„Das holt uns schon bald ein“

Pflege Gudrun Gille sieht große Potenziale im Pflegeberuf. Doch dazu müsste die Branche aus ihrem Notstand befreit werden

Ginge es nach sportlichen Regeln, müsste Angela Merkel schon längst das Feld räumen. Über 50.000 gelbe Karten wurden ihr Ende November ins Kanzleramt geschickt und mit einem symbolischen Warnpfiff durch die Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), Gudrun Gille, bekräftigt: „Es reicht. Wir fordern und erwarten, dass die Bundesregierung die Probleme anpackt und für Verbesserungen sorgt.“

Dass es in der Politik nicht zugeht wie im Sport, weiß natürlich auch die Pflegewissenschaftlerin, die seit 1998 ihrem Verband vorsteht: „Die Gelbe-Karte-Kampagne war aber richtig, um auf den Pflegenotstand hinzuweisen“. Pünktlich zum Abschluss der Aktion hatten das Statistische Bundesamt alarmierende Zahlen zur künftigen Pflegebedürftigkeit vorgestellt. Mit steigender Lebenserwartung wächst auch das Risiko, dement und von fremder Hilfe abhängig zu werden. „Es geht nicht um die Situation in 20 oder 30 Jahren, wenn wir vielleicht über Zauberpillen gegen Demenz verfügen, das holt uns in den nächsten Jahren ein“, sagt Gille. Einholen wird uns auch der hausgemachte Notstand: 2025 werden mindestens 12.000 Vollzeitstellen in der Pflege fehlen.

Die 62-Jährige blickt auf eine lange Erfahrung in der Pflege zurück: „Ich habe mich aus Idealismus und Überzeugung für diesen Beruf entschieden, ich wollte mit Menschen arbeiten, mich interessierten aber auch die fachlichen Zusammenhänge.“ Rosig waren die Zeiten für Pflegekräfte schon damals nicht. Gille wurde in einem Evangelischen Krankenhaus ausgebildet, als Pflegeschülerin war sie von Anfang an in die Arbeitsabläufe eingebunden. „Wir wurden ziemlich heran genommen, mussten früh in die Krankenzimmer gehen, beim Essen helfen und bei der Körperpflege. Die Arbeitszeiten waren damals generell viel länger, Freizeit stand hinten an. Man blieb so lange wie man gebraucht wurde.“

Zerstörerische Atmosphäre

Im Unterschied zur heutigen Situation sei der Zeitdruck allerdings viel geringer gewesen, und wer in die Pflege ging, war angesehen. Viele junge Leute, die heute den Beruf ergreifen, sind dagegen frustriert. Geklagt wird über das geringe Image, von der schlechten Bezahlung ganz abgesehen. Auszubildende fühlen sich alleine gelassen, weil die ausgebildeten Kräfte zu wenig Zeit haben, sie anzuleiten. Die miserablen Arbeitsbedingungen haben Folgen: „Früher gab es auf den Stationen einen starken Zusammenhalt, das Zugehörigkeitsgefühl war größer“, so die Beobachtung Gilles. „Die Atmosphäre in den Teams ist heute vielfach zerstörerisch.“

Um mehr junge Leute für die Pflege zu interessieren, müsste sich, so Gille, der Ausbildungsalltag ändern. „Ich habe als Lehrende kürzlich noch in einer Krankenpflegeschule erlebt, dass Freitagnachmittags das Telefon ging und eine Klinik zwei Schülerinnen zum Wochenenddienst holte, weil sonst alles zusammengebrochen wäre. Die Schülerinnen hätten eigentlich frei gehabt und sollten den Unterricht nacharbeiten, gingen dann aber natürlich zum Dienst.“

Und der kürzlich eingeführte Mindestlohn für die Pflege? Der, so Gille, schütze höchstens Pflegehilfskräfte und die Beschäftigten in den ostdeutschen Ländern vor der schlimmsten Ausbeutung. Immerhin arbeiten derzeit 15 Prozent aller Pflegekräfte unter dem gesetzlichen Limit. „Für die Arbeit am Menschen“, so Gille, „will niemand bezahlen.“

Form des Kolonialismus

Mittlerweile hat sich auch im Ausland herum gesprochen, dass sich in Skandinavien oder in der Schweiz mehr verdienen lässt und die Arbeitsbedingungen besser sind. Qualifizierte Pflegekräfte mit Sprachkenntnissen aus den Nachbarländern werden das Problem nicht lösen. Aber auch von der Anwerbung von Arbeitskräften aus Südostasien hält Gille wenig: „In diesen Ländern herrscht wie bei uns Mangel an Pflegekräften. Die westlichen Wohlstandsländer erwarten, dass die Leute dort alles zurücklassen, um hier unsere alten und kranken Leute zu versorgen. Das ist eine Form des Kolonialismus“.

Für das vergleichsweise schlechte Ansehen der Pflege macht Gille die Politik mitverantwortlich. Noch immer erregt sie sich darüber, dass Gesundheitsminister Rösler bei der Eröffnung des Hauptstadtkongresses Gesundheit 2010 in seiner Rede die größte Gruppe im Gesundheitssystem einfach vergaß. Wenig hilfreich sei auch die Kanzlerin, wenn sie vorschlage, man könne Hartz-IV-Empfänger in der Pflege einsetzen: „Da werden Eltern ihren heranwachsenden Kindern kaum raten, einen Pflegeberuf zu ergreifen“, ärgert sich Gille.

Auffällig ist, dass dem Pflegenotstand die verstärkte Akademisierung der Pflege gegenübersteht. Auch Gille hat sich im Jahr 2000 für ein Studium der Pflegewissenschaft entschieden. „Ich war schon in den achtziger Jahren von Qualitätssicherung fasziniert. In dieser Zeit wurde die Pflege ausgebaut, es gab Personalbedarfspläne, und wir haben viel von unseren holländischen Kolleginnen gelernt.“ Durch die Ökonomisierung des Gesundheitssystems glaube man heute, auf Pflegekräfte verzichten zu können.

Typisch weiblich?

Trotz Gilles Begeisterung für ihre Profession, die Persönlichkeitsentwicklung und fachliche Entfaltungsmöglichkeiten glücklich verbinde, haben sich die beiden Söhne für einen Ingenieursberuf entschieden, während zwei Nichten in der Pflege arbeiten. Typisch weiblich? Die „dienende“ Rolle ist ein entscheidender Faktor dafür, dass der Berufsstand so wenig wahrgenommen wird; ein anderer der mangelnde politische Einfluss: „Wir werden uns künftig wie die Ärzte in einer Kammer organisieren müssen, damit wir an den Entscheidungen beteiligt werden“, sagt Gille. Erste organisatorische Ansätze dafür gibt es in Niedersachsen und Bayern.

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Ihre Freitag-Redaktion

11:00 19.12.2010
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 39/2020

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