*). Per Rundschreiben wurden Ehemalige aus dem AA um eidesstattliche Erklärungen gebeten, Entlastungszeugen organisierte man gut dotierte Posten in der Wirtschaft, und Chefankläger Robert W. Kempner wurde diffamiert und zermürbt. Auch die Presse machte mit, allen voran die damals stramm nationalistische ZEIT mit ihrem Chefredakteur Richard Tüngel und Marion Gräfin Dönhoff."

Durch die Missbrauchsskandale in kirchlichen und reformpädagogischen Einrichtungen, die seit Frühjahr 2010 die Öffentlichkeit beschäftigen, kam schlagartig eine weitere Querverbindung ans Licht, nämlich die zu dem "Heimlichen Deutschland" des "George-Kreises", der auf den Dichter Stefan George und seine Jünger zurückging, deren gemeinsames Band "neben dem gemeinsamen Besingen der Dichter und Denker vor allem Homoerotik und Päderastie" war (Rudolf Maresch).

Georges aus dem platonischen Erziehungsideal extrahierte Ideen waren bei manchem Reformpädagogen der Zwischenkriegszeit auf fruchtbaren Boden gefallen und kamen in Gründungen wie Salem, Wickersdorf oder in der Salemer Nebengründung Birklehof im Schwarzwald zu praktischer Anwendung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sucht man an diese Tradition wieder anzuknüpfen. Maresch schreibt:

"Dort, im Schwarzwald hatte nämlich der George-Schüler Georg Picht, Busenfreund von Carl Friedrich von Weizsäcker, seine Zelte aufgeschlagen. Unter dem Dach des Internats hatte er ein Platon-Archiv eingerichtet, während in den Klassenzimmern und draußen in der Natur ehemalige Nazis in seinem Auftrag daran werkelten, einen "platonischen Zwergstaat" zu errichten. Zusammen mit Hellmut Becker rief er anno 1964 die "deutsche Bildungskatastrophe" aus und avancierte so später zum geistigen Ahnherrn und Wegbereiter der deutschen Bildungsreform, dem zentralen Diskurs der Bundesrepublik Deutschland. Unter dem Stichwort: "Bildung für alle" oder "Bildung ist Menschenrecht" agitierten Picht und seine Mitstreiter für eine nationale Bildungsoffensive.

Miteinander bekannt waren Georg Picht und Hellmut Becker [der wiederum Schüler in Salem war] über ihre beiden Väter Werner und Carl Heinrich. Beide stammten aus dem engeren Umkreis des Dichters. Leitete dieser vor dem Krieg das preußische Kulturministerium, war jener zur damaligen Zeit bereits auf dem Nazitrip. Bestens bekannt war Becker aber auch mit der Familie Weizsäcker. Neben Georg zählte auch Carl Friedrich von Weizsäcker zu seinen besten Freunden.

Nach dem Krieg ging es mit Becker [...] steil nach oben. Erst verteidigt er Ernst von Weizsäcker in Berlin, bei dem auch Robert Kempner, der Bruder von Georges Leibarzt Walter, die Anklage vertritt. [...] Zehn Jahre später erreicht sein bildungspolitischer Einfluss die Frankfurter Universität und deren intellektuelle Zirkel. Er sitzt mit und neben Horkheimer und Adorno im Beirat des Instituts für Sozialforschung und verbreitet dort seine von Freud adaptierten Thesen der Ich-Bildung. An der Psychologisierung von Bildung und Erziehung, die seither den bildungspolitischen Diskurs hierzulande bestimmt, hat er folglich maßgeblichen Anteil.

Die Herausgeberschaft der Zeitschrift Merkur, die ihm der Birklehof-Absolvent Karl-Heinz Bohrer anträgt, lehnt er ab. Stattdessen wird er 1963 Chef des neu gegründeten Max-Planck Instituts für Bildungsforschung, von wo aus dann die Bildungsreform in Gang gesetzt wird. Wer die Vorgeschichte kennt, den Bildungsweg ihrer Wegbereiter, weiß spätestens jetzt, warum es den Reformern vorwiegend um Erziehung und Menschenbildung ging, darum, die schöpferischen Kräfte des Menschen freizusetzen. Dass damit zuweilen auch "homoerotische" Leidenschaften gemeint waren, beweist Becker nach Raulff, als er in einer nächtlichen Gesprächsrunde verlauten lässt, dass Carlo Schmid diese Phase möglicherweise zu früh abgebrochen habe. Ist es nur Zufall, dass Georg Picht vielfältige Kontakte zu den Jesuiten in St. Blasien unterhalten hat, ausgerechnet zu jenem Kolleg, dass jetzt auch unter Missbrauchsver-dacht steht?"

Man kann über die Wirksamkeit solcher heimlichen Beziehungsnetzwerke vielfach nur spekulieren. Sie scheinen aber real nicht nur durch die Kooperation oder zumindest persönliche Freundschaft ihrer herausragenden Akteure, sondern auch durch deren zum Teil wirklich erstaunliche Karrieren. Eine aufschlussreiche Quelle stellen die umfangreichen Lebenserinnerungen Hartmut von Hentigs dar. Alexander Camman stellt in der ZEIT fest:

"Hentigs Memoiren, übervoll mit unzähligen Namen, schildern äußerst plastisch ein Netzwerk von bildungsbürgerlichen und adligen Familien, das über Generationen hinweg trägt, hinein in die demokratische Bundesrepublik und dort in einflussreiche Positionen. »Protestantische Mafia« hat Ralf Dahrendorf einst dieses Netzwerk ironisch genannt, zu dem die Weizsäckers, die Hentigs, die Beckers und Gräfin Dönhoff gehören; im Unterschied zur kleinbürgerlich-katholischen Adenauer-Welt."

Die "protestantische Mafia", von der Dahrendorf spricht, andere sprechen von einem "System Hellmut Becker", repräsentieren eine fast endlose Galerie von Politikern, Wissenschaftlern, Publizisten, Pädagogen usw. , die auf die Bildungspolitik der Bundesrepublik Deutschland ab etwa Mitte der 1960er Jahre großen Einfluss ausgeübt und insbesondere der "Reformpädagogik" zu Durchbruch und Ansehen verholfen haben. Und diesem Umstand ist letztlich zu danken, dass der Diskurs um die notwendige Reform des Bildungswesens sich mit den antiaufklärerischen Heilslehren undurchsichtiger Landerziehungsheim-Gurus und dem falschen Gegensatz von "bürokratischer" Staatsschule und "Schulen in freier Trägerschaft" als "humane Alternative" auflud. Deren Vorstellungen vom pädagogischen Eros und von einem neuen (freundschaftlichen) Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, Erziehern und Edukanden bereiteten dem systematischen sexuellen Missbrauch den Boden und beraubten das staatliche Gymnasium seiner Funktion als Eliteschule einer (zumindest in der Theorie egalitär angelegten) demokratischen Leistungsgesellschaft. Gleichzeitig sorgten die genannten Netzwerke dafür, dass in Form der sozial exklusiven Landerziehungsheime ein verfassungswidriges Netz von Reichenschulen erhalten blieb oder sich wieder etablieren konnte, die den Sprösslingen der (Geld-)Aristokratie auch dann die Karrierewege ebneten, wenn sie nicht einmal den herunternivellierten Anforderungen staatlicher Gymnasien oder denjenigen der Bildungsstätten fürs "gemeine Volk" gerecht werden, die aktuell unter den Schwindeletiketten Gemeinschaftsschule und Inklusionsschule systematisch entwertet werden.

Kritik der Reformpädagogik: "Bewegung vom begüterten und rassisch gesunden Kinde aus"

Eckart Conze u.a.: "Das Amt und die Vergangenheit - Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und der Bundesrepublik" (Leseprobe) "Neu ist in diesem Buch der minutiöse Nachweis, wie alte Seilschaften in der Bundesrepublik Täterverfolgung verhinderten und neue Karrieren belasteter Diplomaten ermöglichten."

Ruprecht Poensgen: Die Schule Schloss Salem im 3. Reich

Auszug: "Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schulgeschichte im Dritten Reich ist in Salem selber bisher nur teilweise erfolgt, sie beschränkt sich häufig auf knappe Darstellungen punktueller Ereignisse wie zum Beispiel die Verhaftung des Salemer Leiters im März 1933. Auch in den Erziehungs- und Geschichtswissenschaften ist es bis jetzt zu keiner systematischen Aufarbeitung des Themas gekommen. Die These zweier kurzer historischer Abhandlungen aus der Mitte der [1900]Sechziger Jahre, "dass es [Salem] in Ganzen gelang, die Kontinuität der Schule zu erhalten", da der Nationalsozialismus nicht „den Kern Salems treffen" konnte, ist bis heute nicht kritisch überprüft worden."

Volker Ullrich: Das Ende der Weizsäcker-Legende (Gespräch mit Norbert Frei)

Der Birklehof in der Nachkriegszeit (1946-1963) Eine Textsammlung

17:34 14.11.2013
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