Neugrößenwahnstein schrumpft sich gesund

Schule Schloss Salem Als noch Deutsche Bank und hoh(l)e Politik mit im Schulvorstand saßen, beherrschte Größenwahn die Investitionsentscheidungen des Instituts. Nun geht's ans Eingemachte.
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Sie müssen1 nur einmal den im Reichsparteitags-Stil (und überdies auf dem historisch kontaminierten Grund eines ehemaligen KZ-Außenlagers) errichteten "Campus Härlen" vor den Toren Überlingens in Augenschein nehmen, mit dessen Einweihung als "Salem International College" zur Jahrtausendwende die "Schule der deutschen Elite" (Die Welt) herrlichen Zeiten entgegen zu gehen hoffte...

Sagen Sie selbst: Kann ein solches Neuschwanstein für Plutokratensprösslinge, das sich im Rausch maritimer Metaphern gern gleichzeitig als "Leuchtturm" und als "Flaggschiff" [des (Privat)-Schulwesens] feiert, ohne freilich je über das Niveau des schiefen Turms von PISA (Man beachte die bildungspolitische Anspielung!) hinaus gekommen zu sein... Ja, kann eine solche Ausgeburt pädagogischer Hybris im babylonischen Sprachengewirr von Schülern aus (ups!) 46 (sechs - und - vierzig!!!) Nationen2 überhaupt anders enden als der alttestamentarische Turmbau zu Babel oder die Städte Sodom und Gomorrha? Nein, kann es nicht! Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Von den Folgen der Sündhaftigkeit einmal ganz zu schweigen.

Hat auch nix genützt: Prominente Unterstützer

Die Kapelle rumm tata, und der Papst war auch schon da... Na gut, es waren - anders als bei Müller-Westernhagen - nur die als Festrednerin (Zitat: "Die Klage über allgemeine pädagogische Verwahrlosung in einer für Erziehung und Bildung unsensiblen Gesellschaft durchzieht die Geschichte der pädagogischen Aufbrüche.") in Salem stets willkommene, dann aber über ihre Unsensibilität für die akademischen Zitiereregeln (Sie war jung und brauchte einen Doktortitel!) gestolperte ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan, inzwischen als Vatikan-Botschafterin der BRD anschlussverwendet3, sowie der zu herbstlichen Lebzeiten großbürgerlich verbandelte und stets ins Gelingen verliebte Freikirchler ("Bruder") Johannes Rau in seiner Lieblingsrolle als Bundespräsident, die dem "Jahrhundertprojekt" zur Jahrtausendwende ihren Segen spendeten.

Viel genutzt hat oder hätte wohl weder das eine noch das andere. Hätte, hätte, Amtskette. Erst kam die Überdehnung zum "größten Internat Deutschlands" im neoliberalen Cäsarenwahn jener Klasse, der die Schule Schloss Salem von je her dient4 und der sie sich bis heute beflissen andient, danach folgte die (fast) unvermeidliche Götterdämmerung in Form realgeschichtlicher Beseitigung jener Mythen, deren propagandistische Verbreitung und publizistische Absicherung im Sumpf elitärer Netzwerke fast ein Jahrhundert lang so reibungslos funktioniert hatte.

Wie so häufig reichte ein relativ peripherer Anlass aus, um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, die ein nach außen intaktes, aber innerlich morsches System schließlich in seinem Zentrum erschüttert und an den Rand des Zusammenbruchs führt. Im konkreten Fall war es die Aufdeckung einiger Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Colleg, die das über viele Jahre mit hohem Aufwand an Schleichwerbung und systematischer Desinformation (vgl. "Imagewandel-Kampagne") sorgsam aufgebaute neoliberale Trugbild der privatwirtschaftlich monopolisierbaren Elitebildung (Devise: "Je teurer desto besser!") vollkommen desavouierte. Das vermeintliche Exklusions-Paradies für den Nachwuchs der Besserverdienener und Selbstoptimierer zeigte unvermittelt institutionell bedingte Abgründe, die es für viele "Eliteschüler" hatten zur Hölle werden lassen.

Gespielte Demut

"Wir backen jetzt kleinere Brötchen", verkündete Salem-Sprecher Dr. Ferenschild damals in geheuchelter Zerknirschung. Diese hielt darum auch nicht lange vor. Der erzwungene Rückbau der "Pädagopolis am Bodensee", der 2012 mit der Konversion des international angelegten Oberstufeninternats in ein gehobenes Sanatorium für noch nicht studierfähige Abiturienten begann, war bereits wieder von hybrider Leuchtturm-Rhetorik begleitet. Vorwärts immer, rückwärts nimmer! "Ein hochkarätiges Angebot" und eine "Akademie" waren da wohl die unterste Raste der Messlatte. Darum enthielt eine erste Presse-Erklärung auch schon wieder die traditionelle "Britannia, rule the Waves"-Terminologie der ebenso anglophilen wie bipolaren Gründergestalt Kurt Hahn:

"Schule und Trägerverein Salem [wollen] sich noch deutlicher als Leuchtturm in der Schul- und Bildungslandschaft profilieren.
‘Die Bildungspolitik streitet, Salem handelt ‘, erklärte Prof. Dr. h.c. Robert Leicht, der Vorstandsvorsitzende des Vereins Schule Schloss Salem e.V. anlässlich der Bekanntgabe des Gründungsbeschlusses."

Und:

‘Wo Salem draufsteht, muss auch Salem drin sein!’

Ob Letzteres tatsächlich als Qualitätsversprechen und nicht eher als Drohung aufzufassen war, sei einmal dahingestellt. Der kreißende Berg gebar am Ende dann statt der angekündigten Akademie nur ein schlichtes Mäuslein namens "Salem Kolleg", wobei die Namensähnlichkeit mit dem "Salem International College" wohl vor allem von der Peinlichkeit ablenken sollte, dass man sich - wie schon die braunen Auftraggeber der Vorgängerbebauung des Campus Härlen - bis zur Nutzungsänderung mit dem eigenen Milleniumsprojekt nur gerade mal 12 Jahre hatte durchwurschteln können.

Peinlich auch, dass die als Meilenstein der Schulentwicklung verkaufte Schrumpfkur ihr Hauptziel einer spürbaren Kostenentlastung oder Erschließung zusätzlicher Einnahmequellen erst einmal verfehlte. Bis heute blieb die Auslastung des neu geschaffenen "Karrieresprungbretts" eher mager. Laut FAZ hatten sich im Trimester 2014 gerade einmal 13 Vollzahler zur Studienorientierung inklusive "Leadership-Training" eingefunden. Ob dieses "Leader-Ship" (lustiges Wortspiel!) sich für die Schule Schloss Salem tatsächlich als "Arche Noah" erweist und nicht am Ende noch das Schicksal der Titanik erleidet, wird sich wohl erst in einigen Jahren erweisen. Derweil muss Jesu Gleichnis vom Turmbau und der Kriegsführung als biblisches Zwischenfazit dienen:

Denn wer unter euch, der einen Turm bauen will, setzt sich nicht vorher hin und berechnet die Kosten, ob er das Nötige zur Ausführung habe? Damit nicht etwa, wenn er den Grund gelegt hat und nicht vollenden kann, alle, die es sehen, anfangen, ihn zu verspotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und konnte nicht vollenden. Oder welcher König, der auszieht, um sich mit einem anderen König in Krieg einzulassen, setzt sich nicht vorher hin und ratschlagt, ob er imstande sei, dem mit zehntausend entgegenzutreten, der gegen ihn mit zwanzigtausend anrückt...

Dieses war der erste Streich...

... und der zweite folgte zwar nicht sogleich, aber überschaubare drei Jahre später. Seit Kurzem bewegt nun die Ankündigung des Salemer Trägervereins die Lokalpresse und sonstige leicht erregbare Gemüter, die Unterstufe (Jahrgänge 5 bis 7) der Zweigschule Burg Hohenfels in Stockach mit der Mittelstufe im Schloss Salem zu verschmelzen. Als vorausschauend notwendige Konsolidierungsmaßnahme bezeichnet dies Schulleiter Bernd Westermeyer. Bis zu 400.000 Euro jährlich könnten hierdurch gespart werden.

Kein besonders starkes Argument. Denn die mögliche Einsparung erscheint nicht gravierend angesichts über 650 Belegplätzen und eines jährlichen "Elternbeitrags" von 36.000 Euro (ohne Nebenkosten) pro Internatsschüler. Gerade mal der Wegfall der Internatsgebühren von elf Vollzahlern würde so kompensiert. Das machte bei einbrechenden Belegungszahlen den Kohl wohl auch nicht mehr fett. Und erst recht ist vor diesem Hintergrund kaum nachvollziehbar, wieso sich durch Aufgabe des Standorts Hohenfels eine "sichere Auslastung der Schule" und durch diese wiederum "eine noch zielgerichtetere Auswahl von Schülern“ (vgl. Schwäbische Zeitung) ergäbe. Es sei denn, es stünde um die Schulfinanzen in Wirklichkeit weit schlechter als man öffentlich einräumt.

