“Shut up! Shut up! Shut up!”

Eliteinternate in GB | Eton, Harrow & Co. sind wohl auch nicht mehr das, was sie mal waren. Oder waren sie nie die Orte exzellenter Erziehung, die sie der Legende nach sein sollen?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Englische Internate wie Eton, Oxford, Ellesmere, Harrow, Rugby, Winchester oder die spartanische Exilgründung Kurt Hahns im schottischen Gordonstoun, die der britische Thronfolger Prince Charles nach dem Willen seines Vaters Philip Mount- batten bis zur bitteren Neige auskosten musste (wohl weil dieser - nach einjährigem Aufenthalt in der von Hahn 1919 mitbegründeten Schule Schloss Salem - selbst dort Schüler war), erfreuen sich bei betuchten und aufstiegsorientierten deutschen Eltern seit Jahren zunehmender Beliebtheit.

Sehr zum Verdruss übrigens der deutschen Nobel-Konkurrenz, die einen beträchtlichen Teil ihrer "besseren Kundschaft" heute über den Kanal oder gleich nach Nordamerika, Australien und Neuseeland entschwinden sieht. Offen zugegeben wird das allerdings nur selten, wie man auch drohenden Nachfragerückgang durch staatliche Ganztagsschulen und Hochbegabteninternate im Inland nach Möglichkeit herunterspielt.

Geschätzte 5000 Deutsche leben und lernen derzeit allein in britischen "Boarding schools", knapp die Hälfte davon sind jeweils Neuankömmlinge. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt deutlich unter zwei Jahren. Dies dürfte auch einer hohen Abbrecherquote zuzuschreiben sein. So mancher Wechsler aus dem reformpädagogisch weichgespülten Streichelzoo Deutschland, der allerdings bekanntlich nicht nur Röschen und Mimöschen aus hypersensiblen Akademiker- haushalten, sondern leider auch Yussuf und Dimitrij mit ausgeprägtem Ghetto-Hintergrund zur freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit verhilft1, gerät im englischen Nobelinternat offenbar nicht selten von der Rinne in die Traufe. Die vom"Manager-Magazin" (12/2007) unter der Überschrift "Hart aber fair" zitierte Bemerkung des prominenten Filmschaffenden Peter Ustinov, die Ausbildung in englischen Internaten sei "die beste der Welt - falls man sie überlebe", enthält wohl deutlich mehr als das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit.

Konkrete Angaben über die Zahl der Enttäuschten, die nach der Pest nun nicht auch noch die Cholera durchleiden wollen, unterfallen - wie so vieles in der äußerst intransparenten Privatschulbranche - der innerbetrieblichen Schweigepflicht. Die "Ausfallraten", so der Internatsberater Peter Giersiepen, gehörten in allen Nobelinstituten zu den "am besten gehüteten Geheimnissen".

Verglichen mit den über 20.000 Reiselustigen, die sich alljährlich in die USA, nach Neuseeland, Kanada oder Australien aufmachen, erscheint die Gruppe der Anglophilen zwar klein, doch stellt sie im Vergleich eben die kaufkräftigste dar, deren Abwanderung die preislich exklusiven Mitbewerber im Inland daher auch besonders schmerzt. Während ein Austauschjahr jenseits des Atlantik bereits für unter 10.000 Euro zu realisieren ist, muss man für den Gastaufenthalt auf der anderen Seite des Ärmelkanals das Doppelte bis Dreifache investieren - Geld, das nun mal nur einmal ausgegeben wird.

Die hohen Preise für den Bildungstrip nach England sind darin begründet, dass sich das britische Angebot überwiegend auf teure private Internate konzentriert, die nur deshalb als "Public Schools" bezeichnet werden, weil eine kleine Anzahl der frühen Gründungen vor etlichen hundert und manchmal sogar über 1000 Jahren dazu dienen sollten, begabten Kindern unabhängig von Herkunft und Einkommen eine - gemessen an der des Durchschnitts der Bevölkerung - elitäre Bildung zu vermitteln. Das Ziel war ursprünglich, ähnlich wie zum Beispiel auch bei den sog. "Fürstenschulen" in Deutschland, die Heranbildung einer Funktionselite für Militär, Verwaltung, Schulwesen und Seelsorge aufstrebender Feudalherren. Allerdings ging es im Laufe der Geschichte eben nicht nur darum.

Gesellschaftliche Entwicklungen haben bekanntlich oft mehrere Ursachen, oder sie verändern unter dem Eindruck einschneidender Ereignisse ihre Zielrichtung. Ganz neue Auslöser treten im Laufe der Zeit womöglich neben jahrhundertealte "Traditionslinien". Insofern stellt der Versuch, den grandiosen Ruf britischer Wohnschul-Erziehung und dessen Verankerung im Bewusstsein der inländischen Bevölkerunglediglich aus dem Umstand zu erklären, dass die "großen alten Kathedralen von Canterbury oder Wales" vor 1400 Jahren ihre Chorsänger hätten ausbilden wollen und - um sie fern von ihren Familien fördern zu können - eine Rundumbetreuung der minderjährigen Knaben "mit erstklassigen Lehrern" benötigt hätten (vgl. Susanne Vieth-Entus in "Der Tagesspiegel" vom 28.08.2012)2, schon eine grob fahrlässige Geschichtsfälschung dar.

Die Entwicklung der britischen Boarding schools kennt wohl mehr als eine Initialzündung. Und nicht alle Gründungsintentionen lesen sich so idyllisch wie die obige Chorknaben-Anekdote. Da wäre z.B. das Versagen des Hauslehrer-Unterrichts auf den Landsitzen der britischen Oberschicht zu nennen, der sich unfähig zeigte, die privilegierten Adelssprösslinge einer ausreichenden "Schulzucht" zu unterwerfen und damit den Erwerb eines adäquaten Bildungsnieveaus zu garantieren; weswegen man ein perfides Unterdrückungssystem ersann, bei dem jeweils die älteren Schüler - also Angehörige derselben sozialen Klasse - mit "Privilegien" (bis hin zum Recht auf körperliche Züchtigung) ausgestattet wurden, um die Jüngeren "zur Raison" zu bringen.

Nicht unbeachtet sollten in diesem Zusammenhang auch diejenigen Merkmale des britischen Erziehungswesens bleiben, die von der Notwendigkeit herrührten, das gigantische britische Kolonialreich aufzubauen und zu verteidigen. Die erklärt nicht nur die wesentlich höhere Zahl von Internatsgründungen gegenüber Ländern wie Deutschland, sondern auch die beinerne Härte als Methode und Ziel der Erziehung. Denn hier wurden nicht nur große Teile einer relativ kleinen Bevölkerung als Militärs, Kolonialbeamte oder Kaufleute quasi in den Außendienst versetzt, was einen hohen Bedarf an "familienersetzenden Betreungsangeboten" hervorrief. Es musste auch darauf geachtet werden, dass der Nachwuchs aus der Ober- und Mittelschichteine aggressive Herrschaftsmentalität entwickelte, um sich bei der Unterdrückung und Ausbeutung der als rassisch minderwertig betrachteten Kolonialvölker "tüchtig" zu erweisen sowie gleichzeitig neidische europäische Konkurrenz militärisch in Schach zu halten und das Mutterland im Innern zu stabilisieren, indem man die eigene Unterklasse niederhielt.

Eine vergleichsweise recht kurze Tradition unter den britischen Internaten haben die Reformgründungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts vorzuweisen, etwa das Abbotsholme des "Lebensreformers" Cecil Reddie, dessen exzentrische Ideen (vgl. insbes. S. 4 der verlikten Quelle) gerade auf die deutschen "Gurus der Landerziehungsheime" (Jürgen Oelkers) und insbesondere auf den als "genialen" Psychopathen beschriebenen Mitbegründer der Schule Schloss Salem, Kurt Hahn, eine große Faszination ausübten. Hahns Schulgründung Gordonstoun in Schottland, wohin dieser nach seiner Vertreibung aus Salem durch die Nazis 1934 emigrierte, hatte unter den Eliteinternaten der Insel immer eineSonderstellung. Dies lag nicht nur an der deutschen Herkunft ihres Gründers (Queen Mom, die Großmutter von Prinz Charles, sprach stets verächtlich von der "Hunnenschule") und den besonders spartanischen Lebensbedingungen der Schüler, sondern vor allem daran, dass sie sich in weit höherem Maß als etwa Eton, Harrow, Winchester, Rugby und die übrigen der exklusivsten Traditionsinternate auch für Jungen der unteren Bevölkerungsschichten öffnete.

Zuletzt darf der Hinweis nicht fehlen, dass der Run selbst noch der unteren Mittelschicht auf die "Public Schools" daher rührt, dass diese - ganz anders als in Deutschland - die Rekrutierungsbasis der Elite und die Einbahnstraße für den sozialen Aufstieg darstellen.

Was treibt die Deutschen - nach zwei verlorenen Weltkriegen - nun zu einer förmlichen Bildungsinvasion gegen Engeland (Scherz!), obwohl das britische A-Level-Programm hinsichtlich der Anerkennung an deutschen Universitäten voller Fallstricke ist, das international anerkannte 2-jährige IB-Diploma- Programm mit allen Nebenkosten satte 75.000,- Euro verschlingt und deutsche Gastschüler mit "Kraut bashing"rechnen müssen, weil ihre englischen Altersgenossen den "Fuhrer" der "Hunnen" im Reich zwischen Rhein und Oder noch an der Macht wähnen?

Die Motive der Schulemigranten sind bei detaillierter Betrachtung sicherlich so vielschichtig wie ihre individuellen Lebensumstände und Bildungsbiografien. Von daher ist eine "Klassifizierung" immer etwas problematisch. Versuchen wir's trotzdem:

Teilweise handelt es sich um klassische Austauschschüler, die früher der englischen Sprachkenntnisse wegen nur für ein oder zwei Terms oder maximal ein "Austausch-Schuljahr" aus dem geregelten Bildungsgang ausscherten und zumeist privat bei Gastfamilien unterkamen. Dies ist nicht nur durch G8 fast unmöglich geworden. Auch Kommunikationsprobleme mit den privaten Gastgebern spielen vermehrt eine Rolle. Das soziale Gefälle zwischen den Familien ist oft zu groß, oder es finden sich in den weniger wohlhabenden Gastländern nicht mehr genügend Austauschpartner. Doppelt Berufstätige oder Alleinerziehende fühlen sich durch die Betreuung ausländischer Pfleglinge oft überlastet. Und auch mangelnde soziale Kompetenz oder divergierende Erziehungsauffassungen lassen leicht Konflikte entstehen. Internate dagegen bieten einen überschaubareren und verlässlicheren Rahmen.

Unter den früheren Austausch-Interessenten kristallisiert sich eine wachsende Zahl karrierebewusster Selbstoptimierer heraus, die ihr späteres Bewerbungsprofil nicht nur mit exzellenten Fremdsprachenkenntnissen, sondern zusätzlich mit Attributen wie Weltläufigkeit, sozialem Engagement, sportlich antrainiertem Teamgeist und mentaler Durchsetzungsfähigkeit sowie geschliffenen Manieren aufwerten wollen. Dies führt zu der Überlegung, den Auslandsaufenthalt zu verlängern, um die Schullaufbahn mit einem imagefördernden Abschluss im international renommierten Eliteinternat krönen zu können.

Daneben gibt es (oft uneingestanden) aber auch nach wie vor die üblichen Internats-Kandidaten, die erhebliche Defizite im Leistungs- und Verhaltensbereich aufweisen und in der Hoffnung über den Kanal verschifft werden, dass Britanniens Internate es - anders als die deutschen - mit Zucht und Ordnung noch wirklich ernst meinen. Der langjährige Leiter der Schule Schloss Salem, Bernhard Bueb, behauptet in seinem Bestseller "Lob der Disziplin" (2006), man habe in Salem die besonders erziehungsresistenten Schüler gern vorübergehend in ein englisches Partnerinstitut ausgelagert (interner Sprachcode: "Früchtchenwechsel"), weil leider auch Salem angekränkelt gewesen sei von einer "beschädigten Erziehungskultur", sprich einem Mangel an Disziplin und erzieherischer Konsequenz.

Ein zu Beginn der "Nullerjahre" gestarteter Versuch Salems, die britische Härte auch am Bodensee (wieder) einzuführen, um auf das Outsourcing effektiver Erziehungs-maßnahmen künftig nicht mehr angewiesen zu sein und den Strom der disziplinbegeisterten Abwanderer bei der Stamm- wie bei der potenziellen Neukundschaft auf die eigenen Belegbetten zu lenken, endete übrigens in einem Fiasko. "Salem zieht die Zügel an", hatten Buebs Nachfolgerin Ingrid Sund und ihr gestrenger, aus dem Mutterland der Internatsdisziplin rekrutierter Oberstufenleiter Pelham Lindfield-Roberts in der Euphorie des Verkaufserfolgs von Buebs "Lob der Disziplin" medial verkünden lassen. Doch derlei Zeitgeistpädagogik erwies sich als wenig tragfähig. Denn die "strukturelle Praxis", die sich laut der (er)nüchtern(d)en Analyse des Züricher Erziehungswissen- schaftlers Jürgen Oelkers nicht einfach "auf Zuruf verändert", war in der Schule Schloss Salem eben eine gänzlich andere. Nicht zufällig hatte Leiterlegende Bernhard Bueb seine populistische Pseudo-Hardliner-Streitschrift erst nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst veröffentlich. Da kamen nicht nur dem gestandenen bayrischen Schuldirektor und Lehrerverbands-Präsidenten Josef Kraus Zweifel an der Glaubwürdigkeit, sah er doch "eine menge Projektion eigener jahrelang praktizierter Disziplinlosigkeit im Spiel". Eine Bestätigung finden derlei Vermutungen in Presse-Verlautbarungen wie dieser (Welt am Sonntag vom 06.11.2005):

"Keine Frage, Pelham Lindfield Roberts meint es ernst. 'Null Toleranz bei hartem Alkohol, Drogen und unerlaubtem Verlassen des Schulgeländes' ist das Credo des neuen Leiters der Oberstufe Salems. All dies war in dem Eliteinternat am Bodensee zwar schon immer verboten, doch die Methoden, mit denen die Verbote neuerdings durchgesetzt werden, sind härter geworden. Jeden Tag müssen drei per Los bestimmte Schüler Urinproben abgeben und diese auf Drogen testen lassen. Jeder Haustutor besitzt ein Alkoholtestgerät, und bei wem es mehr als 1,0 Promille anzeigt, der kann sich auf Ärger gefaßt machen."

Doch Sund und Lindfield-Roberts hätten wissen müssen, dass sich ihr Anspruch, die Salemer Internatsordnung tatsächlich auch durchzusetzen zu wollen, bitter rächen würde. Das Menetekel ihres kurzen Gastspiels in der Führungsetage einer deutschen Luxuswohnschule ist auf Seite 65 f. der Streitschrift ihres retro-pädagogischen Vordenkers Bueb ("Lob der Disziplin", Taschenbuchaus-gabe, 3. Aufl. 2008) nachzulesen:

"Als Leiter eines Internats konnte ich über Jahrzehnte beobachten, dass Eltern aus dem Ausland, wie etwa aus Frankreich, England oder China, von einem Internat erwarteten, dass ihr Kind eine gute Erziehung genießt. Es sollte sich auch wohlfühlen; wenn es das nichgt tat, dann war das bedauerlich, aber nicht zu ändern. Deutsche Eltern wollen natürlich auch eine gute Erziehung, aber vor allem soll sich das Kind wohlfühlen. Strenge Maßnahmen werden nur so lange akzeptiert, wie sie das Wohlgefühl des Kindes nicht stören. Deutsche Eltern geben schneller dem Drängen des Kindes nach, das Internat verlassen zu dürfen, wenn ihm zu viel Disziplin abverlangt wird."

Und so kam es, wie es kommen musste: Das Ergebnis des konsequenten Durchgreifens war nicht der Einzug einer neuen Strenge in , sondern der Auszug des Führungs-Duos aus Salem. Hard- liner Lindfield-Roberts demissionierte zwangsweise bereits neun Monate nach Dienstantritt. DieLokalpresse mutmaßte über die Gründe:

"Man trennte sich, wohl weil die Vorstellungen des Briten, der das Amt des 'Headmasters' als Position von nahezu unumschränkter Macht kennt, und die der deutschen Eliteschule, die Wert auf flache Hierarchien legt, sich nicht vereinbaren ließen."

Wenig später wurde auch Sund (nach Ablauf des mit dem Schulvorstand vereinbarten Probejahres und satter Abfindung) geräuschlos verabschiedet. Es folgten weitere fünf Jahre einer Personalkrise, in deren Verlauf die Vorstände der Schulträger-GmbH wechselten wie in der Drehtür eines Stundenhotels. Selbst Schwergewichte wie der Deutsche-Bank-Vorstand Clemens Börsig oder EU-Kommissar und Ex-Ministerpräsident Günter Oettinger warfen aufgrund von Querelen über die Neubesetzung der Gesamtleiter-Position das Handtuch.

Was Salem & Co. offensichtlich nicht verstehen wollen: Die Kundschaft von Luxusinternaten hat sich längst in zwei Lager - "Problemfälle" vs. echte "Eliteschüler" - gespalten, welchletztere sich bei Salem & Co. noch nie in den richtigen Händen fühlten und eben deshalb auch nicht "zurückgewonnen" werden können. Ausreichende Zahlungskraft vorausgesetzt - wählen diese von vornherein Nobelinstitute im Ausland, deren Vorteile allerdings weithin überschätzt werden. Alternativ entscheiden sich dieses Kreise - oft auch aus wirtschaftlichen Gründen - eher für staatliche Hochbegabteninternate in Deutschland als für sozial exklusive Luxuswohnschulen.

Inzwischen gibt es unter den Freunden beinharter "British Education" sogar noch eine weitere Spezies: Kinder aus der Mittelschicht, die nach Meinung ihrer abstiegsängstlichen Eltern ihre Zukunftschancen verplempern, indem sie sich (an der "Staatsschule") mit mittelmäßigen Zeugnisnoten begnügen und ihr Leistungspotential bestenfalls am Spiele-Computer, als Rapper oder in Breakdance-Wettbewerben ausreizen.

Der unabhängige Internatsberater Peter Giersiepen diagnostiziert bei vielen England-Interessenten eine Unzufriedenheit mit dem deutschen Bildungssystem, die sich weniger auf eine unzureichende Vermittlung von Lerninhalten als vielmehr auf den Mangel an Disziplin beziehe. Ihnen erschienen englische Internate als "relativ sichere Lösung", was allerdings weniger an deren "objektiven Einflussmöglichkeiten [...] auf junge Menschen" liege als vielmehr "an der geringen Kenntnis der Eltern über Internate und der mangelnden Reflexion über die wahren Gründe, ein Internat zu suchen." Sein Befund:

"Interressanterweise haben solche Eltern meist Kinder in der 9., 10. oder 11. Klasse, die im deutschen Schulwesen nicht ausreichend das Lernen gelernt haben und aus Sicht der Eltern nachmittags zu viele Freiräume besitzen."

Und Giersiepen warnt ausdrücklich:

"Viele Internatsleiter kämpfen mit den schier unerfüllbaren und meist unbewussten Erwartungen der Eltern. [...] Der Besuch eines Internats eignet sich nicht zur Kompensation von Defiziten in der o.g. Weise."

Der überwiegende Teil der Wohnschulbranche kennt derlei Zweifel und Skrupel allerdings nicht und fördert eher die optimistische Erwartungshaltung der potentiellen Kundschaft. Denn - wie überall in der Privatwirtschaft - geht es auch in der Bildungs-Touristik erst einmal ums Geschäft. Die prosperierende Zunft der Internats-"Berater", die den gesamten Markt fest im Griff und den Auslands-Boom im Grunde erst dadurch angeheizt hat, dass sie die hohen Hürden eines Schulbesuchs in der Fremde mit allerlei Dienstleistungen von der Erledigung der Bewerbungsformalitäten über Rundreisen zu diversen Schulstandorten bis hin zur gesetzlich vorgeschriebenen Stellung sog. Guardians (Gewährspersonen im Gastland) niedrig hält, empfiehlt gern die Institute der Luxusklasse. Denn das bringt die höchsten Vermittlungsprovisionen. Und es ist ein Leichtes, die ohnehin von irrationaler Überschätzung internatspädagogischer Möglichkeiten irregeleitete Kundschaft dadurch in Kauflaune zu versetzen, dass man per Hochglanzbroschüre die "Harry-Potter-Situation" in vielen der altehrwürdigen Institute heraufbeschwört.

Und die strenge Bewerberauswahl, mittels derer Eton & Co. sich die Ungeeigneten angeblich vom Leibe halten , ist offensichtlich auch nur eine Legende. So findet denn so mancher Schulversager aus reichem Elternhaus den Weg in die vermeintlichen britischen Schulparadiese, nur um dort dann - wie z.B. in der ZDF-Reportage "Lernen wie die Lords" am Beispiel des Deutschen Philipp Blank mitfühlend dokumentiert - grandios zu scheitern. Die 30.000,- Euro für ein Probejahr im Sack, heißt es dann: "Sorry, es hat leider nicht gereicht. "

Auch sonst ist es um die englischen Nobelinternate wohl nicht viel besser bestellt als um die deutsche Wohnschulbranche. Auch dort gibt es eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Schein und Sein. "Neben begeisterten Stimmen", so berichtet die FAZ, " hört man auch Kritisches von Rückkehrern":

"Er habe sich 'eingeengt' gefühlt vom Regelsystem, das einen Schüler auch im fortgeschrittenen Alter nicht für voll nehme, erklärt einer, der auch das Bullying erwähnt, da werde allerdings rigoros von Seiten der Schule vorgegangen. Und Alkohol- und Sexverbot sind Aussichten, die eher Mütter als Söhne erfreuen. Es sei aber wie mit den Hochglanzprospekten der Internate, sagt ein anderer Inselkundiger, der ebenfalls ungenannt sein will: Ganz falsch sei das alles nicht, aber nur die Oberfläche - und das gelte eben auch für die Verbote."

In ihrem Bericht "Aufzug zur Karriere – Wie man das Eliteinternat Eton überlebt", gesendet von WDR 5 am 05.01.2014, zeichnet Auslandskorrespondentin Gabi Biesinger am Beispiel des Vorzeigeinstituts Eton ein eher desillusionierendes Bild der Internatswirklichkeit. Hoghwarts scheint seinen Zauber ein Stück weit verloren zu haben. Ganz anders als Harry-Potter-Fans es erwarten dürften, blickt so mancher Zauberlehrling im Rückblick auf die real erlebte Internatszeit nicht gerade durch rosa Brillengläser:

"Darüber, was manchmal hinter den Kulissen von Eton abläuft, redet man eigentlich erst, wenn man Eton verlassen hat und nennt dabei nicht immer seinen Namen. Ein Absolvent, der anonym bleiben möchte, beschrieb in der Zeitung Guardian unlängst, seine Zeit in Eton hänge ihm wie ein Mühlstein am Hals. Der Journalist Chris Miller erklärt rückblickend: 'Der schönste Augenblick in Eton war, als ich die Schule verlassen durfte.' Er erinnert sich an die Hackordnung zwischen den Schülern, an das Mobbing durch Ältere, an die Initiationsriten. Er bekam den Spitznamen „Flower-Miller“ verpasst, weil er kein sportlicher Draufgänger war, sondern aus Sicht seiner Kameraden eher ein 'Blümchen', eine Mimose. Chris Miller sagt, die beste Strategie, um Eton zu überstehen, sei gewesen, den Kopf immer schön unter der Brüstung zu halten, nicht widersprechen, einfach immer lächeln und auf keinen Fall ältere Jungs ärgern. Dann würde man es auch wegstecken, wenn die Mitschüler einen nachts heimlich im Bett festbinden, das Bett plötzlich hoch reißen und aufs Fußende stellen. „Lamp-Posting“ - Laternenpfahl - hieß das Spielchen."

Wenn Internate wie Eton sich auf berühmte Schüler berufen - gern genannt werden etwa der Dichter George Orwell, die britischen Thronfolger-Söhne William und Harry oder der gegenwärtige konservative Premier David Cameron - so ist das oft nur der erste Teil einer Geschichte, die vielleicht hoffnungsvoll begann, aber oft genug peinlich endete.

Prinz Harry Windsor wurde 2002 wegen übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsums in Eton vorübergehend suspendiert und musste sich danach in unregelmäßigen Abständen peinlichen Urinkontrollen unterziehen. Großmutter Queen Elisabeth war wieder einmal not amused, denn die Presseberichte über diesen Fehltritt des Enkels waren im Jahr ihres 50. Thronjubiläüms mehr als unwillkommen. Wenig später dann platzte die Bombe um das angeblich nur mit Hilfe seiner Lehrerin bestandene Kunstexamen in Eton. Die Lehrerin petzte - und wurde entlassen. "Dirty Harry" dagegen, der 2005 in einem Anflug britischen Humors mit Hakenkreuz-Binde auf einer Party erschien, behielt sein Abschluss-Diplom.

Den Vogel allerdings schoss Vorzeige-Eton-Schüler und Tory-Premier David Cameron ab. Er wurde 1982, im Alter von 15 Jahren, wegen Cannabis-Konsums von der Schule geschmissen und reagierte später auf entsprechende Reporter-Fragen wenig gentlemanlike:

"Questioned in 2005 about his past cannabis use, Cameron said: “Shutup shutup shutup,” “A politician’s private life is private,” “we are all human … we err and stray,” “I am not issuing a denial,” and eventually “I did a lot of things … which I shouldn’t have. We all did.”

Berechtigte Frage seiner Kritiker:

"We Conservatives? We Etonians? Who is 'we'?"

BITTE BEACHTEN SIE DIE NACHFOLGENDEN LINKS!

Adrian Itschert: Klas- senorganisationen - organisierte Klassen.

Eine systemtheoretische Perspektive auf Eliteinternate und Gewerkschaften. Auszug:

"Das private Eliteschulwesen des angelsächsischen Raums lässt sich am besten verstehen, wenn man sich die historischen Umstände seiner Entstehung vor Augen führt. Die Oberschicht des 18. Und 19. Jahrhunderts (vgl. Weinberg 1967, Cookson/Persell 1985, Kalthoff 1997) hatte schlechte Erfahrungen mit Privatlehrern gemacht. Der Status des Kindes als Oberschichtmitglied erwies sich meist als dominanter als die rollenspezifische Autorität der Erzieher. Diese waren nicht in der Lage, ihre Zöglinge konsequent zurechtzuweisen oder zu bestrafen. Die Folge waren verwöhnte Oberschicht- kinder ohne Karriereorien- tierung, die in der späteren Laufbahn versagten. Zur Kompensation dieses schichtspezifischen Sozialisationsdefektes richtete man dann seltsamer Weise um eines erwünschten Sozialisationseffektes willen Internate ein, also totale Institutionen, in denen die Kinder dort wohnen, wo sie auch erzogen werden. Man muss nur an Goffmanns Liste von Sozialisations- effekten totaler Institutionen denken wie Hospitalismus, Regression u.a., um das Bizarre dieses Arrangements würdigen zu können.

Das Herrschen und das Dienen lernen. Zur Gründung des Eton-College im Jahre 1440. Zitat:

"Hinter vorgehaltener Hand sagen Experten, dass hier selbst mittelmäßig begabte Jungen den Schliff erhalten, der in den höheren Rängen von Regierung, Verwaltung und Militär erwartet wird."

Das Herrschen und das Dienen lernen (Teil II)

Ein kürzlich an die Öffent- lichkeit gelangter Prü- fungstext der Eliteschule Eton hat in Großbritannien hitzige Debattenausgelöst. Bei dem Test aus dem Jahr 2011 konnten 13-jährige Bewerber ein Stipendium in Höhe eines Zehntels der Studiengebühr von 32.000 Pfund (37.400 Euro) erhalten.

Zuerst mussten die Schüler zwei Absätze aus Niccolò Machiavellis "Der Fürst" zusammenfassen, in denen erläutert wird, es sei für Staatsmänner wichtiger, gefürchtet zu werden als geliebt. Dann wurde ihnen folgende Aufgabe gestellt:

"Sie sind Premierminister"

"Wir schreiben das Jahr 2040. In Großbritannien gibt es wegen einer Ölkrise im Nahen Osten keinen Treibstoff mehr. Demonstranten haben öffentliche Gebäude angegriffen, mehrere Polizisten kamen dabei ums Leben. Die Regierung hat darauf den Einsatz der Armee angeordnet, um die Proteste niederzuschlagen. Nach zwei Tagen gelang es, die Unruhen zu beenden, aber 25 Demonstranten wurden von der Armee getötet. Sie sind Premierminister. Schreiben Sie ein Manuskript für eine Rede, die landesweit ausgestrahlt wird. In dieser Ansprache erklären Sie, warum der Armeeeinsatz gegen Protestierende Ihre einzige Möglichkeit war und dass diese Option sowohl notwendig als auch moralisch gerechtfertigt war."

Der Film "If" des Regisseurs Lindsay Anderson

Das repressive Erziehungssystem eines britischen Eliteinternats schlägt während einer paramilitärischen Übung in offene Gewalt um.

Gescheiterte Revolution: 1968 plante Labour, die sozial exklusiven Publik Schools auf Staatskosten zur Hälfte mit Britenboys zu füllen, deren Erziehung durch negative Umwelteinflüsse gefährdet sei - Waisen und Kinder aus zerrütteten Ehen.

FOCUS: Englische Eliteinternate als letzte Hoffnung für Kinder aus Problemfamilien

Ja, da schau her. Wenn nichts mehr hilft, hilft Internat. Nun übernimmt auch der englische Staat - ähnlich wie deutsche Behörden - die Kosten einer Internatsunter- bringung für Kinder aus Problemfamilien. Was wohl die feine Stammkundschaft dazu sagt? Weitere Informationen:

Stütze für Reiche

Sozialamt zahlt teure Privatschulen

FOCUS: Teuer, elitär und "very british"- Schule in England

Nur zehn Prozent der englischen Schulkinder besuchen die wegen ihres elitären Dünkels in der Bildungsdiskussion auch umstrittenen Public Schools. Wer sie nicht selbst bezahlen kann, hat die Möglichkeit, sich bei zahlreichen Institutionen um ein Stipendium zu bewerben, das nicht unbedingt leistungsabhängig ist. So werden die Kosten für Barneys und Floss Schule zu drei viertel von so genannten School Trusts übernommen, die zum Beispiel von Ehemaligen finanziert werden.

Eliteforscher Michael Hartmann: Deutsche Stipendiensysteme fördern die Falschen!

Stipendien in Deutschland fördern diejenigen, die es nicht nötig haben. Bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes zum Beispiel stammt gerade einmal jeder 20. Stipendiat aus sozial „niedrigen“ Verhältnissen. Arbeiterkinder trauen sich meist gar nicht, eine Bewerbung um ein Stipendium abzuschicken. Wenn sie es doch ins Auswahlverfahren schaffen, scheitern sie, weil sie nicht richtig auftreten.

Gibt es Gerechtigkeit? Michel Friedmann im Gespräch mit Ex-Verfassungsrichter Udo Di Fabio. Auszug:

„Dann haben wir aber noch oben ein Drittel, das ich als internationalisiertes Drittel bezeichnen würde. Das ist eine viel kleinere Zahl, aber eine wachsende Zahl. Und hier beobachte ich, dass auch oben der Bildungsvertrag aufgelöst wird. Man schickt seine Kinder bei den ersten Anzeichen von Proble- men in englische Elite-Internate oder auf internationale Schulen, wo sie englisch unter- richtet werden, dass sie ja den Anschluss an die internationalen Eliten finden. Da ist schon das Beamtenkind oder das eines Abteilungsleiters in einem Industrieunternehmen abgehängt.“ (Ex-Verfas- sungsrichter Udo di Fabio in WELT Online vom 08.02.2012).

George Orwell (Auszug aus der Biografie)

Im Alter von sechs bis acht Jahren besuchte George, wie zuvor seine Schwester, die anglikanische Kirchenschule in Henley-on-Thames. Auf Empfehlung seiner Schule wurde er von der St. Cypri- ans Vorbereitungsschule in Eastbourne, Sussex, einem Internat für Kinder der englischen Oberschicht, aufgenommen. Aufgrund seiner Leistungen wurde den Eltern die Hälfte des Schulgeldes erlassen. Seine Erfahrungen an der St.-Cyprians-Schule fasste er 1946/1947 in dem 1952 veröffentlichten Essay Such, Such Were the Joys (dt. "Die Freuden der Kindheit) zusammen. Das Internat verhalf ihm zu einem Stipendium vom König und vermittelte Studienplätze an den Kollegien von Wellington und Eton. 1917 geht Orwell nach Wellington, wechselt jedoch nach kurzer Zeit auf das Eton College, welches er bis 1921 besuchte. Hier lernte er Cyril Connolly, den späteren Herausgeber des Horizon Magazins, kennen, der später viele seiner Essays veröffentlichen und zu einem Freund auf Lebenszeit werden sollte.

Ulrich Lange: Als Stipendiat ins Luxus- internat?

Auszug: "Kinder weniger zahlungskräftiger Eltern erwartet in den Luxus-internaten oft ein Leben "zwischen Idylle und Grauen" (Die ZEIT). Denn die Kinder der Reichen, die zumeist nicht gerade zu den Leistungsträgern gehören, aber dafür umso selbstbe- wusster auftreten, können es die Leistungsstipendiaten sehr deutlich spüren lassen, dass sie nicht den richtigen "Stallgeruch" haben und im Grunde Kostgänger spendabler Großverdiener sind. Man spricht in diesem Zusammenhang von dem sog. "Aschenputtel-Syndrom", einer tief sitzenden Beschädigung des Selbstwertgefühls infolge permanenter Zurücksetzung oder Mobbings. Dabei muss es sich nicht einmal um offene Aggression oder Ausgrenzung handeln. Viel wirkungsvoller sind oft subtile Formen der Gönnerhaftigkeit oder gedankenlose Bemerkungen, die den Stipendiaten immer wieder vor Augen führen, dass sich hinter einer Fassade der "Nettiquette" oft sozialer Dünkel und soziale Ressentiments verstecken. George Orwell hat dieses bohrende Gefühl, am Tisch der Reichen lediglich geduldet zu sein, in dem Essay "Such, Such Were the Joys" (deutsch: "Die Freuden der Kindheit"), eindrucksvoll beschrieben. Orwell, der eigentlich Eric Athur Blair hieß, wurde am 23. Januar 1903 in Moitihari in Bengalen geboren. Er besuchte zunächst die anglikanische Kirchenschule in Henley-on-Thames und wechselte 1911 auf Empfehlung von dort auf die St. Cyprians Vorbereitungsschule in Eastbourne, Sussex, eine Internatsschule für Kinder der englischen Oberschicht. Auf Grund seiner guten Leistungen wurde den Eltern die Hälfte des Schulgeldes erlassen. Das Internat verhalf ihm ferner zu einem königlichen Stipendium und einem Studienplatz in der Eliteschmiede Wellington. Die Internatsliteratur greift solche Stipendiatenschicksale, die oft in Selbstmorden oder blutigen Rachefeldzügen der Gedemütigten enden, bis in jüngste Zeit gern auf. Selbst in den Drehbüchern deutscher Krimiserien haben mittlerweile sozialkritische Seitenhiebe auf die Parallelwelt der Reichen in fiktiven Nobelinstituten Einzug gehalten, in denen nach Meinung des ehemaligen Tatort-kommissars und Altsalemers Jochen Senf „die Widersprüche nur so aufeinander krachen“ (siehe auch die nachfolgenden Links):

Soko Kitzbühl: Tod im Internat

Der Bulle von Tölz: Tod im Internat

Tatort: Herz aus Eis

Soko Wien: In bester Gesellschaft

Die angesprochenen Institute, die sich makabrerweise gern als Drehorte solcher imageschädigenden Filmproduktionen anbieten, versuchen dagegen, den Eindruck von "Bonzen-Schulen", in denen verzogene Prominenten- und Großverdiener-Gören unter-privilegierte Altersgenossen quälen, zu zerstreuen, indem sie glückliche Vorzeige-Stipendiaten präsentieren (siehe z.B. der ZEIT-Beitrag: "Salem ist kein Bonzenbunker, sagt Daniela Zech, Tochter eines Postbeamten"). Allerdings werden durch solche bestellten Jubelbeiträge und medialen Ergebenheitsadressen oft Leser-kommentare provoziert, die die erhoffte Propagandawirkung erheblich relativieren.

Erinnerungen von Filmautor William Boyd an die gemeinsame Schulzeit mit Prince Charles in Gordonstoun(Auszug):

Ich war in Gordonstoun. Wir machten unsere Betten, wischten die Fußböden und reinigten die Zimmer. Es war zwar eine Privatschule, aber kein leichtes Leben.

Prinz Charles war zur selben Zeit Schüler dort.

Er war ein paar Klassen über mir – und er hasste es. Ich habe ihn später bei irgendwelchen Anlässen getroffen. Wir unterhielten uns über die Lehrer, die wir kannten, die Häuser, in denen wir wohnten. Er wurde schikaniert, auch physisch.

In einer englischen Zeitung hieß es, er sei dort mit einer Kneifzange gequält worden. Sie auch?

Ich war gut in Sport und relativ beliebt. Aber es stimmt, der Schriftsteller W. H. Auden hat einmal gesagt, jeder englische Schuljunge versteht den Faschismus, weil er als Schüler unter einem faschistischen Regime gelebt hat. In meinen ersten beiden Jahren, mit 13, war unser Internat ein wirklich gefährlicher Ort. Es gab Senior Boys, die einen aus dem geringsten Anlass quälten.

Zum Beispiel?

Wenn ein Senior einen Jüngeren beim Rauchen erwischte. Er wurde ausgezogen, sein Schamhaar rasiert, und die älteren Jungs rieben seine Genitalien mit Zahnpasta ein. Hinzu kommt der Snobismus. Die privilegierten Jungs hegen große Verachtung gegenüber Angehörigen niedrigerer Schichten, es gibt haarsträubende Auswüchse von Klassenhass. Es reichte, einen Akzent zu haben. Wir hatten Griechen, junge Iraner, die wurden massiv gemobbt. Wenn einer schwarz war, hörte er jedes vorstellbare rassistische Schimpfwort.

Die Lehrer haben das nicht mitgekriegt?

Weil niemand darüber sprach, das hätte es nur schlimmer gemacht. An der Oberfläche sieht es nach einer glücklichen, ausgeglichenen Gesellschaft aus. Aber darunter ist das ein Treibhaus.

Glauben Sie, das ist überall in Internaten so?

Ich kann nur für britische Schulen sprechen. Unglücklicherweise wird unser Land von einer Elite dominiert, die selbst auf Privatschulen ging. Unter fünf Prozent besuchen diese Schulen, aber ihr Einfluss ist vollkommen überproportional.

(1) Nicht zufällig sind Berliner Schüler unter den Ausreisewilligen überproportional vertreten! (2) Gern wird hier auf einen angeblichen "fulminant großen Unterschied zwischen der deutschen und britischen Schultradition" Bezug genommen. Zitat aus "Der Tagesspiegel" vom 28.08.2012: „In Großbritannien gilt der Besuch eines Internats als Auszeichnung, in Deutschland fragt erstmal jeder, ob die Eltern nicht mehr mit der Erziehung zurechtkommen“.
01:39 10.01.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare