Schule Schloss Salem: Buebs Buecher

Trivialpädagogik Der Ex-Leiter des Internats Salem kämpft mit autodiagnostischen Befunden gegen eine "unmoralische Welt" und begeistert damit ein nach Vereinfachung dürstendes Publikum.
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Tri Tra Trullala – Bernhard Bueb ist wieder da! Und „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben…“ [...was hat denn der Bueb getrieben?] hat er ein neues Buch geschrieben. Nach der Streitschrift „Lob der Disziplin“ (2006) und „Die Pflicht zu führen“ (2008) folgte zuletzt, pünktlich zur Bundestagswahl im Oktober 2013, das Werk: „Die Macht der Ehrlichen – eine Provokation“. Provoziert hatte Bueb allerdings auch schon mit seinem Erst- und Zweitlings-Opus. Und ist doch nicht der "Tabubrecher" und originelle "Querdenker", als der er gern erscheinen möchte. Er muss sich einreihen lassen in die lange Liste derer, die - wie der "Kölner Stadtanzeiger" schrieb - "das Konservative als Lebenshaltung, den Konservatismus als politische Theorie, als geschichtliche Strömung oder als pädagogisches [...] Programm rehabilitieren wollen."

Lehrerverbandspräsident Josef Kraus sah in Buebs Debut-Schrift "Lob der Disziplin", die Insider unter dem Kürzel „L.d.D.“ (nicht zu verwechseln mit LSD oder F.D.P.) zitieren und die (angeblich) nicht den Anspruch erhebt, ein „Sachbuch" zu sein, allerdings ein Dokument der Vergangenheitsbewältigung eines Alt-68ers. Hinter Buebs preusselnden Allerweltsweisheiten witterte er „eine Menge Projektion eigener jahrelang praktizierter Disziplinlosigkeit“. Wie recht er mit dieser Einschätzung hat, wird man weiter unten noch sehen.

Allmachtsphantasien aus der Mottenkiste

Überdies wies der Blog „Der Bildungswirt“ dem Buchautor Bueb in einer Rezension mit dem Titel „Allmachtsphantasien aus der Mottenkiste“ ein peinliches Falschzitat seines Lehrmeisters Hartmut von Hentig nach. Statt “Die Menschen stärken, die Sachen klären”, hieß es bei Bueb (Lob der Disziplin, 10. Aufl., S. 164): “Die Menschen klären, die Sachen stärken”. Das klingt eher nach Scientology als nach Reformpädagogik. Ein Freud'scher Versprecher, wie der Blog argwöhnte? Ein Flashback aufgrund jahrzehntelanger Gehirnwäsche in einer totalen Institution (womit wir eigentlich schon wieder beim Sektencharakter der Landerziehungsheimbewegung wären)? Oder werden beim semi-professionellen Phrasendreschen alle Begriffe irgendwann einmal beliebig und austauschbar?

Buebs zweites Traktat über die Pflicht, dem Lehrerstande die Führung auf dem Gebotswege sowohl nahe zu bringen als ihm diese auch angedeihen zu lassen ("Führung fehlt an allen Ecken und Enden!"), verhöhnte die FAZ als „Großvaterisierung der Autorität“. Außerdem entstanden verlagsseitig einige Irritationen um die vermarktungsstrategisch günstigste Anzahl der zu verkündenden Verhaltensmaßregeln. „Zehn Gebote der Bildung“ verhieß zunächst der offenbar voreilig zum Druck frei gegebene Einband des Büb'schen Büchleins. Doch waren dem Verfasser nur derer neun eingefallen, was er - wie auch die meisten seiner Thesen - nicht gerade schlagend plausibel begründet:

„Der Verlag wollte gern zehn. Ich hab’ gesagt, ich mach’ es davon abhängig, wie es sich ergibt. Ich war von vornherein nicht für zehn, weil ich ja nicht Moses bin. Das Buch beansprucht auch gar keine Vollständigkeit in wissen-schaftlichem Sinn. Es ist ein moralisches Buch.“

Boaaah! Da ist nichts Richtiges im Falschen, könnte man unter Verballhornung von Adornos "Minima Moralia" urteilen. Moses war, so viel biblische Akribie muss einfach sein, nicht der Urheber der Zehn Gebote, sondern lediglich eine Art Briefträger des Gottes Jahwe, der das Gesetzeswerk in zwei unhandlichen Steinplatten vom Berge Sinai bis zum Rastplatz des im vorderen Orient umher tingelnden Volkes Israel (Exodus, Bibelfeste erinnern sich...) speditieren musste. Allerdings verging er sich dann - übermannt von jenem heiligen Zorn, der auch von Volkserzieher Bueb zuweilen Besitz zu ergreifen und ihn zum Bücherschreiben oder Vorträgehalten zu treiben scheint - an dem Speditionsgut. Und das war schlecht. Denn indem er es theatralisch zer-scha-metterte, stand es - anders als die zu Hunderttausenden verbreiteten Druckwerke Buebs, dem Volke zur moralischen Erbauung ja nun nicht mehr zur Verfügung. Zudem beunruhigt seither die Frage, wie die Zehn Gebote anschließend ihren Weg von der mobilen Bauschuttdeponie des Exodus ins Alte Testament gefunden haben mögen.

Wenn der Postman zweimal klingelt

Dafür sind aber die Gründe überliefert, die Moses zu dem beschriebenen Akt des Vandalismus bewogen. Sie ähneln wiederum denen, die auch Bernhard Bueb zu erzürnen pflegen: Während Postmann Moses sich - in Buebs Diktion - "das Glück der Anstrengung" gönnte und sich mit dem göttlichen Gelump abschleppte, versanken die lockeren Israeliten - ganz wie die heutige Jugend - in "Mammonismus, Alkoholismus und Sexualismus" (Hermann Lietz, zitiert nach Bueb) und tanzten ums goldene Kalb ab. Frei nach dem Motto "Wir amüsieren uns zu Tode" (Neil Postman, wie lustig!). Ansonsten ist Bueb gegenüber Moses im Vorteil. Letzterer hatte kein Copyright für die göttlichen Botschaften, konnte also nicht einfach mal („wie es sich ergibt“) das 10. Gebot weglassen, nur weil er auf „Vollständigkeit in wissenschaftlichem Sinn“ keinen Wert legte.

Über den in diesem Zusammenhang konstruierten Gegensatz zwischen "wissenschaftlich" und "moralisch" sollte Bueb allerdings noch einmal gründlich nachdenken. Es gibt wohl keinen vernünftigen Grund, warum Bücher, die sich um Vollständigkeit im wissenschaftlichen Sinne bemühen, nicht zugleich auch einen moralischen Anspruch vertreten könnten.

Vom Making-of der Zehn Gebote zu dem des trivial-pädagogischen Hattricks, den der Kinderflüsterer vom Bodensee im deutschen Buchhandel landete. Ja, es stecke ein Missionar in ihm, wie Bueb sich im Interview mit dem Überlinger Südkurier vom 26.09.2008 bereitwillig outet.

Als primum movens des Bueb'schen Missionseifers macht Joachim Güntner in der "Neuen Zürcher Zeitung" dessen Status als „bekehrter Sünder“ aus, der während seiner 31 Amtsjahre als Leiter der Schule Schloss Salem „die Wende vom linksliberalen Theoretiker zum konservativen Praktiker vollzogen“ und „die Idee, schon Jugendliche seien der Selbstbestimmung fähig, gegen die Milch der frommen paternalistischen Denkungsart eingetauscht“ habe.

Den "konservativen Praktiker" kann man allerdings so nicht stehen lassen. Denn Buebs konservative Ideen sind - mit Ausnahme vielleicht der Wiedereinführung von Schuluniformen in der Mittelstufe des Internats - in der Praxis sämtlich gescheitert. Seine Vorstellung von Salem als einem "Kloster auf Zeit" zum Beispiel, stellt der heutige Schulvorstand Robert Leicht im Jahr 2010 rückblickend fest, musste Bueb samt allen sonstigen Simulationen einer asketischen Gegenwelt zu den wohlsituierten Elternhäusern seiner Schutzbefohlenen "bald aufgeben". Nicht genug damit! Die Schule scheint sich inzwischen unter dem Eindruck rückläufiger Schülerzahlen von den Lehren ihres - zumindest (nach eigener Einschätzung) während der letzten Amtsjahre - gestrengen Herbergsvaters emanzipieren zu wollen. Das aber stellt in Frage, was Bueb für sein Vermächtnis als Salemer Leiterlegende hält. Unterfällt das Institut durch eine zwischenzeitlich eingeführte Überdemokratisierung doch seiner apokalyptischen Prognose, dass die demokratische Schülermitverwaltung Unsinn sei und eine Internatsschule wie Salem unregierbar mache. Damit dürfte das Institut dann auch endgültig der "beschädigten Erziehungskultur" erliegen, die Bueb zu aktiven Zeiten veranlasst hatte, Salemer Problemschülern eine Auszeit in englischen Boarding-Schools zu verordnen.

Zurück zur volkserzieherischen Mission Buebs: Bei Dieter Grillmeier (vgl. „Schule zwischen Anspruch und Zeitgeist“), der allerdings nur Güntners Aufsatz in der NNZ zu paraphrasieren scheint , findet sich der Befund bestätigt, dass aus dem vom „linksliberalen Reformpädagogen“ zum „Missionar einer neuen Autorität“ gewendeten Bueb der „Eifer des Konvertiten“ spreche.

Bueb selbst legt allerdings Wert auf die Feststellung, nie unter den Einfluss der politischen Linken geraten, sondern lediglich der zeitbedingten Irrlehre aufgesessen zu sein, dass demokratische Erziehung eine frühe Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an den sie betreffenden Entscheidungsprozessen impliziere. Zusätzlich räumt er ein, zu den Träumern gehört zu haben, die geglaubt hätten, dass Kinder sich bereits dadurch optimal entwickelten, dass man sie nur einfach wachsen lasse. Dem SPIEGEL erklärt er dazu:

"Wir haben uns [ Ach, haben wir das?] aufgrund unserer Geschichte in der Pädagogik mehr und mehr zu Gärtnern entwickelt: Wir lassen unsere Kinder behutsam aufwachsen und korrigieren ihren Wuchs allenfalls sachte. Doch die Methode des Gärtners birgt immer die Gefahr, dass er gar nicht mehr erzieht. Dieser Zustand ist eingetreten. Wir brauchen deshalb eine Pädagogik anderen Zuschnitts. Wir müssen uns am Bild des Töpfers orientieren: Wir brauchen Pädagogen, die formen und klare Konturen vorgeben." *)

Heute bekennt er sich - ganz seinem familiären Retro-Milieu und der Erziehung im Retro-Jesuiteninternat verhaftet - mehr denn je zu einer "katholischen Denkweise": Der Papst ist der Papst, ob er etwas taugt oder nicht. Will sagen: Allein aufgrund seiner "Amtsautorität" hat auch ein wenig charismatischer Lehrer (wie Bueb selbst) einen Anspruch darauf, von den Schülern respektvoll behandelt zu werden. Was nicht ganz falsch ist, so lange in unserer Rechtsordnung selbst (im strafrechtlichen Sinne) bösen Bu[e]ben eine menschenwürdige Behandlung zusteht und man auch notorischen Dummschwätzern den Mund nicht verbietet (siehe Artikel 5 Grundgesetz).

"Katholische Denkweise"

Leider äußert sich Buebs "katholische Denkweise" auch als erzkatholische Heuchelei. Bestes Beispiel ist sein Umgang mit dem Thema sexueller Missbrauch und Gewalt an sog. Eliteinternaten. Zu eindeutig dokumentierten Fällen sexueller Übergriffe und exzessiver Züchtigungen schweigt er entweder (vgl. St. Blasien, dessen Schüler er selbst war), "übersieht" als Insider ein ganzes System inflationären Missbrauchs, von dem gesagt wird, dass jeder davon habe wissen können (Odenwaldschule), oder er verharmlost und beschönigt (siehe Salem, die eigene langjährige Wirkungsstätte als Schulleiter), um dann Missbrauchsopfern in Talkrunden "versöhnliche Schlussworte" zu spenden. Zitat FOCUS: "'Wir sehen jetzt anders hin', hofft Bueb. " Tja, Glaube, Liebe, Hoffnung...

Buebs katholischer Dogmatismus verträgt sich im übrigen bestens mit dem reformpädagogischen. Jürgen Oelkers, (vgl. „Reformpädagogik. Eine kritische Dogmengeschichte“; hier zitiert nach Josef Kraus) nennt reformpädagogische Aussagen „Dogmen“, „weil sie in ihrer erzieherischen Inszenierung kritikfest kommuniziert werden“.

Fehlen zu ihrer effektiven Verbreitung nur noch die richtigen Verkündigungsformen und eine wirkungsvolle Verkündigungs-Dramaturgie, die sich Bueb von der Heiligen Messe abgeschaut zu haben scheint (hier eine kleine Übersicht für Ungläubige und unregelmäßige Kirchgänger). Da ist dann alles beisammen: Erst das allgemeine Schuldbekenntnis ("Wir haben uns zu Gärtnern entwickelt - Herr erbarme dich unser!"), dann das Gloria ("Lob der Disziplin"), das immer gleiche Tagesgebet ("Disziplin ist das Tor zum Glück"), zwei Lesungen (zum Beispiel bei Lehmann in Leipzig und am Rotteck-Gymnasium in Freiburg), anschließend die durch das Halleluja (= Applaus des Publikums) eingeleitete Verkündigung in Form eines Gast-Auftrittes (z.B. im Nachtcafe von Herrn Backes zum Thema "Generation Weichei - wie viel Disziplin ist richtig?"). Man könnte das endlos fortsetzen.

Und apropos Weichei: Es fällt Buebs Kritikern doch immer wieder auf, dass er die eigenen hammerharten Thesen, kaum dass er auf argumentativen Widerstand stößt, sofort einschränkt oder relativiert und auf diese Weise praktisch bis zur Beliebigkeit weich spült (FAZ). Das passt nicht zum Bild des Bußpredigers, als der er sich gern aufspielt.

Neun oder zehn Gebote - egal. Aber für einen, der durch seine berufliche Sozialisation als Leiter eines sozial exklusiven Luxusinternats permanent zu Kompromissen gezwungen ist, weil er Kundschaft für ein "Produkt" finden muss, das es woanders für umme oder zum BAföG-Satz gibt, haben Gebote am Ende wohl mehr mit den Auktionen bei eBay gemeinsam als mit religiösen Glaubenssätzen.

Repetitio mater omnium

Ob es nicht anstrengend sei, immer wieder dieselben Thesen zu verbreiten, fragte der „Südkurier“ angesichts reichlich redundanter Buchtexte sowie perpetuierender TV-Auftritte und Vortragsthemen des Missionars. Der rechtfertigte seine Neigung zu gebetsmühlenartigen Wiederholungen wie folgt:

„Ich will einfach meine Botschaften loswerden. Das sind: Wie können wir Jugendlichen das Glück der Anstrengung und den Nutzen von Disziplin nahe bringen, nehmt die Lehrer ernst, die ganzheitliche Erziehung und so weiter. Lehrer sollen außerdem über ihr Selbstverständnis als „Unterrichter“ und Erzieher nachdenken. Da ist es besser, man trägt immer dasselbe vor als originell sein zu wollen. Allerdings werde ich vielfach für andere Themen gefragt, für die ich Vorträge ausgearbeitet habe. Zum Beispiel über das Aufwachsen im Wohlstand und andere Themen.“

Trotzdem erfolgte der Anstoß zum ersten Buch nicht aufgrund inneren missionarischen Dranges, sondern durch Buebs Freund Frank Schirrmacher (FAZ). Und es bedurfte durchaus noch weiteren Drängens, desjenigen „einer jungen Dame“ (Mitarbeiterin einer Agentur) etwa, die diverse Verlage mit einer Zusammenstellung von Aufsätzen Buebs anfütterte. Hinzu traten die Formulierungshilfen einer „tollen Lektorin“ und insbesondere des Zuspruchs der eigenen Ehefrau, die mit dazu beigetragen habe, den Debütanten nach quälenden Anläufen, die „viel zu philosophisch und zu theoretisch“ gewesen seien, zu erden:

„Die haben gesagt, ich solle konkreter schreiben und mehr Beispiele bringen. Ich habe bewusst auf jeden Hinweis auf Wissenschaft verzichtet, weil ich nur aus meiner Erfahrung sprechen wollte.“

Durch Vermeidung der hier genannten Selbstbeschränkung wäre Bueb allerdings zumindest der autodiagnostischen Verengung seiner Argumentation auf die Probleme einer exklusiven Wohnschule für dekadente Adels- und Großbürgersprösslinge entgangen. So aber und so auch der berechtigte Einwand Güntners in dem bereits zitierten NZZ-Aufsatz, präsentiert Bueb „zum Beweis der Ansicht, dass Strenge stärkt, Ordnung heilt und Disziplin die Leistung steigert, ja erst sie die Begabung eines Menschen zur Meisterschaft führt, [lediglich] Salemer Fallgeschichten.“ Diese seien zwar durchaus überzeugend, erweckten aber leider den Eindruck, „als handle es sich um einen allzu schmalen Kernbestand aus allzu oft zum Besten gegebenen Episoden.“

Des Kaisers neue Kleider

Kein Wunder. Bueb ist zutiefst geprägt von den sich wiederholenden Erfahrungen der eigenen Biographie: Zunächst als (schlechter) Internatsschüler , dann als Protegé Hartmut von Hentigs, schließlich als "unbegabter Lehrer" an der Odenwaldschule und Schulleiter ohne Führungsqualitäten an einer fälschlich "Eliteschule" genannten Sondereinrichtung für reiche Problemkinder - immer wurde er "gefördert", musste sich nie im harten Leistungswettbewerb gegen besser Qualifizierte durchsetzen.

Selbst als Trivialautor, der von der Gegner-, ja Feindschaft der wissenschaftlichen Fachwelt arg gebeutelt wurde (vgl. die "Bueb-Debatte"), erfreute er sich fremder Hilfe, etwa in Form kräftiger Promotion der BILD-Zeitung, die ihn nicht nur zu "Deutschlands strengstem Lehrer" kürte, sondern gleich auch noch zu "einem der führenden Pädagogen des Landes" adelte. Und ganz besonders verstanden fühlt er sich von der breiten Mehrheit der Bevölkerung, während er die "Minderheit der Theoretiker" abkanzelt, seine Bücher nicht richtig gelesen zu haben. Da flüchtet er lieber in die Welt der (philosophischen) Stammtische, wo man sein dumpfes Unbehagen an einer Welt ohne Moral teilt und sich von einfachen Rezepten oder Rettungsphantasien gern faszinieren lässt.

Zu viel Lob macht süchtig. Und falsches Lob führt zur Selbstüberschätzung. Deshalb steigert sich Bueb permanent in die Attitüde des kritischen Beobachters und Aufklärers, ja des Whistleblowers hinein, der von der "höheren Warte" des moralisch Unbestechlichen und pädagogisch Erfahrenen herab das verkündet, was viele denken, aber bisher nicht offen auszusprechen wagten. Gern verwendet er dabei die Metapher von "des Kaisers neuen Kleidern" (siehe sein jüngstes Werk: "Die Macht der Ehrlichen") und stilisiert sich selbst als das Kind des Märchens mit dem gesunden, weil naiven Menschenverstand - "Kindermund tut Wahrheit kund" (auch das könnte eine der aus "Erfahrung" gewonnenen Grundthesen Buebs sein, entspräche aber wohl weniger der Salemer Realität). Das Kind als der "reine Tor" platzt mit dem heraus, was doch eigentlich alle längst hätten sehen müssen. Merkwürdig nur, dass Buebs scharfer Blick für das Evidente in dem Moment versagt, wo auf den "guten Ruf" einer Einrichtung oder eines "Freundes" Rücksicht zu nehmen ist, wie etwa angesichts der bereits erwähnten Missbrauchs-Skandale.

Merke: Die Unterstützung und Förderung in den Netzwerken der Reichen und Einflussreichen haben nun mal ihren Preis. Und der heißt Korpsgeist, was in der Oberschicht (und nicht nur da) wiederum mit Kumpanei zu übersetzen ist. Wer von der Gunst anderer profitieren will, reißt seine Spießgesellen nicht durch deplazierte Redseligkeit oder gar naive Wahrheitsliebe rein. Wir werden hierauf noch im Zusammenhang mit der Transformation bestimmter Teile der NS-Eliten in die bundesrepublikanische Gesellschaft und den erstaunlichen Karrieren so manches "Reformpädagogen" eingehen.

Sehschlitz-Perspektive

Bei seinen Deutungen der Weltgeschichte, der geamtgesellschaftlichen Entwicklung oder dessen, was gerade droht und was demzufolge zu tun sei, um es abzuwenden, bleibt Bueb der lebenslange Internats-Insasse und der Mann aus der pädagogischen Provinz am Bodensee. Er nimmt immer nur gerade den Teil der Wirklichkeit zur Kenntnis, der den Mythos der Schule Schloss Salem, die angeblichen Vorteile einer Internatserziehung als sinnstiftendes Credo des eigenen Wirkens oder die Legende vom taffen Internatsleiter, der die Drogen- und Disziplinprobleme der Schule Schloss Salem vermeintlich gelöst und so sein Haus gut bestellt hinterlassen habe, nicht in Frage stellt.

Der zu bewahrende Mythos der Schule Schloss Salem wird aufgrund der Abhängigkeiten und Rücksichten, die Buebs Handlungsspielräume als Leiter des deutschen Internats mit der höchsten Rolexdichte (Wirtschaftsblatt) immer bestimmt und beschränkt haben, zu einer Art Vorsatzlinse, die nur noch ein bestimmtes Zerrbild der Realität zulässt. Eine Leserbriefschreiberin, die sich im übrigen jede weitere Werbung für Buebs literarisches Werk verbittet, bemerkt in der FAZ:

"Seine Perspektive ist Lichtjahre von der Realität in Deutschland entfernt und ganz offenbar der Sehschlitz-Blick des ehemaligen Leiters einer sog. Eliteschule mit Monatsgebühren von 2.600€."

In der Tat betrachtet Bueb jede tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftspolitische Fehlentwicklung oder drohende Katastrophe vornehmlich unter der Perspektive, ob "bei uns in Salem" bereits das passende Kraut dagegen gewachsen ist (was selbstverständlich immer bejaht werden muss, sonst wäre man ja nicht Salem). "Am Beispiel Salems", heißt es etwa in einem Vortrag Buebs (gehalten anlässlich des 5. Deutschen CFO-Summits am 12./13. September 2007), "will ich exemplarisch zeigen, wie die Antwort der Pädagogik auf den Zerfall der öffentlichen Moral praktisch aussehen kann."

Das erinnert doch frappierend an eine bekannte Arzneimittelwerbung. Gegen jedes Wehwehchen gibt's da was aus dem Hause... Salem! Am Salemer Wesen soll die Welt genesen. Das kann man Deformation professionelle nennen oder auch Selbstüberschätzung und Größenwahn. Letzterer ist in der "Gründungslogik" der Schule Schloss Salem durchaus angelegt. Ihr Spiritus rector Kurt Hahn nämlich war nachweislich ein manisch-depressiver Psychotiker, den sein Biograph Jocelin Winthrop-Young gerade aufgrund dieser Tatsache zur "genialen Persönlichkeit" erklärte. Und wer möchte am Ende nicht mindestens so genial gewesen sein wie sein berühmtester Vorgänger im Amte?

Erkenntnistheorie à la Pippi Langstrumpf

Vor dem geschilderten Hintergrund reduziert sich Buebs erkenntnistheoretisches Fundament kurzerhand auf die Lebensphilosophie einer Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Welt, wie-de-wie-de-wie sie mir gefällt!“ Und folglich verbeißt sich Bueb in den falschen Widerspruch zwischen empirischer Forschung und vorwissenschaftlichem, aber dafür authentischem Erleben bzw. der "eigenen Erfahrung", die er natürlich für den überlegenen Zugang zur Wahrheit hält. Auf die Frage nach der (fehlenden) wissenschaftlichen Begründung seiner Thesen antwortet der Bestsellerautor daher selbstbewusst:

„Also, da denke ich: Warum glaubt man der Wissenschaft mehr als den Erfahrungen eines Menschen? Ich würde sagen, der Erziehungswissenschaft muss man erstmal gar nichts glauben, wenn ihre Erkenntnisse nicht auch durch Erfahrung begründet werden. Empirische Untersuchungen sind letztlich nur statistische Wahrheiten.“

Das ist vermutlich nichts anderes als ein Selbstschutz gegen unangenehme Wahrheiten, die an der eigenen Größenvorstellung bzw. der eigenen Erfolgslegende kratzen könnten. Da meldet sich wieder der "Kümmerer" aus der Oberschicht, aus dem nur etwas geworden ist, weil eine Lehrerin "an ihn geglaubt" und später die reiche Verwandschaft ihm ein Jesuiten-Internat finanziert hat, wo offensichtlich auch Schüler ohne Gymnasialempfehlung aufgenommen und trotz anhaltend schlechter Leistungen bis zum Abitur durchgeschleppt wurden. Bueb ist der ewige "schwache Kandidat", dem dank der Günstlingswirtschaft von Netzwerken, zu denen er irgendwie (und sicherlich nicht ganz zufällig) Zugang gefunden hat, die Wege geebnet wurden.

Der Sprachcode von "Eliteschulen"

Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Was soll da der ganze theoretische Firlefanz mit seinen "statistischen Wahrheiten", wo es doch letztlich nur auf die eine Wahrheit ankommt, die Bueb in einem Aufsatz für die FAZ folgendermaßen formuliert:

"Eliten rekrutieren sich [...] nicht nur aus den Hochbegabten. Ein normal Begabter kann es zu großem Ansehen bringen und führend tätig werden, wenn er [...] durch Vertrauen in die eigenen Kräfte sein Potential vermehrt. [...] Das ist das Geheimnis aller Pädagogik, junge Menschen in ihrer Persönlichkeit so zu stärken, daß sie Mut zu sich selbst finden, an ihre eigene Begabung glauben, überhaupt an sich glauben und dieser Glaube, dieses Gefühl, etwas zu können und etwas bewegen zu können, sie über sich hinauswachsen läßt und zu Taten befähigt, die einem Begabteren, der nicht an sich glaubt, nicht möglich wären."

Was hier so quasi-lernpsychologisch daher kommt, ist in Wahrheit der Sprachcode für das Geschäftsmodell reformpädagogischer "Elite-Internate". Die finden nämlich garantiert eine Begabung, an die das Kind glauben und dann über sich hinauswachsen kann. Denn die Eltern haben schließlich gegen gutes Geld eine "bessere Schule" eingekauft. Und die "bessere Schule" ist immer die, in der das Kind die besseren Noten bekommt. Und wehe, die "motivierteren" Lehrkräfte (beliebtes Codewort für die Korrumpierbarkeit der jederzeit kündbaren Pädagogen eines Privatinstituts!), erkennen nicht, was von ihnen erwartet wird. Die NZZ schreibt unter dem Titel "Anspruch und Realität der Besten":

"Die Gefahr solcher deklarierten Eliteschulen ist, dass es nicht primär um Begabungen und Fähigkeiten geht, sondern um das Heranbilden eines elitären Selbstverständnisses. Sie sind darauf spezialisiert, durchschnittlich begabten Jugendlichen ein überhöhtes Selbstwertgefühl zu vermitteln. Wenn der Schulbesuch mit hohen Schulgeldern und speziellen Aufnahmebedingungen verbunden ist, dann wird der Elternschaft ausserdem Exklusivität kommuniziert. Für die Lehrpersonen wird es schwierig, wenn sie diesen Auftrag nicht annehmen und das Verhalten und das Leistungsprofil der Schüler zu sehr hinterfragen. Ihre Existenz wird bedroht, und sie verlieren vielleicht wegen eines kritischen Vaters und Sponsors ihre Stelle."

Und wenn das Oberstübchen chronisch unterbelichtet ist, gibt es immer noch Ersatzqualifikationen, mit denen der spätere Aufstieg in Führungspositionen ebenfalls gerechtfertigt werden kann. Die Spezialität der Schule Schloss Salem nennt sich "Charakterbildung", mit deren Hilfe man - zum Beispiel durch Übernahme von Ämtern (freiwillig) und die Ableistung sozialer Dienste (verpflichtend) in die so genannte "Verantwortungselite" aufsteigen kann. Hinzu kommen "Herausforderungen" wie Bergbesteigungen und andere Outdoor-Quälereien; sozusagen "Charakterbuilding" im erlebnispädagogischen Fitness-Studio zwecks des Erwerbs von "Leadership"- Qualitäten.

Das mit den Führungspositionen funktioniert im Regelfall allerdings nur "with a little help from my friends" (man nennt das auch "Vitamin B") bzw. wenn bereits ein "Background" (= ausreichendes Vermögen) vorhanden ist und der Chefsessel im heimatlichen Familienbetrieb eventuell schon warm gehalten wird.

Aber solche "statistischen Wahrheiten", die z.B. den Zusammenhang zwischen der sozialer Herkunft und den Zugangschancen zu Elitepositionen empirisch nachweisen könnten - man denke etwa an die Studie "Der Mythos von den Leistungseliten" des Soziologen Michael Hartmann - möchte Bueb besser nicht reflektieren. Da berichtet er lieber von erlebter Protektion im Namen des Herrn und nährt den Privatschul-Mythos von der Entfesselung (vermutlich oft gar nicht vorhandener) Fähigkeiten des Schülers durch "geniale" Pädagogen, die in ihren Schützlingen den "Glauben an sich selbst" zu wecken verstehen (will sagen: es fertig bringen, bestenfalls mittelmäßigen Oberschicht-Schnöseln ein falsches Selbstwertgefühl einzureden). Ruckedigu, plus est en vous, Gebrüder Grimm featuring Kurt Hahn. Aber wie wissenschaftsgläubig beruft sich ein Bernhard Bueb pötzlich dann doch auf Empirie und Statistik, wenn es zum Beispiel darum geht, das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in Internaten zu "relativieren"!

Formale Ausbildungsmängel

Haben "empirische Untersuchungen" eigentlich nichts mit Erfahrung zu tun? Was heißt denn "empirisch"? Und bedarf nicht jede Erfahrung, die als Tatsache Geltung beansprucht, einer Objektivierung durch qualitative Methoden? Gilt als Erfahrungstatsache etwa nur das, was im Kreis der eigenen Anhängerschaft für wahr gehalten wird? Wie kommt Bueb auf einen derartigen Unfug?

Ein Erklärungsversuch: Er hat nie gelernt, dass man in der pädagogischen Praxis Erlebtes und Erfahrenes durchaus wissenschaftlich aufbereiten und damit "objektivieren" kann. Denn eine erziehungswissenschaftliche Ausbildung, ein fachdidaktisch ausgerichtetes Lehramtsstudium oder ein Referendariat als zweite praxisorientierte Ausbildungs-phase hat er nie absolviert und brauchte sie nach eigener Überzeugung wohl auch gar nicht, weil er dem eigenen Erleben den höchsten Erkenntniswert zubilligt (vgl. obige Zitate). Und das subjektiv Erlebte und nur von ihm selbst auf seinen Wahrheitsgehalt Geprüfte wird dann - hier ist er (leider) ganz Theologe - zum anekdotenhaften Gleichnis, das der "Gemeinde", den Gläubigen, den Anhängern nur erzählt werden muss, um sie in der gemeinsamen Glaubensgewissheit zu stärken.

Gewisse formale Ausbildungsmängel weist der Züricher Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers - nicht ohne eine dezente Süffisanz - übrigens auch Hartmut von Hentig nach, dessen Hochschulassistent Bueb war, erst gar nicht zu reden von Buebs charismatischem Schulleiter an der Odenwaldschule, dem wegen inflationären sexuellen Missbrauchs heute verfemten Gerold Becker.

Unter Netzwerkern und Strippenziehern

Sie alle waren mehr oder weniger Quereinsteiger und machten - dank dubioser Beziehungsnetzwerke (z.B. des sektenartig strukturierten und noch weit in die Nachkriegszeit hinein wirksamen "George-Kreises", dem u.a. der ehemalige preussische Kultusminister Carl Heinrich Becker, dessen Sohn Hellmut Becker oder die Brüder Stauffenberg angehörten und von dessen Gedankengut auch Mitglieder der Familien von Weizsäcker und Picht beeinflusst waren) - erstaunliche Karrieren.

Georg Picht, einst Schüler und in den frühen Jahren der Bundesrepublik der Leiter der Salemer Nebengründung Birklehof, erlangte durch sein Buch "Die Deutsche Bildungskatastrophe" maßgeblichen Einfluss auf die bundesdeutsche Bildungspolitik.

Der Rechtsanwalt Hellmut Becker, ein hochtalentierter Strippenzieher und Netzwerker, hatte 1947 Ernst von Weizsäcker, den Vater des späteren Bundespräsidenten, sowie andere Nazi-Größen im sog. Wilhelmstraßenprozess verteidigt. Hier deuten sich karrierefördernde Querverbindungen zu wichtigen Akteuren jenes Transformationsprozesses an, der den Seilschaften des Auswärtigem Amts und der NS-Geheimdienste nach dem Zusammenbruch des NS-Staats die Fortsetzung ihrer Karrieren ermöglichte. Dies geschah vor allem durch Verbreitung des Mythos, der Diplomatische Dienst sei ein Hort des Widerstandes gewesen (=> Claus Schenk Graf Stauffenberg), was der Selbstentlastung und damit dem Nachweis einer weiteren Verwendungsfähigkeit in der noch jungen Bundesrepublik diente (vgl. Prof. Eckart Conze u.a.: Das Amt und die Vergangenheit). Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum verwunderlich, dass Hellmut Becker "ohne Doktortitel [und] ohne einschlägige wissenschaftliche Publikation" (DIE ZEIT) zum Professor und Leiter des extra für ihn geschaffenen Berliner "Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung" aufstieg.

Die Weisheit des Ungelernten und der Glaube an sich selbst

Buebs „Qualifikation“ als Lehrer und Schulleiter beruht auf einem „Hineinschnuppern“ in den Betrieb der durch Hartmut von Hentig gegründeten Bielefelder Laborschule (die eine aus Steuergeld finanzierte Morgengabe der Universität Bielefeld zu von Hentigs Lehrstuhl darstellte) sowie einer zweijährigen Dienstzeit als ungelernter Lehrer und Gruppenerzieher im pädokriminellen Milieu der Odenwaldschule, das Bueb nicht durchschaut, dessen Desorganisation er aber mannhaft bekämpft haben will. Sein Wirken als Lehrer und Erzieher an der "OSO" beschreibt Bueb selbst im Gespräch mit dem SPIEGEL als reines Fiasko:

"Die Kinder machten, was sie wollten, und ich fuchtelte vorn an der Tafel. Wunderbar. Ich hatte ja kein Referendariat gemacht; als reiner Theoretiker lebte ich pädagogisch dauernd über meine Verhältnisse. Aber ich wollte ja die Praxis kennenlernen. Natürlich erwartete ich überhaupt nicht zu scheitern. Ich trat als König auf aus der großen Universität Bielefeld mit all ihren aufgeklärten Botschaften. Und dann ging es so schief! 25 Acht- und Neuntklässler, schrecklich. Ich war die Karikatur eines Lehrers."

Doch am Ende seines "Praktikums" an der OSO im Jahr 1974 sah die "Karikatur eines Lehrers" sich offensichtlich in seinem Glauben an die eigenen Fähigkeiten derart gestärkt, dass er sich – gerade 36-jährig – direkt auf die damals nur kommissarisch besetzte Leiterstelle in Deutschlands berühmtestem Internat bewarb.

„Bernhard Bueb war nie ein guter Lehrer“, liest man auf einer Webseite des Goethe-Instituts. „Zu rational und leidenschaftslos sei er immer gewesen, sagt der 69-jährige katholische Pädagoge im Gespräch – und lacht. „Zum guten Lehrer fehlte mir ein bisschen der Theatermann.“ Und bevor man meinen könnte, dass Bueb allzu bescheiden sei, fügt er hinzu: „Als Schulleiter war ich deutlich besser.“

War er das? „Meine größte Schwäche“, erklärt er im Interview mit dem Südkurier, „war beruflich gesehen nicht Courage genug gehabt zu haben, viel von den Menschen zu fordern. Ich war zu behutsam im Umgang mit anderen. Mir fehlte eine Art innere Konsequenz. Auch im Umgang mit den eigenen Kindern und mit Freunden. Ich bin immer zu freundlich. Man soll ja nicht unfreundlich sein, aber ganz klar den Menschen etwas abfordern, ehrlich sein, mutig sein. Wenn ich nochmal Schulleiter wäre, würde ich an dem Punkt am meisten an mir arbeiten.“

Da scheint doch die große Leistung Buebs als knallharter Sanierer des Salemer „Trümmerhaufens“ von 1974 (Der SPIEGEL) mehr als fraglich. Schein oder Sein? Mythos oder Realität? Das nachfolgende Zitat des Goethe-Instituts beschreibt wohl lediglich einen Versuch, als Pensionär noch an der eigenen Legende zu stricken:

„Sein Selbstbewusstsein verdankt Bueb seiner Zeit am Elite-Internat Schloss Salem. Bis 2005 führte er die Schule […] über 30 Jahre lang. Nach Autoritäts- und Leistungsproblemen in seiner Anfangszeit machte Bueb Schloss Salem mit strenger Hand zu einer deutschlandweit viel beachteten Lehranstalt. Dabei blieben einige Maßnahmen, darunter Alkohol- und Drogentests für Schüler, auch unter den Lehrern des Internats umstritten.“

Spricht da der sprichwörtliche Bock mit der Gärtnerschürze über die Gartenpflege, ein Frosch als selbst ernannter Fachmann für die Kultivierung von Sumpfgebieten? Versucht da am Ende einer, uns die Böcke, die er selbst geschossen hat, auch noch als Bären aufzubinden?

Wann je hätte Bernhard Bueb denn seinen Forderungen nach strenger Disziplinierung der Schüler, straffer Führung der Lehrkräfte oder „feurigem“ (ein Lieblings-Umstandswort Buebs) Eintreten für den Sieg der Ehrlichkeit (siehe sein letztes Buch „Die Macht der Ehrlichen“!) während seiner Salemer Leitertätigkeit selbst entsprochen? Nein, seine hier beschriebenen "Maßnahmen" blieben nicht nur „umstritten“, sie blieben weitgehend wirkungslos! Und seine gegenteiligen Behauptungen entlarven Bueb als einen, der es mit der Wahrheit offensichtlich nicht so genau nimmt.

Basteln an der eigenen Legende

Nehmen wir nur einmal Buebs Kampf gegen den Salemer Drogensumpf. Hierzu erklärt er gegenüber „Deutschlandradio“:

„Die Schüler an einer Schule wie Salem nehmen ja nicht Drogen, weil sie irgendwie psychisch krank sind, sondern aus Sport oder weil es Mode ist oder so was. Und wir haben bis vor zehn Jahren versucht, über Einsicht und über alle möglichen anderen Mittel, die Schüler davon abzubringen. Es ist nicht gelungen. Dann haben wir von einem Tag auf den anderen eingeführt, dass Urinproben gemacht werden - morgens um halb sieben müssen sie eine Urinprobe abgeben, nach Losverfahren werden sie bestimmt - und wer positiv gewertet wird, muss sofort die Schule verlassen. Von Stund an war das Problem gelöst. Sie haben sich ausgerechnet: Lohnt sich das, Drogen zu nehmen, setze ich meine Existenz in Salem aufs Spiel. Lohnt sich nicht, lasse ich es also. Und ja, noch ein wunderbarer Effekt: Bis dahin haben die Erwachsenen immer vermutet: Der nimmt Drogen, der hat große Pupillen, der arbeitet nicht, der hascht sicher. Der Junge konnte sich nicht dagegen wehren. Und das war schon der Keil grundsätzlich zwischen Erwachsenen und Schülern geschlagen. Und dieses hat nun aufgehört. Es ist kein Grund mehr zu misstrauen. Technische Lösung eines moralischen Problems.“

Wenn das so einfach wäre! Wer sich mit Internaten und dem schier aussichtslosen Kampf gegen die Überflutung des Marktes mit immer neuen Designerdrogen, gegen die Urintests natürlich nichts ausrichten, weil man sie nicht kennt, nicht nachweisen kann und ihre gefährliche Wirkung noch nicht einmal festgestellt wurde, auch nur ein wenig auskennt, erschaudert vor so viel Naivität und falscher Selbstgewissheit. Und Bueb bleibt in jeder Situation absolut tatsachenresistent. Als der Gangsta-Rapper Bushido („Ich kenne einige Damen aus Salem!“) den Mann aus der pädagogischen Provinz „bei Maischberger“ damit konfrontierte, dass Salemer Eleven unter erheblichem Druck ihrer erfolgsorientierten Oberschicht-Eltern stünden, von daher keineswegs nur Spaßkonsumenten von Alkohol und illegalen Drogen seien und drei Stichproben am Tag wohl kaum ein großes Entdeckungsrisiko darstellten, erfolgte eine sehr typische Reaktion: Die entlarvenden Gesprächspassagen wurden im Aufzeichnungsmaterial der Sendung gelöscht.

Und wie stand es ansonsten um die „strenge Hand“ gegenüber den Schülern und die straffe Führung gegenüber den Mitarbeitern?

Wo man hinsieht – nur Zeugnisse von Desorganisation, Laissez-faire und Disziplinlosigkeit. Unter dem Titel „Unser Lehrer Dr. Bueb“ veröffentlichte die ZEIT im September 2006 einige Schüler-Reminiszenzen. Beispiele:

„Herrn Buebhabe ich die meiste Zeit aus der Ferne erlebt; er war eine graue Eminenz. Nur als ich zum Schulsprecher gewählt wurde, hatten wir ein Problem miteinander. Jemand wie ich könne nicht Schulsprecher werden, sagte er, mit meinen andauernden Regelverstößen sei ich kein Vorbild. Ich habe damals heimlich geraucht, häufig die Schule geschwänzt, das Schulgelände nachts verlassen, Schulbusse »ausgeliehen«. Obwohl eine große Mehrheit der Schüler mich wählte, habe ich dann das Amt nicht angenommen – eine »diplomatische Lösung«.“

„Im Jahr 2001 hatten wir als Schüler den Eindruck, dass die alten Werte, die wir schätzten, ein wenig verloren gingen. Die Ausbildung wurde mehr und mehr verweichlicht. Viele neue Schüler haben von Anstand und Disziplin wenig mitbekommen. Wir haben uns dagegen aufgelehnt, haben deutsche Fahnen gehisst und uns bewusst zu alten Traditionen und Werten bekannt. Es war eine Gegenbewegung zur antiautoritären Erziehung. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Disziplin von der Schule vorgegeben wird. Ich bin mir sicher, dass alles viel strenger wäre, wenn die Schüler das Sagen hätten.“

„Traf man Herrn Bueb auf dem Flur, sollte man nicht »hallo« wie zu jedem anderen Lehrer sagen, sondern »Guten Tag, Herr Doktor Bueb«. So solle man mit allen Erwachsenen umgehen. Bei ihm haben wir uns daran gehalten, aber bei den anderen Lehrern weichte diese Distanz irgendwann auf. Auch die anderen Regeln habe ich nie als störend empfunden. Natürlich durfte man abends nicht einfach das Haus verlassen. Aber das heißt ja nicht, dass man es nicht getan hat.“

„Ich fand Salem schrecklich. Es war eine irgendwie hohle Disziplin. Der ganze Tag war strukturiert, aber der eigentliche Unterricht war chaotisch. Es gab wenig Hausaufgaben. Die Oberstufe gefiel mir besser, weil man näher an einer Stadt gewohnt hat und alles viel wohnlicher war. Aber dort haben viele Schule geschwänzt. Ich bin am Ende nur noch in jede zweite Stunde gegangen. Daran waren die Lehrer aber auch selbst Schuld. Oft wurde in den Stunden Kaffee getrunken oder man wurde in die Bibliothek geschickt. Die Lehrer waren eigentlich schon alle sehr engagiert, aber sie haben in Salem wohl so viel zu tun, dass sie den Unterricht nicht mehr richtig vorbereiten können. Es ging eigentlich die ganze Zeit nur um Party und saufen. […] Es war eigentlich nicht so, dass die Lehrer so streng waren. Weil in der Mittelstufe ein so strikter Tagesplan ist, wird man immer gehetzt und die Schüler treiben sich gegenseitig. Es ist dann auch oft wenig Verständnis da. Das liegt wohl daran, dass sie sich selbst auch an diese Regeln halten müssen.“

Es gehört zu den merkwürdigen Wirkungen von Internaten als totalen Institutionen, dass selbst diejenigen, für die der Aufenthalt eine harte Leidenszeit bedeutete, die Internatsjahre nachträglich verklären. Man nennt das Erinnerungsoptimismus, könnte aber auch von Gehirnwäsche sprechen. Hinzu kommt eine Art Sucht nach Kontakt mit jungen Menschen, die Bueb einst als jugendliche „Gesellungssucht“ brandmarkte. Doch nun plagt auch den Pensionär nostalgische Wehmut, weil er „nicht mehr täglich mit den Jugendlichen zusammen sein darf“ (Südkurier):

„Hier vor meinem Haus kommen immer die jungen Leute von der Jugendherberge in großen Scharen vorbei. Dann fühle ich mich immer an Salem erinnert.“

Tri tra trullala, ich bin euer Herbergsvater

Mediale Selbstvermarktung

Doch Bueb hat Ersatzbefriedigung gefunden. Jedesmal, wenn er eines seiner Buechlein zur Welt gebracht hat, beginnt sein Tingeln durch alle Quatsch-mich-tot-Formate von Funk und Fernsehen. Hinzu kommen Interviews im gehobenen Print sowie Lesungen und Auftritte zu allen erdenklichen Anlässen. Irgendwie erinnert das ganze Spektakel an Tupperpartys, treffen sich doch bei den durch Product Placement und Schleichwerbung berüchtigten öffentlich-rechtlichen Sendern zumeist nur Talkgäste, die irgendetwas zu promoten haben. Da darf natürlich Adabei Bueb niemals fehlen.

Bestes Beispiel: Günther Jauchs Nach-Wahlkampf-Talk am Sonntagabend des 06.10.2013. Thema: „Deutschland auf Stand-by. Wie läuft das Spiel um die Macht?“

Gab’s dazu nicht auch was von Ratiof..., pardon, von Bernhard Bueb? Irgendwas mit Macht oder so? Richtiiiig! Da war doch gerade „Die Macht der Ehrlichen – Eine Provokation“ erschienen. Aber wie nun – Jauch und Bueb kannten sich bereits gut aus anderen Schwafelrunden - dieses Bueben-Stück für das Format passend machen? Der Kölner Stadtanzeiger berichtet:

„Günther Jauch hatte eingeladen und ließ seine Gäste (wieder einmal) viel heiße Luft ins weite Rund des Berliner Gasometers verströmen. Die Sondierung, dieses „große Strategiespiel um die Macht“ wurde flankiert von einer Mischung aus politischen Binsenweisheiten, larmoyantem Politik-Bashing und „Ich erzähl mal, wie’s früher war“- nämlich genauso. […]

Bueb als Oberlehrer

Dies war der Moment des Bernhard Bueb. Der Philosoph, Theologe und Pädagoge leitete bis 2005 das Internat Schloss Salem am Bodensee, in diesem Jahr veröffentlichte er sein Buch „Die Macht der Ehrlichen." Bueb nun wünscht sich, dass bei allem Taktieren und Machtgeplänkel die Ehrlichkeit nicht auf der Strecke bleibt. Als Seismographen für das fehlende Vertrauen des „nachdenkenden Bürgers“ in die Politik sieht er die „Harte Schärfe des Kabaretts“. Hoppla, dachte man: Nachdenken, Kabarett!

Bueb hatte in der vergangenen Woche zur Vorbereitung auf die Talkshow bei Jauch „Neues aus der Anstalt“ und die „heute-show“ geguckt. Dass das nun beides Beiträge aus dem ZDF sind, könnte ARD-Jauch unter Umständen ärgern. Noch schwieriger allerdings ist die Vorstellung, dass der absolut humorfrei wirkende Bueb sich zu später Stunde die öffentlich-rechtlichen Humoristen zu Gemüte führen musste. Ob er gelacht hat? Und Altmaier kalauerte auch direkt dagegen. „Politik wird nicht im Kabarett, sondern im Kabinett gemacht“.

Aber es fehlten noch ein paar markige Sprüche, durch die sich Bueb als in Deutschland international renommierte moralische Instanz profilieren konnte.

"Der Großteil der Politiker ist heute nicht mehr ehrlich", behauptet Bueb mit schneidender Stimme und versucht einen hierzu passenden stählernen Blick in die Runde. Und betont unkonventionell postuliert er, dass es ein „Glücksfall“ wäre, „wenn keine Große Koalition zustande käme". Denn dann würde sich „eine neue Streitkultur entwickeln“ und „wieder mehr Ehrlichkeit in die Bundestagsdebatten“ einziehen. Und dann setzt der Philosoph und Theologe noch eine durch nichts plausible fachfremde politologische Bombenthese in die Welt: "Am besten wäre eine Minderheitenregierung, dann müsste Frau Merkel endlich sagen, was sie will."

Was erlaube Büb? Wann endlich dreht er den Spiegel, den er anderen vorhalten zu dürfen glaubt, einmal richtig herum? Er könnte – und sei es nur im Rückspiegel – mal einen Blick auf die große Tradition der in Salem gepflegten Tugenden werfen. Sein großes Idol Hartmut von Hentig hat dazu schon vor vielen Jahren [vgl. ders.: "Kurt Hahn und die Pädagogik". In: Röhrs, H. (Hrsg.): Bildung als Wagnis und Bewährung. Heidelberg, 1966, S. 41-82] festgestellt:

"Die Schule hat Regeln, von denen sie weiß, dass sie nicht gehalten werden; die Schüler wissen, dass die Schule das weiß, und übertreten sie; die einen haben sich mit der Regel, die anderen mit der Übertretung abgefunden - und fahren gut dabei. Ist es das, was Kurt Hahn will? Warum muss just in der Pädagogik so viel gelogen und kaschiert werden?"

Eine Kurzversion dieser Einschätzung vermittelte die Salemer Ehemalige Ariane Sommer in der WDR-Talk-Sendung "B(öttinger): trifft..." vom 08.02.2002 , in der als weiterer Gast sinnigerweise der Hochstapler Gerd Postel auftrat, der jahrelang als falscher Chefarzt einer psychiatrischen Klinik sein Unwesen getrieben hatte. Sommer, die übrigens schon Jahre vor ihrem einstigen Schulleiter durch Bücherschreiben, tiefsinnige Interviews, TV-Aufklärung und Gespräche über Ethik, Moral und politische Zusammenhänge auf sich aufmerksam machte, über ihre Salemer Schulzeit:

„Man durfte alles machen, man durfte sich nur nicht erwischen lassen!"

*) Buebs Bildsprache zeigt, dass er von Handwerksberufen reichlich wenig versteht!
20:42 06.11.2013
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