Wilde Waldmöpse

Bundesgartenschau Auf der BUGA 2015 in der Havelregion wird nicht nur der Rasen gesprengt. Ein Ausstellungsformat ufert mopsfidel aus.

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Am 18. April wurde in Brandenburg an der Havel mittels Festakt die BUGA 2015 eröffnet. Erwarteten 1,5 Millionen Besuchern soll in den folgenden Monaten präsentiert werden, welche Paradiese der deutsche Landschaftsbau mittels unzähliger Säcke Pflanztorf, Millionen Quadratmetern Rollrasen und gefühlter Milliarden Blumenzwiebeln und Setzlinge noch aus der ödesten Industriebrache zu zaubern vermag.

Gartengestalterische Anstrengungen im BUGA-Format haben ihren Ursprung in den ausgedehnten Lustgärten, mit denen Adelige einst ihre Schlösser und bald auch aufstrebende Fabrikanten ihre Villen umgaben. Im 19. Jahrhundert erkannte man den Wert öffentlicher Parks zur Erholung und Erbauung auch des niederen Volkes, zu dessen gesunder Ernährung zugleich der Schrebergarten propagiert wurde.

Seit 1951 finden in zweijährigem Turnus die Bundes- und in zehnjährigem Abstand die Internationalen Gartenbauausstellungen statt. Dienten sie in der Nachkriegszeit noch der Verschönerung großstädtischer Trümmerwüsten und nach dem Mauerfall bevorzugt der Rekultivierung verwaister Militär- und Industriestandorte in Deutschlands verwildertem Osten, galt es in diesem Jahr, endlich die alten Fesseln abzuwerfen und in ganz neue Dimensionen vorzudringen. Nicht nur der obligatorische Rollrasen, nein, das BUGA-Format als solches sollte nun endlich gesprengt werden. Mit der Ausdehnung auf fünf BUGA-Standorte (Brandenburg an der Havel, Premnitz, Rathenow, Amt Rhinow/Stölln und Hansestadt Havelberg) statt nur eines einzigen wurden zugleich auch die Grenzen zwischen zwei Bundesländern überschritten. Bis zu 80 km muss nun in die nächste "BUGA-Stadt" der "BUGA-Region Havelland" reisen, wer von sich sagen will, er habe wirklich alles gesehen. So geht Fremdenverkehr.

Doch entfesselte BUGA hin, Havelregion her... Bei so viel auch intellektuell raumgreifender Grenzüberschreitung fehlte es am Ende dann wohl doch an einem Gartenzwerg-Ersatz, der auf verniedlichend-emotionalisierende Weise den Kraftschluss herstellte zwischen internationaler Grünkultur und Gefühlsduseligkeit des gemeinen Publikums. Irgendwas mit kleinen Kindern, vielleicht. Oder mit Tierkindern. Oder am besten mit beidem. Hasch mich, ich bin der PR-Effekt. So geht Werbung.

Designiert für diese Aufgabe wäre eigentlich das übliche BUGA-Maskottchen gewesen. Identifikationsfördernde Symbolfiguren gehören ja mittlerweile zur Vermarktungsstrategie jeglicher Großevents, wobei allerdings so mancher Missgriff dokumentiert ist. Wer erinnert sich nicht noch des undefinierbaren Getüms mit einem hochhackigen und einem flachen Schuh und dem Namen "Twipsy", die offizielle Symbolfigur der Expo 2000, oder an den ebenso hoden- wie hosenlosen Fußball-Löwen "Goleo" zur WM 2006. Auch der Latzhosen tragende "Froschkönig Fritz", das Maskottchen zur Bundesgartenschau 2001 in der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam, machte mit Gummistiefeln und Krönchen aufgrund des phantasielosen Griffs ins Arsenal der Gartenzwerg-Accessoires keine wirklich überzeugende Figur. Und das zur diesjährigen Havel-Rundfahrt kreierte "fischige" Maskottchen "Wilma Wels" schaffte es gar auf Anhieb in die Top 10 der unsympathischsten Werbesymbole ever und versagte so als Sympathieträger vollständig.

Da traf es sich gut, dass die Havelregion auf eine andere Identifikationsfigur zurückgreifen konnte. Gemeint ist hier nicht der Dank des sprichwörtlich gewordenen Birnbaums zwar hochgradig gartenaffine, aber PR-mäßig bereits weitgehend verschlissene Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (1689–1759). Bemüht wurde stattdessen ein weiterer in der Region wurzelnder Landadliger, nämlich der in Brandenburg/Havel geborene Humorist Vicco von Bülow (1923-2011), genannt Loriot.

Zwecks zeitgemäßer Connectivitätsförderung ließ sich die Stadt Brandenburg - zeitgleich mit der BUGA-Eröffnung - die Enthüllung eines urkomischen Denkmals einfallen. Dieses ist weniger dem berühmten Sohn der Stadt als solchem gewidmet als vielmehr dessen Vorliebe für eine an sich schon urkomische Hunderasse. Und auch hier wieder weniger der urkomischen Spezies selbst als vielmehr deren urkomischer Verballhornung in Form der zweiten zoologische Neuschöpfung Loriots neben der wesentlich bekannteren Steinlaus. Gemeint ist der nordschwedische wilde Waldmops [lucanus carnatus sacer], der allerdings gewisse Anleihen seines am Starnberger See wahlbeheimateten Schöpfers beim in bayrischen Gefielden wesentlich stärker verbreiteten Wolpertinger nicht verleugnen kann.

Vergessen waren da fürs erste Rosen, Tulpen und Narzissen. Die gesamte zur BUGA-Eröffnung geladene Politprominenz beugte sich unter den Augen der versammelten Weltpresse stattdessen publicityheischend über die kunstgetöpferte Welpenkiste.

Die solchermaßen ins Licht der medialen Aufmerksamkeit katapultierte Gedenkstätte des großen Sohnes und Ehrenbürgers der Stadt Brandenburg zeigt ein abermals urkomisch als "Waldmops-Zentrum" tituliertes Ensemble von acht aus dem Elch rückgezüchteten gehörnten Bronze-Waldmöpsen in freier Wildbahn, eine Art Walk of Fame-Parodie mit den Fußstapfen des Mops-Parodisten Loriot sowie diverse (wohl aus humor-didaktischen Gründen unverzichtbare) Informationstafeln mit Aussprüchen des Waldmops-Entdeckers zu dessen hervorstechenden Eigenschaften. Die Brandenburger Jury hatte diesen Entwurf einer jungen Künstlerin als "außergewöhnlich" eingestuft. Begründung: "Ein Waldmopszentrum" sei eben "etwas anderes als eine klassische Statue", womit ausdrücklich anerkannt wurde, dass auch hier die üblichen Grenzen des (künstlerischen) Formats kongenial gesprengt worden seien. Was wiederum den Umkehrschluss nahe legt, dass eine das Gartenausstellungs-Format so mutig überschreitende BUGA an fünf Standorten in zwei Bundesländern ein ähnliches Maß an Außergewöhnlichkeit für sich beanspruchen dürfe.

Doch ach: Wie sollen künftige Gartenschauen ein solches Meisterstück noch übertreffen? Man weiß es nicht. Nur für die bereits 2016 ins Haus stehende Landesgartenschau in Bayreuth hätte ich einen plausiblen Vorschlag. Ist doch eine gewisse Verbindung zwischen Loriots wilden Waldmöpsen über den bayrischen Wolpertinger zu der oberfränkischen Festspielstadt durchaus gegeben. Denn auch dorten kann auf die denkwürdige Präsentation prominenter Möpse zurückgegriffen werden, deren Außergewöhnlichkeit hinter der eines Waldmops-Zentrums in Brandenburg kaum zurück steht. Zumal sie in der Tat etwas anderes darstellt als die Zurschaustellung klassischer Hunde. Guckst du diesen Link!

So möchte ich denn die Bayreuther Stadtoberen ebenfalls zu einem Ideenwettbewerb anstiften, um auch in der Region Oberfranken einen mopsfidelen Wal(l)fahrtsort nach brandenburgischem Vorbild zu installieren. Mögen auch laut der Zeitung DIE WELT an die anthropologische Mops-Variante weit strengere Maßstäbe angelegt werden als an die zoologische, so gilt auch hier: Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Oder: "Durch liebende Augen sehend, offenbart sich eine wundervolle Welt."

Und so ist am Ende dem Mops-Experten Loriot entschieden zuzustimmen, wenn er in seinem bekannten Werk "Möpse und Menschen. Eine Art Biographie" (Zürich 1983. S. 159) feststellt:

"Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen. Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen."

Nachsatz:

Bedauerlicherweise hat der Meister es unterlassen, auch die Vor- und Gesichtszüge seines bekannten Knollenmännchens zum Vergleich heran zu ziehen. Denn wo sonst gäbe es eine größere Übereinstimmung zwischen Physiognomie und Anatomie, Canis und Carnis, als in den freudig präsentierten Exponaten der Kanzlerin.

Denjenigen, die - erschlagen von den Möpsen der Kanzlerin - das Bildliche doch lieber mit dem Klanglichen verbunden wissen möchten, sei hier ein Gedicht von Ernst Jandl (samt didaktischer Handreichung) empfohlen:

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Aus: Ernst Jandl, Poetische Werke, Band 4, S. 60

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