1976: Deutliche Ansage

Zeitgeschichte Vor 40 Jahren las Dagmar Berghoff zum ersten Mal die Meldungen für die „Tagesschau“, was eine Revolution zu sein schien
Ulrike Baureithel | Ausgabe 22/2016 2

Erinnern Sie sich noch an die Atari-Epoche? An die Zeit Mitte der 80er Jahre, als sich noch keine digitalen Riesen herausgebildet hatten und niemand hätte voraussehen können, dass die Welt einmal zwischen der Windows- und Apple-Hemisphäre aufgeteilt werden würde? Das war auch die Zeit der ersten Spielkonsolen. Damals kursierte eine Kassette, die einen in die Geheimnisse des Programmierens einführte: „Atari – Programmieren leicht gemacht“ hieß ein Basic-Einführungskurs aus dem Jahre 1983. Gesprochen wurde er von der unverwechselbaren, Seriosität verbürgenden Altstimme Dagmar Berghoffs.

Sie war eine Botschafterin aus der Männerwelt. Und sie machte ihr eine klare Ansage: Yes, we can. Vor genau 50 Jahren drang die 1943 in Berlin geborene Berghoff in eine Domäne ein, die sich (noch) fest in männlicher Hand befand, die Tagesschau. Am 16. Juni 1976 las sie zum ersten Mal die Nachmittagsnachrichten vom Blatt. Eine Revolution im Ersten Deutschen Fernsehen.

Denn Politik galt als „unweiblich“, Nachrichten seien, so erinnert sich der ehemalige Chef vom Dienst, Georg Röschert, in einem Interview an die damalige Einstellung seiner Kollegen, „ein ernstes Geschäft, das Männer machen müssen“. Ein entsprechender Vorstoß des Chefredakteurs Hartwig von Mouillard, der schon 1971 Ann Ladiges auf den Nachrichtenstuhl hatte hieven wollen, war am Widerstand der männlichen Sprecher, insbesondere des Frontmanns Karl-Heinz Köpcke, und am Ende an den Intendanten gescheitert. Sie waren der Auffassung, dass Frauen bestenfalls als Fernsehansagerinnen taugten, wie die Kommunikationswissenschaftlerin Maria Kufeld beschrieben hat.

Dabei war die ARD ohnehin schon hoffnungslos ins Hintertreffen geraten. Denn mit Wibke Bruhns hatte ihr das ZDF fünf Jahre früher die Show gestohlen. Die Journalistin wurde, eher aus Zufall, weil sie gerade in Wiesbaden war und an einer feuchtfröhlichen Männerbierrunde teilgenommen hatte, zur ersten Nachrichtensprecherin im westdeutschen Fernsehen gekürt. Auch hier handelten die leitenden Männer unter medialem Konkurrenzdruck, denn die Initiative Mouillards hatte sich in Hamburg herumgesprochen und die ZDF-Oberen waren der Meinung, „das können wir schneller“. „Du machst das, oder?“, soll Hans Joachim Friedrich zu Bruhns gesagt haben. Sie machte und trug am 12. Mai 1971 um 22 Uhr 15 erstmals die ZDF-Spätnachrichten ins Land.

Wären die öffentlich-rechtlichen Medien-Zare nicht so selbstherrlich und ignorant gewesen, hätten sie sich den Wettlauf ohnehin sparen können. Denn der weibliche Igel war jenseits der deutschen Demarkationslinie schon am Ziel. Er hieß Anne-Rose Neumann und wurde den Zuschauerinnen der Aktuellen Kamera am 8. März 1963 sozusagen als Geschenk anlässlich des Internationalen Frauentags übergeben. Neumann war damit die erste Nachrichtensprecherin Europas überhaupt.

17 Bewerberinnen hatte die Tänzerin und Kabarettistin ausgestochen. „Das Fernsehen war etwas Neues und man suchte Talente“, erinnert sie sich. Vorbereitet war man im Studio aber überhaupt nicht auf sie: „Niemand hatte eine Vorstellung über die Ausstattung einer Nachrichtensprecherin, niemand hatte mit mir gerechnet.“

Ob in Ost oder West: In allen Fällen wurde der Ersteinsatz der Nachrichtensprecherinnen als Überraschungscoup inszeniert. Während die mediale DDR-Öffentlichkeit – soweit man in der Frühzeit des Fernsehens überhaupt davon reden kann – das weibliche Gesicht auf dem Bildschirm jedoch als selbstverständliche Folge der allgemeinen und von der Staatsführung gelenkten Emanzipationsbestrebungen akzeptierte, sah sich die Nachrichtenfrau beim ZDF in eine Schlammschlacht verwickelt: „Empört haben sich überwiegend Frauen“, erzählt Bruhns in ihrem Buch Nachrichtenzeit. „Es kreischte in wütenden Briefen, ich solle mich gefälligst um Mann und Kinder kümmern.“ Gelästert wurde über ihre Frisur und dass sie es wagte, mit einer Brille im Fernsehen aufzutreten. Sie hatte mit sexistischen Anzüglichkeiten zu kämpfen und fantasievoll gestalteten Kot-Paketen, die ihr männliche Zuschauer in die Redaktion schickten.

Auch die Einführung Dagmar Berghoffs in die ARD verlief konspirativ. Ihre Bestellung zur Nachrichtensprecherin wurde als Geheimsache gehandelt und die eingeweihten Journalisten wurden zu strengster Verschwiegenheit verpflichtet. Nach mehreren fehlgeschlagenen Probeaufnahmen mit Bewerberinnen tauchte Karl-Heinz-Köpcke Mitte April 1976 mit ihr im Schlepptau im Studio auf. Berghoff muss unmittelbar überzeugt haben, denn nach nur drei Testläufen durfte sie die Nachrichten um 16 Uhr 15 lesen und kurz darauf auch die um 20 Uhr. Das hatte bisher kein männlicher Kollege geschafft.

„Bei der ersten Sendung“, erzählt Dagmar Berghoff, „kam sogar der Sprecher Werner Veigel, für den Fall, dass ich umkippte oder mir die Sprache wegbliebe vor Schreck.“ Es ist aber nichts passiert, die souveräne Berghoff, von Beruf Schauspielerin und bereits versierte Fernsehansagerin beim damaligen Südwestfunk, versprach sich nicht einmal. Lebhaft erinnert sie sich aber an die erste Pressekonferenz mit dem „Fräulein Berghoff“. Das war noch immer eine Sensation.

Sie wollte gut sein, und sie orientierte sich, wie übrigens auch Anne-Rose Neumann, die es Klaus Feldmann, Hans-Dieter Lange und „selbst dem Köpcke von der ARD“ nachmachen wollte, durchaus an den männlichen Kollegen. Der Druck war groß, sie wollte unbedingt beweisen, dass dieser angebliche Männerberuf auch etwas für Frauen sei und sie „nicht gleich in Tränen ausbrechen, wenn sie etwas über Krieg oder Katastrophen“ berichten müssen. Mit ihrem für die Zeit recht verwegenen Kleidungsstil – wilde Farbkombinationen, breite Schultern – brachte sie jedenfalls Abwechslung in die düstere TV-Anzugträgerwelt.

Die Debatte, inwieweit Frauen in den Medien die Öffentlichkeit beeinflussen, indem sie eine andere Sicht auf die Welt haben und deshalb einen eigenen journalistischen Stil entwickeln, war in den 70er Jahren, als die ersten westdeutschen Sprecherinnen reüssierten, noch kaum losgegangen. Zunächst stand im Vordergrund, die Zuschauer an weibliche Sprecherinnen zu gewöhnen und deren Kompetenz zu beweisen, jede Nachricht seriös „rüberzubringen“. Berghoff selbst kann aber immer noch keinen Unterschied erkennen, ob nun ein Mann oder eine Frau die Nachrichten spricht: „Kriege werden dadurch nicht menschlicher, Wahlkämpfe nicht fairer.“

Dem Schicksal vieler weiblicher Aushängeschilder auf dem Bildschirm, die irgendwann nicht mehr als „frisch genug“ gelten, um vor die Kamera zu treten, ist Dagmar Berghoff zuvorgekommen, indem sie nach 23 Tagesschau-Jahren ausgeschieden ist. „Ich hätte weitermachen dürfen, habe mir dieses Datum jedoch gewünscht“, sagt sie. So las sie die allerletzte Tagesschau vor der Jahrtausendwende.

Ihre Kollegin Wibke Bruhns sagte nach der Wahlkampagne für Willy Brandt 1972, in der sie sehr engagiert war, dem Nachrichtenstuhl vorerst einmal Adieu. Der Job langweilte sie: „Anderer Leute Texte vorzulesen ohne eigene Interpretation war mein Ding nicht.“ Später wechselte sie zum WDR, aber ihre Zeit mit Dagmar Berghoff als Nachrichtenkollegin war von kurzer Dauer. Auch Anne-Rose Neumann würde heute keine Nachrichtensprecherin mehr sein wollen. Und der Einstieg bedeutete nicht unbedingt Aufstieg. Gerade einmal zwei Prozent aller öffentlich-rechtlichen Chefredakteursposten sind von Frauen besetzt.

Doch die Frontmänner und -frauen der Nachrichtensendungen sind mehr als früher Reklameköpfe ihrer Anstalten. Auf dem Nachrichtenbildschirm etwas zurückgedrängt zugunsten von Bildern und Filmberichten, wandern sie in die Unterhaltungsteile des Fernsehens ein, als Talker oder Teilnehmer von Rateshows. Zu Köpckes Zeiten undenkbar. Aber im U-Segment des Fernsehens waren Frauen von jeher gut gelitten.

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06:00 15.06.2016
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 43/2020

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