Ali, das Arbeitstier

Undercover Vor 25 Jahren erschien Günter Wallraffs Report „Ganz unten“ – es war ein türkischer Underdog, der die Republik aufrüttelte. Die Verlage reagierten zunächst verhalten

Equal Pay heißt derzeit das Zauberwort für die Zeitarbeitsbranche in der nordwestdeutschen Stahlbranche. Seitdem die Betriebe dazu übergehen, ganze Teilbelegschaften auszulagern, und Leiharbeit zum Normalfall geworden ist, dringen die Gewerkschaften verstärkt auf Gleichstellungsregelungen. Vor 30 Jahren, als sich die modernen Sklavenhändler in Westdeutschland etablierten, war das noch anders: Der unversiegbar scheinende „Material“-strom aus der Türkei ließ Leiharbeitsfirmen ein Arbeitskräftepotenzial rekrutieren, das die westdeutsche Gesellschaft buchstäblich von ihrem Dreck befreite.

1983 begann der Schriftsteller Günter Wallraff, sich als Türke „Ali“ in dieses Subsystem des deutschen Arbeitsmarktes einzuschleichen, ausgerechnet dort, wo er fast 15 Jahre zuvor schon einmal „under cover“ tätig war, bei Thyssen Duisburg. Seine Industriereportagen aus den sechziger und siebziger Jahren waren für uns aufmüpfige Jugendliche, die sich in Schülerzeitungen versuchten und in linken Zirkeln, und – wie das heute heißt – „irgendwie gerne mal was mit Medien“ machen wollten, eine Offenbarung: Die richtige Mischung aus Abenteuer, narzisstischem Kitzel und hybridem Politauftrag.

Selbst gestrickter „Türkensprech“

Als Wallraff 1985 seine Erfahrungen als Türke in seinem Report Ganz unten veröffentlichte, schien die Methode allerdings schon etwas ausgereizt, schließlich hatte man ihn da schon ins großstädtische Obdachlosenmilieu oder als „Hans Esser“ in die Schmierfabrik des Springer-Konzerns begleitet. Der Verlag reagierte zunächst zurückhaltend, das Thema Ausländer galt als „abgegessen“. Wallraff konnte das nicht beirren – er präparierte sich mit dunklen Augenlinsen und einem Haarknoten und begann seine Odyssee als türkischer Underdog, der sich – in Ermangelung von Sprachkenntnissen – mit einer griechischen Kindheit in Piräus ausstattete. Dort saß der Autor einmal unter der griechischen Junta im Knast. Später hat sich Wallraff oft gewundert, dass ihm der selbst gestrickte „Türkensprech“ abgenommen wurde.

Sein Überlebenstraining als „Ali Levent“, dessen namentlich etwas abgekürzte Identität er seinem türkische Bekannten verdankte, begann er als Baustellen-Hilfskraft, wo er im Auftrag einer Leiharbeitsfirma für einen Hungerlohn Schutt wegräumte. Ursprünglich ging es Wallraff darum, Ausländerfeindlichkeit in der Gesellschaft anzuprangern, weshalb er sich beim Aschermittwoch der CSU einschlich oder bei der katholischen Kirche um eine Taufe bemühte. Doch diese ersten Passagen von Ganz unten lesen sich eher satirisch; wirklich mitreißend, das hat schon die zeitgenössische Kritik vermerkt, sind seine Erlebnisse aus dem Inneren der Duisburger Arbeitshölle, die an Grubenberichte aus dem frühindustriellen England erinnern.

Als Leiharbeiter verdingt sich „Ali“ bei einem Subleihunternehmer, der seine Arbeitskräfte über eine weitere Station an Thyssen vermittelt. Während die Malocher mit Hungerlöhnen abgespeist werden, die sie oft nicht einmal ausbezahlt bekommen, stecken sich die Verleiher den Löwenanteil in die Tasche, an Sozialversicherung und Steuer vorbei. Doppel- und Dreifachschichten bei Wind und Wetter, ohne angemessene Schutzkleidung und unter unsäglichen Arbeitsbedingungen sind die Regel. Wie „Arbeitstiere“ und „Wegwerfmenschen“ werden sie an der hochgefährlichen Oxygen-Anlage eingesetzt, reinigen Industrieanlagen unter Erstickungsgefahr, räumen Giftdreck weg, ohne dass sich Thyssen um Schutzvorschriften und Arbeitszeiten kümmern muss. Um der Lebenssituation seiner türkischen Kollegen möglichst nahe zu kommen, vegetiert „Ali“ in einer Bruchbude, gleich neben der Fabrikstadt, in die er ohnehin nur zum Schlafen kommt. Nie – sagt Wallraff später – sei die Identifikation mit einer Rolle so intensiv gewesen wie mit „Ali“.

Die Reaktion auf die Enthüllungen war sensationell und von keinem der Beteiligten vorausgesehen: Innerhalb von zwei Monaten verkaufte sich das Buch über eine Million Mal, ein Jahr nach Erscheinen lag die Auflage bei 2,4 Millionen und war damit der größte Bucherfolg der Nachkriegsgeschichte. „Alis“ Schicksal rüttelte die Öffentlichkeit auf, Waschkörbe voll Leserpost erreichten den Verlag. Die im Buch vorgelegten Angaben lieferten der Staatsanwaltschaft die Grundlage für eigene Ermittlungen: Allein in Nordrhein-Westfalen wurden 27 Leiharbeitsfirmen überprüft und teilweise verklagt.

Auch die Gegenseite ging in die Offensive. Zuerst zog ein Bauunternehmer gegen Wallraff vor Gericht, dann McDonalds, die Klagen versandeten oder wurden zurückgezogen. Die WAZ überzog den Autor mit einer Verleumdungsklage und tat es ohne Erfolg. Das größte Medienaufsehen erregte der Prozess mit Thyssen 1986, wobei nur die sprudelnden Honorare es dem Autor und seinem Verlag überhaupt ermöglichten, sich auf die Konflikte mit dem Stahlgiganten einzulassen. Thyssen ging dabei weitgehend als Verlierer vom Feld und zahlte ohne weitere Intervention ein Bußgeld von 1,2 Millionen Mark.

Der Mann ohne Identität

Indes bewirkte Wallraff eine unglaubliche Enthüllungsbewegung im ganzen Land: Von überall her kamen Meldungen und Erfahrungsberichte, betroffene Reaktionen und Solidaritätserklärungen. Der Schmuddelarbeiter Wallraff, der noch vor 15 Jahren wegen seiner Täuschungsmethoden kritisiert worden war, konnte den journalistischen Olymp auch jenseits der Landesgrenzen besteigen, vom Times-Magazin bis über den Bosporus, wo sein Buch zum größten Erfolg in der türkischen Verlagsgeschichte wurde. Selbst dass die ARD den 1986 noch auf der Berlinale vorgestellten gleichnamigen Film von Jörg Gförer auf Initiative des Bayrischen Rundfunks wegen „Unausgewogenheit“ cancelte oder die SPD einen – folgenlosen – Antrag zur Leiharbeit im Bundestag stellte, gehören in diese Aufmerksamkeitsgeschichte.

Nachlesen lassen sich diese Wirkungen in dem 1988 neu aufgelegten Band, in dem viele zeitgenössische Dokumente gesammelt und kommentiert sind. Da war die Zeit schon etwas über den Plagiat-Vorwurf gegen Günter Wallraff hinweggegangen und auch der Streit zwischen dem Autor und seinen unterstützenden und Stichwort gebenden türkischen Kollegen war abgekühlt. Die dazu gehörige Schlammschlacht war im Spiegel ausgetragen worden, und es ging dabei offenbar auch um Ansprüche an den millionenschweren Honorarpfründen.

Auf die Probleme, die die lebenslange Camouflage, das wechselnde Rollenspiel, mit sich bringt, hat Wallraff – der Mann „ohne eigene Identität“ – selbst gelegentlich hingewiesen. Er halte sich für einen schlechten Schauspieler, sagte er, und es gehört wohl zur Paradoxie des „Wallraff-Komplexes“, dass er in einer Verkleidung, die ihm eigentlich schlecht passte, bei seinen Lesern besonders authentisch rüberkam. Vielleicht auch deshalb, weil er in diesem Fall alle literarischen Ambitionen der früheren Reportagen fahren ließ und der Report zusammengestückelt wirkt wie ein Zufallsprodukt von der Werkbank. Das hat vor allem die Rezeption in breiten Leserschichten befördert, die von der von Wallraff unterstützten „Literatur der Arbeitswelt“ früherer Jahre nie erreicht wurden.

Vielfach ist dem Autor vorgeworfen worden, dass sich sein Rollenjournalismus verselbständige und zur Eigenreklame verkomme. Die Grenzen seiner Methode, die ins Schwedische als wallraffa eingegangen ist, wurde noch einmal sinnfällig, als er sich vor zwei Jahren als Schwarzer kostümiert „ins Landesinnere“ verirrte und sich von Betroffenen vorhalten lassen musste, er verhalte sich paternalistisch – sie empfänden seinen Hautwechsel als degradierend. Zugespitzt wiederholte sich, was schon in den Undercover-Reportagen angelegt war: Es ist die Rollenwahl, die Wallraff von den Malochern trennt, die ihrem Schicksal nicht entkommen können, egal, wie viel der „Agent“ am Ende auch enthüllen mag.

Ganz unten Günter Wallraff Mit einer Dokumentation der Folgen. Kiepenheuer & Witsch 1988/2008

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11:30 26.10.2010

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