„Eine ambivalente Entwicklung“

Im Gespräch Die Soziolgin Christa Wichterich über Frauen­arbeit und Ideen der Alphamädchen, den Kapitalismus zu modernisieren

Der Freitag: Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt dabei, die Männer einzuholen. Können nun die Sektkorken knallen?

Christa Wichterich: Nein. Denn dass mehr Frauen berufs­tätig sind, bedeutet keineswegs auch Existenzsicherung oder gar Aufstieg. Tatsächlich hat die Globalisierung der Märkte in den letzten 30 Jahren zu mehr Beschäftigung von Frauen geführt, doch die Zahlen sagen nichts darüber, was das konkret heißt. Überwiegend arbeiten Frauen nämlich in flexiblen, schlecht bezahlten und prekären Beschäftigungsverhältnissen. Gleich­zeitig sinken die Reallöhne in den männlich dominierten Sektoren und die tariflich geschützten Arbeitsplätze nehmen ab. Die beschriebene Integration geht also damit einher, dass Männer ihre traditionelle Versorgerrolle gar nicht mehr ausfüllen können. Ich nenne das paradoxe Integration.

Mitten in die Weltwirtschaftkrise hieß es: Im Gegensatz zur Zeit nach 1929, wo Frauen zuerst ihre Arbeitsplätze verloren haben, sind heute vorwiegend Männer von Kündigungen betroffen. Warum ist das so?

Die Krise hat, und das gilt für alle Industrieländer, durch die sinkende Nachfrage zu allererst die Exportsektoren ergriffen, und das betrifft vor allem männliche Arbeitsplätze. Deshalb wurden zunächst Männer entlassen und in Kurzarbeit geschickt, während die Frauen, die in den Dienstleistungssektoren und in überwiegend flexibilisierten Verhältnissen tätig sind, vorerst verschont blieben. Dasselbe kann man übrigens in allen Rezessionen der Nachkriegszeit beobachten: Mehr Männer verloren ihre Jobs, während die Bedeutung der Frauen als Versorgerinnen stieg. Die Männerarbeit wird abgewertet, während Frauen mehrere prekäre Minijobs annehmen, ohne allerdings mehr zu verdienen.

Die Arbeitswelt hat sich auch qualitativ feminisiert. Waren es weniger die Emanzipations­anstrengungen als vielmehr ­objektiven Entwicklungn, die die Teilhabe von Frauen auf dem Arbeitsmarkt begünstigt haben?

Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen. Frauen im Westen drängen seit Jahrzehnten in die Erwerbsarbeit und haben die realen Möglichkeiten als Emanzipationschance für sich genutzt. Gleichzeitig verkünden Global Player wie die Weltbank oder das Weltwirtschaftsforum das Credo, dass Länder, die wettbewerbsfähig sein wollen, ihre weibliche Bevölkerung besser in den Arbeitsmarkt integrieren müssen. Diese Entwicklung ging einher mit der Flexibilisierung der Beschäftigungsformen, die der subjektiven Situation der Frauen entgegenkommt, aber auch mit Niedrig­löhnen und Prekarisierung. Die Ziele der Frauen, Selbstbestimmung und autonome Existenzsicherung, fügten sich nahtlos in die Interessen der Märkte nach Eigenverantwortung und Flexibilität. Es handelt sich also um eine neoliberale Gleichstellung unter den privatisierten und deregulierten Bedingungen der Märkte.

In Politik, Medien und Hochschulen sind die Frauen inzwischen eine Selbstverständlichkeit geworden. Doch wenn sie überhaupt in die höheren Leitungsebenen der Wirtschaft gelangen, verdienen sie rund ein Drittel weniger als Männer. Woran liegt das?

Das ist zu allererst eine Machtfrage. Der Kernbereich des Kapitalismus hat sich von der Produktion auf den Finanzmarkt verschoben. Und der ist tatsächlich sehr männerbündisch organisiert und ­bildet prototypisch die geschlechts­spezifische Arbeitsteilung in der Erwerbsarbeit ab. Ein Großteil der Beschäftigten in den personennahen Dienstleistungen der Banken und Versicherungen sind zwar teilzeitbeschäftigte und unterbezahlte Frauen. Aber an den Spitzen der Finanzmärkte ­sitzen Männer, die dort ihre männlichen Zockereigenschaften kultivieren, wie die Krise gezeigt hat. Die Frauen dringen in diese Segmente nicht vor, weil sie diese Fähigkeiten entweder nicht ­beherrschen oder nicht in gleicher Weise bereit sind, sie anzuwenden. Zusätzlich neigen Frauen dazu, sich im Arbeitsleben zu ­unterschätzen. Entscheidend aber ist, dass sie nicht reingelassen werden.

Aber vielleicht hätte es mit „soften“ Lehman-Sisters die Krise gar nicht gegeben ...

Nein, das glaube ich nicht. Das unterschätzt die Funktions­zwänge auf den Finanzmärkten und in den transnationalen Wertschöpfungsketten. Außerdem treten die Alpha-Mädchen, die es mit den Männern auf­nehmen wollen, ja damit an, durch ihr verantwortungs­volleres Management das System ­weniger krisenanfällig und damit funktions­fähiger zu ­machen.

Die Leiterin eines Pflegedienstes berichtete mir kürzlich, sie beschäftige nur Frauen, wolle aber auch Männer einstellen. Das sei schwierig, weil sie nur wenig bezahlen könne. An diesen Arbeitsmarktrealitäten scheint sich nichts zu ändern.

Die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung setzt sich in ungleicher Bewertung und Bezahlung fort. Gerade in der Pflege erlebt man häufig, dass der einzige Mann in einer Abteilung, die Leitung innehat, während Frauen die harte Pflegearbeit verrichten, davon viele mit Migrationshintergrund. Die wenigen Männer, die ich in der Pflegearbeit sehe, sind ebenfalls Migranten. Sie haben nur Zugang zu geringbewerteten Arbeitsmarktsegmenten, darunter auch typisch „weibliche Arbeit“. Selbst in China, wo die Führung in der Mao-Zeit dezidiert Gleichstellung in der Arbeit anstrebte, setzen sich auf den neuen Märkten wundersamer Weise die alten geschlechtshierarchischen Muster durch: frauen- und männer­typische Berufe und entsprechende Marktsegmente, höchst sexualisierte Geschlechterrollen, eine wachsende Lohnkluft ­zwischen Männern und Frauen, im Rahmen zunehmender ­sozialer Ungleichheit, mehr ­informelle Arbeit.

Andererseits werden nun Tätigkeiten sichtbar, die in der privaten Sphäre des Haushalts verrichtet wurden und eher noch zunehmen, je mehr ­An­forderungen an die Kinder­- er­ziehung und die Pflege alter Menschen gestellt werden. Ist das nicht auch eine Chance?

Das ist eine höchst ambivalente Entwicklung. Ein Teil der Haus­arbeit verlagert sich auf den Arbeitsmarkt. Die Mittelschichten mit entsprechenden Ressourcen stellen dafür überwiegend Migrantinnen ein, die unter prekären Bedingungen arbeiten. In diesen neuen globalen Sorgeketten wandern Frauen aus ärmeren Ländern in die reicheren ein und übernehmen dort Haus- und Betreuungsarbeiten. Statt dass sich Frauen und ­Männer die Hausarbeit teilen, wie von der Frauenbewegung einmal angestrebt, bildet sich zwischen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Herkunftsländern eine neue Arbeitsteilung heraus. Die Globalisierung macht’s möglich. Auf dem Pflegemarkt wiederum sind es private Pflegedienste, aber auch die Wohlfahrtsorganisationen mit Subunternehmen, die Frauen zu niedrigsten ­Löhnen stundenweise beschäftigen. Das heißt insgesamt, die Markt­gesetze, nämlich effizient zu sein und Gewinn zu machen, greifen auf die Sorgearbeit über.

Das heißt, es wiederholt sich in gewisser Weise auf dem Markt, was sich vorher im Haushalt nach der Ära der Dienstmädchen abgespielt hat?

Ja, aber nun bestimmt der Markt das Geschehen und strukturiert die Formen der Arbeit. Das höhlt aber nicht etwa das System von unten aus, sondern es werden einfach nur mehr Arbeitsbereiche integriert und die Übergänge fließender gestaltet. Wichtig ist, dass es in den globalen Sorge­ketten immer mehr Frauen gibt, die diese Entwicklung sehen und thematisieren. Auf dem Höhepunkt der Krise haben hierzu­lande beispielsweise die Erzieherinnen gestreikt. Hinter diesem Arbeitskampf stand implizit die Frage, warum die Regierung zwar Banken und Automobilindustrie rettet, die Arbeit mit Kindern aber nichts wert sein soll. In Hongkong wiederum haben sich Migrantinnen, die als Hausan­gestellte arbeiten, organisiert. Sie wollen nicht nur als vollwer­tige Arbeiterinnen bezahlt und anerkannt werden, sondern auch als Bürgerinnen, die unabhängig von ihrem Arbeitsort soziale Rechte haben. Solche Kämpfe können ins öffentliche Bewusstsein bringen, dass wir an der Verteilung und an der Bewertung von Arbeit grundsätzlich was ändern müssen.

22:05 23.02.2010
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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