Späte Erkenntnis

Privatschulen | Privatschulgesetze und Aufsichtspraxis der meisten Bundesländer missachten laut einer Studie des WZB nachweislich das Grundgesetz. Und daran wird sich auch nichts ändern.
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"Das missachtete Verfassungsgebot – Wie das Sonderungsverbot nach Art. 7 IV 3 GG unterlaufen wird", lautete der Titel einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), veröffentlicht in Heft 22/2016 der "Neuen Zeitschrift für Verwaltungsrecht". Was die Autoren, der Rechtswissenschaftler Professor Michael Wrase und der Bildungssoziologe Prof. Marcel Helbig, dort erstmals systematisch belegen, hat durchaus gesell- schafts- und bildungspolitische Brisanz. Es geht um nichts Geringeres als um den (notorisch saloppen) Umgang der Herr- schenden mit den Grundprinzipien unserer Verfassung. Und es geht um die verfassungswidrige Duldung der Selbstaus- grenzung der Gutverdienenden mittels eines sozial und preislich exklusiven (überwiegend privaten) Standesschulsystems, durch das die ohnehin zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und (Einfluss-)Reich noch weiter forciert wird.

Altbekanntes Ärgernis

Die durch die Berliner Wissenschaftler hier erstmals so detailreich dokumentierte Erkenntnis, dass sich parallel zu dem öffentlichen Schulwesen ein zweiter - größtenteils ebenfalls staatlich und damit steuerfinanzierter - Bildungssektor für die Kinder der Bessergestellten auszubreiten beginnt, in dem sich nicht nur "elitäre" Internatsschulen wie Salem & Co., sondern zunehmend auch private Tagesschulen durch Erhebung saftiger Elternbeiträge ungeniert über das Sonderungsverbot des Verfassungsartikels 7 (4) GG hinwegsetzen, während Politiker und Kultusbürokraten dieser Entwicklung tatenlos zusehen, ist allerdings nicht wirklich neu, mögen auch einige aufgeregte Pressemeldungen diesen Anschein erwecken. "Würde man das Grundgesetz ernst nehmen", verkündete da zum Beispiel die Süddeutsche vom 17. November 2016 mit jakobinischer Strenge, "müsste Schloss Salem geschlossen werden!". Der Berliner Tagesspiegel (Titel: „Bei Privatschulen ist soziale Selektion Programm“) und der Deutschlandfunk („Elite-Internate dürfte es in Deutschland eigentlich nicht geben“ / “Mehrzahl der Bundesländer hat das Sonderungsverbot nicht umgesetzt!“) gaben sich ähnlich kämpferisch.

Doch gemach. Von einem allgemeinen "Sturm auf Salem & Co." gemäß der Revolutionsparole »Guerre aux palais! Paix aux chaumières!«, wie "PISA-Versteher" Christian Füller ihn bereits auf die private Bildungswirtschaft zurollen sieht, kann angesichts einer eher gelangweilten Reaktion der Medienbranche insgesamt kaum die Rede sein. Dies wäre auch höchst verwunderlich gewesen, wird doch die besser verdienende Leser- und Elternschaft um diese Jahreszeit gewöhnlich mittels anzeigengespickter Sonderhefte, Sonderbeilagen oder Sonderthemen, so genannter „Verlags- und Redaktions- speziale“, quer durch den deutschen Blätterwald zum Exodus in eben jene preislich wie sozial exklusiven Privatschulen und Internate geradezu angestiftet, deren Existenzberechtigung nun gerade mal von einer Handvoll getriggerter Medienschaffender (und auch nur rein rhetorisch) in Frage gestellt wurde. "Boom der Privatschulen" lauten da gewöhnlich die Aufmacher. Oder: "Kaderschmieden mit Karrieregarantie!". Neuerdings aber auch schon mal: "Kaderschmiede für Reiche? - Internate haben ein Imageproblem." Oder: "Wo seid ihr, Schüler? Untertitel: "Schlechte Presse, weniger Anmeldungen: Viele Internate und Privatschulen haben eine schwere Zeit. Mit neuen Angeboten wollen sie nun die Trendwende schaffen."

Erst recht ignoriert wurde das Thema seitens der Politik - mit Ausnahme vielleicht Berlins, wo man sich gerade zu einem rot-rot-grünen Bündnis formiert hat. Dabei ist doch der um Wiedergewinnung ihres sozialen Profils ringenden Sozialdemokratie in Vorwahlkampfzeiten jede Gelegenheit recht, sich den Auswüchsen sozialer Ungerechtigkeit entgegen zu stemmen, insbesondere natürlich denjenigen, die sie selbst maßgeblich mitverursacht hat. Es ist absehbar, dass man auch die neu entfachte Diskussion um verfassungswidrige Privatschulge- bühren wieder gleichmütig aussitzen wird. Die Empörungsbereitschaft der stets Empörungsbereiten wird sich schon beim nächsten sozialdemokratischen Stinkefinger oder Terror-Attentat auf einen Weihnachtsmarkt auf andere Konfliktfelder ablenken lassen. Irgendwas passiert ja immer.

Bei systematischer Betrachtung stellt man schnell fest, dass das Problem einer verfassungswidrigen Sonderung der SchülerInnen nichtstaatlicher Schulen nach den elterlichen Einkommens- verhältnissen auf politische Sünden, Versäumnisse und Webfehler zurückgeht, die mindestens so alt sind wie die Bundesrepublik selbst.

Als die Mütter und Väter der Verfassung vom 8. Mai 1949 den Grundgesetzartikel 7 Abs. 4 formulierten, wollten sie „das Kastensystem [...] zerbrechen", das laut Bericht einer amerikanischen Expertenkommission aus dem Jahr 1946 "das deutsche Schulsystem" durchzog. Denn dieses wurde beschuldigt, "den Nationalsozialismus begünstigt, wenn nicht [sogar] gefördert" zu haben und damit zugleich als „wesentliches Hindernis der gesellschaftlichen Modernisierung und politischen Demokratisierung" nach 1945 zu wirken (P. Drewek).

Dass es mit den Lehren aus der Vergangenheit schon damals nichts wurde und die alten Eliten auch ihre Standesschulen in der Adenauer-Ära mit staatlicher Billigung erneut etablieren konnten, ist – zumindest teilweise - aus den Zeitumständen zu erklären. Das besiegte und zerstörte Deutschland hatte zunächst alle Hände voll zu tun, die Alltagsnöte der Bevölkerung zu lindern und überhaupt wieder ein funktionierendes Staatswesen aufzubauen.

