1976: Männerfreie Zone

Zeitgeschichte Das erste Frauenhaus in Westberlin wird als Kampfansage an die patriarchale Gesellschaft eröffnet. Aber erst allmählich wird sich der Staat seiner Bringschuld bewusst

Mitte Oktober 1976 schreibt die Courage, der Staat gebe 40 Millionen Mark für den Bau eines Frauengefängnisses aus. Wenn es jedoch um die Freiheit und Autonomie von Frauen gehe und um einen Zufluchtsort vor gewalttätigen Männern, knausere er. Die gerade neu entstandene autonome Frauenzeitung, die sich als erklärte Konkurrenz zu Alice Schwarzers Emma versteht, geht hart ins Gericht mit dem Westberliner Senat und der Bundesregierung, die sich nach zwei Jahren Kampf endlich bereitfinden, 450.000 Mark für ein Frauenhaus bereitzustellen.

Die neue Einrichtung, kritisiert die Courage weiter, werde außerdem unangemessen kontrolliert durch einen Trägerkreis von Frauen „aus dem öffentlichen Lebens“, die weder im Frauenhaus mitarbeiten noch die Ideen der Bewegung mittragen würden. Um den Willen der großen Mehrheit der Westberliner Frauen zu illustrieren, druckt das Blatt das Foto von einem völlig überfüllten Informationsmeeting an der TU Berlin ab, dazu einen offenen Brief an die Familiensenatorin, in dem die Forderung der Frauen – eine Million Mark – gegen die immensen Folgekosten von häuslicher Gewalt aufgerechnet wird.

40 Jahre später liest sich dieser Beitrag wie eine Vorrede zu späteren Debatten und Kontroversen in der Frauenhausbewegung, die mit der Gründung des legendären ersten Frauenhauses in Westberlin einen beachtlichen institutionellen Erfolg feierte. Mit seiner Eröffnung am 1. November 1976 ließ sich auch in Deutschland nicht mehr aufhalten, was in anderen europäischen Ländern – zunächst im Londoner Stadtteil Chiswick – schon in die Praxis umgesetzt war: sichere Domizile zu schaffen, in die sich Frauen mit ihren Kindern vor Übergriffen ihrer Ehemänner oder Partner flüchten konnten.

Matrix der patriarchalen Gesellschaft

Vorangegangen war eine in den USA ausgelöste Kampagne zum Thema Gewalt gegen Frauen. Die amerikanische Aktivistin Susan Brownmiller hatte mit ihrem 1975 veröffentlichten Buch Against Our Will (Gegen unseren Willen) eine Saite angeschlagen, die in den diversen Selbsterfahrungsgruppen schon länger vibrierte. Statt Übergriffe gegenüber Frauen als individuelles Problem defizitärer Männer – und sie provozierender Frauen, so das Vorurteil – zu betrachten, hob Brownmiller die strukturelle Seite männlicher Gewalt hervor: Jeder Mann sei ein potenzieller Gewalttäter, lautete die damals kursierende provokante Formel. Sexuelle Gewalt und Misshandlung seien kein Akt fehlgeleiteter Leidenschaft, sondern ein Machtinstrument, um Frauen einzuschüchtern und zu kontrollieren. Männer folgten – so die Schlussfolgerung – also nicht naturgegebenen, unkontrollierbaren Trieben, sondern einer Matrix der patriarchalen Gesellschaft, in der die Frauen „in permanenter Angst“ gehalten würden.

Damit verbunden war, so die Erkenntnis vieler Frauen, die verbissene Leugnung dessen, was sich tagtäglich hinter den Wohnungstüren abspielte. Schrei leise, sonst hören es die Nachbarn, lautete der Titel eines Buches von Erin Pizzey, der deutlich machte, dass Gewalt in den eigenen vier Wänden nicht nach draußen getragen werden durfte. Scham und Schande wogen schwerer als die physischen und psychischen Verletzungen. Vielfach zwang auch die materielle Abhängigkeit viele Frauen, lieber ihr Martyrium zu ertragen, als ihre Peiniger anzuzeigen. „Die Angst“, hieß es 1977 in einem von der Courage abgedruckten Flugblatt, das auf den Tod einer misshandelten und vergewaltigten Frau reagierte, „ist unser schlimmster Feind. Sie ist es, die uns schwach macht und lähmt.“

Erklärtes Ziel der Frauenhausinitiativen war es also, die betroffenen Frauen zu stärken und zu ermutigen, das Schweigekartell zu brechen. Die Frauenhäuser sollten nicht nur ein Ort des Austauschs sein, sondern ebenso politische „Widerstandsnester“. So wurden sie auch von der Politik und etablierten Trägern wahrgenommen. Das setzte freilich voraus, dass die Barriere zwischen den Mitarbeiterinnen und den Bewohnerinnen eines Frauenhauses eingerissen werden musste.

„Staatsknete-Debatte“

Autonomie bedeutete damals, dass alle gleichberechtigt teilhaben sollten, jede für alles qualifiziert erschien und es keine „Sprecherinnen“ geben sollte, weshalb auch der Westberliner Trägerkreis zunächst misstrauisch beäugt wurde. Dieses Selbstverwaltungs- und Selbstermächtigungsprogramm war mit Überforderungen verbunden, die in der Projektelandschaft der frühen 80er Jahre generell ihre Spuren hinterließen, im Fall der Frauenhäuser aber besonders gravierend waren. In einem zwölf Jahre später erschienenen Aufsatz resümiert die Soziologin Carol Hagemann-White, die maßgeblich an der Gründung des ersten Frauenhauses beteiligt war: Die Belastungen und Kosten dieser Arbeit seien nur zu bewältigen, wenn die Mitarbeiterinnen „auf Abstand“ gehen und sich nicht dauernd mit den Opfern identifizieren. Das allerdings widersprach dem Selbstverständnis, als Teil einer feministischen Befreiungsbewegung agieren zu wollen.

Eine exponierte Rolle spielten die Frauenhäuser auch bei den Debatten um das Verhältnis zu Männern und zum Staat. Aus nachvollziehbaren Gründen sollte das Frauenhaus ein allein weiblicher Ort sein, zu dem Männer keinen Zutritt hatten. Das war nur möglich, wenn die Häuser autonom blieben, also nicht in den Zugriff von Wohlfahrtsverbänden als Trägern gerieten. Dadurch wiederum beraubten sich die Initiativen der Möglichkeit, an öffentliche Gelder heranzukommen. Wenig überraschend tobte die „Staatsknete-Debatte“ besonders im von der Bundesrepublik alimentierten Westberlin, wo es einfacher war, an Projektmittel zu kommen. Während viele in dieser Zeit entstandene autonome Selbsthilfegruppen Staatsgelder ablehnten und ihre Vorhaben ehrenamtlich betrieben, pochten die Westberliner Frauenhausaktivistinnen darauf, dass für die Verletzungen, die das Patriarchat den Frauen zufügt, gefälligst der Staat aufzukommen habe. Was dann im Rahmen des dreijährigen Modellprojekts auch der Fall war. Notruf- oder Frauenhausinitiativen in der westdeutschen Provinz konnten davon nur träumen. Oft dauerte es zehn Jahre und mehr, bis die Länder zumindest einen Teil der Kosten übernahmen. Im autonomen Frauenhaus Lübeck beispielsweise mussten sich noch 1993 sieben Personen ein 24 Quadratmeter großes Zimmer teilen.

Bis heute werden die autonomen Frauenhäuser – je nach Finanzlage der Länder – pauschal nach der Anzahl der Plätze und nicht, wie immer wieder verlangt, bundeseinheitlich nach der Anzahl der tatsächlich dort lebenden Frauen finanziert. Die Einrichtungen beklagen Überbelegungen, weil es gerade jetzt unter den Flüchtlingen viele gewaltbetroffene Frauen gibt, die häufig wegen fehlender Kapazitäten abgewiesen werden. Im Vorjahr fragten in Berlin 556 Frauen mit 759 Kindern erfolglos einen Frauenhausplatz nach. Für die Flüchtlingsfrauen kommt aufgrund ihres unsicheren Status finanziell niemand auf.

Die Wirkung der durch die Frauenhausbewegung angestoßenen Debatten lassen sich am ehesten auf juristischer Ebene nachvollziehen. Auch wenn es Jahrzehnte gedauert hat: Inzwischen gibt es ein Gewaltschutzgesetz, durch das Frauen nicht mehr gezwungen sind, die Wohnung zu verlassen. Stattdessen müssen die Täter weichen. Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar, Polizei und Justiz gehen zudem mit gewalterfahrenen Frauen etwas sensibler um als vor 40 Jahren.

Doch erleben noch immer 40 Prozent aller Frauen in ihrem Leben sexuelle oder körperliche Übergriffe, ein Viertel wird von Ehemännern oder Partnern – vorzugsweise in Trennungs- und Scheidungssituationen – misshandelt. 42 Prozent sind psychischer Gewalt – Einschüchterungen, Drohungen oder Psychoterror – ausgesetzt. Daran konnte die Frauenhausbewegung nicht viel ändern. Sie hat aber wesentlich dazu beigetragen, dass die Ausmaße repressiver Verhaltensweisen sichtbar geworden sind und nicht mehr selbstverständlich toleriert werden.

06:00 16.11.2016
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel
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