Und kann die vage Möglichkeit einer relativ mickrigen Kostenentlastung in Höhe der Pensionsgelder eines knappen Dutzends sog. "Eliteschüler" eine Standortentscheidung mit notwendigerweise sehr weitreichenden Auswirkungen wirklich rechtfertigen? Die Gegner der Pläne zur Aufgabe und dem dann wohl unvermeidlichen Verkauf der Burg Hohenfels fahren jedenfalls schweres pädagogisches Geschütz auf. So vertritt ein Mitinitiator der Facebook-Initiative "Pro Hohenfels", der sich innerhalb weniger Wochen 1500 Mitglieder angeschlossen haben sollen, laut Überlinger "Südkurier" den Standpunkt, "dass der Umzug der Unterstufe nach Salem einen nicht einholbaren pädagogischen Verlust bedeuten würde". Der geschützte Raum für die Fünft- bis Siebtklässler sei auf dem Schlossgelände in Salem, "wo die pubertierenden Mittelstufenschüler als Störfaktor in der Nähe seien", nicht zu gewährleisten.

Was damit gemeint sein könnte, verrät folgender Auszug aus dem Bericht einer ehemaligen Salemer Stipendiatin:

"Als ich auf Hohenfels war, waren wir dort wirklich noch Kinder und haben dementsprechend nur kleineren Unfug getrieben. Damals wurde noch nicht gesoffen, und nur ein paar ganz Verruchte sind zum Hüttenplatz, um mal eine Zigarette zu rauchen. Wir hatten noch den ganzen Tag Schuluniform zu tragen und das half gegen den Markenzwang, den man auf der Mittelstufe sofort zu spüren bekommt...

Wir hatten damals Angst, nach Salem zu gehen, weil wir von den Saufgelagen und dem Gruppenzwang dort oft gehört haben. Wir haben uns damals geschworen, wir würden da nicht mitmachen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis alle in Salem voll dabei waren - außer mir - und das hat mich dann endgültig zum Aussenseiter gemacht."

Natürlich beteuern Trägervereinsvorstand und Schulleitung unisono, innerhalb des Salemer Schlossareals einen "geschützten Bereich" für die Unterstufe erhalten zu wollen. Und um aus den Niederungen der pädagogischen Praxis schnellstmöglich heraus zu kommen, führt man flugs ein paar weiße Elefanten in die Manege. Von einer "erweiterte[n] Zukunftsperspektive für das 21. Jahrhundert" ist die Rede, von einem "schlüssigen Konzept für alle Jahrgänge", das "atmende Strukturen" erfordere, die der Schule wiederum "die nötige Flexibilität" eröffneten, um "auf gesellschaftliche Veränderungen und neue Herausforderungen angemessen reagieren zu können", "ihre wirtschaftliche Stabilität langfristig [zu] sichern", die "Qualität und Vielfalt des pädagogischen Angebotes [zu] steigern" und "das Gemeinschaftsleben von Kindern und Jugendlichen einerseits sowie Lehrern, Erziehern und aller anderen Mitarbeiter andererseits [zu] bereichern".

Herr, dunkel war der Rede Sinn...

...möchte man mit Friedrich Schiller urteilen. Mit derlei nebulösen Verlautbarungen hat sich die Salemer Führungsetage schon immer gern der harten pädagogischen Realität entzogen. Und sie steht auch jetzt ganz in der Tradition des Schulmitbegründers Kurt Hahn wie der gesamten "Landerziehungsheim-Bewegung", der Jürgen Oelkers, mittlerweile emeritierter Schulreformexperte an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, sehr überzeugend nachgewiesen hat, den Maßstab gelingender Praxis weitgehend durch Flucht in hohle Rhetorik ersetzt zu haben. Bewährte Devise: "Verdrängung der schlechten Resultate im Namen des Prinzips".

Schönfärberisches reformpädagogisches Wortgeklingel wird im ohnehin sperrigen Salemer Alltag wohl kaum ausreichen, die Sorge vor den negativen Auswirkungen einer Integration der Unterstufe zu beschwichtigen. Denn es ist erst wenige Wochen her, dass der Versuch der Salemer Oberen, den exzessiven Medienkonsum der Mittelstufenschüler durch ein energisches Handy-Verbot einzuschränken, zur peinlichen Demonstration eigener Ohnmacht missriet. "Der Spiegel" berichtete:

>> Die Schüler seien jedoch erfinderisch, um das Verbot zu umgehen, berichtet Ferenschild. "Einige haben drei oder vier Handys", so der Pressesprecher. Andere würden am Abend nur eine Attrappe abgeben. Ferenschild selbst hat seine 13-jährige Tochter, die eine achte Klasse in Salem besucht, schon um 23.50 Uhr, "während der Nachtruhe", auf WhatsApp gesehen. "Das ist ärgerlich, weil so eine Regel, wenn man sie denn hat, auch durchgesetzt werden sollte."<<

Tja: Sollte, sollte, Schülerrevolte. Symbolhafte "Wir-greifen-durch"-Pädagogik kann nicht einmal dem eingefleischten Salem-Anhänger noch Sand in die leichtgläubigen Augen streuen. Nur zu oft in der Vergangenheit hat diese sich als rein prophylaktische Gegenpropaganda erwiesen, die grundsätzlich antonym zu verstehen ist. Mit anderen Worten: Es trifft immer gerade das Gegenteil von dem zu, was am entschiedensten bestritten oder am lautstärksten propagiert wird. Vielleicht erinnert man sich noch an die Pressemeldung "Salem zieht die Zügel an" aus dem Jahr 2005. Da fantasierte "Die Welt"- Autorin Katharina Nikoleit von routinemäßigen Drogenkontrollen und einem harten Durchgreifen des gestrengen britischen Oberstufenleiters Pelham Lindfield Roberts gegen Suff und Schlendrian. Auf diese Weise habe man den Kampf gegen die Sucht gewonnen, jubilierte die gerade erst pensionierte Salemer Leiterlegende Bernhard Bueb in seinem neokonservativen Aufreger-Büchlein "Lob der Disziplin". Seine Amtsnachfolgerin Ingrid Sund löckte gar wider den Stachel der Abhängigkeit von der zahlenden Kundschaft, deren Wirtschaftsmacht die Durchsetzung von Zucht und Ordnung in teuren Internaten erfahrungsgemäß verhindert:

"Es herrscht eine so große Nachfrage nach den Plätzen in Salem, daß wir es uns leisten können, nur die Schüler aufzunehmen, die wir haben wollen."

Alles "Lug und Bueb", wie man schon damals wissen konnte und sich auch schnell herausstellte. Nach nicht einmal einem Schuljahr wollte man jedenfalls Sund und Roberts nicht mehr haben, und statt einer Epoche von Zucht und Ordnung folgten fast sieben magere Jahre eines peinlichen Interregnums, das - wie schon die Geschichte des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation lehrt - zur Schwächung der Zentralgewalt, allgemeiner Anarchie und Chaos führt, also dem Gegenteil dessen, was Bueb auf dem sicheren Altenteil unter Schlagworten wie Disziplin, Führung und "Erziehungskultur" propagiert hatte.5

Neue Aufklärung gegen alte Mythen

Erst wenige Tage vor den Hohenfelser Tartarenmeldungen startete die hochpreisige Wohnschulbranche eine neuerliche Kampagne nach dem Motto: Seht her, die Krise ist überwunden, Salem & Co. geht es wieder gut! Ob auf focus.de, welt.de, news4teachers.de oder thueringenweb.de - überall sprang uns die Meldung entgegen:

ELITEINTERNATE PROFITIEREN VON GUTER WIRTSCHAFTSLAGE!

Alles schon etliche Male erlebt, stimmte aber nie. Schein und Sein, Anspruch und Wirklichkeit passen in der bipolaren Neuschwansteiner Fantasiewelt eben einfach nicht zusammen.

Gleichlautend fand sich in sämtlichen journalistischen Aufbereitungen, die offenbar auf einer einzigen dpa-Meldung basierten, folgendes Statement des irgendwie immer involvierten Salemer PR-Strategen Hartmut Ferenschild:

«Es kommt uns Internaten zugute, dass die wirtschaftliche Lage ganz ordentlich ist»

Ach, wirklich? Doch wie passt das zu der Situationsanalyse im Zusammenhang mit der anstehenden Schließung von Burg Hohenfels? Warum muss dort aktuell ein ganzer Schulstandort platt gemacht werden, wenn man doch angeblich derzeit im Geld der Neukunden schwimmt?

Offensichtlich hat die Propaganda-Abteilung der "Pädagopolis" nicht viel dazu gelernt. Man ist in der Not, die PR-Katastrophe der Missbrauchsskandale nun endlich vergessen zu machen. Doch statt auf Aufarbeitung setzt man auf Amnesie. Das erklärt die sich hier andeutende Neuauflage der Kampagne vom "Imagewandel der Internate", als deren Wortführer damals wie heute Salems Werbestratege Hartmut Ferenschild gilt und die - zumindest beim ersten Versuch - von einer breiten Phalanx einer (hier passt's mal!) mehr als kooperativen "Lügenpresse" begierig aufgegriffen worden war.

Aber der seinerzeit behauptete Qualitätssprung von der Notlösung für Erziehungsschwierige und Schulversager hin zu vermeintlichen Kaderschmieden für die zukünftige Führungsschicht lässt sich nicht mehr so leicht verkaufen. Denn inzwischen beginnt eine "zweite Aufklärung" in Gestalt kritischer Analysen und Dokumentationen ihre Wirkung zu entfalten, die bis in die 1970er Jahre zurück reicht (vgl. z.B. Uli Weyland: „Internate – Eliteschulen der Nation?“; in ZEITmagazin Nr. 35 vom 1. September 1972, S. 4 f.) und seither immer wieder neu bestätigt wurde (vgl. den Aufsatz von Michael Ley und Herbert Fitzek: "Alltag im Wunschformat - Über Internatserziehung im Blick der Eltern", Bonn 2005 ). Allerdings bedurfte es wohl erst des im Frühjahr 2010 einsetzenden Trommelfeuers der Skandalmeldungen über Sodom-und-Gomorrha-ähnliche Zustände in vielen der "führenden Internate" (Selbstlob), damit die jahrzehntelange Aufklärung gegen die gelenkte Privatschulpropaganda ihre Wirkung entfalten konnte. Seitdem haben viele verstanden: 1. "Das Böse hat seinen Ursprung in Eliteinternaten". Und 2.: Die Ursachen liegen a) in grundlegenden Eigenschaften totaler Institutionen und b) in der objektiven gesellschaftlichen Funktion preislich exklusiver Wohnschulen, die zwangsläufig zu einer Negativauswahl der Zöglinge führt.

Aufgrund dessen mehren sich in den früher so privatschulgläubigen Medien inzwischen die Entmythologisierungen der Privatschule allgemein wie auch die kritischen Untersuchungen und Analysen zum Thema Eliteschulen im Besonderen. Eine Neuauflage des alten Trugbilds von der schönen neuen Welt der Eliteinternate im Rahmen gesteuerter journalistischer Kampagnen lässt dies kaum noch zu.

Und trotz der immer noch virulenten Abstiegs-Paranoia der Mittelschicht und der Propaganda neoliberaler Kreise für eine privatwirtschaftliche Transformation des gesamten Bildungswesens - setzt sich in der (ver)öffentlich(t)en Meinung immer stärker die Position durch, dass Salem & Co. eben kein "gutes Investment in die Zukunft" darstellen, wie die private Bildungsindustrie dies lange Zeit mit ihrer Hilfe suggeriert hatte. Stattdessen warnt man plötzlich vor dem hohen Preis, den Elite-Erziehung im Internat fordert. "Der Spiegel" widmete dem (britischen) Internatssyndrom unter dem Titel "Erfolg im Beruf - Krank in der Seele" einen ausführlichen Beitrag.

Selbst die Mär vom besseren Lernumfeld, vom "Schöner[en] Lernen im Schloss", dürfte - auch angesichts unübersehbarer Mängel des weit weniger komfortablen öffentlichen Bildungswesens - als Totschlagargument in der Debatte "Privat oder Staat" kaum noch überzeugen. Denn die Vorzüge kleinerer Klassen und einer besseren Ausstattung verlieren ihre Anziehungskraft in dem Moment, wo sie als Tarnmotive entlarvt werden und die Erkenntnis Platz greift, dass das Klientel der vermeintlichen Elite-Institute sich - wie der nebenstehende Link in zugegebenermaßen fast satirischer Überzeichnung dokumentiert - häufig genug aus Sodom-und-Gomorrha-affinen Milieus rekrutiert und dieses folglich im Internat perpetuiert.

