3. Generation Deutschland

Gedenken 70 Jahre nach dem Ende des Krieges benutzen die Deutschen die Perspektive der Enkel, um sich zu erinnern. Das soll Entlastung schaffen
3. Generation Deutschland
Die Banalisierung der Geschichte greift immer mehr um sich. Nicht dass Opa geschossen hat, sondern die unkonfortablen Umstände dabei werden zum Thema gemacht.
Foto: Imago

Eigentlich glaubte man den „Dialog der Schwerhörigen“ in Europa überwunden. Jenes Missverständnisse provozierende Gespräch von Nationalgeschichte zu Nationalgeschichte, das Marc Bloch mit Blick auf den Ersten Weltkrieg angetan sah, das „aufgeschlossene Publikum“ zu unterhalten. Doch von einer Transnationalisierung der Erinnerung, wie sie der französische Historiker sich wünschte, kann auch fast 70 Jahre nach dessen Ermordung keine Rede sein. Das zeigt sich wieder einmal an der gerade aufgeflammten Empörung der Polen über unsere Gedenkkultur.

Auslöser ist das dreiteilige TV-Drama Unsere Mütter, unsere Väter, in dem sich die östlichen Nachbarn in Form ihrer gegen Hitler kämpfenden Heimatarmee AK undifferenziert als Antisemiten verzerrt gespiegelt sehen. Ein „völlig falsches Bild“, glaubt der polnische Botschafter Jerzy Margánski, sei Millionen deutschen Fernsehzuschauern vorgeführt worden. Jenseits der Oder regt man sich nun über „Geschichtsverzerrung“ und „Ignoranz“ auf. Und Robert Traba vom polnischen Zentrum für Historische Forschung in Berlin sieht in dem Geschichtsschinken schlicht die Erwartungen des hiesigen Massenpublikums erfüllt.

Ein anderer archimedischer Punkt

Aber welche Erwartungen knüpfen „die Deutschen“ sieben Jahrzehnte nach Kriegsende an eine Geschichtsdeutung, die nicht die Opfer und insbesondere die millionenfach ermordeten Juden, – wie Ende der siebziger Jahre in der amerikanischen TV-Serie Holocaust –, zum archimedischen Punkt nimmt, sondern die einfachen Kriegsakteure? Also junge Deutsche, die sich wie der Schriftsteller Dieter Wellershoff „in den Krieg geworfen“ sahen und als Zeitzeugen, wie sein Generationsgenosse Günter Grass einmal schrieb, „eine aussterbende Minderheit“ sind: zu jung, um in der Nazi-Zeit noch Funktionsträger gewesen zu sein, und inzwischen so alt, dass ihre Erzählungen keine existenziellen Nachteile mehr zeitigen.

Man habe, behaupten die Filmemacher von Unsere Mütter, unsere Väter, die Generationen ins Gespräch bringen wollen. Ein Gespräch, das sich die unmittelbare Nachkriegsgeneration möglichst vom Leibe hielt; die Achtundsechziger in ihrer explodierenden Wut nur als Familiendrama mit spektakulärem Showdown zu inszenieren vermochten und deren jüngere Geschwister in den einmal gefurchten ideologischen Schneisen hielt. Nach all diesen mehr oder minder tragischen Versuchen nun also befriedete Erinnerungsfelder, auf denen zwischen den demnächst dahinscheidenden Zeitzeugen und den Enkeln oder gar Urenkeln ein „Gemeinsamkeitsglaube“, wie Max Weber gesagt hat, aufblüht?

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Wenn man sich vor Augen hält, dass für viele aus dieser jungen Generation bereits der Mauerfall historisch ist, kann man ermessen, wie weit entrückt ihnen der Zweite Weltkrieg und die Zumutungen, die er für die Großelterngeneration brachte, sein muss. Mit nach außen hin verinnerlichten Erinnerungsgeboten an den Holocaust aufgewachsen, aber auch mit Eltern, für die die Abgrenzung zum Zivilisationsbruch zur Identität gehört, haben sie schwächere Bindungen zur Tätergeneration. Für sie steht das Gedenken an die Verbrechen des Krieges viel weniger im Zeichen jenes Bruchs.

Kampf um die Deutungshoheit

Deshalb benötigt es wahrscheinlich eine emotional unterfütterte „Anschlussfähigkeit“, ein quasi hermeneutisch sich näherndes Verstehen, um das sich auch das Filmteam um Nico Hofmann und seinen Regisseur Philipp Kadelbach bemüht haben – mit fatalen Folgen. Einmal davon abgesehen, dass ein Kriegstrauma nach 70 Jahren nicht einfach nachträglich am Familientisch zu bearbeiten ist, wie Wolfgang Michal schrieb, werden die Enkel dabei zum Brückenkopf im Kampf um historische Deutungshoheit gemacht.

Nach den Vergewaltigten und den Vertriebenen nun auch die gegen ihren Willen in die Schlacht geworfenen jungen Landser, die unverstellt ihr Leid reklamieren dürfen, das anzuerkennen die Nachgeborenen schon moralisch verpflichtet sind. Nicht dass Opa geschossen haben könnte, sondern die unkomfortablen Umstände des Schießens werden nun zum Thema solcher Banalisierungen. Nicht dass auch in seinem Namen Millionen Menschen gemordet wurden, sondern dass es vielleicht auch einmal dessen Freund traf.

Historische Verdrängung ist nicht nur Tätern eigen, die Abwehrhaltung durch ein traumatisierend wirkendes Massenschicksal kennen auch die Opfer, die sich untereinander den Deutungsanspruch streitig machten. Die von der 68er-Generation offiziell verordnete deutsche Gedenkkultur schließt inkorrekte Positionen einfach aus. Das gilt übrigens auch für die patriotischen Polen, die nicht wahrhaben wollen, dass ihre Heimatarmee nicht über jeden Zweifel erhaben ist – selbst wenn das Filmbild von ihr extrem einseitig daherkommt.

Das Problem ist weniger, dass die letzten Zeitzeugen „inkorrekte“ Erinnerungen in den Strom einspeisen, sondern dass diese in den Dienst einer „Renationalisierung“ von Geschichtsdeutung gestellt werden. Vieles deutet darauf hin, dass der universale Bezugspunkt, den der Holocaust darstellt, allmählich abgelöst wird. Aber was kommt danach?

„Jede Generation“, zitiert die Kulturforscherin Aleida Assmann den Sozialphilosophen George Herbert Mead, „schreibt ihre Geschichte neu. Und ihre Geschichte ist die einzige, die sie von der Welt hat.“

13:00 05.04.2013
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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