2010: Familiengeheimnis

Zeitgeschichte Am katholischen Canisius-Kolleg wurden vor fünf Jahren Fälle von sexualisierter Gewalt an Schülern bekannt. Die Kirche tut sich bis heute schwer mit der Aufklärung
Ulrike Baureithel | Ausgabe 05/2015 4

Familiengeheimnisse werden bewahrt und von der nächsten Generation aufgenommen, totgeschwiegen oder wie unerledigte Aufträge vor sich hergetragen. Manchmal geschieht es, dass einer das Geheimnis nicht im Schrein des Vergessens liegen lässt, sondern es enthüllt. Den Familien gilt er oft als Verräter. Und doch ist es wie eine Befreiung, wenn der Schleier gelüftet wird.

Als Pater Mertes, damals Leiter des katholischen Canisius-Kollegs in Berlin-Tiergarten, Ende Januar 2010 einen solchen Schleier hebt, dürfte ihm nicht vollends bewusst gewesen sein, was er damit auslösen würde. Doch trieb ihn die Verantwortung. Und die Scham. Die Verantwortung für die ehemaligen Schüler seiner Einrichtung, lange bevor er dieser vorstand – die Scham darüber, was geschehen ist und so lange verschwiegen wurde. „Mit Erschütterung und Scham“, schrieb er den 600 inzwischen erwachsen gewordenen Schützlingen in einem Brief, habe er vor den „nicht nur vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffen Kenntnis genommen“. Damals wusste er nur von sieben Fällen. Das ganze Ausmaß enthüllte sich ihm erst später.

„Übergriffe“, schrieb er und meinte sexuellen Missbrauch von katholischen Padres an ihren Schutzbefohlenen. Ein Begriff, der umstritten ist, weil sich Menschen gemeinhin zwar gegenseitig brauchen, aber nicht gebrauchen sollten. Worum es geht, ist sexualisierte Gewalt. Und das galt in der katholischen Kirche bis dahin als Tabu. Nicht nur, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte; nicht nur weil wieder einmal der Zölibat auf dem Spiel stand und das ohnehin lädierte Image der Institution – sondern weil sich die katholische Kirche mit Sexualität generell schwertut. „Die Kirche“, gab Mertes damals zu Protokoll, „hat ein Angstproblem.“ Eines davon ist Homosexualität.

Seit 1925 gab es die von Jesuiten gegründete Privatschule in Berlin, von den Nazis 1940 geschlossen, später im geteilten Berlin katholisches Bollwerk gegen den dominierenden Protestantismus und den Kommunismus gleichermaßen. Man zieht eine Elite heran, auf der Grundlage der katholischen Soziallehre. Und zumindest die Lehrer wissen, was sie der Einrichtung schulden: Loyalität. Korpsgeist. Verschwiegenheit. Diesen Pakt hat Pater Mertes gebrochen.

Knapp vier Jahre nach Mertes’ Offenbarungen wird einer der beiden Haupttäter vom Kirchengericht des Erzbistums Berlin verurteilt. 4.000 Euro soll der 72-jährige ehemalige Jesuitenpater zahlen. Nicht für die schätzungsweise 100 Missbrauchsfälle, die sich am Berliner Kolleg zugetragen haben sollen, sondern für einen einzigen Fall, der sich 1981 in Hildesheim ereignete, als der Pater Berlin schon verlassen hatte, nachdem Gerüchte über ihn aufgekommen waren. Alle übrigen Delikte waren nach damaligem Recht verjährt. Die Verhandlung im November 2013 fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ein Kirchengericht ist mit einem weltlichen nicht zu vergleichen, denn die Kirche ist noch immer Staat im Staate. Auch darauf wurde die Öffentlichkeit im Zuge des Missbrauchsskandals gestoßen.

Der Stein, den Mertes vor fünf Jahren ins Rollen brachte, lupfte nicht nur katholische Soutanen und erlaubte einen kurzen Blick in die Abgründe religiös motivierter sexueller Selbstkasteiung, sondern planierte auch eine andere bis dahin sakrosankt geglaubte Institution. Als das Schweigen erst einmal gebrochen war und immer mehr der inzwischen erwachsenen Missbrauchsopfer sich zu Wort meldeten, gerieten auch die explizit gegen alles Repressive angetretene Reformpädagogik und ihre Vorzeigeeinrichtung, die Odenwald-Schule samt ihrem langjährigen Leiter, Gerold Becker, in den Strudel.

Dass von „pädagogischem Eros“ angetriebene Lehrer und Betreuer jahrzehntelang die Grenzen des Statthaften weit überschritten hatten und Schüler deren Zugriff wehrlos ausgesetzt waren, rückte die gesamte pädagogisch gestimmte Aufklärungsbewegung an die Abschusskante. Zumal von konservativer Seite damit gleich das gesamte libertäre Achtundsechziger-Projekt und seine bis heute prominent agierenden Akteure – von Daniel Cohn-Bendit bis Jürgen Trittin – erledigt werden konnten. Um die Opfer ging es dabei am allerwenigsten. Der „pädophile Faschismus“, der einigen grünen Protagonisten im Wahlkampf 2013 angehängt wurde, gehört zum Unappetitlichsten, was die politische Kultur in den zurückliegenden Jahrzehnten hervorgebracht hat. In der aufgeheizten Atmosphäre verhallten alle nachdenklicheren Stimmen, die zum Beispiel darauf verwiesen, dass sich pädophile Männer durchaus auch von Kindern fernhalten können und dass sexualisierte Gewalt zumeist in den Familien und im sozialen Nahbereich passiert. Und dass Täter häufig völlig unauffällige heterosexuelle Männer und – selten – Frauen sind.

Immerhin zeitigte der mit den Enthüllungen am Canisius-Kolleg aufgerollte Skandal einige nachhaltige Folgen. Nach einem ersten versuchten Wegducken ging die katholische Kirche in die Offensive und versprach rückhaltlose Aufklärung. Die Politik reagierte mit dem Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ im März 2010 ausnahmsweise schnell. Er sollte Betroffenen als Anlaufstelle dienen, dazu Vorschläge für materielle und immaterielle Hilfen ausarbeiten sowie Empfehlungen zum Schutz vor Kindesmissbrauch geben. Die ihm vorsitzende SPD-Politikerin Christine Bergmann führte dieses Forum durch die stürmischen ersten anderthalb Jahre, denn das Verfahren war umstritten, weil sich die Opfer nicht genügend eingebunden und ernst genommen fühlten. Sie kritisierten, dass Vertreter der Täter-Institutionen in den Stand von Aufklärern erhoben wurden.

Dass Letztere sich mit der Aufklärung extrem schwertaten, zeigt das Beispiel Katholische Kirche. Sie hatte mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann zwar einen willigen Beauftragten installiert, der am dortigen Bistum bereits Ende März 2010 eine Hotline unterhielt, bei der sich Betroffene anonym melden konnten – doch kam die Kirche nicht aus den Negativschlagzeilen. 2013 wurde der mit der Untersuchung des Missbrauchsskandals im Bereich der katholischen Kirche beauftragte Kriminologe Christian Pfeiffer von seiner Aufgabe entbunden, nachdem es Dissens über die Veröffentlichungspraxis der Ergebnisse gab. Pfeiffer fühlte sich zensiert. Der Mannheimer Psychologe Harald Dreßing, der den Auftrag übernahm, kündigte kürzlich vorauseilend an, dass eine „qualitative repräsentative Studie“ auch 2017, wenn die Untersuchung abgeschlossen sein soll, nicht zu erwarten sei.

Auf der politischen Ebene wurden die von den Opfern ohnehin nicht als weitgehend genug empfundenen Empfehlungen des Runden Tisches zunächst einmal verschleppt. Erst der Fall des SPD-Politikers Sebastian Edathy und die juristische Auseinandersetzung um Kinderpornografie hat ihre Forderung nach einer verlängerten Verjährungsfrist wieder auf die Agenda des Justizministeriums gesetzt. Je nach Schwere der Tat liegt diese seit Juli 2013 zwischen fünf und 30 Jahren und beginnt erst mit dem 21. Lebensjahr des Opfers. Hätte diese Regelung schon in den siebziger Jahren gegolten, könnten viele Betroffene heute noch gegen ihre Peiniger strafrechtlich vorgehen.

Aber um Vergeltung geht es den meisten Opfern ohnehin nicht. Eher um Genugtuung und therapeutische wie finanzielle Hilfen, die aus einem Entschädigungstopf kommen sollen, zu dem die meisten Bundesländer bisher absolut nichts beitragen wollen. Das ärgert den heutigen Missbrauchsbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig, der es inzwischen immerhin durchgesetzt hat, dass diese Woche im Bundestag wieder einmal über die Aufarbeitung des Missbrauchsgeschehens debattiert wird. Im Hinblick auf notwendige Präventionsmaßnahmen – das hat sich in den vergangenen fünf Jahren gezeigt – sind die eigentlichen Experten die Opfer selbst. Sie wissen wohl am besten, warum das „Familiengeheimnis“ so lange bewahrt wird.

06:00 04.02.2015
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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