Hurra, wir gründen ein Seniorendorf!

Alternatives Wohnen Möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben - so stellen sich wohl die meisten der Generation 60 plus die letzte Lebensphase vor. Und so geht's!
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Das Wohngebiet "Burgblick" in dem Vogelsbergstädtchen Ulrichstein ist eine der Hinterlassenschaften des einstigen Feriendorf-Booms, der bis in die 1980er und 1990er Jahre hinein die deutschen Mittelgebirgslandschaften heimsuchte. Der SPIEGEL berichtete bereits in Ausgabe 17/1982:

"Kein deutsches Mittelgebirge mehr ohne Feriendörfer: Als ideale Kombination von Vermögensbildung und Freizeitfreuden werden der Kundschaft die Erholungskrals angeboten. Doch die Werbesprüche haben mit der Wirklichkeit nicht viel gemein, die Rechnungen mit den Freizeit-Bungalows gehen für die Käufer selten auf."

Als eine Bauträger- und Betreibergesellschaft 1982 die ersten der 104 Ferienhäuser mit so naturtümelnden Typenbezeichnungen wie Ulme, Birke, Buche oder Lärche aus dem Vulkanboden stampfte, hätte den Ulrichsteiner Stadtvätern eigentlich bereits klar sein müssen, dass hier keine nachhaltige Belebung des örtlichen Fremdenverkehrs zu erwarten war. Trotz "Zonenrandförderung" und Sonder-Afa fanden sich weder genügend betuchte Investoren noch zahlungskräftige Gäste. Der Versuch, so unterschiedliche Zielgruppen wie Familien mit Kindern und Bustouristen mit der Erwartungshaltung "Saufen, Kegeln, Bumsen" gleichzeitig anzusprechen, misslang kläglich. Am Ende blieben sowohl die einen als auch die anderen aus. Nach der Auflösung der Ver- und Betriebsgesellschaften nutzten die hereingelegten Steuersparer ihre wenig rentierlichen Freizeitimmobilien als private Wochenend- oder Altersdomizile oder veräußerten diese an Erwerber mit ähnlichen Nutzungsabsichten weiter. Hierbei mussten allerdings oft erhebliche Verluste hingenommen werden, war man doch zu weit überhöhten Preisen eingestiegen. Der ursprüngliche Bauträger hatte nämlich den rechnerischen Steuervorteil des Kunden gleich einmal für sich selbst realisiert und von vornherein auf die Kaufsumme aufgeschlagen. Zusätzlich verdarb er jetzt die Preise, indem er ca. sechzig unverkauft gebliebenen Wohneinheiten nun selbst auf den Markt warf und so für ein Überangebot sorgte. Hinzu kam der demografisch bedingte Zusammenbruch des Immobilienmarkts in den letzten 10-15 Jahren. Zuletzt gingen etliche der rustikalen Häuschen nach langem Leerstand erst in der Zwangsversteigerung weg - zu einem Bruchteil des gutachterlichen Verkehrswerts. Mancher Schnäppchenjäger kam so zu Preisen von wenig mehr als 20.000 bis 40.000 Euro zu einem ansehnlichen (wenn auch zuweilen stark sanierungsbedürftigen) Anwesen in ebenso natur- wie stadtnaher Lage.

Wer sich bis heute - zu welchen Konditionen auch immer - in dem weitgehend verkehrsberuhigten, parkartig angelegten Wohngebiet niederließ (das Dauerwohnen ist trotz der auch in den neuesten Bebauungsplan übernommenen Bezeichnung "Ferienpark Burgblick I und II" inzwischen legal), hat nicht das schlechteste Los gezogen. Doch welche Perspektiven bietet sich den Ruheständlern unter den Bewohnern mit Zunahme der üblichen Alterserscheinungen? Lässt sich der Wunsch, den gesamten Lebensabend hier zu verbringen, in tiefster Provinz tatsächlich verwirklichen?

Die äußeren Rahmenbedingungen erscheinen günstig, wurden die überwiegend eingeschossigen Bungalows der Urlaubersiedlung doch unweit des Stadtzentrums einfach auf die platte Wiese gestellt. Will sagen: Rathaus, Apotheke, Ärzte, Supermarkt usw. sind fußläufig bzw. mit geländegängigen Rollatoren noch recht gut erreichbar, und die notwendige Barrierefreiheit ist mit ein paar Retuschen an Zugangswegen und Innentür-Breiten leicht herzustellen.

Dessen ungeachtet haben die Jahre ihre Spuren hinterlassen. An manchen Stellen gammeln die Fassaden. Die Rundholz-Applikationen, die eine Art gemäßigten Blockhaus-Look vortäuschen sollten, harren durstig eines imprägnierenden Anstrichs. Und die verbauten Nachtspeicheröfen sollten - da ineffektive Geldfresser - gegen zeitgemäßere Wärmequellen ausgetauscht werden. Hier greife man allerdings nicht vorschnell zum allseits beliebten Pelletofen, sondern überlege sich, wie lange man noch in der Lage sein wird, einen 15-Kilo-Sack gepresste Holzstäbchen kopfüber in den Brennstofftank zu entleeren. Nicht zufällig wird der Einbau von (elektronisch optimierten und damit auch kostengünstigeren) Elektroheizungen im Rahmen der Wohnumfeldverbesserung von den Pflegekassen bezuschusst, weil es sich hierbei im Gegensatz zu den meisten anderen Varianten um eine nahezu vollautomatische und wartungsfreie Beheizungsart handelt.

Mindestens ebenso wichtig wie das barrierefreie Wohnen ist natürlich ein soziales Umfeld, das vor Isolation und Vereinsamung schützt, Beistand im Notfall garantiert und ein "niederschwelliges" Angebot an Hilfs- und Betreuungsleistungen für alle Wechselfälle des Alltags bereit hält. Sicherlich lässt sich ein Nachbarschaftsnetzwerk, das dies weitgehend leistet, auch spontan und "über den Gartenzaun" herstellen. Doch entsteht eine zuverlässige Struktur, die ein Gefühl der Versorgungssicherheit vermittelt, nicht einfach aus sich heraus. Es bedarf hierzu einer "engagementfördernden Infrastruktur"; zuallererst eines lokalen Informations- und Kontaktbüros und eines Quartiersmanagemants als Impulsgeber der Hilfe zur Selbsthilfe.

Als in hohem Maße engagementfördernd haben sich auch Bürger-Treffpunkte erwiesen. Ein "öffentlicher" Grillplatz, eine einfache Hütte zum Feiern oder - wie in dem Ulrichsteiner Projekt - ein aus privaten Mitteln gestiftetes kleines Bürgerzentrum, das verschiedene Gelegenheiten zur Begegnung und Pflege gemeinsamer Steckenpferde und einen Stützpunkt für einen Hausmeisterdienst bietet, sind wertvolle Kristallisationspunkte für auflebenden Gemeinschaftsgeist.

Wieviel "Programm"-Angebote im Sinne regelmäßiger Unternehmungen, Veranstaltungen usw. notwendig sind, hängt stark von der Bedürfnislage der Seniorendorf-Bewohner ab. Oft sehen sich Betriebsame in der Rolle des "Zugpferds", scheitern aber an der defensiven Abwehr derer, denen beständige Animation auf die Nerven geht. So bilden sich dann unterschiedliche Kreise. Die einen sprühen vor Unternehmungsgeist und sind ständig in der Gruppe unterwegs. Die anderen bevorzugen vielleicht eher den Rückzug in ihr privates Refugium oder das Gespräch in kleinster Runde. Hier kann ein ehrenamtlicher Quartiersmanager durch aufsuchende Beratung dafür sorgen, dass die Reservierteren nicht ausgegrenzt werden.

Schnell steht man im Seniorendorf-Alltag vor der Frage, ob wirklich alles, was notwendig oder wünschenswert erscheint, auf Dauer ehrenamtlich leistbar sei. Oder andersherum: Wieviel darf organisierte Nachbarschaftshilfe gegebenenfalls kosten? Die Erfahrung lehrt: Ohne anfänglich unentgeltliches Engagement oder sogar selbstloses Mäzenatentum kommt nichts ingang. Denn mit öffentlicher Unterstützung im Sinne einer "Anschubfinanzierung" können wohl nur die wenigsten Seniorendorfprojkete rechnen. Gewerbsmäßige Träger von dorfartig strukturierten Wohnprojekten erheben - ähnlich wie die seit längerem bekannten "Seniorenresidenzen" - eine Art Betreuungspauschale, die zum Teil nicht unerheblich zu Buche schlägt, aber ihr Geld nicht immer wert ist. Wer die Betreuung professionalisiert und einen bestimmten Katalog an Leistungen/Angeboten garantiert sowie entsprechendes Personal, zusätzliche Räume usw. vorhalten muss, kommt an einer solchen Kostenregelung aber letztlich nicht vorbei.

In dem "Wohnpark Burgblick", wie die Ulrichsteiner Initiatoren ihr alternatives Wohnprojekt umgetauft haben, ist man einen anderen Weg gegangen. Das in Privaträumen eingerichtete und über einen gemeinnützigen Verein (ursprünglich Verbraucher-Beratungsstelle) ehrenamtlich betreute Bürgerbüro stellt lediglich eine Art Baukasten zur Verfügung, aus dem jeder das für ihn Passende und Erschwingliche auswählen kann. Das Bürgerbüro ist nicht "Veranstalter" oder "Träger", sondern erfüllt lediglich eine Beratungs- und Lotsenfunktion, um auf preiswerte Angebote wie Gruppenversicherungen oder Vereinsmitgliedschaften, bereits bestehende private Netzwerke oder die kostenlosen Anlauf- und Beratungsstellen der Stadt und des Landkreises aufmerksam zu machen.

Ein "Basispaket" an Versorgungssicherheit kostet so lediglich 10 Euro monatlich. Hierin eingeschlossen sind die Aufnahmegebühr für die Zeit- und Tauschbörse "Vulkania", deren Mitglieder Dienstleistungen oder auch den Wert gebrauchter Gegenstände über ein zentral geführtes Zeiteinheiten-Konto bargeldlos untereinander verrechnen, eine Privathaftpflicht für eventuelle Missgeschicke bei der gegenseitigen Hilfe, der Jahresbeitrag für den Sozialverband VdK, der in allen sozialrechtlichen Streitfällen Beratung und Rechtsschutz bis zum Bundessozialgericht bietet, sowie die Mitgliedschaft bei "Foodsharing", über die z.B. preiswerte Lebensmittel für ein Sozialprojekt "Gemeinsam Kochen" beschafft werden können.

Wer umfangreichere Dienstleistungen im handwerlichen bzw. hauswirtschaftlichen Bereich in Anspruch nehmen will, als sie vernünftigerweise noch über die Tauschbörse abzuwickeln sind, kann auf eine kleine "Handarbeiter-Kooperative" zurückgreifen, die alle Arbeiten "rund ums Haus" bis hin zu Gartenanlage, Wohnungsrenovierung oder Holzbau zu günstigen Preisen anbietet und auch Transportaufträge übernimmt.

Das Hurra! in der Überschrift ist übrigens kein Ausdruck von Naivität und blinder Euphorie, sondern blanke Ironie. Selbst bei Vorliegen günstiger Voraussetzungen haben alternative Wohnprojekte für Senioren einen Vorlauf von 5-10 Jahren. Wie alles Alternative ziehen auch solche Projekte zunächst mal ein buntes Völkchen von Weltverbesserern, Klugschwätzern und Geschäftemachern an, die zwar die Diskussion beleben, aber zum Gelingen wenig beitragen. Störfeuer kommt oft aus den unerwartetsten Ecken, denn irgendwer fühlt sich immer in seinen Interessen beeinträchtigt. Am Ende werden diejenigen herausgefiltert, deren Beharrlichkeit, Realitätssinn und Teamfähigkeit ausreichen, um das Vertrauen ihrer Mitbewohner zu gewinnen und das Machbare erfolgreich umzusetzen.

14:31 10.04.2015
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