Die Leitkultur des bösen BB

IM THEATER Brechts "Kleinbürgerhochzeit" am Berliner Ensemble

Zu Beginn hängt da der alte sackleinene BE-Vorhang mit der Friedenstaube in der Mitte. Aus den Lautsprechern ertönt La Paloma, der Stoff schwingt mit im Takt, der Saal lacht. Dann senkt sich vom Dach eine riesige Wellblechwand und lässt zu den traditionsreichen Brechtbrettern nur noch ein winziges Hintertürchen offen. Davor schaukelt einen Meter über dem Boden eine Schaubude, eine käsige Laubenpieperschachtel. Neun Stühle und ein langer Tisch sorgen darin für Platzangst, schon bevor der erste Akteur seinen Auftritt hat. Jetzt ist Schluss mit Heldenverehrung und BE-Schwarzweiß. Vorn steht "Kleinbürgerhochzeit" in großen Letterblöcken, und die stürzen in sich zusammen - das steht heute Abend auf dem Programm. Aus der Wellblechtür klettern neun bunte Gestalten, die eine nach der anderen in das schwankende Provisorium ziehen. Der Bühnenbildner Etienne Pluss hat gut vorgearbeitet: Auf kleinstem Raum beginnt alles noch einmal von vorn. Wir warten auf den jungen, einen frischen Brecht, frei von allem Traditionsangebinde.

Das Stück wird in Philip Tiedemanns Inszenierung zur vergnüglichen Boulevard-Groteske. Der Vater leiert senil seine alten Geschichten daher; ein Ehepaar zetert über fünf Meter Tisch hinweg - er ein unterschätzter Feistling, sie eine Habergeiß, die in ihrem maßgeschneiderten Kleid steckt wie der Stempel im welken Blütenkranz. Die runde Braut ist eine weiße Zotteltonne, der Bräutigam ein farbloser Zeremonienmeister. Die Mutter schließlich, die nur auflebt, wenn es um die Würdigung ihrer Gaumenfreuden geht, rollt im übrigen grandios mit den Augen oder sackt gelangweilt weg. Das alles sind saftig herausgemeißelte Charaktere, die nun ein wenig kasperig die Geschichte dieses Zusammenbruchs erzählen sollen. Kaum noch zu glauben, dass das Stück 1926 bei der Uraufführung wütende Proteste hervorgerufen hat. Brechts Versatzstücke von damals - eine schwangere Braut, die Schmach schlecht verleimter Möbel und Dirnenzoten - wirken museal wie Kasperlefiguren im Dinopark. Keiner mochte sich aufregen, nie drohte Gefahr, die grotesken Häppchen könnten im Halse stecken bleiben. Und auch die Turnübungen, die Tiedemann den Schauspielern beim über Stuhl- und Tischesteigen in ihrer Quetsche abverlangte, könnten den Akrobatikeinlagen in der benachbarten Volksbühne kaum das Wasser reichen: Ein unspektakulär gewordenes Stück schien die Besucher freundlich einzulullen.

Aber genau da fällt ein einziger Satz, der doch noch alles aufmischt Der Vater hat sich soeben wieder in der Kleingärtnerklitsche eingerichtet, kauert larmoyant in der Ecke und sagt: "Bei den Modernen wird das Familienleben immer so in den Schmutz gezogen. Und das ist doch das beste, was wir Deutsche haben." Der Satz steht exponiert im Stück, ist sorgsam in Szene gesetzt, aber im BE, wo man zwischen den Zeilen zu lesen weiß, trifft er darüber hinaus auf wohlbestellten Boden. Beifall rauscht, ab jetzt ist das Publikum hellwach. Gleich danach der Bräutigam: "Trinkt, und sitzt nicht so steif da" - erneuter Szenenapplaus. Plötzlich lässt sich das Stück entschlüsseln, und zwar so: Wir können Normen setzen und uns zu Werten bekennen, doch aus dem, zu was wir gewachsen sind, unserer gemeinsam geteilten Kultur, können wir so wenig heraus wie aus unserer Haut. Dafür brauchen wir einen Spiegel, den uns die Dichter vorhalten, der uns im Glücksfall etwas zeigt.

Was im Grunde doch bekannt ist, verfolgte man hier atemlos in seiner neuen Symbolkraft: Der Mann schlägt seine Frau, der Vater trauert, weil er die Gesellschaft nicht durch Langeweile anständig zu halten vermag. Die Tür klemmt, woran der Schrank zerbricht. Die Gesellschaft bröckelt, die Hochzeitsnacht droht, das Bett geht aus dem Leim, die Wände zu Bruch. Das alles reihte sich nun auf zu einer großen Parabel deutscher Festkultur. Am Ende hängt mit dem Haussegen die ganze Bude schief, und die Letzten versinken im Sperrholzloch: deutsche Hoch-Zeit, heulend Elend, ein Stück vorgezeigte Alltagskultur.

Und was wäre aus der Inszenierung geworden ohne das deutende Publikum? Die Frage ist müßig. "Jetzt ist das Theaterstück aus, und der Ernst beginnt", heißt es tapfer am Ende des Stücks. Der Ernst hieß an diesem Abend zunächst einmal: langanhaltender, befreiender Beifall. Neben dem glücklichen Tiedemann galt er den Schauspielern, den Heroen aus der Werkstatt und dem großen Dramaturgen Hermann Beil.

Und natürlich auch den Hilfsdramaturgen dieses Theaterabends: den derzeitigen Leitwölfen unseres Kulturbetriebs.

Mit dem Freitag durchs Jahr!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Wissen, wie sich die Welt verändert. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden