Die Odenwaldschule gibt auf

Internatsschulen Die skandalumwitterte Odenwald- schule schließt zum Schuljahresende. Gut so, sagen die einen. Von einer Sündenbockrolle sprechen die anderen. Viele Fragen bleiben offen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nachdem es nun SPIEGEL, DIE WELT, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, FRANKFURTER RUNDSCHAU und manch anderes wichtige Blatt bestätigt haben, wird es wohl stimmen: Die einstige Vorzeigeschule der linksliberalen Bildungsreform, die nach skandalösen Enthüllungen zum Symbol für den systematischen sexuellen Missbrauch an und unter Schutzbefohlenen in Internaten und Heimen wurde, ist pleite und wird zum Ende des Schuljahres 2014/2015 schließen.

Ein persönlicher Nachruf

Ich erinnere mich noch einer Lehrveranstaltung von Prof. Hans Christoph Berg in den 1980er Jahren am Pädagogischen Seminar der Philipps-Universität Marburg. Man lud damals gerne "reformpädagogische Praktiker" ein, die Zeugnis ablegen sollten davon, wie befriedigend die pädagogische Praxis sein könne, wenn jugendbewegte Unterrichtskünstler sich diese nur genügend schön redeten. Berg, ein zauselbärtiges Männlein in undefinierbarer Gebirgstracht, hatte Otto Herz, den damaligen (aber kurz darauf entlassenen) Gesamtleiter der Hermann-Lietz-Schulen, als Sidekick verpflichtet. Fast nebenbei kam zur Sprache, welch aphrodisierende Wirkung die ganzheitliche Erziehungskunst dank der einen oder anderen freizügigen Internatsschülerin haben könne. Da wollte das vielsagende und verschmitzte Kichern der altgedienten Pädagogen kein Ende nehmen. Ich hatte damals gerade einen dreijährigen Praxisschock an einem sog. "Landerziehungsheim" hinter mir und fand dies äußerst abstoßend. Doch die Kichererbsen aus der Philfak (man hätte die beiden Vokale im letzten Wort auch vertauschen können) hatten wenig Verständnis für meine landerziehungsheimkritischen Vorbehalte. Selbst mein Doktorvater Wolfgang Klafki schalt mich, "ich neige allzu sehr dazu, singuläre Erfahrungen zu verallgemeinern". Eine sehr linke pädagogische Zeitschrift (ich glaube, sie hieß "Pädagogik extra" oder so ähnlich) schickte mir einen Praxisbericht mit der Bemerkung zurück, ich sei ja wohl ein verklemmter Spießer, der den Schülern die Selbstverwirklichung beim Sex mit Erwachsenen nicht gönne. Tempora mutantur. Und viele ehemalige Weggefährten möchten heute auf einschlägige Huldigungen an den Zeitgeist nur ungern angesprochen werden.

Schnitt - und zurück zur Pleite der Odenwaldschule. "Die Kaderschmiede der reichen Salonbolschewisten hat ausgedient," lautet ein Leserkommentar auf WELT Online vom 27.04.2015. Ein anderer fragt: "Warum mussten die Aufsichtsbehörden erst durch die öffentliche Kritik 'aufgeschreckt' werden? Besteht Kinderschutz im öffentlichen Schlafen der Aufsichtsbehörden, geweckt durch den Zufall der Medien?"

Die Aufsichtsbehörden, so die verbreitete Meinung, hätten die Odenwaldschule zum Sündenbock gemacht, um von eigenem Versagen abzulenken. Zitat:

"Im Falle der Odenwaldschule wusste die Heimaufsicht seit 1999 durch die Veröffentlichung der Frankfurter Rundschau Bescheid. Bis heute gibt es keine Bericht der Heimaufsicht, warum sie damals geschlafen hat. Die Behörde, die selbst absolut intransparent ist und ihr Versagen vertuscht, macht die Odenwaldschule zur alleinig verantwortlichen Institution."

Ja, es ist wahr: Der "Fall Odenwaldschule" steht für ein katastrophales Versagen der staatlichen Aufsichtsbehörden, und zwar sowohl der Heimaufsicht (Sozialministerium) als auch der Schulaufsicht (Kultusministerium). Spätestens nach Jörg Schindlers Artikel vom 17. 11. 1999 in der FR hätte das "große Erwachen" stattfinden müssen.

"Eine vom hessischen Kultusministerium nach der Veröffentlichung angekündigte Überprüfung der Schule fand nie statt", liest man unter http://www.odenwald-geschichten.de/?p=2094. Und weiter heißt es auf derselben Seite:

>> Fragt man Zeitzeugen, heißt es: „Das haben doch alle gewusst.“ Frühere Mitarbeiter räumen heute ein, dass den Gerüchten (bei der Polizei heißt das Hinweise) um den Missbrauch nie nachgegangen wurde.<< Und:

>> Es gab viele Lehrer, die von Gerolds [des Schulleiters Gerold Beckers] Treiben wussten, aber nichts unternommen haben: Augen zu und durch und bis zur Rente die Schnauze halten.<<

Nur hier wird übrigens ausnahmsweise auch mein Leserbrief an die FR unter dem Titel "...nur die Spitze eines Eisbergs" erwähnt:

>> In einem Leserbrief schrieb damals Ulrich Lange: "Auf Grund fast 20-jähriger Berufspraxis, inklusive 3-jähriger Lehrertätigkeit an einem hessischen Landerziehungsheim, möchte ich behaupten, dass auch viele andere Internatsschulen Leichen wie den Reformpädagogen Becker im Keller haben. Während meiner eigenen Lehr(er)jahre an dem hessischen 'Landschulheim Burg Nordeck' habe ich ganze Netzwerke homosexueller Päderasten auffliegen sehen. [...]" <<

Zum Dokument in voller Länge klick hier!

Warum, so frage ich mich noch heute, wird dieser wichtige - weil einzige - Hinweis auf die generelle Problematik von Internaten, der sich dann 10 Jahre später in einem Umfang bestätigt hat, den selbst ich so nicht vorausgeahnt hatte, in der gesamten Presse und Aufarbeitungsliteratur bis heute unterschlagen?

Es stimmt eben nicht, dass "die Presse" die Funktion der schlafenden Schul- und Heimaufsicht übernommen habe, wie der oben zitierte Leserbriefschreiber meint. Zur damaligen Zeit hatte gerade die im Zusammenhang mit dem Trend zur Elitisierung der Bildung von Salem und Konsorten initiierte PR-Kampagne für einen angeblichen "Imagewandel der Internate" sich in sämtlichen Medien voll entfaltet. Es regierten PR-Journalismus und Schleichwerbung (siehe http://internatsberatung.beepworld.de/). Gegen diesen Kampagnenjournalismus anzuschreiben war fast unmöglich. Kritische Berichte über die Odenwaldschule, Salem und all die anderen Ikonen des neoliberalen Privatschul-Hypes störten in der schönen neuen Welt der Reichen und Einflussreichen.

Ich gebe allerdings denjenigen ausdrücklich Recht, die vermuten, dass die Odenwaldschule zum Sündenbock einer verlogenen Aufarbeitungsdebatte seit dem Frühjahr 2010 gemacht wurde. Nirgends ist dies deutlicher geworden als in dem ostentativen Austritt der Schule Schloss Salem aus der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime, dem gemeinsamen Schulverband, dem der Austritt der OSO zwangsläufig folgen musste. Doch zu diesem Zeitpunkt war die OSO - trotz ihrer entsetzlichen Vergangenheit - im Grunde nicht besser und nicht schlechter als all die anderen vermeintlichen "Elite-Internate" (siehe http://zfi-archiv.beepworld.de/). Und auch diese hatten selbst genügend Dreck am Stecken.

Um hiervon abzulenken, opferte man die Odenwaldschule, die als am deutlichsten "antiautoritäre" Variante ohnehin aus der Mode gekommen war, und stellte sie gnadenlos in die Fremdschäm-Ecke. Schließlich reichte eine Gallionsfigur als "bekannteste Privatschule Deutschlands" zu Zwecken der Imageförderung völlig aus. Und so fiel die Wahl der Medien auf die Schule Schloss Salem als Modell einer modernen Kadettenanstalt für Managernachwuchs und Geldelite sowie als systemrelevante Vorzeigeanstalt, die vor allen anderen und mit allen (staatlichen Geld-)Mitteln zu retten sei (siehe z.B. http://oligopol.beepworld.de/).

Dass hier auch wieder nur ein Riesen-Fake aufgebaut wurde, merkt die Öffentlichkeit erst allmählich. In Salem gehen mittlerweile die Schülerzahlen ebenso zurück wie in Ober Hambach. Das noch zur Jahrtausendwende großspurig eröffnete "Salem International College" musste 2012 "umgenutzt" werden. Das Unterstufeninternat Schloss Hohenfels soll demnächst geschlossen und der ganze Rest im Schloss Salem zusammengefasst werden, dessen Bestand das Land Baden-Württemberg nur retten konnte, indem es dem Markgrafen von Baden den ganzen Bettel für viele Steuermillionen abkaufte, während in staatlichen Schulen der Putz von der Decke fiel.

Was lehrt uns der Fall Odenwaldschule? Nichts. Oder jedenfalls nichts Neues. Die Aufsicht funktioniert nicht. Klar. Die Schulaufsicht nicht, die Heimaufsicht nicht, aber auch sonst keine der staatlichen Aufsichtsfunktionen. Die Reichen verschieben ihr Geld ins Ausland. Die Finanzämter sind machtlos. Die Bundeswehr sitzt auf Hubschraubern, die nicht fliegen und Gewehren, die nicht treffen. Die NSA spioniert Regierung und Wirtschaft mit Unterstützung des BND aus, dass die Schwarte kracht. Überall hat's irgendwer gewusst, hätten es viele sehen müssen, hat niemand Alarm ausgelöst oder Einhalt geboten. Wie an der OSO. Es ist halt etwas faul im Staate D.

21:04 27.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 44

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar