Ulrich Lange
17.10.2013 | 20:04 9

Schule Schloss Salem: "Finsterworld"

Elite-Internate | Eine Jugend in der Schule Schloss Salem traumatisiert. Das beweisen einmal mehr der Episodenfilm "Finsterworld" und das Gesamtwerk von Drehbuch-Autor Christian Kracht

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Ulrich Lange

"Was ist anders in der Schule der deutschen Elite?", betitelte WELT-Autor Marc Reichwein seinen Hospitationsbericht über eine Woche Deutschunterricht an der Schule Schloss Salem im Oktober 2011 . Die Ergebnisse seiner Vergleichsstudie in der Welt der Reichen und Schönen, die in der "Welt am Sonntag" textgleich unter der Überschrift "Deutschstunde" veröffentlicht wurde, förderten zwar kaum profunde Erkenntnisse zu Tage. Doch fand er bei näherer Bekanntschaft mit dieser "Bildungsstätte der Menschen, die sich 2700 Euro Schulgeld leisten können" und dennoch - der sozialen Exklusivität wegen - an dem "Flair einer teilsanierten Jugendherberge" kaum Anstoß nehmen, immerhin heraus, dass sich der Eliteanspruch des Instituts weniger auf eine anspruchsvolle Schülerauswahl gründe als auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der Schülereltern. Denn bei Besichtigung der vom Lehrerkollegium selbstironisch "Hall of Fame" genannten Galerie berühmter Altsalemer fanden sich unter den jüngeren Absolventenjahrgängen bestenfalls Zelebritäten wie das It-Girl Ariane Sommer oder der Rapper Patrice. Letzterer war als Stipendiat nicht gerade ein leuchtendes Vorbild. Nachdem er sein Bett angezündet hatte, wurde er zeitweise des Schlosses verwiesen. Früher dagegen, so trauert Reichwein dem verblassenden Schulmythos einer vermeintlich ruhmreicheren Vergangenheit nach, "bildete Salem den Prinzgemahl von England, Sophia von Griechenland oder Elisabeth Noelle-Neumann aus."

Selbst dieser verklärte Blick in die Historie der Salemer Elitebildung relativiert sich übrigens bei distanzierter Betrachtung alsbald: Der "gern gebrauchte Begriff 'Prominenteninternat'" sei irreführend, kritisierte bereits vor Jahrzehnten der Altsalemer und heutige Schulvorstand Robert Leicht in der ZEIT. Denn "von den heute einigermaßen prominenten Absolventen der Kriegs- und Vorkriegszeit" hätten "die meisten nur ein, zwei Trimester auf der Schülerliste" gestanden. Und das ist eindeutig zu wenig, um sich in späteren Jahren einer besonderen Prägung durch das Salemer Body- und Charakterbuilding berühmen zu können.

Am Ende entdeckt Reichwein unter den Abgängern der letzten Jahrzehnte doch noch einen "exklusiven Vertreter der Hochkultur", den Schriftsteller Christian Kracht ("Faserland", "Imperium"), der "die Mittelstufe im Internat Salem verbracht" hat und dessen Œuvre in Teilen wie eine Schreibtherapie zur Bewältigung einer traumatisierenden Schulzeit am Bodensee wirkt.

Dies gilt auch für das Drehbuch zu dem jüngst mit reichlich Vor- schusslorbeeren gestarteten Episodenfilm "Finsterworld" von Ehefrau Frauke Finsterwalder, für das Kracht als Co-Autor verantwortlich zeichnet. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntags- zeitung, das der Nachrichtensender N24 aufbereitete, berichtet der jungenhaft wirkende 46-Jährige, als Internatsschüler in einer ähnlichen Situation gewesen zu sein wie der Lehrer Nickel im Film, laut Kracht die einzige "moralisch intakte Figur". Um ein Haar hätte er das Schicksal seines Film-Protagonisten geteilt und "ein Vergehen zugegeben, das er gar nicht begangen hatte." Während der fiktive Geschichtslehrer ein Mädchen rette und zu Unrecht als Vergewaltiger bezichtigt werde, sei Kracht "als Schüler im renommierten Internat Salem" ein "aus dem Ruder gelaufener Streich" angelastet worden. Man habe ihn verdächtigt, als "Hydromane" eine Wohnetage des Internats geflutet zu haben.

Und N24 lässt den Internatsgeschädigten weiter berichten:

"Der Hydromane war jemand, der hat alles unter Wasser gesetzt. Im obersten Stockwerk der Salemer Gebäude hat er also die Duschen abgedeckt, mir irgendwelchen Lappen, dann alle Wasserhähne aufgedreht, die Toiletten verstopft und ist dann rausgerannt", erinnert sich Kracht. Der entstandene Schaden sei immens gewesen - und ausgerechnet er habe als einziger kein Alibi gehabt.

In einem stundenlangen Gespräch habe ihn der Schulleiter1) auf- gefordert, das Vergehen zuzugeben, um das Schlimmste abzu- wenden - "bis ich irgendwann gedacht habe, ich sei es wirklich gewesen". Hier zieht Kracht die Parallele zum Film: "Und das ist, glaube ich, im Film der Moment, in dem der Lehrer Nickel ent- kräftet nach hinten sinkt und denkt: 'Ja gut, ich war es eben'."

Eine weitere Besprechung von "Finsterworld" zeigt ebenfalls Parallelen zur Salemer Parallelwelt auf. Kracht und Finsterwalder zeichneten "das Bild einer kranken Gesellschaft", die ihrer selbst überdrüssig geworden sei, lautet die Interpretation der Seite "Filmfest München". Als Beispiel dient die Episode der Studienfahrt einer "Gruppe zynisch-abgebrühter, reicher Internatsschüler" in ein KZ, die während ihrer Besichtigungstour "nur derbe Späße und gegenseitiges Mobbing im Sinn" hätten. "Finsterworld" beschreibe ein scheinbar "aus der Zeit gefallenes Deutschland", in dem immer die Sonne scheine, Kinder Schuluniformen und Polizisten Bärenkostüme trügen und Fußpfleger alten Damen Kekse schenkten. Doch "hinter der Schönheit dieser Parallelwelt" lauere der Abgrund.

Abgründiges aus der von einer eigenen PR- Abteilung künstlich geschönten Welt der Schule Schloss Salem, die unter ihrem manisch-depressiven und psychotischen Spiritus rector Kurt Hahn seit Eröffnung im Jahr 1920 binnen weniger Jahre zur ersten Adresse für dekadente Adels- und Großbürgersprösslinge aus dem In- und Ausland2) wurde, bricht infolge der archaischen Widersprüche, die laut einem Bericht des Altsalemers Jochen Senf ("Hinter goldenen Gittern", Tagesspiegel vom 08.02.2005) "nur so aufeinander krach[t]en", immer wieder auf und gelangt zum Verdruss der Salemer Werbestrategen durch Kulturschaffende jeglicher Couleur - Wissenschaftler wie Journalisten, Drehbuchautoren wie Filmregisseure oder Musiker, Profis wie Amateure, Insider wie Außenstehende - auch häufig ans Licht der Öffentlichkeit.

So wurde Kurt Hahn, selbst Spross aus großbürgerlich-jüdischer Fabrikantenfamilie, den der Salemer Schulmythos zum Wahrheitsfanatiker und tugendsamen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus hochstilisierte, durch die historische Forschung (siehe Ruprecht Poensgen: Die Schule Schloss Salem im Dritten Reich) als charakterloser Opportunist geoutet. Denn er hatte seinen Schülern 1934 "ohne Zögern" den Rat gegeben, nicht abseits zu stehen und der SA und SS beizutreten , weil er noch hoffte, dank seiner vielfältigen Verbindungen von den braunen Machthabern als "guter Hofjude" geduldet und in seiner Funktion als Gesamtleiter Salems belassen zu werden. Nicht viel besser erging es dem Salemer Schulpatron Max von Baden, den historische Quellen als Antisemiten und Rassisten ausweisen.

Eine preisgekrönte Reportage der Illustrierten "stern" vom 30. August 2001 präsentierte mit den "Rebellen von Schloss Salem" eine neokonservative Schülertruppe, die kurz nach Eröffnung des als Jahrhundertprojekt gefeierten "Salem International College" ihre um einen "internationalen Geist" bemühte Schulleitung düpiert hatte, indem sie ihre ausländischen Mitschüler terrorisierte. Damals fiel der böse Satz: "Man sollte euch verbrennen wie Hitler die Juden."

Von "rechten Gespenstern im Schloss" berichteten die Medien damals. Das als "teuerster privater Schulneubau Deutschlands" auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Überlingen-Aufkirch errichtete und vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau als "ein neuer Abschnitt in der Geschichte [...] des privaten Schulwesens in Deutschland" feierlich eröffnete Prestigeprojekt ist inzwischen gescheitert und einer Anschlussverwendung zugeführt, während im gerade hundert Kilometer entfernten Freiburg ein Quasi-Zwilling des SIC, das erste deutsche "United-World-College", seiner Einweihung entgegen sieht.

Einige Jahre später (2007) enthüllte die deutsche Ausgabe von "Vanity Fair" pikante Details aus dem Salemer Internatsleben: Vom "Stalingradsaufen" in Opas Wehrmachtsuniform war da die Rede und vom Geschlechtsverkehr im Beichtgestühl des Salemer Münsters. Bereits kurz nach Erscheinen verschwand die gesamte Restauflage des Gesellschafts-Magazins aus dem Zeitschriftenhandel und den Archiven.

Auf "youtube" ist seit Februar 2011 auch ein musikalisches Zeugnis (Salem-Song) abgründigen Internatslebens aus Schülerperspektive eingestellt. Textprobe:

Cola-Regel lächerlich / wie krass, dass man / durch "milkyway" ein Gangster ist / Sani-Dienst, Feuerwehr, Polo-Hemd, Tommyshirt / wenn Saufen nicht so teuer wär / Ausgestiegen, Alk-Verbot, 16 Jahre Raucherpass / kein Wunder, wenn du davon / später noch ein Trauma hast / Freibier, Freibier / der Erste ist schon klinisch tot / Mädchenbau abgeschlossen / geht man halt die Leiter hoch...

Die Abgebrühten in Internatsuniformen, die Finsterwalders "Finsterworld" bevölkern, lassen spontan auch an ARD-Tatort Folge 723 mit dem Titel "Herz aus Eis" denken. Diese spielt eigentlich in dem fiktiven Nobel-Institut "Schloss Hamberg" (im Original das Droste-Hülshoff-Gymnasium in Meersburg). Doch angesichts des kaltschneuzigen Schüler-Duos, das einen Mitschüler und Mitwisser im Lehrschwimmbecken ertränkt, um sein mit dem Geld eines drogenlabilen russischen Milliadärs-Töchterleins finanziertes Insider-Geschäft an der Börse zu vertuschen, tippten viele Zuschauer auf die Schule Schloss Salem als insinuiertes Tatort-Milieu.

Tatsächlich hatte Drehbuchautorin Dorothee Schön den Plot für die Konstanzer Tatort-Folge an der Schule Schloss Salem recherchiert - unter dem Vorwand, ihren Sohn dort anmelden zu wollen.

Die "taz" nannte den TV-Krimi in einer Rezension gar einen "Abgesang auf den Karrierismus". "Taz"-Schreiber Christian Buss ätzte: "Bernhard Bueb, Verfasser der Bildungsstreitschrift 'Lob der Disziplin' und bis 2005 Schulleiter des Eliteinternats Salem, würde wahrscheinlich wohlwollend nicken zu dieser Kombination von Konsequenz und Kompetenz. So muss er beschaffen sein, der Führungsnachwuchs."

Und so ist er vermutlich sogar beschaffen, wenn auch vielleicht nicht mit ganz so offensichtlicher krimineller Energie. So erzählt das Mittelstands-Magazin "Wirtschaftsblatt" unter dem Titel "Salem: Verbindungen fürs Leben" die nachfolgende Geschichte , die auch Kracht und Finsterwalder sich nicht schöner hätten ausdenken können:

"Georg, Spross einer alteingesessenen schwäbischen Unterneh- merfamilie, war zwölf Jahre alt, als sie sich kennenlernten. Kolja, ein Jahr älter, stammte aus einer nach der Wende wohlhabend gewordenen russischen Familie, die sich kulturell und wirtschaftlich nach Westeuropa orientierte. Heute ist Kolja Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens, für das Georg im Gesellschafterkreis die Familieninteressen vertritt. Dazwischen lag – Salem."

So etwas reicht wahrscheinlich nicht einmal für den Anfangsverdacht der Geldwäsche. Doch präsentiert sich die Schule Schloss Salem hier gezielt als Einfallstor für Transformationsgewinnler und dubiosen Kapitalzufluss aus Putins lupenreiner Demokratie, womit der von Honoré de Balzac geäußerte Verdacht, dass hinter jedem großen Vermögen ein Verbrechen stehe, zusätzliche Nahrung und man selbst eine Ahnung erhält, warum das Salemer Erziehungsmilieu eher durch seine Kundschaft geprägt wird als umgekehrt diese zu prägen. Denn auch auf dem privaten Bildungsmarkt gilt die Regel: Wer zahlt, schafft an (Sprichwort).

Bei so viel Abgebrühtheit möchte auch die Führungsetage der Schule Schloss Salem nicht abseits stehen und schlachtet einen nächtlichen Rettungseinsatz der Salemer Schülerfeuerwehr während der Überlinger Flugzeugkatastrophe vom 1. Juli 2002 unter dem Schlagwort "Erlebnispädagogik" in schamloser Weise publizistisch aus. Ein weiteres Beispiel dafür, dass das Leben noch immer die besseren Geschichten schreibt.

Der Leiter der Salemer Betriebsfeuerwehr berichtete in den "Badischen Neuesten Nachrichten" vom 28.06.2012 über Details dieses Einsatzes, der mit Rücksicht auf das jugendliche Alter der Beteiligten nie hätte stattfinden dürfen:

"Zwölf Schüler der schuleigenen Feuerwehr wurden in dieser Nacht in Suchketten eingeteilt: 'Mit der Polizei durchkämmten sie bis 6 Uhr morgens Maisfelder', erzählt er. 'Der Auftrag war, Überlebende zu suchen. Stattdessen fanden dieSuchmannschaften in dieser Nacht 16 Leichen. ' Auch persönliche Gegenstände der Opfer lagen in den Feldern: 'Sie stießen auf Teddybären oder Kosmetikbeutel, das machte das abstrakte Unglück dann plötzlich sehr real.'“

"Es regnete tote Kinder vom Himmel", berichtet der Reutlinger Generalanzeiger anlässlich der zehnjährigen Wiederkehr der Unglücksnacht. Bis zum Zusammenstoß der beiden Maschinen um 23.35 Uhr hatte der Salmer Feuerwehrtrupp noch auf einer Schul-Party gefeiert (an einem Wochentag, wohl gemerkt!!!). Vermutlich alkoholisiert oder noch in Feierlaune ließ man sie bedenkenlos ausrücken. Die in Einsatz befindlichen Polizei- und Feuerwehrkräfte im gestandenen Alter waren zum Teil noch zehn Jahre nach dem Unglück schwer traumatisiert. Doch ein Salemer "Pädagoge" brüstete sich geltungssüchtig im Bericht einer Schülerzeitung:

"'Leichenteile Einsammeln ist was anderes, als wenn ich das in der Zeitung lese und denke: Oh, ist das schlimm', sagt Peter Wimmer, Unterrichtsleiter. Ein hartes Beispiel, jedoch grundlegendes Prinzip der Erlebnispädagogik Kurt Hahns."

Der damalige Gesamtleiter Bernhard Bueb äußerte gegenüber SWR2 nicht ohne Stolz:

"Das war eine unglaubliche psychische Leistung."

Pädagogisch und psychologisch aber wohl eher eine höchst unprofessionelle Fehlleistung! LautFeuerwehrgesetz dürfen unter 18-Jährige an Einsätzen grundsätzlich nicht teilnehmen. Und die "Beschränkungen für Jugendfeuerwehrangehörige" der Feuerwehr-Unfallkasse verbieten "aufgrund der hohen psychischen Belastungen" jeden Einsatz Jugendlicher bei Verkehrsunfällen oder Schadens- fällen mit Schwerverletzten oder Toten!

Ein Durchschnitts-Salemer erleidet während seiner charakterlichen Ertüchtigung allerdings wohl zumeist weniger drastische Kollateralschäden, die sich darum auch nur eher schleichend auswirken. Eine ehemalige Salemer Stipendiatin erinnert sich:

"Ich war 9 Jahre auf der Schule Schloss Salem - es war der Horror und ich habe alles von Begrabschen durch meinen ersten Schulleiter auf Hohenfels über Mobbing und Drogen usw. miterlebt. Ich glaube, das hat mich permanent geschädigt, und ich war immer sehr wütend, dass keiner über das, was da abgeht, den Mund auf macht. [...] Komasaufen und anderer Blödsinn war auf der Mittelstufe schon an der Tagesordung - auf der Oberstufe verkam alles zu einem Sodom-und-Gomorrha-ähnlichen Zustand. Jeder schlief mit jedem, zum Alkohol kamen jetzt noch Drogen. Wärend meiner Zeit auf Mittel und Obestufe sah ich mehrere Schüler, die mit mir auf der untersten Hierarchiestufe waren, weil entweder Stipendium, Pickel oder sonst was - die Selbstmord-versuche begingen. Magersucht und andere psychische Störungen waren auch ziemlich häufig. Patrice war übrigens eine Klasse unter mir - ein schönes Beispiel für die generelle Haltung der Schüler - arrogant, verwöhnt, grossmäulig und nichtsnutzig. Ariane Sommer war 2 Klassen über mir."

Und eine Leserbriefschreiberin Charlotte resümiert ihre Erfah-rungen in "einer der besten Schulen Deutschlands" folgender-maßen:

"Ich fand Salem schrecklich. Es war eine irgendwie hohle Disziplin. Der ganze Tag war strukturiert, aber der eigentliche Unterricht war chaotisch. Es gab wenig Hausaufgaben. Die Oberstufe gefiel mir besser, weil man näher an einer Stadt gewohnt hat und alles viel wohnlicher war. Aber dort haben viele Schule geschwänzt. Ich bin am Ende nur noch in jede zweite Stunde gegangen. Daran waren die Lehrer aber auch selbst Schuld. Oft wurde in den Stunden Kaffee getrunken oder man wurde in die Bibliothek geschickt. Die Lehrer waren eigentlich schon alle sehr engagiert, aber sie haben in Salem wohl so viel zu tun, dass sie den Unterricht nicht mehr richtig vorbereiten können. Es ging eigentlich die ganze Zeit nur um Party und saufen. Es gab nicht mal Klassenbücher, wie es sie an allen anderen Schulen gibt. Sie haben in der Oberstufe Leistungs- und Sozialrankings eingeführt. Bei den Sozialrankings werden Punkte auf jeden Schüler verteilt. Je nachdem wieviele Ämter derjenige hat. [...] Mich hat geärgert, dass es so ein eingeschränktes Verständnis von "Sozial-Sein" war. Sozial ist wer gerne in einer Großgruppe mitmischt. "

Das bringt uns zurück auf die Spur der Salemer Sozialisation bzw. des bei Christian Kracht bewirkten Sozialisationsergebnisses. Wurde ihm doch vor Jahresfrist in einer "Spiegel-Rezension" seines preisgekrönten Romans "Imperium" unterstellt, ein "Wegbereiter des Totalitarismus" zu sein. Das ist er nachweislich nicht. Doch in Salem und anderen Eliteinternaten, die Kracht in seiner Jugend durchlaufen hat, war er der Gehirnwäsche totaler Institutionen ausgesetzt. Da bleibt vermutlich - bei aller mühsam erkämpften Distanz und späteren Aufarbeitung - ein Stück Faszination zurück. Faszination etwa gegenüber den totalitären Größenfantasien (reformpädagogischer) Weltverbesserer, Gurus, Spinner und Gesundbeter, die am Ende des wilhelminischen Kaiserreichs und erst recht nach dessen Untergang die Jugend zu retten versprachen. Auch Salem-Gründer Kurt Hahn war ein solcher Spinner und - dank des "Oberflächencharmes" des Psychopathen und der Durchtrieben- heit des Manisch-Depressiven - "ein begeisternder Menschenfänger" (Tilman Lahme).

Faszinieren kann auch das Böse, vor allem wenn es als heuchlerisch-tugendhafte und doppelböde "pädagogische Provinz" vom Schlage einer "Nueva Germania" daher kommt, deren Insassen zu Komplizen der Macht werden, indem man ihnen ein Gefühl der Privilegiertheit einredet, ernannten respektive gewählten Schüler-Capos exekutive und erzieherische Funktionen überträgt oder sich - zum beiderseitigen Vorteil - mit den Clan-Chefs der Schüler-Subkultur insoweit arrangiert, als diese mit mehr oder weniger subtiler Gewalt dafür sorgen, dass die Fassade der "geordeten Gemeinschaft" nach außen gewahrt bleibt und die Schulleitung nicht durch "Skandale" zur "Einschränkung von Freiheiten" gezwungen wird.

Nicht an der Person des Christian Kracht, sehr wohl aber an Erziehungsmilieus wie dem der Schule Schloss Salem, deren Ideologie eine größere Affinität zum Faschismus3) aufweist als die eigene Legendenbildung es wahrhaben will, deren latent antidemokratische Tendenzen nach wie vor durch Betonung des Vorrangs der Gemeinschaft gegenüber der Gesellschaft und der Machtausübung in demokratisch nicht kontrollierbaren Netzwerken zum Ausdruck kommen und die sich - verschleiert durch eine "Sprache der guten Absichten" (Oelkers) - demokratischer Strukturen lediglich bedient, ohne eine soziale und demokratische Einstellung der Schüler tatsächlich bewirken und damit der Demokratie dienen zu können/zu wollen, "kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream" (zitiert nach Georg Diez: "Die Methode Kracht"; in: "Der Spiegel" vom 13.02.2012).

¹) Nach meinen Berech- nungen muss dies bereits die Salemer Schulleiter-Legende Bernhard Bueb gewesen sein, dessen Buch "Lob der Disziplin" ihm den Vorwurf eintrug, ein oppor- tunistischer Konjunktur- ritter des Zeitgeistes zu sein, der heute das Gegenteil von dem predige, was er einst vertreten habe. Seit seiner Pensionierung scharwenzelt Bueb als selbsternannte moralische Instanz und Experte für alle Gelegen- heiten von einer Talkrunde zur nächsten. Neuestes Bueb-Buch: "Kampf der Lüge". Da doziert wieder mal ein Frosch über die Trockenlegung der Sümpfe... (siehe mein Kommentar)!

²) Bezeichnenderweise und weit zutreffender hieß das, was heute als Event-Programm für Harry-Potter-Fans oder Outdoor-Leadership-Frühförderung für Muttis kleinen Manager vermarktet wird, unter Kurt Hahn noch Erlebnis-Therapie. Wie in Hahns 7. Salemer Gesetz beschrieben,ging es der Salemer Erziehung darum,"die 'armen' Jungen und Mädchen der Reichen" gewissen Härten des Lebens auszusetzen, um sie lebenstüchtig zu machen.

³) Sehr zutreffend ist hier die Einschätzung von Tilmann Lahme:

>> Hahn wird als Vordenker und „Label“ der Schulen ausgestellt. Dabei ist das theoretische Fundament von Hahns Pädagogik kaum tragfähig für ein modernes Internat. Hahn konzipierte Salem als einen Mix aus englischen Internaten und den Ideen des Urland- heimers Hermann Lietz, zugleich mit politischem und militärischem Einschlag. Seine Salemer Elite sollte die Schranken von Versailles niederreißen helfen. Heute noch zitiert man goldene Worte des großen Kinder- flüsterers vom Bodensee, der etwa Platons „Staat“ exakt so verstand, wie ihn Karl R. Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ kritisierte - als Gegner einer demokratischen, pluralisti- schen Gesellschaft -, nur dass Hahn dies begrüß- te: Er nannte die Salemer Ämterträger und „Führer“ nach Platons rätselhafter Utopie „Wächter“ und „Helfer“, wie sie heute noch heißen. Hahns Schule sei unverträglich mit dem Nationalsozialismus gewesen, lesen Eltern in Schulprospekten. Dagegen trug sein Schüler Golo Mann, Salemer von 1923 bis 1927, nach einer Begegnung mit Hahn kurz vor dessen erzwungener Emigration 1933 ins Tagebuch ein:

„Es hat etwas Tragisches und ungeheuer Bezeichnendes, diesen Mann, seit zwanzig Jahren den reinsten Formulator und Prak- tiker der nationalsozia- listischen Ideen, Praktiker in Politik und Erziehung, der hundertfach nachweisen kann, dass seine Schule die ideale Hitler-Schule sei, in dessen unterdrücktem, heimlich brennenden Judentum ein furchtbarer Widerspruch liegt, der sich nun rächt - diesen Mann verfolgt, in jeder Tätigkeit mit sadistischem Raffinement gelähmt, verbannt, ruiniert zu sehen.“ <<

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (9)

anne mohnen 19.10.2013 | 11:50

Danke für den Blog und dass Sienicht locker lassen.

Internate entziehen sich mehr noch, als dies schön öffentliche Schulen tun, der allgemeinen Kritik. Das ist wohl wahr.

Da einer meiner Brüder ein Internat besuchte und wir nicht den Eindruck hatten, er habe das mit größeren Blessuren an Leib, Geist und Psyche überstanden, würde ich vor Pauschalierung warnen. Bei Krachts Roman "Imerium" habe ich mich gefragt, ob das u.a eine -sehr gelungen- Abrechnung mit den sogenannten Reformpädagogen ist.

Fakt ist, dass Institute wie Salem Kontakte fürs Leben schaffen, Exklusivität einen Corps-Geist befördert, wie man ihn unter Studenten und Absolventen der Ivy-League in den US, den Internaten und vermeintlichen Kaderschmieden in Frankreich kennt.

http://www.fr-online.de/wissenschaft/schloss-salem-wird-90-internat-feiert-lieber-dezent,1472788,2781086.html

http://www.zeit.de/2013/07/Internat-Salem-Stipendium

http://www.e-fellows.net/KARRIEREWISSEN/Im-Fokus/Studieren-in-der-Ivy-League/Studieren-in-der-Ivy-League

Salem Schüler waren auch Golo Mann, Helmut J. von Moltke (...)

Golo Mann hat die Reformpädagogik nicht vor Depression und Angstzuständen bewahrt. Dafür war das Elternhaus dann doch zu wirkmächtig.

http://www.ueberlingen.de/media/custom/1469_1799_1.PDF

JFuchs 19.10.2013 | 12:10

Guten Tag Herr Lange,

ich bin erschrocken von Ihrem Artikel. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Kritik an der Schule, die ich als ehemaliger Schüler nur in kleinen Teilen nachvollziehen kann. Vor allem erstaunt mich, dass Sie offenbar den Großteil Ihrer Informationen aus Zweit- und Drittquellen übernommen haben.

Der Artikel ist so undifferenziert, dass ich mir ernsthaft um mein Abo des Freitag Gedanken mache. Auf den Vorwurf, die Schule auf dem Gelände eines ehemaligen KZ errichtet zu haben gehe ich lieber erst gar nicht ein. Was möchte der Autor damit sagen?

Ja, man kann die Schule kritisieren - und übrigens nicht nur diese. Man sollte dann aber der/dem LeserIn mehr an die Hand geben als, reißerische Berichte: Kurt Hahn war sicher ein schwieriger Mensch - und er wurde ebenso sicher von den Nationalsozialisten verfolgt. Die Schule ist sicher oft hinter ihrem Anspruch Kinder ggf. "vom erdrückenden Gefühl der Privilegiertheit zu befreien" (Hahn) zurückgeblieben - nimmt aber immerhin mindestens 30% der SchülerInnen per Stipendien auf. Ich selbst war ein Salemer "Sozialstipendiat".

Die Erlebnispädagogik ist ein wichtiger Bestandteil der Schulwoche - und es werden keine Unter-18-Jährigen auf Einsätze geschickt. Die Reformpädagogik hat in der letzten Zeit, besonders nach dem Fall Gerold Becker, stark an Glaubwürdigkeit verloren - und doch will ich mir ein Bildungssystem lieber nicht ohne den reformpädagogischen Ansatz vorstellen "vom Kinde auszugehen" (Hermann Lietz). Alles andere wäre ein Rückfall in eine schwarze autoritäre Pädagogik im Sinne des "Nürnberger Trichters".

Die Schule Schloss Salem war, zumindest in meiner Zeit als Schüler dort (bis 2006), immer stolz darauf, nicht primär gute Abiturergebnisse abzuliefern: Schüler sollten dort nicht bloß berufsorientiert "funktionieren" (wie es die Bildungspolitik der Länder leider oft anvisiert hat), sondern sich zunächst einmal als Persönlichkeiten entfalten können. "Internatliches vor Akademischem" hieß auch, dass soziale Kompetenz geachtet und gefördert wurde. Übrigens wird die Schule über ein "Schulparlament" von den Schülern drittelparitätisch mitverwaltet!

Ich konnte in Salem viel Freiheit erfahren - im Lernen und im partnerschaftlichen Umgang mit MitschülerInnen und engagierten LehrerInnen. Die "Disziplin", die nicht die des Schulleiters Bueb war, sondern die wir als SchülerInnen und LehrerInnen gemeinsam beschlossen, ermöglichte diesen Freiheitsraum übrigens erst. Ich möchte selbst einmal unterrichten - und das wegen meiner Erfahrungen in Salem.

Ich kann es nur empfehlen, sich die Schule Schloss Salem einmal selbst anzuschauen. Sie ist keine heile Welt - sie bietet ein Reservoir begeisterter und engagierter PädagogInnen, sie bietet Konflikte und sie bietet die Freiheit Verantwortung zu lernen und Fehler zu machen.

PS: Wer dagegen Interesse an weiteren kritischen Perspektive hat schaue sich einmal die zahlreichen Internetseiten des wirtschaftlich aktiven Internatsberaters Herrn Lange zum Thema an...

JFuchs 19.10.2013 | 12:12

Guten Tag Herr Lange, ich bin erschrocken von Ihrem Artikel. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Kritik an der Schule, die ich als ehemaliger Schüler nur in kleinen Teilen nachvollziehen kann. Vor allem erstaunt mich, dass Sie offenbar den Großteil Ihrer Informationen aus Zweit- und Drittquellen übernommen haben. Der Artikel ist so undifferenziert, dass ich mir ernsthaft um mein Abo des Freitag Gedanken mache. Auf den Vorwurf, die Schule auf dem Gelände eines ehemaligen KZ errichtet zu haben gehe ich lieber erst gar nicht ein. Was möchte der Autor damit sagen? Ja, man kann die Schule kritisieren - und übrigens nicht nur diese. Man sollte dann aber der/dem LeserIn mehr an die Hand geben als, reißerische Berichte: Kurt Hahn war sicher ein schwieriger Mensch - und er wurde ebenso sicher von den Nationalsozialisten verfolgt. Die Schule ist sicher oft hinter ihrem Anspruch Kinder ggf. "vom erdrückenden Gefühl der Privilegiertheit zu befreien" (Hahn) zurückgeblieben - nimmt aber immerhin mindestens 30% der SchülerInnen per Stipendien auf. Ich selbst war ein Salemer "Sozialstipendiat". Die Erlebnispädagogik ist ein wichtiger Bestandteil der Schulwoche - und es werden keine Unter-18-Jährigen auf Einsätze geschickt. Die Reformpädagogik hat in der letzten Zeit, besonders nach dem Fall Gerold Becker, stark an Glaubwürdigkeit verloren - und doch will ich mir ein Bildungssystem lieber nicht ohne den reformpädagogischen Ansatz vorstellen "vom Kinde auszugehen" (Hermann Lietz). Alles andere wäre ein Rückfall in eine schwarze autoritäre Pädagogik im Sinne des "Nürnberger Trichters". Die Schule Schloss Salem war, zumindest in meiner Zeit als Schüler dort (bis 2006), immer stolz darauf, nicht primär gute Abiturergebnisse abzuliefern: Schüler sollten dort nicht bloß berufsorientiert "funktionieren" (wie es die Bildungspolitik der Länder leider oft anvisiert hat), sondern sich zunächst einmal als Persönlichkeiten entfalten können. "Internatliches vor Akademischem" hieß auch, dass soziale Kompetenz geachtet und gefördert wurde. Übrigens wird die Schule über ein "Schulparlament" von den Schülern drittelparitätisch mitverwaltet! Ich konnte in Salem viel Freiheit erfahren - im Lernen und im partnerschaftlichen Umgang mit MitschülerInnen und engagierten LehrerInnen. Die "Disziplin", die nicht die des Schulleiters Bueb war, sondern die wir als SchülerInnen und LehrerInnen gemeinsam beschlossen, ermöglichte diesen Freiheitsraum übrigens erst. Ich möchte selbst einmal unterrichten - und das wegen meiner Erfahrungen in Salem. Ich kann es nur empfehlen, sich die Schule Schloss Salem einmal selbst anzuschauen. Sie ist keine heile Welt - sie bietet ein Reservoir begeisterter und engagierter PädagogInnen, sie bietet Konflikte und sie bietet die Freiheit Verantwortung zu lernen und Fehler zu machen. PS: Wer dagegen Interesse an weiteren kritischen Perspektive hat schaue sich einmal die zahlreichen Internetseiten des wirtschaftlich aktiven Internatsberaters Herrn Lange zum Thema an...

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Ehemaliger Nutzer 19.10.2013 | 14:42

Ich bin der Bahnlinie Neumarkt-St.-Veit - Passau heute noch dankbar für ihre Existenz. Sie hat mich damals davor bewahrt, in ein Internat gehen zu müssen, um das Gymnasium Pfarrkirchen besuchen zu können. In ein Internat zu müssen war für mich Zehnjährigen eine absolute Horrorvorstellung und ich habe auch später keinen meiner Mitschüler wegen seines kurzen Schulwegs beneidet. Für mich war und ist ein Internat ein Notbehelf, wenn's anders wirklich nicht geht, vergleichbar einem Waisenhaus. Ein Internat als Sonderservice anzubieten und anzupreisen erscheint mir immer noch als pädagogischer Sündenfall.

Was Salem und ähnliche Elite-Etablissements betrifft, so kann ich darin günstigstenfalls eine Nothilfeeinrichtung für wohlstandsverwahrloste Kinder (den Begriff hat mal Heinrich Böll geprägt) sehen. Eiskalte, zur Empathie völlig unfähige Menschen schicken die Früchte ihrer Lenden im zarten Alter von zehn Jahren weg in die Fremde, um von ihnen nicht weiter belästigt zu werden.

Ich bin seinerzeit mit zwei Hunden aus Italien zurückgekommen und ich mußte sie - der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe - für drei Monate in eine Tierpension geben. Mein Herz hat jeden Tag geblutet, und es war ein Freudenfest, wie's wenige gibt im Leben, als ich sie endlich wieder zu mir nehmen konnte. Ihretwegen, wirklich nur ihretwegen, bin ich ganz weit raus auf's Land gezogen, wo sie Auslauf hatten. Ciao ragazzi, benvenuti a casa. Gott, was haben wir drei geweint vor Freude.

Menschen sind wichtiger als Karriere. Okay, in dem Fall waren es Hunde, was die Sachlage aber nicht wesentlich ändert. Sie mitzunehmen hat mich viel Geld und Aufwand gekostet, aber ich hätte sie niemals in Italien zurückgelassen, selbst wenn sie dort in der denkbar besten Hundepension untergekommen wären. Um es wieder auf die menschliche Ebene zu bringen: Eher wäre ich umgezogen, als meine Kinder auf ein Internat zu schicken.

Ciao

Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 19.10.2013 | 18:40

Man wird bei Lesen des Artikels das Gefühl nicht los, dass es sich bei alledem nicht um eine Rezension über einen Film sondern um eine seltsam blindwütige Abrechnung mit einer S c h u l e handelt.

Was, so fragt man sich einigermaßen irritiert, macht den Autor so derart tunnelblick-stiernackig-wütend, dass ihm scheinbar jedes Mittel recht ist (Nazikeule; Schüler, die Törlesgeschult-Schlimmes über ihre Schule berichten; ja, sogar ein TATORT lässt sich heranziehen - also bitte, wenn das kein Beweis ist?!!)?

Nun gut, heraus damit, was ist da los?

Würde da einer etwa nicht aufgenommen?

Ulrich Lange 19.10.2013 | 23:45

Plappern gehört zum Handwerk!

Guten Abend, Herr Fuchs!

Erschrecken Sie nicht! Da Sie mich persönlich ansprechen, will ich Ihnen direkt antworten.

Dass es auch Ehemalige der Schule Schloss Salem gibt, die ihre Schulzeit dort genossen haben und sich ihrer gern erinnern, wird in den Medien so ausgiebig kolportiert, dass es kaum einer Erwähnung wert erscheint. Das Institut selbst müht sich nach Kräften und höchst professionell, sein idealisiertes Selbstbild in der Öffentlichkeit zu verbreiten und nutzt hierbei ein weit verzweigtes Netzwerk von Reichen und Einflussreichen, die nicht erst in diesen postdemokratischen Zeiten einen kalten Bürgerkrieg um die Refeudalisierung dieses Staates führen.

Anfang der 1970er Jahre erschien im ZEITmagazin (Nr. 35 vom 1.
September 1972, S. 4 f.) der Beitrag von Uli Weyland: „Internate – Eliteschulen der Nation?“ Daraus nur eine kurze Passage:

>> „Abstellgleise für Schwierige", sagt Manuel, sein Freund Ulrich
spricht gar von „pädagogischen Mülleimern". Da für viele Lehrer die Internate die letzte Station seien, da sie an Staatsschulen nicht lehren könnten, weil ihnen das zweite Staatsexamen fehle, seien Anstalten wie Schondorf, Salem oder Birklehof Orte, an denen
oft mäßige Pädagogen schlechte Schüler unterrichteten:
Mülleimer der Pädagogik.<<

Salems Leiterlegende Bernhard Bueb veröffentlichte in der LEH-Schriftenreihe "Konzepte und Erfahrungen" (1986, S. 46 ff.) den Aufsatz „Neue Wege der Stipendien-politik“. Auszug:

"Selten wird die Frage der Schülerzusammensetzung thematisiert. Man ist froh, wenn die Schule voll besetzt ist. Aber w e l c h e Schüler ein Landerziehungsheim besuchen, und ob das zentrale Problem gar nicht die Quantität, sondern die Qualität der Schüler- zusammensetzung ist, darüber wird oft nur zögernd oder gar nicht gesprochen, vermutlich auch deshalb, weil man für dieses Problem keine Lösung weiß. Gegenwärtig verstärken viele Landerziehungs- heime durch ihre Aufnahmepraxis das Image der Internate, vor allem schwierige, konsumorientierte, verwahrloste, abgescho-bene Kinder aufzunehmen. Dieses Image und die entsprechende Wirklichkeit schrecken potentielle Eltern und Jugendliche ab, ein Internat zu besuchen - Jugendliche, für die ein Internat ein Segen wäre und die für Internate ein Segen wären. [...] Häufen sich Jugendliche in einer Gemeinschaft, die schulverdrossen, depressiv, aggressiv, unmotiviert oder in anderer Weise psychisch labil reagieren, wird die Aufgabe für Erzieher und Lehrer zu einer Sisyphusarbeit; die Erfolglosigkeit wird sich auf Stimmung und Atmosphäre in der Schulgemeinschaft auswirken, und das wird wiederum zurückwirken auf den Erziehungsstil."

"Salem war 1974 nur noch ein Trümmerhaufen", schreibt der "Spiegel" am 18.07.2005. "Die Schuluniformen waren abgeschafft, die Rituale ebenso, Alkohol, Drogen überall, die Stelle des Internatsleiters seit Jahren nur kommissarisch besetzt."

Zum 90-jährigen Bestehen der Schule Schloss Salem im Jahr 2010 hört sich der Rückblick auf die "Erfolgsgeschichte" des Instituts folgendermaßen an (der Salemer Schulvorstand Robert Leicht in "DIE ZEIT" vom 29.04.2010):

"Die Geschichte dieser »Eliteschule« – was heißt hier übrigens im Ernst Elite? – könnte ansonsten nicht nur als Erfolgs-, sondern auch als Krisen-, in wesentlichen Phasen sogar als reine Überlebens-geschichte geschrieben werden: Anfang der siebziger Jahre eine drohende Insolvenz, Mitte der achtziger Jahre ein erbitterter Streit mit dem Markgrafen Max von Baden, der eine »reaktionäre« Gegengründung erwog."

Ich könnte hier endlos weiter dokumentieren. Und um gleich auf einen Ihrer zentralen Einwände einzugehen: Wer die Entwicklung Salems seit 1920 darstellen will, kann nun mal nicht auf Quellen aus erster Hand, d.h. auf Selbsterlebtes und Zeitzeugen zurück-greifen. Deshalb erstaunt mich Ihr naives Erstaunen darüber, dass ich mich Informationen bediene, die "aus Zweit- und Drittquellen" stammen. Auch solche Quellen erfüllen ihren dokumentarischen Zweck, wenn sie denn seriös zitiert werden.

Sie selbst paraphrasieren zur Verteidigung "Ihrer" Schule weitgehend den Schulprospekt. Ist auch nicht gerade authentischer. Ich muss auch gestehen, dass ich mit den von Erinnerungsoptimis-mus geprägten Reminiszenzen ehemaliger Schüler nicht viel anfangen kann. Die sind ungefähr so objektiv wie Opas Kriegserinnerungen, wobei man weder Opa noch den Salemer Ehemaligen hartnäckig befragen sollte, was er während dieser Zeit denn so alles getrieben hat.

Ihrer Erwiderung ist deutlich anzumerken, wie eine totale Institution - und diese Bezeichnung trifft auf Salem so unbedingt zu wie auf kein anderes Internat in Deutschland - die Wahrnehmung ihrer Insassen steuert. Was Sie für "Freiheit" halten, war doch zum größten Teil Desorganisation! Aber trösten Sie sich: Selbst in Strafanstalten und psychiatrischen Kliniken, in denen die totale Institution in noch idealerer Weise verwirklicht ist als in Salem, blüht eine Subkultur der Insassen als Parallelwelt in der Parallelwelt.

"Ich kann es nur empfehlen, sich die Schule Schloss Salem einmal selbst anzuschauen", schreiben Sie. Was sieht man denn bei einem solchen Sonntagsspaziergang? In Theresienstadt spielte für die Besucher extra ein adrett gekleidetes Häftlingsorchester, aufgepeppelt mit Sonderverpflegung.

Nein, Salem ist keine heile Welt! Salem war nie das, was es zu sein vorgab. Aber es war immer sehr darum bemüht, der Öffentlichkeit ein idealisiertes Bild einer heilen Welt zu vermitteln. Denn nur die lässt sich auf einem hart umkämpften Bildungsmarkt verkaufen.

Das eben ist die Krux jeder Privatschule und insbesondere der hochpreisigen Internate: Ehrlichkeit stört die Geschäfte. Hat man in den historisch belegten und (nur!) im Rückblick auch eingeräumten Krisenzeiten je gelesen: Liebe Eltern, schickt eure Kinder besser nicht in diesen Trümmerhaufen, denn hier lungern nur Wohlstandsverwahrloste herum, die eure Kinder anfixen?

Die Schule Schloss Salem ist nicht nur "oft hinter ihrem Anspruch" zurückgeblieben, " Kinder ggf. 'vom erdrückenden Gefühl der Privilegiertheit' zu befreien", wie Sie schreiben. Das wäre angesichts der Tatsache, dass auch der Anspruch, ein gutes soziales Umfeld zu bieten oder guten Unterricht, nur allzu oft verfehlt wurde. Lesen Sie einmal, was Otto Seydel zum Thema "Marginalisierung des Unterrichts" oder sein Vorgänger als Oberstufenleiter, Werner Esser, zum Thema Disziplin geschrieben haben! Wer für teures Geld Schüler in einen solchen Sumpf locken will, wird zwangsläufig zum Betrüger, Lügner und Hochstapler.

Apropos: Salem "nimmt aber immerhin mindestens 30% der SchülerInnen per Stipendien auf", führen Sie zur "Verteidigung" an. Eine typische Salemer Werbelüge, die von der Tatsache der verfassungswidrigen Sonderung der Schüler nach den Besitzver-hältnissen der Eltern (Artikel 7 GG) ablenken soll.

Sie waren "selbst ein Salemer Sozialstipendiat" - und sitzen trotzdem diesem Märchen vom 30%igen Stipendiatenanteil auf? Da hat die Gehirnwäsche der totalen Institution aber bei Ihnen gut angeschlagen!

Und noch eine Eigenschaft haben Sie in Salem angenommen: Die von Psychosekten sattsam bekannte Unart, Kritiker durch haltlose Unterstellungen unglaubwürdig zu machen (siehe Ihr PS).

Seien Sie versichert: Ich bin kein "wirtschaftlich aktiver Internatsberater", sondern arbeite ehrenamtlich.

Ulrich Lange 20.10.2013 | 00:21

Heraus damit, was ist da los?

Da haben Sie wohl was missverstanden, Hunter! Eine Filmrezension war weder angekündigt noch beabsichtigt. Der Film, insbesondere die Internatsschüler-Episoden und die im Rahmen der Film-Promotion veröffentlichten Salemer Erinnerungen des Drehbuchautors Christian Kracht waren für mich ein Schreibanlass, bestimmte Aspekte des Fiktiven, des Biografischen und des Realen zu verknüpfen. Mein Beitrag beschreibt sozusagen die Assoziationen, die der Film und die Diskussion um die Person des Autors bei mir auslösen, und die Fragen (z.B. nach der Wirkung des Salemer Milieus auf einen hypersensiblen und künstlerischen Menschen, für den ich Christian Kracht halte).

Was veranlasst Sie, sich mit wilden Wortkaskaden ("tunnelblick-stiernackig-wütend"), Unterstellungen ("jedes Mittel recht") und reichlich platter Motivforschung ("Würde da einer etwa nicht aufgenommen?") in eine Verteidigungs-Stellung einzugraben? Lust am Herumpöbeln? Oder hat Ihnen jemand auf den schwanz getreten? Heraus damit, was ist da los! Ja, was ist das bloß?

PS: Bin schon 64. Würde wohl tatsächlich in Salem nicht mehr aufgenommen. Obwohl die ja inzwischen nach jedem Strohhalm greifen, um ihre 680 Internatsplätze irgendwie zu füllen. Nach dem Heim für orientierungslose Abiturienten und der angedachten Grundschule kommt sicher auch bald das Altenheim. Hoffentlich erleb' ich's noch!