Private Schulbildung - lohnendes Investment?

WA(H)RE BILDUNG | Deutsche Privatschulen und Internate gelten nicht als Basis der Eliterekrutierung. Sind sie dennoch ein gutes Investment in die Zukunft, wie die Werbung es verspricht?

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"Ein (Bildungs-)Gespenst geht um in Deutschland", so beginnt das Vorwort zu der im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellten Studie "Allgemeinbildende Privatschulen in Deutschland - Bereicherung oder Gefährdung des öffentlichen Schulwesens?", die Prof. Manfred Weiß vom Frankfurter "Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)" im Jahr 2011 veröffentlicht hat. Bei dem hier umgehenden "Gespenst" geht es allerdings wohl eher um das durch "interessengeleitete Literatur" ausgestreute Gerücht, "die allgemeinbildenden Privatschulen seien qualitativ besser als die öffentlichen und würden in nicht allzu langer Zeit einen überwältigenden Zuwachs erfahren und das öffentliche Schulwesen gefährden".

Gespenster und Gerüchte

"Ein Gespenst geht um..." - das klingt nach Georg Büchners "Hessischem Landboten" von 1834 ("Friede den Hütten, Krieg den Palästen!") oder nach dem Kommunistischem Manifest von 1848, das - die Älteren unter uns erinnern sich - mit den Worten beginnt: "Ein Gespenst geht um in Europa". Beide Schriften haben zur Zeit ihres Erscheinens recht wenig bewirkt. Ihre subversive Sprengkraft zeigte sich erst Jahrzehnte später.

Trotz des Menetekels einer möglichen Gefährdung des öffentlichen Schulwesens durch steigende Anmeldezahlen an und boomende Neugründungen von allgemeinbildenden Privatschulen, das - "interessengeleitet" - insbesondere seit der ersten PISA-Studie von 2001 gern an die Wand gemalt wurde, hielt sich die Beunruhigung von Kultusverwaltungen und Bevölkerung bislang in Grenzen. Zwar stieg die Zahl der Privatschüler zwischen 1998 und 2008 von 4,8 auf 7,7 Prozent, doch konnte die sorgfältig erarbeitete Untersuchung von Weiß hierin noch keinen "Boom" entdecken, spiegelte der dokumentierte Run auf Schulen sog. "freier [= nichtstaatlicher] Träger" doch vor allem den Nachholbedarf der neuen Bundesländern wider, deren Privatschulanteil den westlichen Durchschnittswert auch heute noch nicht erreicht hat. Und auch die Tatsache scheint mittlerweile im allgemeinen Diskurs akzeptiert zu sein, dass Schulen freier Träger hinsichtlich der Leistungen ihrer Absolventen gegenüber öffentlichen Lehranstalten keinen Vorteil bieten (was anderweitige Vorzüge nicht zwangsläufig ausschließt) und - so auch das Fazit der Weiß-Studie - von daher massiv überbewertet werden.

Privatschulen scheinen also (noch) kein quantitatives Problem darzustellen, wohl aber ein qualitatives. Nicht weil die "Freien" so viel besser wären als öffentliche Lehranstalten. Es geht vor allem um die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft über Privatschulen diskutiert wird. Privatschulen scheinen zunehmend zum Symbol "disparater Bildungschancen" zu werden, wie Ex-Verfassungsrichter Udo di Fabio dies ausdrückt. Di Fabio, der selbst vom Arbeiterkind über den zweiten Bildungsweg zum Professor und Verfassungsrichter aufstieg, sieht Durchlässigkeit und Chancen des Bildungssystems, wie es sie bis in die 1970er Jahre gegeben habe, durch eine "internationalisierte Schicht" gefährdet, die ihre Kinder auf Privatschulen schicke und damit den "Bildungsvertrag" und die "Solidargemeinschaft Deutschland" auflöse. Dies wiederum könne sich zum "Sprengsatz" für eine Gesellschaft entwickeln, die "gerade in diesem Bereich Homogenitätsvorstellungen für wichtig" halte. Die Ergebnisse der Weiß-Studie bestärken derartige Befürchtungen, was wiederum - wie könnte es anders sein - eine "Fülle an [...] interessengeleiteter Literatur" hervor gerufen hat.

So verwahrte sich etwa der Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS) gegen die These negativer Systemwirkungen von Privatschulen:

“Diese werden als (bewusste oder unbewusste) Agenten selektionsbedingter Chancenungleichheiten und sozialer und ethnischer Segregation gewertet. Die sich vom Abstieg bedroht fühlende Mittelschicht würde sich in den Schulen in freier Trägerschaft ein Reservat von Milieunähe und Distinktion schaffen. Die freien Schulen würden damit die gesellschaftliche Integrationsfunktion des Schulwesens gefährden und damit Entsolidarisierungsprozessen Vorschub leisten."

Laut BFAS ignoriere die Studie in diesem pauschalen Negativurteil ihre eigenen Forschungsergebnisse insofern, als sie den zahlenmäßigen Zuwachs der Privatschulkundschaft durch den Hinweis auf den privatwirtschaftlichen Nachholbedarf Ostdeutschlands relativiert und den im Bundesdurchschnitt deutlich unter zehn Prozent liegenden Marktanteil allgemeinbildender Privatschulen selbst marginalisiert habe.

Sind Privatschulen gefährlich?

Nun ist die Argumentation freier Träger mit der (nun auf einmal) kleinen Zahl privater Schulen im Zusammenhang einer Entsolidarisierung der Gesellschaft allerdings ein eher schwaches Argument. Denn wenn beispielsweise nur wenige sich alles unter den Nagel reißen, ist das ja nicht deshalb weniger ungerecht, weil es sich bei den Raffgierigen nur um eine geringe Zahl handelt. Im Gegenteil liegt die Ungerechtigkeit ja gerade darin, dass nur so wenigen alles zufällt.

Die nicht selten leidenschaftlich geführte Privatschuldebatte ist Teil der seit geraumer Zeit andauernden Elitediskussion. Wobei klar zwischen Exzellenz und Elite zu unterscheiden wäre (was aber nicht geschieht!). Eher aphoristische Kurzerklärung: Beide - Elite und Exzellenz - können ohne einander auskommen, aber auch voneinander profitieren. Beispiel Internatsschule Schloss Salem: Herkunftsmäßig entstammen die meisten Schüler einer Elite, sind aber selbst oft nicht exzellent. Deshalb wertet sich die Schule mit exzellenten Schülern auf, die aber zumeist keinen elitären Background haben (Stipendiaten). Ähnlich wie oben, operiert man auch hier wieder mit allen möglichen Zahlentricks. Um von ihrer sozialen Selektivität abzulenken, bemühen sich vor allem teure Internatsgymnasien, den in Wahrheit zumeist lächerlich geringen Anteil von Vollstipendien arglistig zu schönen, indem sie auch Schüler mit nur geringen Kostenermäßigungen als "Stipendiaten" ausweisen. Aber das nur am Rande.

Bekanntlich geht es bei dem Thema "Elite und Privatschulen" in erster Linie um die Privilegierung einer kleinen Gruppe von Hochleistern (vgl. den Streit um die Notwendigkeit von Hochbegabtenförderung) und ehrgeizigen Selbstperfektionierern (Tigermütter/ FasTracKids etc.) oder schlicht um die Fragmentierung der Gesellschaft in immer weniger Hochqualifizierte bzw. reiche Erben auf der einen und immer mehr Menschen in prekären Lebensverhältnissen auf der anderen Seite.

"Die staatliche deutsche Schule wird schlechter geredet als sie ist..."

Mögen sich die Propagandisten und Lobbyisten der privaten Bildungsindustrie unter dem Eindruck der Warnungen vor einer Fragmentierung oder gar Refeudalisierung der Bundesrepublik auch moderat geben. Das Bashing öffentlicher Schulen durch journalistische Kampagnen, deren Urheber man wohl unter den Bezahlschulanbietern und ihren Verbänden als verlässlichen (Schleich-)Werbepartnern von Verlagen, Hörfunk- und TV-Sendern vermuten darf, und die Eigenwerbung von Elite-Kitas, bilingualen Grundschulen oder Luxusinternaten mit exklusiven Alleinstellungsmerkmalen strafen die zur Schau gestellte vornehme Zurückhaltung allerdings Lügen. So klagt der unabhängige Internatsberater Peter Giersiepen:

"In Deutschland wird seit geraumer Zeit in vielen Zeitungsartikeln folgendes Credo beinahe gebetsmühlenartig wiederholt: Öffentliche Schule gleich schlechte Schule versus Privatschule gleich gute Schule. Als Steigerung dieses Gegensatzpaares könnte die Gleichung im Trend der Ganztagsschule heißen: Die beste Schule ist die Internatsschule."

Die von einer gemeinnützigen GmbH getragene Schule Schloss Salem am Bodensee zieht als größtes Internat Deutschlands mit knapp 700 Belegbetten alle Register, um neben Kindern mittelständischer Unternehmer, denen man ein schicht- spezifisches Spezialtraining andient (vgl. "Wie aus Kindern Führungskräfte werden"), auch die Mittelschichtler mit Normalverdiener-Status anzulocken. Diese müssen gemeint gewesen sein, als der erst seit Schuljahr 2012/2013 amtierende Schulleiter Bernd Westermeyer mit dem peinlichen Ratschlag aufwartete, "Schöner Lernen im Schloss" für den Junior doch durch den Verzicht auf anderen Luxus, etwa das neue Auto für 60.000 Euro zu finanzieren. Die Großverdiener-Kundschaft, die traditionell mit dem V8-SUV vorfährt oder mit einer ganzen Wagenkolonne samt Leibwächtern, dürfte sich da jedenfalls ebenso wenig angesprochen gefühlt haben wie die Hartz IV-Stipendiaten-Eltern, die es in Salem angeblich auch gibt und die sich erst gar kein Auto leisten können. Doch sie alle eint - über die Gräben ungleicher Einkommensverhältnisse hinweg - immerhin der Wunsch, ihr Kind weder mit Kreti und Pleti noch mit Yussuf, Dimitrij oder Cheng-Li die Schulbank drücken zu lassen, es sei denn, es handele sich bei Letzteren um die drei Waisen aus dem Morgenland oder die Söhne orientalischer Prinzen, russischer Oligarchen oder asiatischer Frühkapitalisten, bei denen Salem & Co. , wie man liest, hoch in Kurs stehen.

Regina Mönch stellt in der FAZ ("Das Beste fürs Kind", 14.02.2007) nicht ohne Bitterkeit fest:

"Die tatsächlichen und vermeintlichen deutschen Bildungsmiseren, vor allem die zum Teil schrille Diskussion darüber, haben viele Eltern eher verunsichert denn aufgeklärt. Das ist ein wesentlicher Auslöser des Privatschulbooms, denn empfindlich reagieren vor allem jene, für die Bildung immer noch ein hohes Gut ist. Dem Mantra, zuerst gelte es in den Schulen der sozialen Gerechtigkeit aufzuhelfen, setzen immer mehr Familien stillschweigend Verweigerung entgegen. [...]In dieser Entwicklung zeigt sich nicht nur das Unvermögen deutscher Bildungspolitik, Probleme zu lösen und Irritationen von Eltern zu beheben. [...] Die staatliche deutsche Schule wird schlechter geredet als sie ist, und es fehlt ihr an glaubwürdigen Verteidigern. Bedrohte Apfelsorten und Auerhähne hätten es leichter."

Ob öffentliche Schule oder Privatschule - Leistung wird im Bewusstsein der Mittelschicht immer stärker "zum Einzigen was zählt". Das Karrieredenken - so berichtete erst kürzlich die ZDF-Serie 37° - treibt bereits 10-Jährige in den Burnout. Privatschulen haben dies als lukrativen Markt entdeckt. Sie suggerieren: Für eine ordentliche Handvoll Euros zusätzlich geht's höher, schneller und weiter nach oben.

Privatschulkunden als Könige?

Ob Privatschulen nur teuer oder tatsächlich auch besser seien, scheint ein seit vielen Jahren geführter und kaum entscheidbarer Streit zu sein. Häufig stehe, so schreibt Leona Stolterfoht in der Stuttgarter Zeitung, die einfache Überlegung im Vordergrund: "Wer für etwas zahlt, ist Kunde, und wer Kunde ist, darf mehr erwarten." In einschlägigen Foren kann man dann allerdings nachlesen, dass es möglicherweise nicht ohne negative Folgen bleibt, wenn die "wahre Bildung" sich in die "Ware Bildung" verwandelt. Nur weil ein sog. "Freier Träger" die Schule verwaltet und die Lehrer leicht kündbare Angestellte sind, was angeblich deren Morivation steigert, wird der Lehrstoff für den Schüler nicht eingängiger. Viele Privatschulkunden loben andererseits eine im Vergleich zur Staatsschule bessere Ausstattung und ein angenehmeres Lernklima. Gute und schlechte Erfahrungen scheinen sich die Waage zu halten.

Wenn der SPIEGEL feststellt, "immer mehr Eltern" seien bereit, "in die Entwicklung ihrer Kinder [privat] zu investieren" wie in ihre Kapitallebensversicherung oder den Bausparvertrag, so legt das die Frage nahe, ob dieses Investment sein Geld wert ist. Und es muss höchst irritierend wirken, wenn etwa aus der Führungsetage der Schule Schloss Salem als dem angeblichen "Flaggschiff der deutschen Privatschulen" und "eine[r] der besten Schulen Deutschlands" der Satz verlautet: "Bildung ist nicht käuflich". Was bitte wird in der "Pädago-Polis am Bodensee" (Selbstbeschreibung) und den übrigen Privatinstituten denn verhökert, wenn es die "bessere Bildung" nicht ist?

Gekaufte Karriere

Zumindest für die Edelausgabe des Privatschülers scheint es beim Besuch einer Bildungsstätte weniger um den schnöden Erwerb verwertbarer Qualifikationen zu gehen als vielmehr um eine Art Persönlichkeitstraining, um sich mit den Eigenschaften auszustatten, die den Einstieg "ganz oben" ermöglichen, selbst wenn andere mehr wissen und können.

Da schreibt ein Jan Thomas Otte im Ratgeberportal eines Wirtschaftsverlags:

"Um alle Türen der Wirtschaftswelt offen zu halten, schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf Privatschulen. Bereits als Kinder werden sie für ihre Karriere in Konzernen gecoacht. Bei bis zu 50.000 Euro pro Jahr ist ihr Scheitern kaum möglich."

Statt Unterricht "Coaching"? Statt Einmaleins "Karriere-Arbeit am Ich"? Und ab welcher Höhe des Jahresbeitrags kann auf dem Weg nach oben praktisch nichts mehr schief gehen?

Birgitta vom Lehn scheint dem Erfolgsgeheimnis auf der Spur, wenn sie im Rheinischen Merkur vom 29.04.2010 unter dem Titel "Einsame Spitze" feststellt:

"Doch so sehr auch Leistungen ins Rampenlicht rücken sollen, so sicher ist: Weniger die Institution als der prominente Familienname garantiert dem Internatszögling seinen späteren Aufstieg oder zumindest Klassenerhalt."

Die Bestätigung findet sich auf der Webseite "Karriere-Einsichten" unter dem Datum vom 10. März 2013: "Elite-Internate: Investment in die Zukunft” steht da. Ohne Fragezeichen. Ein smarter Jungunternehmer, der selbst das "Institut auf dem Rosenberg", eines der teuersten Internate der Schweiz, als Schüler besucht hat und nun offensichtlich als eine Art PR-Berater fungiert, gibt da ein "Interview". Schon der Textvorspann stimmt auf den erfolgssichernden Effekt elterlicher Geldzuwendungen ein:

"Vom Stress im Job über private Probleme bis hin zum Burn-Out Syndrom. Leistungsdruck gab es schon vor der Wirtschaftskrise, in der jungen Generation ist er besonders gross. Eltern helfen der Karriere ihrer Sprösslinge gerne auf die Sprünge. Einige sind bereit, hohe Summen in ihre Ausbildung zu investieren."

Und gleich erfährt man, worin das Institut auf dem Rosenberg sich "von anderen Schulen" unterscheidet, durch eine Erziehung "zu mehr Weltoffenheit" nämlich, wie die Homepage des Instituts schon in der Frage zitiert wird. Und tatsächlich sieht's Jungunternehmer Fabian Teichmann ähnlich:

Fabian Teichmann: “Durch das Zusammenleben mit Mitschülern aus über 30 Ländern lernen unsere Schützlinge, mit Menschen verschiedenster Herkunft umzugehen. Kleine Klassen und fünf verschiedene Schulsysteme ermöglichen es uns, auf die Bedürfnisse aller Schüler einzugehen. Dabei werden Sprachkenntnisse ebenso gefördert wie Sozialkompetenz und kulturelles Verständnis.”

Mit Menschen umgehen, Sprachkenntnisse, Sozialkompe-tenzen... Klingt alles doch eher unverbindlich. Blufft uns da etwa die Bluff-Elite konfektionierter BWL-Schnösel, wie Benedikt Herles sie uns - nach einem Studium an der privaten Wirtschaftsuniversität WHU in Vallendar1 - in seinem Buch "Die kaputte Elite - Ein Schadensbericht aus unseren Chefetagen" (München 2013) vorführt? Da möchte man doch wissen, was ein "typischer Tag" im Eliteinternat zur künftigen Karriere beiträgt:

Fabian Teichmann: “Unsere Schüler werden um 07.00 Uhr geweckt und müssen pünktlich um 07.30 Uhr in Anzug und Krawatte (Jungen) bzw. Rock oder Kleid (Mädchen) zum Frühstück erscheinen. Von 08.00-11.45 Uhr haben sie Unterricht, anschliessend ein zwanzigminütiges Mittagessen, und dann bis 15.10 oder 16.00 Uhr Nachmittagsunterricht. Von 19.00-21.00 haben sie Studienzeit, und um 21.45 beginnt die obligatorische Nachtruhe.”

Dahinter wird sich ja wohl ein profundes Erziehungskonzept verstecken. Daher die knallharte Frage von "Karriere-Einsichten":

"Was erhoffen Sie sich von so einem durchgetakteten Tagesablauf sowie einer derartig konservativen Kleider-ordnung?

Fabian Teichmann: “Unsere Schüler müssen lernen, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Dazu gehören unter anderem Selbstdisziplin sowie eine gewisse Kompatibilität mit den gängigen Normen der Geschäftswelt.”

Da fehlt nur noch die allseitige Ausbildung aller Fähigkeiten und Talente mittels eines sorgsam auf die individuelle Bedürfnisstruktur des Edukanden zugeschnittenen Freizeitprogramms:

Fabian Teichmann: “Viele unserer Schüler widmen einen Großteil ihrer Freizeit den Vorbereitungen für den Rosenbergball. Sie werden beispielsweise von September bis November jeden Abend von 18.00 bis 19.15 Uhr im Walzertanzen unterrichtet. Mehrere Gruppen trainieren mit Zirkusartisten, um ihre Eltern mit einem Akrobatik-programm beeindrucken zu können. Außerdem bieten wir zahlreiche Sportprogramme und die Mitgliedschaft in einem der Clubs und Komitees (Culture Club, Charity Comitee, Student Comitee) an. So helfen wir unseren Schülern, ein gesundes Gleichgewicht zu finden.

Na, nach so viel Aufwand werden sich den Absolventen ja wohl besondere Karriere-Perspektiven erschließen. Und ob:

Fabian Teichmann: Viele unserer Schüler entscheiden sich für eine Karriere auf internationaler Ebene. Durch ihre Freunde aus aller Welt entwickeln sie bereits im Jugendalter ein großes Interesse an fremden Kulturen. Danach folgt meist ein Auslandsstudium, zum Beispiel in London oder den USA. Unser College Counseling ist bei der Wahl einer passenden Universität behilflich. Durch ihre ausgeprägten Sprachkenntnisse sowie ihre überdurchschnittliche Sozialkompetenz sind unsere Absolventen bei potentiellen Arbeitgebern sehr beliebt. Viele von ihnen sind in der freien Wirtschaft erfolgreich, andere widmen ihr Leben der Wissenschaft oder kreativen Berufen.”

Fast überflüssig die Frage: "Das hohe Schulgeld lohnt sich also?"

Fabian Teichmann: Die Ausbildung am Institut auf dem Rosenberg ist ein Investment in die Zukunft Ihrer Kinder.

Und eine Weisheit des Jungmanagers und Kampfsportlers gibts am Schluss gratis dazu:

“Im Laufe der jüngsten Finanzkrise haben viele Menschen ihre Häuser und Wertanlagen verloren, aber bisher ist mir niemand begegnet, dem seine Erziehung oder Ausbildung abhanden gekommen ist.“

Aber pleite ist er dann wohl trotzdem. Und man kann ihm nur wünschen, dass nicht auch die vermögenden Eltern ihre Häuser und Wertanlagen in der letzten Finanzkrise verzockt haben. Denn dann wird's mit dem Neustart der Karriere wohl schwierig.

Neue schöne Privatschulwelt?

Gern berufen sich etablierte private Schulunternehmen wie das Institut auf dem Rosenberg auf ihre Tradition. Und bei all der zur Schau gestellten Perfektion ist man fast froh, wenn hinter diesen geklont wirkenden Schönen und Reichen, hinter Debütantenball und Charity-Comitee indiskreterweise auch mal etwas anarchische Feuerzangenbowle zum Vorschein kommt. Und tatsächlich scheinen auch die perfektesten Schulfassaden gelegentlich ihre Abgründe zu offenbaren. So schreibt eine Ex-Rosenbergerin an den Verfasser (Zuschrift vom 31. März 2008):

Hallo, ich war vor jahren auf dem Rosenberg. Ich komme aus Berlin, und habe schon einiges erlebt, aber der Rosenberg schlägt alles. Der Direktor [...] ist ein Alkoholiker, der rotweintrinkend mit den Kids in der Cafeteria Computerspiele spielt. Kleine Jungs werden oft misshandelt. Zu meiner Zeit ist ein 15–jähriger zusammengebrochen. Im Krankenhaus stellten sie neben etlichen Hämathomen eine Hodenprellung fest. Die Jungs, die ihn quälten, haben ihn immer wieder mit einem Besenstil zwischen den Beinen hochgehoben…zur Strafe bekamen sie einen internen Verweiß, damit ja nichts an die Öffentlichkeit gerät. Auf dem Internat bekam ich Koks, Heroin und Waffen zu Gesicht, Kinder, die ihre Lehrer so fertig machten, dass sie weinend den Unterricht verließen. Das Niveau war so schlecht, eine Bayerin hatte bei uns nur Einsen. Nach einem halben Jahr ging sie zurück nach Bayern und bekam dort nur noch Fünfen und Sechsen und muste die Klasse wiederholen. Pädagogisch wenig sinnvoll. Mit freundlichen Grüßen S. Gurny

Die Düsseldorfer Millionärstochter Chiara Ohoven erinnert sich laut "BZ" wie folgt an ihre St. Gallener Schulzeit:

"Es gibt da über 50 Kameras. Du kannst nichts unbeobachtet tun", zitiert die Zeitung Ohoven. "Sie haben da wirklich 250 pubertäre, sehr wohlhabende Kiddies, die eine Menge Scheiße im Hirn haben."

Überwachungsstrategien wie bei Orwell und Huxley? Brave New World im Traditionsinternat?

Privatschulen, so wird gern behauptet, könnten sich den Veränderungen der Qualifikationsanforderungen moderner Gesellschaften schneller anpassen als das behäbige und bürokratisierte öffentliche Schulwesen. Sie seien die "Schnellboote", während staatliche Bildungsstätten als schwer manövrierbare Ozeanriesen unterwegs seien.

In den letzten Jahren hat sich der Privatschulmarkt deutlich umstrukturiert. "Neu ist das Phänomen gewinnorientierter Privatschulketten in Großstädten, die den gehobenen Mittelstand ansprechen", schreibt die Zeitschrift Geo. Aber auch ländlich gelegene Bildungscamps wie das Internat Schloss Torgelow gehören zu diesen Neugründungen, die sich nicht von einer Weltanschauung her definieren wie die kirchlichen Privatschulen oder als Wahrer eherner Bildungstraditionen und Erziehungsgrundsätze auftreten, sondern nicht mehr sein wollen als moderne Dienstleistungsunternehmen oder ein Geschäftsmodell für clevere Investoren. Ihr Produkt: Das nach neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft leistungsoptimierte, polyglotte und international kompatible Kind, Golfplatzreife und Segelschein inklusive.

Und die geneigte Kundschaft kann heute - insbesondere in deutschen Metropolen - unter einem reichhaltigen Angebot auswählen. Wer beispielsweise in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover den Drang verspürt, der "internationalen Ausrichtung" und sicheren Karriere wegen einen erheblichen Teil seines (selbstverständlich überdurchschnittlichen) Familieneinkommens für die private Grundschulausbildung seines Kindes zu opfern, hat die Auswahl zwischen drei Möglichkeiten:

  • der eher old-fashioned-reformpädagogischen "Freien Waldorfschule Maschsee" (265 € für das 1. Kind, 50 € für das 2. Kind, 0 € ab dem dritten Kind),
  • der nach britischem Modell strukturierten "International School Hannover Region" (Jahrgeld 10.830 bis 13.29 € je nach Klassenstufe) und der
  • nach deutschen Lehrplänen, aber bilingual englisch-deutsch arbeitenden "Kämmer International Bilingual School" (Kosten "höchst individuell", präzise Auskunft erst bei Bekundung ernsthaften Interesses durch Ausfüllen des unverbindlichen Anmeldeformulars).

Ein Ehemaliger eines dieser Institute hat übrigens 2013 den Nobelpreis für Medizin erhalten. Raten Sie mal, welches sich da mitfreuen durfte. Ahnen Sie's? Es war die gute alte Waldorfschule.

Eliteforscher Prof. Michael Hartmann:

"Wer aus dem Großbür- gertum stammt, kann und weiß auch nicht alles, was in Spitzenpositionen wichtig ist. Aber er kann souverän mit Defiziten umgehen."

Michael Hartmann: Elitesoziologie - Das Elternhaus entscheidet, wer Elite werden darf

Das eigentliche Problem ist jedoch, dass [...] sozial schwächere Kreise bei diesen Eliteausbildungen völlig unterrepräsentiert sind. So stellen nach seinen Angaben die Kinder von leitenden Angestellten und höheren Beamten inzwischen vier Fünftel der Studenten der vier Grandes Ecoles. Die Kinder von Arbeitern, Handwerkern und mittleren Angestellten kommen dagegen nicht einmal auf zehn Prozent. Auch an den englischen Public Schools dominiert die englische Upper Class – an den rund 200 englischen Public Schools stammen 90 Prozent der Schüler aus dem oberen Fünftel der Gesellschaft. Und in den USA bringen laut einer Untersuchung die Auswahlverfahren der Privatuniversitäten das gleiche Ergebnis, als würde man die Studienplätze einfach meistbietend versteigern. Zudem werben amerikanische Privatunis inzwischen gezielt die Kinder reicher Familien an, weil diese die Studiengebühren voll bezahlen können.

Da es in Deutschland keine vergleichbaren Einrichtungen zur Elitebildung [wie in England, Frankreich oder USA] gibt, konzentriert sich Hartmann hier auf die Absolventen mit Doktortitel. Denn ohne diesen Titel bleibt der Weg zu vielen einflussreichen Posten versperrt. [...] In Deutschland bewirken Studium und Promotion zwar keine derart scharfe soziale Selektion wie die Elite-Unis [in Frankreich und den angelsächsischen Ländern]. Die aktuelle Regierung mit Arbeiterkind Schröder an der Spitze ist dennoch eine Ausnahme. Denn die Eliten in der Wirtschaft stammen zu vier Fünfteln aus dem Bürgertum, in der Verwaltung und der Justiz zu zwei Dritteln. Mangels Elitebildungseinrichtungen sorgt laut Hartmann der "herkunftsspezifische Habitus" für die Auswahl nach Elternhaus: Top-Manager wählen für eine Spitzenposition bewusst oder unbewusst bevorzugt Bewerber aus dem gleichen Milieu. Mit dem gleichen Auftreten und Benehmen. Kurzum: Der Stallgeruch entscheidet.

Das Leistungsprinzip und die soziale Offenheit der deutschen Wirtschaftselite

Auszug: "Die Illusion von der Leistungsgesellschaft, in der es jeder kraft eigener Anstrengung bis ganz nach oben schaffen kann, bildet ein konstitutives Element unserer heutigen Gesellschaftsordnung, über deren Bedeutung man sich an der Spitze der großen Unternehmen durchaus im Klaren ist. Typisch dafür ist die vor kurzem gegründete "Initiative neue soziale Marktwirtschaft... [...] Diese Initiative diagnostiziert, und das ist der Hauptgrund für ihre Entstehung und ihr Wirken, dass „unser Wirtschafts- und Sozialsystem in der Bevölkerung an Zustimmung verloren“ hat.

Die Herausforderung des öffentlichen Schulwesens durch private Schulen

Rechtsgutachten von Prof. Dr. jur. Hermann Avenarius.

"Eine finanzielle Gleichstel- lung der Ersatzschulen hätte im Übrigen aller Voraussicht nach zur Folge, dass der Zulauf zu Privat- schulen erheblich zunähme. Es stünde zu befürchten, dass fortan zwar keine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen, wohl aber nach den Bildungsverhältnissen der Eltern einträte. Indem die Ersatzschule erwar- tungsgemäß vorzugsweise Kinder aus „bildungsnahen“ Familien aufnähme, entzöge sie der öffentlichen schule zwangsläufig Schüler, die diese für eine erfolgreiche Bildungsarbeit benötigt. Unter solchen Bedingungen könnte die öffentliche schule ihren Integrationsauftrag nicht mehr wahrnehmen."

Der Staat legt auf Länderebene den Verfassungsvorbehalt des GG bei der Genehmigung neuer Privatschulen immer großzügiger aus

Prof. Dr. Valentin Merkelbach

Der Staat plant die Elternleistungen im „Finanzierungsmix” der Privatschulen ein und drängt sie so zum „Gesetzesbruch”. Denn um kostendeckend zu arbeiten, müssten die Privatschulen Kinder nach den finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern auswählen und es seien darum Migrantenkinder und Kinder aus sozial benachteiligten Familien nicht von ungefähr an Waldorfschulen nur schwach vertreten.

Sowohl der oberste Interessenvertreter der Privatschulen als auch die Freie Waldorfschule führen also heftig Klage darüber, dass der Staat durch unzureichende Finanzierung Privatschulen zwinge, soziale Auslese zu betreiben und damit im Grunde verfassungswidrig zu handeln. Der Staat seinerseits, der auf Länderebene immer großzügiger den Verfassungsvorbehalt bei der Genehmigung neuer Privatschulen auslegt, nimmt das sehenden, besser: lachenden Auges in Kauf; denn jede neue Privatschule kostet ihn in den meisten Ländern die ersten drei Jahre nichts und bleibt danach für die Dauer ihrer Existenz ein lukratives Sparschwein für den Fiskus. Und warum sollte den Staat ausgerechnet die soziale Auslese der Privaten beunruhigen, wenn ihm doch im eigenen Laden von jeder PISA-Studie erneut massive soziale Auslese bescheinigt wird?. Die Kinder aus sozial schwachen Familien, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, sind doch auch an schulgeldfreien Gymnasien nur schwach vertreten. Woher also sollte der Staat die Legitimation nehmen, ausgerechnet bei der Aufnahme in eine Privatschule auf Chancengleichheit und damit auf verfassungskonformem Verhalten zu bestehen?

Wer wollte es in dieser Situation Eltern verübeln, die es sich leisten können oder die auch bei schmalem Budget glauben, es sich leisten zu müssen, ihr Kind auf eine Privatschule zu schicken, wenn diese Schule auf Grund sozialer Auslese, ob nun gewollt oder finanziell erzwungen, durch „schwierige” Schüler/innen weitgehend unbelastet bleibt? Dazu werden Privatschulen oft, dank finanzkräftiger Fördervereine und Sponsoren, so ausgestattet, dass sie sich in kleineren Lerngruppen besser um das einzelne Kind kümmern können. Schließlich können Eltern als zahlende Kunden erwarten, ja fordern, dass sie von Investitionen in die Nachhilfe verschont bleiben, die ja längst mit Milliardenbeträgen einen ganz beträchtlichen Teil der Privatisierung von Bildung ausmachen.

Fragmentierung der Gesellschaft - Die Haupttendenzen der neuen Ungleichheits- entwicklung Prof. Dr. Heinz Bude (Lehrstuhl für Makrosoziologie an der UniversitätKassel) im Gespräch mit Thomas Meyer

Wir erleben [...] in Deutschland – eine Kompetenzrevolution innerhalb der klassischen, oftmals industriellen Arbeitsplätze durch die Hereinnahme von Wissens- und Dienstleistungsele- menten. [...]

Durch die Veränderungen der funktionalen Arbeitsteilung entstehen neue, harte Trennlinien, zwischen denjenigen, die in der Lage sind, diese neuen Wissens- und Dienstleistungsanforderungen zu bedienen, und denjenigen, denen das nicht gelingt. Für Letztere gab es in der Vergangenheit immer noch eine Reihe von beruflichen Möglichkeiten, bei denen Loyalität wichtiger als Kompetenz war. Die werden aber immer weniger. Das heißt, es entsteht eine Spaltung innerhalb der Berufsstruktur selbst. Anders ausgedrückt: Das Problem der Proletarisierung wandert vom industriellen Sektor in den Dienstleistungssektor. Für eine Menge Leute bleibt nichts anderes übrig als zu sichern, zu säubern und Service zu leisten. Und dieser Bereich steht zudem in offenen Gesellschaften unter einem harten Konkurrenzdruck durch offizielle und illegale Migration. Eine 24-Stunden-Pflege beispielsweise kostet in einem normalen Beschäftigungsverhältnis vielleicht 5 - 8.000 Euro im Monat, auf illegaler Basis nur 1.500 Euro. Neben dieser Verschärfung von Ungleichheit aus der Arbeit selbst heraus tritt die Migration als eine zweite Quelle neuer Ungleichheiten. Nicht die Migration ist das Problem, sondern die Spaltung zwischen Migrationsgewinnern und Migrationsverlierern.

Meyer: Daneben nimmt aber auch die Ungleichheitsentwicklung nach oben zu, zunehmende, exorbitante Spitzeneinkommen und -vermögen sowie Absonderung von der Gesellschaft ganz oben. Ist das in strukturellen gesellschaftlichen Verän-derungen begründet, die das herbeiführen, etwa dem Finanzkapitalismus, oder was ist der Grund für die Exklusion der obersten Schichten?

Prof. Bude: In der Tat gibt es da eine Form von Selbstexklusion gerade in den Reihen der neuen globalen Klasse. Geldvermögensbesitzer und deren Dienstleister aus der Finanzindustrie, den »Law Firms« und den »Prime-Medien« umgehen ruhigen Gewissens die Zahlung von Steuern und finden sich stattdessen großartig als »Charity Celebreties «. Das kann man in der Starnberger Gesellschaft studieren, wo man auf kommunale Projekte schimpft, aber sich für Afrika engagiert. Diese Leute nehmen sich heraus, selbst zu wissen, wie das eigene Geld zum Nutzen der Menschheit besser angelegt ist. Man fühlt sich, um ein Begriffspaar von Michael Walzer zu variieren, im dünnen Globalbewusstsein dicht und macht sich in den dichten Territorialbezügen dünn. In einem solchem Milieu ist selbst Josef Bierbichler eine verlorene Gestalt.

Treffend lässt sich die Ungleichheitsstruktur der Gegenwartsgesellschaft wohl mit dem Begriff Fragmentierung beschreiben. Es ist aber wichtig, sich klarzumachen, was darunter zu verstehen ist. Fragmentierung bedeutet, soziologisch gesehen, dass wir es mit Prozessen wechselseitiger Vergleichgültigung zu tun haben. Dass die Ge-winner alles nehmen, davon träumen sowohl diejenigen, die am Drücker sind, als auch diejenigen, die das Nachsehen haben. Solidarität wird unter solchen Be-dingungen zu einem sehr knappen Gut.

Meyer: Man kann also von einem Verlust des sozialen Bewusstseins sprechen?

Prof. Bude: So ist es. Man will mit den jeweils anderen nicht mehr viel zu tun haben. Das passiert unten ganz genauso. Das Allensbach-Institut hat ermittelt, dass in Deutschland selbst bei Wachstumsraten von 3%, wie im letzten Jahr, ein wachsendes Gefühl von Statusfatalität vorhanden ist. Und dies hat damit zu tun, dass insgesamt in der Gesellschaft sich das Empfinden ausbreitet, dass die sozialmoralische Sensibilität nicht mehr lebendig ist. Der Begriff der Entkoppelung von Robert Castel scheint mir dafür sehr passend.

Meyer:

Geht bei dem Begriff der fragmentierten Gesellschaft nicht das Element der Ungleichheit verloren? Das Problem der Trennung, der Vergleichgültigung geht in den Begriff der Fragmentierung ein, aber es gibt auch Modelle, in denen das gesellschaftliche Oben und Unten, die Ungleichheit im Begriff enthalten ist. Wie kann man denn dieses Element der Ungleichheit mit ins Bild nehmen?

Prof. Bude:

Da gibt es ein wichtiges soziologisches Argument: Der Begriff der Ungleich-heit ist soziologisch gesehen nur dann sinnvoll anzuwenden, wenn zwischen den Teilen, zwischen denen eine systematische Ungleichheit besteht, auch irgendein sozialer Zusammenhang existiert, das heißt, wenn es eine Vorstellung davon gibt, dass die eigene Position mit der Position der anderen vergleichbar ist, oder möglicherweise, dass diese Ungleichheiten durch irgendwelche gemeinsamen Vorhaben und gesamt- gesellschaftlichen Vorgänge aufzuheben wären. Mit Frag- mentierung ist gemeint, dass solches Zusammen- hangsbewusstsein verloren geht.

(1) Hatte sich nicht erst kürzlich ein Elite-Absolvent dieser privaten Wirtschaftsuniversität auf seiner Praktikumsstelle bei einer Londoner Investmentbank tot gearbeitet? Liest du BILD-Zeitung: http://www.bild.de/news/ausland/todesfall/deutscher-praktikant-arbeitet-londoner-bank-tot-31914450.bild.html
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