Natürlich fehlt es letztlich an einer statistischen Bestätigung dieses Verdachts. Doch die Fülle der Indizien - angefangen bei den Salem-Fotos eines Will McBride aus den 1960er Jahren, über die mehr oder minder seriöse Internatsliteratur (vgl. Vulgär-Titel wie "Das Schlampen-Internat" oder die umfangreiche Studie zur deutschen Internatsliteratur "Nachrichten aus den Treibhäusern" von Klaus Johanns), hin zu dem Spielfilm-, TV- Krimi- und Porno-Genre oder zu den schwüle Internatsfantasien von Hobby-Literaten auf Internet-Erzählportalen lässt diesen so weit zur Gewissheit werden, dass man geneigt ist, gleichlautende Erfahrungsberichte ernst zu nehmender Gewährspersonen und Internats-Insider für repräsentativ zu halten. So findet sich das "Sodom-und-Gomorrha-Motiv auch in den Erinnerungen der bereits zitierten Salemer Stipendiatin:

"Komasaufen und anderer Blödsinn war auf der Mittelstufe schon an der Tagesordung - auf der Oberstufe verkam alles zu einem Sodom-und-Gomorrha-ähnlichen Zustand. Jeder schlief mit jedem, zum Alkohol kamen jetzt noch Drogen. Wärend meiner Zeit auf Mittel und Obestufe sah ich mehrere Schüler, die mit mir auf der untersten Hierarchiestufe waren, weil entweder Stipendium, Pickel oder sonst was - die Selbstmordversuche begingen. Magersucht und andere psychische Störungen waren auch ziemlich häufig. Patrice [heute populärer Rapper, der zeitweilig suspendiert war, weil er sein Bett angezündet hatte,] war übrigens eine Klasse unter mir - ein schönes Beispiel für die generelle Haltung der Schüler - arrogant, verwöhnt, grossmäulig und nichtsnutzig. Ariane Sommer [bekannt geworden als erstes deutsches It-Girl und ein Bad in Mousse au chocolat] war 2 Klassen über mir."

Aus dem immer wieder neu dokumentierten "schlechten Ruf" der Internate erklärt sich wohl auch, warum selbst eine echte Eliteschule wie das staatliche Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Frankfurt/Oder sein hochmodernes und teuer saniertes Wohnheim "Haus Einstein" (Slogan: "Hier wohnen die Genies von Morgen!") derzeit nur zu knapp 40 Prozent auslasten kann. Und das trotz strenger Aufnahmekriterien und eines sozialverträglichen Internatskostenbeitragsg von gerade mal 2.500 Euro im Jahr!

Es ist eben Fakt: Wer nicht wirklich triftige Gründe hat, die jenseits der Werbe-Phrasen und der gängigen Tarnmotive ("Die staatlichen Schulen sind zu schlecht!" oder "Ich suche größere Herausforderungen!") liegen, tauscht sein in der Regel ziemlich bequemes und freies "Privatleben" eben nicht freiwillig gegen den Dichtestress im Mehrbettzimmer, das Anstehen und Gedränge im Speisesaal, Alkoholverbote und frühe Bettgehzeiten ein! Und da wollen uns nun Teuerpennen wie Schloss Drogentod, die Raubmord-Schule, das Kolleg Samt Blasen, Schloss Hetzgart oder wie immer sie heißen mögen - [Namen vom Verf. geändert (Scherz! )] - den Bären aufbinden, ihnen liefen - allein "wegen der guten Wirtschaftslage" und trotz Internatsgebühren vom 15fachen des staatlichen Satzes - die Musterschüler förmlich die barocken Portale ein? Lächerlich!

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(1) Und Sie müssen jetzt sehr tapfer sein, denn es folgen Satzkonstrutionen wie bei Friedrich Gottlieb Klopstock!

(2) An öffentlichen Schulen führt dies zu einem Exodus bildungsbürgerlicher (selbst ausländischer) Eltern! Denn laut PISA-Studie senkt bereits ein geringer Teil ausländischer Schüler das Lernniveau.

(3) "Mutti" läßt eben ihre Getreuen nicht verkommen!

(4) Kurt Hahn sprach in dem 7. Salemer Gesetz explizit von den "armen Jungen und Mädchen der Reichen"!

(5) Womit er allerdings nicht die Salemer Realität beschrieb, sondern lediglich an der eigenen Legende zu stricken und davon abzulenken versuchte, dass ihm die Durchsetzung von Schülergehorsam und straffer Personalführung während 30-jähriger Leitertätigkeit nie gelungen war.

Und weiter geht die Schrumpfkur! Nach der Unterstufe in Burg Hohenfels sollen nun auch die Standorte Spetzgart und Campus Härlen aufgegeben werden! Siehe http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.schliessung-an-der-internatsschule-unmut-an-der-schule-schloss-salem.54dd21f2-a9d1-4e9e-9f60-816e876392df.html

21:48 13.03.2015
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