Ulrich Lange
02.10.2013 | 14:01 2

Schule Salem: Mogelpackung des Jahrhunderts?

Eliteinternate | Seit 2012 gehört die Schule Schloss Salem, die nie wurde, was sie werden sollte, zu den "Marken des Jahrhunderts" (Verlag Deutsche Standards). Eine Mogelpackung?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Ulrich Lange

Am 22.11.2012 empfing die Schule Schloss Salem anlässlich einer Gala-Veranstaltung im Berliner Hotel Adlon aus den Händen des Verlegers Florian Langenscheidt den Markenpreis des Verlags "Deutsche Standards". Mit der Preisübergabe gehört das Luxusinternat, das - trotz eigener Verstrickungen - kurz zuvor aus der „Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime“ ausgetreten war, um nicht länger mit den 2010 aufgedeckten Missbrauchsskandalen an der Odenwaldschule und anderen bekannten "Eliteinternaten" in Zusammenhang gebracht zu werden, zum "exklusiven Kreis von etwa 250 deutschen Marken“, deren Name für eine bestimmte Produktgattung steht wie „Maggi“ für Suppenwürze oder „Tempo“ für Papiertaschentücher. Seither auch wird die "Pädago-Polis am Bodensee" (Selbstbeschreibung), die ihr inzwischen aufgegebenes "Salem International College" auf der Expo 2000 in Hannover noch als "weltweites Projekt" feierte (während Ex- Salemer Ernst August von Hannover unter den Augen von Pressefotografen ganz provinziell an den türkischen Ausstellungspavillon urinierte), in dem vom Verlag Langenscheidt editierten Kompendium „Marken des Jahrhunderts – Leuchttürme im Markenmeer“ geführt.

Solche maritimen Vergleiche sind in der Schule Schloss Salem seit den Zeiten von Schulgründer Kurt Hahn im Schwange. Noch heute heißen die Funktionsschüler, die als Aufpasser während der Mahlzeiten eingesetzt sind, "Esssaal-Kapitäne", die Zugführer der Betriebsfeuerwehr "Feuerwehrkapitäne" usw. Sehr gern feiert sich das "weltberühmte Internat" als "Flaggschiff der Deutschen Privatschulen" oder kündigt per Pressemitteilung an, "sich noch deutlicher als Leuchtturm in der Schul- und Bildungslandschaft profilieren" zu wollen. Der 2012 nach langjähriger Leitungskrise ins Amt gehobene Schulleiter Bernd Westermeyer fantasiert in seiner Antrittsrede von einem "notwendigermaßen hohe[n] Anspruch der Schule Schloss Salem", der "aus wesentlichen pädagogischen Vorstellungen Kurt Hahns sowie des ehemaligen Reichskanzlers Prinz Max von Baden" erwachse, und nennt in diesem Zusammenhang das von Hahn stammende Schulmotto "Plus est en vous" - In dir steckt mehr als du glaubst. Und er behauptet eine "international wirksame[n] Vorbildrolle" der Schule Schloss Salem im 20. Jahrhundert, die das Ziel begründe, "auch im 21. Jahrhundert ein herausragendes Internatsgymnasium mit besonderem Anspruch" zu sein und sich "pädagogisch treu [zu] bleiben, gerade indem die Schule "innovative Ideen" entwickele und "immer wieder neu Maßstäbe" setze.

Schein oder Sein?

Merkwürdig nur, dass das hier entwickelte grandiose Selbstbild durch keine objektive Quelle bestätigt werden kann. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Salemer Pädagogik lagen stets Welten. "Keine einzige Schule der Reformpädagogik", schreibt der Züricher Bildungsforscher Prof. Jürgen Oelkers, "hat je den eigenen Ansprüchen genügen können, aber genau dieser Eindruck sollte entstehen und wird bis heute kolportiert. Es ist immer wieder von 'pädagogischen Laboratorien' die Rede, aus denen die 'moderne Schule' hervorgegangen sein soll, während es sich tatsächlich um wenige, hoch konflikthafte, innerlich zerstrittene und ganz kleine Schulen handelte, die nie die staatliche Schulentwicklung beeinflusst haben..."

Wenn in der bereits zitierten Pressemitteilung ein "Marken-Image" der Schule Schloss Salem beschworen wird, das in der Forderung gipfelt: "Wo Salem draufsteht, muss auch Salem drin sein", so reiben sich Kenner der Salemer Schulgeschichte bzw. der gesamten "Landerziehungsheimbewegung", der das Institut seinen Gründungsimpuls verdankt, verwundert die Augen. Wie und wann immer seine Repräsentanten den Markenkern der Salemer Pädagogik zu fassen suchten, handelte es sich um zweifelhafte Selbstinszenierung, bewusste Geschichtsklitterung oder wahrheitswidrige Idealisierung. Der Schulmythos ist eine einzige Lebenslüge oder besser Überlebenslüge, mit der dem vermeintlichen "Flaggschiff" in zahlreichen existenzbedrohlichen Krisen das Schicksal einer Titanic erspart werden sollte.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (2)

Achtermann 02.10.2013 | 16:20

Zahlen sprechen manchmal auch eine gewisse Wahrheit:

Der Jahresbetrag für einen Internatsschüler beträgt derzeit rund 33.000 Euro. Das Schöne ist: 30 Prozent der gesamten Schulausgaben können in der Steuererklärung als Sonderausgaben geltend gemacht werden. Damit werden die Schulkosten der Reichen von der Allgemeinheit mitfinanziert. Da dieses Schulunternehmen als gemeinnützig gilt, gelten für den Betrieb dieser Luxuseinrichtung günstige steuerliche Sonderbedingungen.

Ulrich Lange 03.10.2013 | 12:52

Die Mitfinanzierung von Luxusinternaten durch die Gemeinschaft der Steuerzahler beginnt ja schon bei der sog. staatlichen Regelfinanzierung von privaten Ersatzschulen gem. § 17 Privatschulgesetz, nach der die Schule Schloss Salem vom Land Baden-Württemberg 4.077,-- Euro pro Jahr und Schüler sowie Baukostenzuschüsse (37% des zuschussfähigen Bauaufwands) und Zuschüsse zu den Versorgungsbezügen, die an Lehrer gezahlt werden, einstreicht. Der Skandal besteht darin, dass diese Förderung davon abhängig ist, dass eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert werde (=> Art. 7 Abs. 4 GG), was aber angesichts der von Achtermann genannten Jahreskosten unvermeidlich und laut Bundesverfassungsgericht auch dann zu unterstellen ist, wenn ein gewisser Prozentsatz der Schüler(inne)n durch Stipendien gefördert wird. Wenn man sich ansieht, wie dieses Institut immer wieder seine Netzwerke spinnt und führende Landespolitiker korrumpiert, kann man sich diesen Missstand auch gut erklären. Und wenn dann der Unterhalt des Palazzo Prozzo dieser Reichenschule den adligen Eigentümern zu teuer wird, nimmt der Staat wiederum viele Millionen in die Hand, um diese zu entschulden und die Unterhaltskosten dem Steuerzahler aufzubürden. Wie es scheint, gibt es nicht nur systemrelevante Banken, sondern auch ebensolche Schulen, die trotz ihrer demokratiefeindlichen Vergangenheit und ihrer dubiosen Rolle bei der Refeudalisierung der Bundesrepublik um jeden Preis erhalten werden.