Die pragmatisch-zynische Schmutzwasser-Philosophie des "Alten aus Rhöndorf" beherrschte das politische Handeln noch bis in die 1960er und 70er Jahre. Infolge der Wirren der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus standen die Zeichen auf Wiederherstellung der alten Ordnung, was durchaus auch gesellschaftspolitisch zu verstehen war und zu einem insgesamt restaurativen Klima führte. Von einer systematischen Verfolgung der NS-Verbrechen konnte unter diesen Bedingungen ebenso wenig die Rede sein wie von einer Durchdringung der Gesellschaft des neuen Staates mit demokratischem Geist. Die politischen Akteure – ehemalige Nazis wie Nazi-Opfer, Linke wie Rechte, Katholiken wie Protestanten – standen sich misstrauisch und unversöhnlich gegenüber wie schon in der Endphase der Weimarer Republik.

Die Wiederherstellung eines Standesschulwesens der Oberschicht erfolgte als Teil jenes Transformationsprozesses, der den vielfach schwer belasteten Repräsentanten der alten Eliten nach glimpflicher Entnazifizierung die Wiedereingliederung in die Karrieresysteme des Adenauerstaates ermöglichte. In der allgemeinen staatlichen Unordnung war es ein Leichtes, mit Hilfe alter Beziehungsnetzwerke wirksame Lobbyarbeit zu betreiben. Aus der erfolgreichen Integration der alten Eliten entwickelte sich in den Folgejahren dann eine Gesellschaftsordnung, die heute gern mit Bezeichnungen wie „Klüngel-Republik“ oder „Deutschland-Clan“ charakterisiert wird und deren politische Kultur mittlerweile die Form einer weitgehenden Korrumpierung des Staates durch die Einflüsse des Lobbyismus angenommen hat.

Von daher ist es nicht erstaunlich, in welchem Umfang insbesondere die Gruppe der "Deutschen Landerziehungsheime" als Interessenvertretung der teuersten privaten Internatsschulen durch ihren schillernden Justiziar Hellmut Becker (Altsalemer, NSDAP-Mitglied seit 1937 und Anhänger des Dichters Stefan George, der ein strikt antiliberales und antidemokratisches bildungsbürgerliches Eliteideal propagierte) bereits in der Frühphase staatlicher Neuorganisation nach 1945 Einfluss auf die Privatschulgesetzgebung der Länder nehmen konnten. Und diese Einflussnahme setzt sich, wie wir noch sehen werden, bis in unsere Tage fort.

Und eben deshalb kann man auch nicht erwarten, dass die aktuelle BSW-Studie eine breite Grundsatzdiskussion über Versäumnisse staatlicher Genehmigungs- und Aufsichtspraxis im Hinblick auf das Sonderungsverbot auslösen wird. Schon in der jüngeren Vergangenheit blieb deren Anprangerung durch einschlägige Publikationen oder parlamentarische Anfragen wirkungslos bzw. ließ man diese nach dem fernöstlichen Sinnbild der drei Affen schlicht ins Leere laufen. Da mochten selbst höchste Gerichte beschließen, was sie wollten: Den politisch Verantwortlichen war kein Gegengrund zu fadenscheinig, um den Vorwurf der staatlichen Subventionierung verfassungsfeindlicher Umtriebe der privaten Bildungswirtschaft abzuwehren. So antwortete beispielsweise der Hamburger Senat auf eine große Anfrage der Linken vom 05.09.2008:

FRAGE

Wie viele Freiplätze für wirtschaftlich bedürftige Schülerin- nen und Schüler werden an den Ersatzschulen, die ein Schulgeld von über 200 Euro erheben, bereit gehalten (bitte Angaben in Prozent) und wie wird gesichert, das Antragsteller auf Freiplätze ihre legitimen Ansprüche auch geltend machen können?

ANTWORT

Bei Erteilung der Genehmigung waren nach damaliger Sachlage und Rechtsansicht der zuständigen Behörde die Genehmigungsvoraussetzungen erfüllt. Die zuständige Behörde bereitet zurzeit eine weitere Erhebung vor, die für das laufende Schuljahr unter anderem die Höhe des maximalen Schulgeldes, Ermäßigungstatbestände und die Anzahl der Freiplätze feststellen soll.

Gleichzeitig werden die Schulträger aufgefordert, das Sonderungsverbot einzuhalten. Im Übrigen sind die Überlegungen der zuständigen Behörde noch nicht abgeschlossen.

Ein Jahr später wurde eine Anfrage der SPD im Baden-Württem- bergischen Landtag in gleicher Sache seitens des Kultus- ministeriums (vgl. Schreiben vom 29. Juli 2009 Nr. 24–6460.0/116) ähnlich hinhaltend beschieden:

"Das von Ersatzschulen in Baden-Württemberg konkret erhobene Schulgeld wird statistisch nicht erfasst. Nach Kenntnis des Ministeriums erheben Ersatzschulen in Baden-Württemberg grundsätzlich Schulgeld in einer Höhe, das nach Einkommensverhältnissen der Eltern gestaffelt ist und vergeben auch Stipendien für Schülerinnen und Schüler insbesondere aus einkommensschwächeren Familien. Auch für Geschwister werden Ermäßigungen gewährt.

Das Sonderungsverbot bezieht sich im Übrigen lediglich auf das Schulgeld, das von den Eltern originär für den Unterricht an der Ersatzschule geleistet wird. Soweit die Schule darüber hinaus Leistungen anbietet, wie z. B. Betreuungsangebote oder Mittagessen, kann die Schule hierfür ein zusätzliches Entgelt erheben. Hierfür geleistete Entgelte der Eltern werden nicht vom Sonderungsverbot erfasst."

Das Beispiel belegt anschaulich, dass den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung kein Argument zu schwach ist, um einen Zustand zu rechtfertigen, dessen sozialschädliche Auswirkungen zwar in der Sache kaum zu bestreiten sind, dem man aber dennoch auf keinen Fall abzuhelfen gedenkt.

Erstaunlicherweise werden hier gerade die preislich exklusivsten und damit sozial selektivsten Privatschulen - bei Salem & Co. liegen die monatlichen Elternbeiträge weit über dem Nettoeinkommen eines Otto Durchschnittsverdieners - mit Scheinargumenten und durchsichtiger rhetorischer Spitzfindigkeit gegen die Infragestellung ihrer Verfassungsmäßigkeit verteidigt. Diese sind indes leicht zu widerlegen. So handelt es sich bei der Schule Schloss Salem und anderen ähnlich hochpreisigen Instituten um sog. Heimschulen, die weit überwiegend von internen Schülern (Internatsschülern) besucht werden. Anders als bei den externen (zu Hause wohnenden) Schülern, die in Heimschulen nur einen äußerst geringen Prozentsatz ausmachen, ist hier der Unterrichtsbesuch überwiegend davon abhängig, dass das teure Gesamtpaket inklusive Mahlzeiten und sämtlicher Betreuungsangebote einer "Wohnschule" gebucht wird. "Schulgeld" und Internatskosten als angeblich vom Sonderungsverbot nicht erfasste Zusatzleistungen lassen sich also gar nicht trennen. Und selbst wenn dies so wäre, lägen die reinen "Unterrichtsgebühren" bereits erheblich über dem, was laut BVerfG gemessen an Art. 7 GG noch als unschädlich anzusehen wäre (vgl. BVerfG-Urteil vom 08.04.1987). So werden einem externen Tagesschüler in Salem laut aktueller Preisliste derzeit 1.4430 bis 1.550 Euro monatlich (zuzüglich einmaligem "Sicherheitsvorschuss" zwischen 2.860 und 4.650 Euro) berechnet, was allerdings wiederum Zusatzleistungen (Betreuung am Nachmittag i.S. einer Ganztagsschule) einschließt.

Gleichheit als Grundnorm demokratischer Politik hat ausgedient

Die private Bildungswirtschaft hat nach wie vor sowohl unter Bildungspolitikern als auch in der Wissenschaft und in den Zeitungsverlagen und Sendeanstalten deutlich mehr Fürsprecher als Kritiker. Dies belegen u.a. die recht übersichtlichen Reaktionen auf die spontanen Aufregermeldungen in Süddeutscher, Tagesspiegel und Deutschlandfunk, die Prof. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz/Remagen in seinem Blog "Aktuelle Sozialpolitik" gesammelt und kommentiert hat.

"Was für eine Überschrift!" spottet er über den Aufmacher der Süddeutschen und positioniert sich gleich mit einer relativierenden Fragestellung, die sich über den Grundsatz einzuhaltender verfassungsrechtlicher Vorgaben und umzusetzender höchstrichterlicher Urteile erstaunlich leichtfertig hinwegsetzt:

>> Und auch wenn man es mal den reichen Eltern von Salem & Co. zeigen wollte und alle Privatschulen schließen würde - ändern sich dann die Verhältnisse in den öffentlichen Schulen? Werden die ausgeschlossenen Kinder in Folge besser betreut und gebildet? <<

Bemerkenswert ist auch die in der Frage bereits selbstver-ständlich enthaltene Prämisse, dass die Verhältnisse an privaten Schulen grundsätzlich besser seien als an öffentlichen. Doch dies entspricht weder dem objektiven Erkenntnisstand der Wissenschaft noch den subjektiven Erfahrungen von Eltern und Schülern. Und entgegen der scheinplausiblen Annahme, dass sich durch die Schließung von Salem und Co. an der Qualität des öffentlichen Bildungssystems nichts ändern würde, lohnte vielleicht einmal die grundsätzliche Überlegung, warum man es den Bessergestellten als den Profiteuren der neoliberalen Austeritätspolitik erlauben sollte, sich aus dem aufgrund von Steuergeschenken an die Reichen ausgetrockneten staatlichen Schulsystem zum Schaden der Demokratie in die sozial exklusive Idylle der nach rein pädagogischen Maßstäben gar nicht leistungsfähigeren oder sonstwie hochwertigeren Privatschule zu verdrücken, deren Lobbyisten obendrein noch die - keinesfalls durchgängig geteilte - Auffassung verbreiten, staatlicherseits systematisch benachteiligt zu werden und nur aus diesem Grund überhaupt gegen das Sonderungsverbot des Art. 7 GG verstoßen zu müssen.

Ungleichheit ist wieder gesellschaftsfähig geworden. Sie wird uns von der entmächtigten Politik und der ermächtigten Wirtschaft als unvermeidliche Folge der neoliberalen Globalisierung verkauft. Zwar gilt soziale Ungleichheit allgemein als ungerecht. Und soziale Gerechtigkeit stellt in den Augen der Mehrheit immer noch die Richtschnur demokratischer Politik dar. Allerdings: Einschneidende Maßnahmen zur Wiederherstellung gerechterer sozialer Verhältnisse sind in der mehrheitsbildenden Mitte der Gesellschaft unpopulär. So sehen zwar 68 Prozent der Teilnehmer einer Allensbacher Umfrage aus dem Jahr 2016 in der Tatsache, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich ständig zunehmen, das größte Risiko für die weitere Entwicklung Deutschlands in den kommenden zehn Jahren. Gleichzeitig aber haben sie kein Problem mit Ungleichheit, sofern diese (vermeintlicher) Ausdruck unterschiedlicher Leistungsfähigkeit ist. Das "Versagen des Sozialstaats" beklagen daher nur wenige. Und das ist gut für die "Parteien der Mitte", von denen niemand weiß, ob sie jeweils die Interessen der oberen, mittleren oder unteren Mitte vertreten. Sie können es hinsichtlich Gleichheit und Gerechtigkeit bei hohlen Lippenbekenntnissen belassen und die Interessen des unteren Bevölkerungsdrittels ungestraft ignorieren. Dessen Zersplitterung, Entsolidarisierung und geringe Wahlbeteiligung sorgen dafür, dass lediglich die Wünsche der Oberschicht und oberen Mittelschicht zielgerichtet in praktische Politik umgesetzt werden.

Die Mittelschicht pfeift traditionell auf die Solidarität mit dem Prekariat der Abgehängten. Selbst ihre abstiegsbedrohten Teile orientieren sich von je her nach "oben". Kein Wunder, dass sie den Werbern für teure Internate auf den Leim gehen, die glänzende Karriereaussichten für den Nachwuchs, ja dessen Aufstieg in die Elite, versprechen.

Dass "die Eliten mauern", wie es ein ernüchterndes Fazit solcher Aufstiegsversprechungen in den "Deutschen Wirtschaftsnachrichten" auf den Punkt bringt, will man in Mittelschichtkreisen, deren Stimmungslage der Kasseler Soziologe Prof. Heinz Bude in einem Extra zum Funkkolleg Sicherheit des Hessischen Rundfunks höchst anschaulich beschreibt, natürlich nicht wahrhaben. Darum lassen sie sich hervorragend missbrauchen, um - "Hurra wir dürfen zahlen!" - die Eliteschulen der Oberklasse mitzufinanzieren und sie mit ebenso ehrgeizigen wie wohlerzogenen Stipendiaten zu versorgen, die nicht mit den Schmuddelkindern auf öffentliche Schulen gehen sollen, dann aber die privaten Institute für "die armen Kinder der Reichen" nach innen leichter regierbar und nach außen attraktiver erscheinen lassen. Der Mitbegründer der -schule Schloss Salem, Kurt Hahn, schrieb bereits wenige Jahre nach deren Eröffnung desillusioniert:

"Keine Schule kann eine Tradition von Selbstdisziplin und tatkräftiger, freudiger Anstrengung aufbauen, wenn nicht mindestens 30 Prozent der Kinder aus Elternhäusern kommen, in denen das Leben nicht nur einfach, sondern sogar hart ist."

Die Botschaft "Wie aus Kindern Führungskräfte werden" (Salem-Werbung) ist dann allerdings wohl eher für diejenigen Kunden gedacht, deren Nachwuchs via Nobelwohnschule doch noch die Kurve zum Unternehmensnachfolger kriegen soll. Und bei den "Verbindungen fürs Leben" (Geschichte über die gelungene Integration eines Salemer Oligarchen-Sprösslings in eine alteingesessene mittelständische baden-württembergische Firma aufgrund einer Schulfreundschaft mit dem Firmenerben im Internat Salem) bleiben die Reichen ohnehin am liebsten unter sich. Das gilt schon für die Wohnquartiere, die Schulen, den Umgang und erst recht, wenn's um den Bund fürs Leben geht.

Und mit der zunehmenden Entfremdung der sozialen Schichten nimmt das Unheil seinen Lauf. Denn die faktisch gegebene und sich ständig vertiefende soziale Ungleichheit schlägt sich in einer schleichenden Destabilisierung von Staat und Gesellschaft nieder - und das weltweit. Untrügliche Anzeichen werden als solche oft nicht wahrgenommen. Stattdessen entrüstet man sich naiv bis scheinheilig über Kriege, Terror, Flüchtlingsströme, Brexit oder den grassierenden Rechtspopulismus. Aber die Entwicklung zum "Failed State"beginnt eben früher als viele es wahrhaben wollen, nämlich mit dem Zerbrechen des inneren Zusammenhalts und der gemeinsamen Wertordnung von Gesellschaften. Die wachsende Kluft zwischen den sozialen Schichten ist ein Menetekel heraufziehender Krisen auch in unserem Teil der Welt.

Das politische Establishment hat dem Erosionsprozess der Demokratie nichts entgegen zu setzen - außer dem Bemühen, das Volk nicht durch unangenehme Wahrheiten zu beunruhigen. Und was sind schon Wahrheiten, wenn deren Wahrnehmung zusehends im Nebel konstruktivistischer Realitätsverleugnung und postfaktischer Manipulation verschwimmt und Tatsachen mit Gefühlen und Spekulationen willkürlich vermischt werden dürfen. Unwahrheiten sind nicht mehr falsch, intellektuell unredlich oder einfach nur Ausdruck von Blödigkeit, sondern stellen „eine alternative Sichtweise“ dar, die eine eigene Realität bildet.

Die unterwürfige Selbstzensur, die der SPD-Ministerin Andrea Nales im jüngst vorgelegten Entwurf zum 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung nachgewiesen wurde, dient der Verschleierung der Ochlokratisierung der Gesellschaft im postdemokratischen Zeitalter, erst recht in der bevorstehenden Version 4.0. Aufgrund von Einsprüchen mehrerer Ressorts wurden genau diejenigen Passagen gelöscht, die - gestützt auf Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie der Universität Osnabrück - den klaren Nachweis erbringen, dass einkommensstarke Gesellschaftsgruppen einen signifikant höheren Einfluss auf politische Entscheidungen haben als einkommensschwache. Auszug:

>> Wenn beispielsweise nur 20 Prozent der obersten Einkommensgruppe eine Politikänderung befürworten, dann liegt die Wahrscheinlichkeit für deren Umsetzung bei 39 Prozent. Stimmen allerdings 80 Prozent der Befragten aus der oberen Einkommensgruppe einer Politikänderung zu, so liegen deren Chancen auf Umsetzung bei fast 65 Prozent. Dieser deutlich positive und statistisch signifikante Zusammenhang gilt nur für die oberste Einkommensgruppe. Zwar ist der Zusammenhang zwischen Befürwortung und Umsetzung auch für die mittlere Einkommensgruppe leicht positiv, aber nur sehr schwach. Für die unterste Gruppe zeigt sich sogar ein leicht negativer Zusammenhang.<<

Politik wird also im Wesentlichen für die Bezieher hoher und höchster Einkommen gemacht. Wie wenig sich dies mit den Grundprinzipien einer repräsentativen Demokratie verträgt, lässt sich an nachfolgender Passage des oben bereits zitierten Forschungsberichts mit dem Titel "Systematisch verzerrte Entscheidungen? Die Responsivität der deutschen Politik von 1998 bis 2015" deutlich ablesen:

>> In einer repräsentativen Demokratie sollte die Politik bei ihren Entscheidungen die Anliegen und Interessen der Bürger_innen berücksichtigen. Der Grundsatz politischer Gleichheit verlangt zudem, dass die Interessen aller Bürger_innen in gleichem Maße berücksichtigt werden und es keine systematische Verzerrung zugunsten einzelner Gruppen gibt. Auch wenn Repräsentant_innen Handlungsspielraum für autonome Entscheidungen brauchen, so sollte prinzipiell ein Zusammenhang zwischen Bevölkerungswillen und politischem Handeln gegeben sein. <<

Die Entwicklung des bundesdeutschen Bildungswesens seit den 1980er Jahren deutet darauf hin, dass der Grundsatz der politischen Gleichheit als absolute Norm auch in diesem Gesellschaftsfeld, dessen zentrale Kategorie einmal die Herstellung gleicher Bildungs- und Aufstiegschancen ohne Ansehen der sozialen Herkunft war, mittlerweile zur Disposition steht. Ging einst von der "Bildungsexpansion" eine höhere Bildungsbeteiligung breiter Schichten aus und sorgte die im Zuge ihrer Höherqualifizierung erfolgende "Umschichtung nach oben" für einen Demokratisierungsdruck auf die Macht- und Herrschaftsstrukturen der Gesellschaft, so unterwirft die neoliberale Bildungsökonomie unserer Tage sämtliche Akteure des Bildungssystems den als naturnotwendig und daher unausweichlich dargestellten Gesetzmäßigkeiten bzw. "Herausforderungen" einer globalisierten Informations-gesellschaft. Der in diesem Zusammenhang geforderte Anpassungsprozess beinhaltet die "Überwindung des traditionellen kapitalistischen Sozialstaates mit seinen noch vorhandenen Bildungsreformruinen" ebenso wie die "Deregulierung" des Schul- und Hochschulsektors sowie die Ausrichtung sämtlicher Qualifizierungsprozesse an den Maßstäben Effizienz (im Sinne von mehr, schneller und billiger), (direkte berufspraktische) Verwertbarkeit und Profitabilität.

Privatschulförderung zu Gunsten der Reichen

In einer "marktkonformen Bildungspolitik" erfährt der Begriff "Chancengleichheit" eine Umdeutung. Er verlagert sich von den Adressaten der Bildung auf die Anbieterseite. Vehement wird von den Privatschulverbänden eine "systematische Unterfinanzierung" privater Schulen durch die öffentliche Hand und eine Beeinträchtigung der Gründungsfreiheit beklagt und "eine gleichwertige Finanzierung von Schulen in staatlicher und freier Trägerschaft" gefordert, ohne die ein "qualitätsfördernder Wettbewerb um die besten pädagogischen Konzepte [...], von dem das gesamte Bildungssystem" profitiere, sich nicht "voll entfalten" könne (vgl. VDP-Präsident Michael Büchler). Merkwürdigerweise gelten allerdings die staatlichen Schulen als mindestens so unterfinanziert wie die privaten. Noch verwunderlicher: Letztere verzeichnen einen von Jahr zu Jahr anwachsenden Nachfrageboom, scheinen also trotz angeblicher wirtschaftlicher Benachteiligung gegenüber öffentlichen Schulen beständig an Attraktivität zu gewinnen. Wie passt das zusammen? Oder anders gefragt: Zu wessen Lasten geht denn die Unterfinanzierung der Privatschulen, wenn die Kundschaft diese offenbar nicht spürt? Man ahnt es, wenn man dieses Zitat von "Deutschlandradio Kultur" liest:

Lehrer an Privatschulen hätten mehr Freude an der Arbeit, verdienten weniger und seien trotzdem glücklicher, meint der ehemalige Leiter der privaten Internatsschule "Schloss Salem", Bernhard Bueb.

Dass ein wachsendendes Privatschulangebot einen "qualitätsfördernden Wettbewerb um die besten pädagogischen Konzepte" und damit eines Verbesserung des Bildungswesens insgesamt bewirke, ist eine ziemlich steile These, denn ein qualitätsfördernder Wettbewerbseffekt konnte bislang nicht objektiv belegt werden. Zudem kann der ungebremste Ausbau privater Schulen angesichts rückläufiger Schülerzahlen sogar den Bestand öffentlicher Schulen gefährden. Das Vorhandensein einer genügenden Anzahl öffentlicher Schulen ist aber, wie aus einem für die Max-Traeger-Stiftung erstatteten Rechtsgutachten von Prof. Dr. jur. Hermann Avenarius (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung) hervorgeht, "die als selbstverständlich zugrunde gelegte Bedingung der Verwirklichung des Anspruchs auf Genehmigung einer Ersatzschule". Dies umso mehr, "als eine Auslegung des Art. 7 Abs. 4 GG, wonach der Staat verpflichtet wäre, Privatschulen ohne Rücksicht auf die Funktionsfähigkeit des öffentlichen Schulwesens zu genehmigen, zur Konsequenz hätte, dass die durch Art. 6 Abs. 2, Art. 2 Abs. 1, ggf. auch Art. 4 Abs. 1 GG geschützten Rechte von Eltern und Schülern auf Zugang zu einer tatsächlich erreichbaren, dem Gebot der religiös-weltanschaulichen Neutralität unterliegenden öffentlichen Schule beeinträchtigt würden."

Was wir zur Zeit beobachten, ist alles andere als ein Aufbruch des deutschen Bildungswesens in die Moderne, angeführt von privaten Bildungsunternehmen, die in "gesunder Konkurrenz" untereinander bzw. gegenüber dem staatlichen Angebot besonders überzeugende pädagogische Konzepte entwickeln. Selbst die preislich exklusivsten Privatinstitute wie die Schule Schloss Salem haben niemals überzeugend nachweisen können, dass der behauptete Mehraufwand oder ihre "Andersartigkeit" zu höheren Lernerfolgen, besser erzogenen Absolventen oder irgendeiner Vorbildfunktion für das staatliche Bildungswesen geführt hätte.

Die gesamte Diskussion unter dem Titel "Privatschule versus öffentliche Schule" scheint sich im Bereich des Postfaktischen abzuspielen bzw. "aus dem Bauch heraus" zu erfolgen. Privatschulen genießen bei Eltern ein hohes Ansehen, das sich aber nicht auf Tatsachen gründet. Umgekehrt sind öffentliche Schulen wohl insgesamt nicht so schlecht, wie sie in den Medien beschrieben werden. Dies zeigt sich in einschlägigen Umfragen, die einerseits eine absolute Mehrheit zufriedener Eltern ausweisen, andererseits aber auch eine erhebliche Abhängigkeit der Zufriedenheit vom jeweiligen individuellen Schulerfolg des Kindes.

Grundsätzlich muss man sich von dem gängigen Vorurteil verabschieden, dass der von einer Schule vermittelte Lernerfolg überhaupt davon abhängig sei, ob die Schule privat oder öffentlich getragen, gut oder schlecht finanziert, modern oder vorsintflutig ausgestattet ist oder was auch immer dem Qualitätsurteil über Schule zugrunde gelegt wird. Hoher Input bei den Bildungsausgaben verbürgt keinen hohen Output bei den Schülerleistungen. Viel hilft eben nicht viel. Und nicht einmalan ausgewiesenen Eliteschulen mit handverlesener Schülerschaft und optimalem Unterricht lernt man mehr als an normalen Schulen.

Wem ist also damit gedient, wenn man staatlicherseits zulässt, dass sich parallel zum öffentlichen Bildungsangebot ein privatwirtschaftliches Bezahlschulsystem "de luxe" etabliert, das - ähnlich wie die private Krankenversicherung - bessere Leistungen gegen Zuzahlung anbietet, wobei es hier eben nachweislich nicht um höhere Leistungen der SchülerInnen und Schüler oder signifikant bessere Lernbedingungen geht.

Indem die private Bildungswirtschaft unverholen damit wirbt, für den elterlichen Extra-Obulus zwar vielleicht nicht den größeren Bildungserfolg, wohl aber aber die angenehmeren Lernbedingungen und vor allem den Zugang zu Beziehungs- und Karrierenetzwerken sowie privaten Universitäten zu garantieren, von denen die Mehrzahl der Absolventen öffentlicher Schulen natürlich von vornherein ausgeschlossen ist, wird genau das als Geschäftsmodell entlarvt, was die Mütter und Väter der Verfassung mit Art. 7 (4) GG zu unterbinden suchten. Es geht grundsätzlich nicht um "bessere Bildung", sondern um die Abgrenzung Reich gegen Arm. [Gerechterweise muss man allerdings hinzufügen, dass diese auch ohne private Ersatzschulen innerhalb des staatlichen Bildungswesens stattfände; dies lässt sich an Segregationsprozessen ablesen, wie sie der WDR beispielsweise für Essen dokumentiert hat. Auch altsprchliche Gymnasien gelten als heimliche Eliteschulen innerhalb des öffentlichen Schulsystems. Und im Primarbereich wird mit allen Tricks versucht, das eigene Kind in einer Grundschule mit gutem sozialen Umfeld unterzubringen.]

Soziale Exklusivität ist auch das mehr oder weniger offen eingestandene Nachfragemotiv der zahlenden Kundschaft privater Bildungsstätten. Dies gilt nicht nur für ausgesprochene gesellschaftliche Eliten, sondern auch die neue Zielgruppe der Privatschulwerbung aus Kreisen der "angeschmierten" bzw. abstiegsbedrohten Mittelschicht, die die hohen Schul- und Internatskosten zum Teil kaum aufbringen kann und daher häufig auf Kostenermäßigungen und Stipendien angewiesen ist.

Gerade diese Gruppe reagiert auf wachsende soziale Ungleichheit nicht mit solidarischer Wahrung der eigenen Interessen, sondern mit Abgrenzung "nach unten" und gesteigertem Konkurrenzverhalten. Sie entwickelt das Gefühl, ihrem Nachwuchs dieselben Karrierechancen (= Schleichwege) über private "Elite"-Internate und -Universitäten eröffnen zu müssen, wie sie den Kindern der Oberschicht zur Verfügung stehen. Hierbei werden allerdings oft englische Verhältnisse unterstellt, die in einer solch ausgeprägter Form in Deutschland gar nicht existieren!.

Man gibt sich der Illusion hin, dass der eigene Nachwuchs über teure Privatinstitute, die sich eben nicht jeder leisten kann, in "höhere Kreise" aufsteige und dabei sein werde, wenn die größten Stücke vom Karrierekuchen unter der "Elite" aufgeteilt werden. Soziale Exklusivität oder Absonderung ist hier also keineswegs das ungewollte Nebenprodukt einer falschen Privatschulpolitik des Staates, wie dies gern kommunizieret wird. Die Absonderung ist gewollt, weil Intelligenz und Fleiß für den sozialen Aufstieg nicht mehr auszureichen scheinen. Also sucht man bewusst den Weg über Beziehungsnetzwerke, in die man sich einkaufen zu können glaubt. Auch der Begriff Leistungsgesellschaft erfährt so eine Umdeutung. Es geht beim Wettlauf um die besseren Karriere- und Lebenschancen nicht mehr um die intellektuelle Leistungsfähigkeit der Kinder, sondern um die finanzielle Leistungsfähigkeit der Eltern.

Mehr Privatschulen bringen vor dem beschriebenen Hintergrund für das Gemeinwohl und das Abschneiden der jeweiligen Volkswirtschaften im globalen Wettbewerb absolut nichts. Das zeigen allein PISA-Gewinner-Länder wie Finnland oder Estland, in denen es kaum Privatschulen und Internate gibt.

Bananenrepublik Deutschland

Es existiert in der Bundesrepublik ein grundsätzliches Recht auf Errichtung privater Schulen. Das aber darf nicht zu Lasten des Bestandes öffentlicher Schulen gehen. Und nichtstaatliche Schulen dürfen die Sonderung der Schüler nach den Besitzverhälrnissen der Eltern nicht fördern. Da stellt sich jenseits der ganzen Diskussion um die angemessene Finanzierung der privaten Bildungswirtschaft doch die Frage, warum der Staat nicht einfach nur noch solche privaten Schulträger zulässt, die die Lücke zwischen staatlicher Regelfinanzierung und 100%iger Kostendeckung aus eigenen Mitteln (Stiftungsvermögen, Kirchensteuer usw.) aufbringen können, ohne auf einen zusätzlichen Eigenbeitrag der Eltern angewiesen zu sein, die ja ohnehin schon die Kosten öffentlicher Schulen zu 100 Prozent und privater Schulen zu 80 Prozent über ihre Steuern finanzieren.

Dass eine solche restriktive Lösung nicht praktiziert wird, obwohl diese sowohl vernünftig als auch verfassungskonform wäre, hängt damit zusammen, dass politische Entscheidungen sich eben nicht am Gemeinwohl, sondern an den Interessen und Wünschen der Bessergestellten orientieren (siehe oben).

Wie eng der Schulterschluss zwischen Politik, Geldelite und privater Bildungswirtschaft ist, lässt sich am Beispiel des Landes Baden-Württemberg und zweier "renommierter Eliteschulen" anschaulich illustrieren. Ein sorgfältig gepflegtes Beziehungsgeflecht bürgt dort für eine höchst anstößige Begünstigung privater Bildungsstätten. So sorgte die Regierung Filbinger Anfang der 1980er Jahre für illegale staatliche Finanzspritzen zu Gunsten des durch einen Großbrand stark beschädigten Jesuitenkollegs St. Blasien. Über das Engagement eines weiteren (ehemaligen) Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, diesmal zu Gunsten der Schule Schloss Salem, bemerkte der Überlinger Südkurier:

"Interessant ist eine Personalie, die der Internatsverein auf seiner Internetseite noch nicht nennt. So gehört auch Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger dem Kuratorium der Schule an. Das Gremium, das dem Internatsverein angegliedert ist, betreibt in einem gewissen Sinne Lobbyarbeit für das Eliteinternat."

Die Sanierung des markgräflich-badischen Schlosses in Salem am Bodensee, das zu erheblichen Teilen für die Mittelstufe der Schule Schloss Salem genutzt wird und demnächst auch die Unterstufe des Instituts, die sich noch auf Schloss Hohenfels befindet, aufnehmen soll, hat vor diesem Hintergrund durchaus ein G’schmäckle. Als der adlige Eigentümer und einstige Schulpatron des Nobel-Internats aufgrund der hohen Unterhaltskosten der ehemaligen Zisterzienser-Abtei in die Insolvenz zu schliddern drohte, kaufte das Land Baden-Württemberg unter der Ägide Oettinger(2005 bis 2010)kurzerhand das ganze Baudenkmal samt Inventar für 60 Millionen Euro. Die markgräflichen Alteigentümer behielten ein Dauerwohnrecht in den repräsentativsten Teilen des Ensembles. Für den repräsentativen Auftritt der teuren Privatschule kommt seither der Steuerzahler auf.

Aber damit nicht genug. Bis in die einzelnen Personalien der Schule hinein ist man verstrickt und verbandelt. Als nach der Pensionierung des langjährigen Gesamtleiters Dr. Bernhard Bueb ein chaotisches Interregnum einsetzte, betraute man mit Prof. Eva Marie Haberfellner eine ehemalige Nachbarin Oettingers in dessen Stuttgarter Dienstvilla und Lebensgefährtin des früheren baden-württembergischen Wissenschaftsministers Professor Helmut Engler (vgl. Stuttgarter Zeitung) mit der Gesamtleitung des "Eliteinternats". Selbstverständlich unterhielten auch andere Salemer Celebritäten wie der Vorsitzende des Salemer Kuratoriums und damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Clemens Börsig [der Oettinger nach dessen Ausscheiden aus der Regierungsspitze von MW einen Sitz im Salemer Schulkuratorium verschafft hatte] enge Beziehungen zur Landespolitik. Börsig ist der Bruder der Landtagsabge-ordneten Veronika Netzhammer aus Singen.

Zwar können enge Netzwerke auch einmal zur Stolperfalle werden, wie der Versuch von Börsig, Oettinger und Konsorten zeigte, die Tochter des ehemaligen Saarländischen Ministerpräsidenten Werner Zeyer (CDU) hinter dem Rücken sämtlicher Schulgremien als Haberfellners Nachfolgerin zu installieren. Der gescheiterte Coup kostete die gesamte Kuratoriums-Riege nach massiven Protesten von Eltern, Schülern und Ehemaligen im Jahr 2010 schließlich ihre Kuratoriumssessel.

Das Networking-System Salems wurde hierdurch allerdings kaum beeinträchtigt. Es funktioniert nach wie vor „wie geschmiert“, könnte man sagen, über alle Parteigrenzen hinweg. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann machte der Schule Schloss Salem bereits seine Aufwartung und ließ sich von ausgewählten Schülern [aber unter den wachsamen Blicken des hinter einem Regal versteckten neuen Schulleiters Bernd Westermeyer] die Vorzüge des Internats erklären (vgl. hierzu auch meinen Beitrag: „Rent a Ministerpräsident“).

Ganz offensichtlich versteht sich die Politik als eine Art Schutzmacht der privaten Bildungswirtschaft. Um die notwendige Zustimmung für eine heimliche Privilegierung nichtstaatlicher Bildungsträger zu sichern, betonen Spitzenpolitiker als gern gesehene Festredner einzelne Privatinstitute fast schon reflexartig als Leuchttürme der Schulreform, an denen auch das öffentliche Bildungswesen sich orientieren könne (Belege siehe die Reden von Johannes Rau und Annette Schavan). Anschauliche Nachweise dieser angeblichen Befruchtung der Staatsschule durch die Privaten sind jedoch nur schwer zu finden.

Eyewash durch Staatsschulbashing und Social Washing privater Reichenschulen

Geradezu verheerend wirkt Testimonialwerbung mit Landespolitikern, die den Normalbürgern das öffentliche Schulwesen zumuten, während sie "Eliteinternaten" ihre wohlwollende Aufwartung machen oder die eigenen Kinder auf Privatschulen schicken (vgl. die Berichterstattung über den Besuch des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Salem oder die Tatsache, dass der SPD-Kultusminister Stoch seine vier Kinder zur Waldorfschule schickte).

„Umso mehr freut es mich, dass es euch hier so gut gefällt“, zitiert da z.B. die Schwäbische Zeitung den grünen Landesvater nach einem kurzen Gespräch mit einigen handverlesenen Salemer Schülervertretern, "der hervorhob, dass auch Schulen in freier Trägerschaft ein fester und wichtiger Bestandteil der öffentlichen Schullandschaft (!!!) seien."

Übertroffen wird eine solche undifferenzierte Betrachtungsweise, die sozial exklusiven Reichenschulen wie Salem einen festen und wichtigen Platz im öffentlichen Bildungswesen zuweist, nur noch durch die Tatsache, dass sämtliche gesellschaftlichen Probleme, angefangen bei elterlicher Erziehungsschwäche über mäßiges Abschneiden deutscher Schüler bei internationalen Leistungsvergleichen (Pisa etc.) bis hin zu Schwierigkeiten bei der Integration von Migranten, von Politik, privater Bildungswirtschaft sowie den auffallend privatschulfreundlichen Massenmedien grundsätzlich vor dem Hintergrund ihrer Auswirkungebn auf die Qualität des öffentlichen Schulsystems diskutiert werden (siehe die Dokumentation bei Keller).

Alle gesamtgesellschaftlich verursachten Widrigkeiten bleiben so an den öffentlichen Schulen hängen - als ob Privatschulen hiervon nicht in ähnlicher Weise und private Nobelinternate sogar in ganz besonderem Maße betroffen wären. Zitat aus dem Wirtschaftsblatt "Capital":

» Die Eltern haben eine Heidenangst vor öffentlichen Schulen «

Zitat aus ntv.de:

>>Nach den verheerenden Pisa-Ergebnissen und den zunehmenden Problemen an den staatlichen Schulen zieht offenbar ein "Jahrzehnt der deutschen Privatschulen" herauf. Unterrichtsausfall, Gewalt und nachlassenden Bildungsqualität lösten schon jetzt einen Run auf Privatschulen aus.

Je mehr Privatschulen aufkommen, desto klarer erscheint die Regel: Eltern, die es sich leisten können, suchen die besten Schulen für den Nachwuchs – wer hingegen weniger Geld für die Ausbildung aufbringen kann, muss oft damit leben, dass die Kinder in Brennpunkt-schulen mit schlechter Lehrmittelausstattung sitzen. <<

Und ständig wird mit zweierlei Maß gemessen. Während man einerseits den Kollaps öffentlicher Schulen durch einen hohen Ausländeranteil an die Wand malt, preist man den oft noch höheren Ausländeranteil teurer Internate als "Bereicherung".

Die plumpe Gegenüberstellung von Staatsschulhölle und Privatschulparadies beruht übrigens auf einer bereits seit über 100 Jahren praktizierten und in immer neuen Varianten gebetsmühlenartig verbreiteten PR-Strategie privater Bildungsträger, die vom journalistischen Mainstream bis in jüngste Zeit immer wieder aufgegriffen und kolportiert (und nur selten einmal kritisch hinterfragt) wird. Das mediale Staatsschulbashing wird nicht selten bis zur Panikmache gesteigert.

Da kommt doch eher Angst vor dem Niedergang des unabhängigen Journalismus und vor dem Verschwinden einer kritisch-distanzierten und tatsachenorientierten medialen Berichterstattung auf. Wo wären denn die Alarmmeldungen von Qualitätszeitungen unter Überschriften wie:

"Die Eltern haben eine Heidenangst vor Drogentod, Disziplinlosgkeit, niedrigem Schulniveau und Ausländermobbing in deutschen Edelinternaten!"

Oder:

"Eltern haben eine Heidenangst davor, dass ihr Kind durch sonderbare Erlebnispädagogik zur Unternehmerpersönlichkeit geformt und dann ein gieriger, sich selbst überschätzender Wirtschaftskrimineller wird wie die Spitzenmanager bei der Deutschen Bank, bei VW oder anderswo!"

Selbst langjährige Insider und Edelfedern des Qualitäts-journalismus bestätigen immer wieder, dass man den Massenmedien in einer von Wirtschaftsinteressen komplett unterwanderten Medienlandschaft mit größtem Misstrauen begegnen sollte. Von Vereinfachung der Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit ist da die Rede, von Manipulation und Lüge. Eine Einschätzung, die um so realistischer erscheint, je mehr Medienschaffende sich der Wirtschaft als „Berater“ im Nebenjob andienen, von den offensichtlichen Fällen dreistester Schleichwerbung gar nicht zu reden.

Da mögen einige Galionsfiguren der veröffentlichten Meinung - wie zuletzt bei Maischberger (Sendung vom 30.11.2016) - über das "Lügenpresse!"-Geschrei der Wutbürger ruhig die Nasen rümpfen: Gerade das Thema Privatschulen eignet sich bestens zum Nachweis einer systematischen Desinformation der Öffentlichkeit durch Print und Funk. So wird landauf, landunter - entgegen einer eher ernüchternden Wirklichkeit - das Eigenlob der Schule Schloss Salem verbreitet, der "hervorragenden Schule", "einzigen deutschen Internatsschule von Weltrang", "dem Flaggschiff der deutschen Privatschulen", "der Marke des Jahrhunderts", dem "strengsten", "pädagogisch anspruchsvollsten", "charakterbildensten", "leistungsorientiertesten" usw., usw. Internat Deutschlands. Da fand der ehemalige Salemer Schulleiter Bernhard Bueb in nahezu jeder Talkshow ein Forum für seine weltfremde Privatschulpropaganda und eitle Selbstvermarktung. So ließ man ihn unter anderem - wiederum bei Maischberger - den offenkundigen Unsinn verbreiten, er habe durch Einführung von Zufallskontrollen bei jeweils einem Schüler pro Tag/Schulstufe (allerdings insgesamt 700 Schülern!!!) sowie durch die als "Früchtchenwechsel" bekannte Verschiebung von Drogen konsumierenden Zöglingen in andere Internate (für die im Austausch dann allerdings die Junkies der Tauschpartner aufgenommen werden müssen!) das extreme Drogenproblem des Internats in den Griff bekommen sowie Zucht und Ordnung wiederhergestellt! Dabei müsste spätestens nach den seit Frühjahr 2010 in immer neuen Enthüllungen ans Licht kommenden Fällen von inflationärem sexuellem Missbrauch und Gewalt doch inzwischen jedem Mitglied der schreibenden Zunft klar sein, dass in der Welt der Internate nichts so ist wie es scheint und die Zustände gerade in den vermeintlich nobelstenen "Elite"-Internaten die alte Erfahrung bestätigen, dass die Erziehungs- und Verhaltensprobleme am oberen Rand der Gesellschaft noch größer sind als am unteren.

Da sollten es sich die "Leistungsträger" aus den öffentlichen Schulen gut überlegen, ob sie sich mit Stipendien in private Nobelwohnschulen à la Salem & Co. locken lassen. Denn der Ausflug von Normalverdienerkindern in die Schul-Welt der Reichen ist nicht ohne Risiken und böse Überraschungen. Möglichen Vorbehalten versuchen Salem & Co. von je her mit allerlei rührenden Stipendiaten-Stories und wenig aussagefähigen Statistiken vorzubeugen. Von einem Stipendiatenanteil zwischen 20 und 30 Prozent wird da gern fabuliert. Vor allem DIE ZEIT, deren ehemaliger Chefredakteur jetzt Schulvorstand in Salem ist, wurde niemals müde, in immer neuen Homestories das lustige Stipendiaten-Leben hinter Schlossmauern am Bodensee zu romantisieren. Mal war es die Postbeamtentochter Daniela, die mit markigen Sprüchen („Salem ist kein Bonzenbunker!“) der Angst vor dem Aschenputtelsyndrom entgegentrat, mal der bulgarische Bildungsmigrant Andro, der sich „unter all den Reichen“ pudelwohl fühlte. „Der Spiegel“ behauptete gar, das Geld der Eltern spiele bei der Aufnahme in das deutsche Eliteinternat nur eine untergeordnete Rolle.

Dass die Preisnachlässe für „Geringverdienerkinder“ in Instituten wie Salem schon immer dazu dienten, die Problemgruppe dekadenter Reicheleutekinder mit Hilfe von wohlerzogenen und leistungsbereiten Kindern aus bescheideneren Verhältnissen zu "entmischen", wird in diesem Zusammenhang nicht so gern thematisiert. Ähnliches gilt für die Tatsache, dass in aller Regel nur Teilstipendien vergeben werden, so dass auch Stipendiaten-Eltern in aller Regel noch 500 Euro monatlich aufzubringen haben. Und was den Wohlfühlfaktor der StipendiatInnen angeht, gibt es da wohl auch wesentlich unschönere Erinnerungen.

Derzeit trommeln die üblichen Verdächtigen wieder wie verrückt, denn es gilt, die sinkende, in den unteren Jahrgängen teilwiese sogar förmlich wegbrechende Nachfrage um jeden Preis auszugleichen. Doch der Zulauf scheint sich in Grenzen zu halten und so nimmt man, was man kriegen kann: Mehr Schüler aus dem Ausland, mehr schwierige Schüler von Jugendämtern und Stipendiaten, deren Noten gar nicht mal allzu gut sein müssen.

18:57 25.12.2016
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