Geistiger Selbstmord? - Die linke Tragödie

Linkes Denken. Anfang Dezember diskutierte der SDS in Köln auch über Marx. Über ihn hinaus gehen wollte aber keiner.
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„Karl Marx ist kein Klassiker, der verstaubt.“ Diesen Satz spricht Dr. Michael Heinrich ganz zu Anfang in seinem Seminar zum Thema "Marx und Ökonomie". Ich bin auf dem Kölner Kongress "Kapitalismus vs. Demokratie". Es ist Freitag, der 30. November 2012, später Nachmittag. Eingeladen zu dem Kongress hat der Sozialistische Deutsche Studentenbund (Die Linke.SDS). Warum Marx ein Klassiker ist, begründet Heinrich vorerst nicht. Und verschweigt auch, dass er zunächst einmal Mathematiker und dann erst Politikwissenschaftler ist. Stattdessen sagt er seinen Satz gleich nochmal, mit einem scharfen Blick durch die runde Brille in den Zuschauerraum hinein, damit ihn auch jeder versteht.

Neben Heinrich sitzt ein junger Mann, den ich schon vor drei Jahren auf dem Kongress „Make Capitalism History“ in Berlin gesehen habe. Er wirkt schüchtern und sagt leise, dass jeder Redebeitrag nur drei Minuten dauern dürfe. Ansonsten müsse er die Redner unterbrechen. Michael Heinrich erklärt unterdessen mit fester Stimme, Marx sei wieder sehr aktuell. Man dürfe nicht den Fehler machen, Marx im Bücherschrank verstauben zu lassen, nur weil er seine Bücher vor 150 Jahren geschrieben habe.

Und dann beginnt Heinrich einen Parforceritt durch Marx' "Kapital". Spricht von Werten, Tausch, Gebrauchswert und Mehrwert, der Profitrate und dem Fetisch der Ware, dem ausgebeuteten Arbeiter, der Klassengesellschaft, der bürgerlich-falschen Nationalökonomie und vielem mehr. Um damit zu schließen, dass man den Kapitalismus wohl abschaffen müsse. Schließlich liege das Verderben im Kapital selber, es liege im "kapitalistischen System".

Karl Marx ist auch Philosoph und Linkshegelianer

Ich stelle Heinrich drei Fragen, deren Antworten mich später verblüffen. Erstens frage ich ihn, warum er gleich mit dem "Kapital" einsteigt und nicht mit Hegel oder Adam Smith, auf denen aufbauend Marx seine Theorie entwickelt. Zweitens will ich wissen, ob es nicht gefährlich sei, die "bürgerliche Nationalökonomie" zum falschen Dogma zu erklären und Marx dem gegenüberzustellen und dabei vielleicht ähnlich dogmatisch zu werden. Schließlich will ich noch wissen, was denn nach Abschaffung des Kapitalismus geschehe. Diese Frage zu beantworten sei doch viel wichtiger als lediglich etwas zu negieren.

Bei der Frage nach der Dogmatik schaut mich Heinrich skeptisch an und bei der Frage nach dem Ende des Kapitalismus beginnt er zu lachen. Ich schiebe nach, dass diese Frage zu ernst sei, um über sie zu lachen. Weitere Fragen werden gestellt, Michael Heinrich sammelt erstmal, und beginnt dann en bloc zu antworten.

Die Frage, was nach dem Ende des Kapitalismus passiere, sei natürlich sehr wichtig, so Heinrich. Aber er habe da auch kein Patentrezept. Schon gar nicht während der Kapitalismus laufe, also jetzt hier und heute. Genossenschaften seien es eher nicht, die Soziale Marktwirtschaft auch eher nicht. Dass er Marx zum Dogma erhebe, könne er nicht erkennen. Marx' Analyse der bürgerlichen Ökonomie sei einfach so gut, dass sie niemals die Qualität der bürgerlichen Nationalökonomie erreiche.

Das Ende des Kapitalismus ist die Wut

Bei der Frage nach Hegel und Smith geschieht etwas ganz Merkwürdiges. Nicht mit Michael Heinrich, sondern im Zuschauerraum. Der Mathematiker Heinrich erklärt, er habe Hegel deswegen ausgelassen, weil die Zeit begrenzt sei und er nicht alles sagen könne. Auch im Kaufhaus müsse er sich zwischen zwei Krawatten entscheiden - entweder Hegel oder Marx. Ich rufe dazwischen, man könne die Krawatten doch vielleicht zusammenbinden.

Kaum hatte ich das gesagt, steht in der ersten Reihe ein älterer schlanker Herr mit langen Haaren auf, dreht sich zornig zu mir um und schreit mich an, was mir denn einfiele, hier zum Selbstmord aufzurufen. Viele Seminarteilnehmer müssen ihn wieder beruhigen und erklären, das habe er falsch verstanden. Aufgestaute Wut liegt in der Luft.

Ich bin am Ende einfach nur noch genervt. Und wenn ich den Wikipedia-Artikel zu Michael Heinrich lese, bin ich damit nicht allein. Auch seine marxistischen Kollegen kritisieren seine einseitige Lesart von Marx. Heinrichs Interpretation der monetären Werttheorie, der Krisentheorie und des Verblendungszusammenhangs sei eher nicht innovativ, so gleich mehrere Professoren für marxistische Theorie über den Promovenden. Kritik übt auch Wolfgang Fritz Haug ("Kritik der Warenästhetik").

Welche Klassiker lesen eigentlich Marxisten?

Ich hatte mich schon gewundert, warum Michael Heinrich sich zu Anfang des Seminars leicht überschwänglich dafür bedankte, eingeladen worden zu sein. Natürlich ist Marx "kein Klassiker der verstaubt". Aber dieser Satz von Michael Heinrich ist in sich nicht schlüssig und verrät im Zweifel mehr über Heinrich selber als über Karl Marx. Denn Klassiker verstauben nicht.

Klassiker der politischen Theorie wie Aristoteles, Machiavelli, Kant, Hannah Arendt und viele mehr zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie nicht verstauben, weil der Bibliotheksbesitzer sie immer mal wieder zur Hand nimmt. In ihnen stehen bekanntlich Dinge, die zeitlos und in ihrer Analyse gut sind. Wenn man Michael Heinrich zuhört, kann man den Eindruck kriegen, dass bei einigen Marxisten die Klassiker gleich reihenweise im Regal verstauben, angefangen bei Hegel und Adam Smith.

Hegel ist kein Ökonom, das stimmt. Aber Adam Smith ist einer, und zwar nicht irgendwer. Von ihm stammt die berühmte Metapher der "unsichtbaren Hand des Marktes" und Smith war auch der Meinung, dass der Egoismus der einzelnen am Ende auf dem Markt das Gute für alle hervorbringe.

Aber die Apologie, das Immer-wieder-Durchkauen von Karl Marx erzeugt nichts Neues, denn Marx lebt ja nicht mehr. Nur aus dem Denken eines Autors heraus etwas Neues zu schaffen, wenn man die Güte des Denkens dieses Autors gleichzeitig anhand von ihm selber bemisst und beurteilt, ist schier unmöglich.

Und erzeugt eine ganz fatale Sprachlosigkeit gegenüber der als "bürgerlich-falsch" deklarierten, aktuellen Volkswirtschaftslehre. Deren Analyse der Wirklichkeit mag ja tatsächlich falsch sein, aber sie nur mit Marxschem Vokabular von vor über 100 Jahren zu kontern, bringt nichts. Weil die modernen Nationalökonomen das nicht mehr verstehen.

Es herrscht Sprachlosigkeit - vielleicht auf beiden Seiten

Und es stimmt schlichtweg nicht, dass es keine "bürgerlichen" Volkswirtschaftler gäbe, die Marx erwähnten. Oder die sogenannte Cambridge-Kontroverse aus Scham aussparten. Sie beschäftigen sich mit beidem, und nicht nur in Fußnoten. Nur sie sitzen nicht dem Missverständnis auf, Marx als gesellschaftlichen Propheten zu lesen sondern betrachten seine ökonomische Theorie eher nüchtern.

Dass es mit Marx' gesellschaftlicher Prophetie, die sich nur wissenschaftlich tarnte, nicht weit her ist, haben die zum Teil fürchterlichen Experimente des "real existierenden Sozialismus" in den letzten 90 Jahren ja gezeigt. Und dass es von Marx und seinen Nachfolgern keine Vorschläge für ein Nach-dem-Kapitalismus gebe, stimmt ja auch nicht. Angekommen ist dort freilich bisher noch niemand, weder Stalin, Mao oder Honecker.

Marx' reine ökonomische Theorie ist im Kern auch gar nicht so weit von der klassischen Theorie eines Adam Smith und David Ricardo entfernt, sie benutzt sogar teilweise dasselbe Vokabular. Die drei grundlegenden Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital hat Marx eindeutig aus der klassischen Theorie übernommen.

Die allgemeine Sprachlosigkeit und Dogmatisierung auf beiden Seiten ist schade. Sie ist sehr schade. Es ist bedauerlich, dass sie auf dem Kölner Kongress dort stattfindet, wo alles anfing: bei Karl Marx. Die Organisatoren des Kongresses müssen sich fragen lassen, warum sie keine diskussionsfreudigeren Referenten zu Marx einladen.

Es gab auf dem Kongress auch ganz andere Referenten, beispielsweise den Münchner Politikwissenschaftler Dr. Michael Seyferth. Der hielt ein Seminar zum Thema „Utopie, Anarchismus und Science Fiction“. Vor drei Jahren hielt Seyferth in Hamburg einen Vortrag mit dem Titel „Vorüberlegungen zu einer fantastischen Politikwissenschaft“. Das ist die Richtung, in die sich auch die Linke insgesamt bewegen sollte.

Denn die große Tragödie der Linken in der aktuellen Situation ist - wie Ida Schillen, Mitglied im Bundesvorstand der Partei „Die Linke“, treffend bemerkte - dass sie einen riesigen Fundus an Theorien hat, aber nur wenig Rezepte für die Praxis. Schillen referierte in Köln zum Thema „Die Eigentumsfrage stellen!“ Sie stellte dabei das Buch „Die Verfassung der Allmende“ der Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom vor.

Mitmenschlichkeit und Liebe - dahin sollte es gehen

Ostrom gehört theoretisch zu der sogenannten Neuen Institutionenökonomik. Die Vertreter dieser Schule lieferten gleich mehrere Ansätze, mit denen man das Menschenbild des Homo Oeconomicus ergänzen kann. Aber Ostroms „Tragik der Allmende“ besteht eben auch darin, dass sich sogenannte Gemeingüter, wie Wasser und Luft, also so etwas wie Umwelt im allgemeinen Sinne, nur schwer in die klassische Theorie der Ökonomie integrieren lassen. Weil sie dem rationalen Spiel von Angebot und Nachfrage entzogen sind.

Ich meine, dass es mal Zeit wird, den berühmt-berüchtigten Homo Oeconomicus grundsätzlich zu hinterfragen. Meinetwegen im Sinne des französischen Philosophen Michel Foucault, der darauf hinwies, dass dieses Menschenbild die Grundlage des allseits in Ungnade gefallenen Neoliberalismus sei. Menschen sind ja keineswegs nur rational, sie haben auch Gefühle. Die Triebkräfte des Homo Oeconomicus sind nicht zu unterschätzen. Aber dieser Satz ist ironisch gemeint, denn eigentlich dürfte es die ja gar nicht geben. Der Neoliberalismus jedenfalls überlebt. Das ist „seltsam“, wie der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch kürzlich anmerkte.

Letztendlich gilt es für die Linke, die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu überwinden. Das geht aber nur, wenn sie sich wieder auf so etwas wie Mitmenschlichkeit oder gar Liebe besinnt, wie eine Teilnehmerin in Schillens Seminar anmerkte. Dass von solchen Dingen bei Marx kaum etwas zu lesen ist, das weiß jeder, der Marx wirklich gelesen hat. Es gilt also, das verstaubte Vokabular von Marx abzuschütteln und gleichzeitig seine Theorie zu modernisieren. Dann könnten Linke, die natürlich auch Marx lesen dürfen und sollen, in dieser Gesellschaft unversehens wieder ganz viel zu sagen haben.

LITERATUR: Karl Marx, Die Frühschriften. Stuttgart 1964; Robert Tucker, Karl Marx. Die Entwicklung seines Denkens von der Philosophie zum Mythos, München 1963; Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München/Zürich 2003; Michael Heine und Hansjörg Herr, Volkswirtschaftslehre. München/Wien 2003
KINO: aktuell "Hannah Arendt", der Film von Margarethe von Trotta

09:05 14.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ulrich Kötter

Student und Nebenjobber, Studium in Greifswald und Köln, Themen: Politische Philosophie, Anthropologie, Sozialismus
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Ulrich Kötter

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